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Wiesbaden. Donnerstag, 7. August 1853

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Lamartine über Napoleon.

O Lamartine hat den Instinkt des Genies; hätte er zugleich die Energie des Charakters, er wäre der größte Mann der Gegenwart und Europa, das republi- kauisirte Europa, dankte ihm seine Befreiung. Seine Geschichte der Girondisten war eine That, welche der Februarrevolution vorweg den Stempel aufdrückte. Jetzt hat er die Geschichte der Restauration begonnen, um Frankreich von der bonapartistischen Illusion zu kuriren, wie er es im Jahre 1847 von der Illusion des Bür­gerkönigthums heilte. Damals wischte er diè Furcht hinweg, welche der jetzigen Generation vor den Schreck­nissen der erstell Revolution auhaftete; jetzt zerpflückt er den Ruhmeskranz, der dem Namen Napoleon in den Augen der Franzosen noch anhaftet und der die kolos­sale Dummheit möglich machte, daß der Abenteurer von Boulogne als vermeintlicher Erretter des Vater­landes auf den Schild gehoben wurde. Louis Napo­leon und die Legitimisten, die sich ihm gestern verbün­deten und sich heute schon des Schrittes zu schämen anfangen, werden die Wirkungen dieses Buches bald fühlen. Doch nicht blos für Frankreich, auch für Deutschland ist diese Geschiche geschrieben, für alle jene, die da wähnen, mit dem Säbel lasse sich ein modernes Staatsgebäude gründen und befestigen. In Napoleons Bilde zeigt Lamartine allen Militärdiktatoren, daß auch das glänzendste Blutvergießungstalent nicht ausreicht, um einen Thron festzukitten.

Schon brachten wir einen Auszug; wir halten es für nützlich, die Charakteristik Lamartines ganz mit- zutheilen, da ihr Erscheinen zu den Ereignissen des Tages gehört.

Die Geschichte", sagt Lamartine,ist nicht allein ein Drama, sondern auch ein Gericht. Die Despoten und bis Eroberer würden der Wahrheit gegenüber all­zusehr im Vortheile sein, wollte man sie, wie Napoleon bisher immer beurtheilt worden ist, lediglich nach dem Wikerhalle ihres Namens und dem Glanze ihres Ruh­mes beurtheilen. Es giebt Schmeichler des Ruhmes wie es Schmeichler der Macht giebt, weil der Ruhm auch eine Macht ist, und weil man, indem man sich in den Strahlenkreis eines großen Namens stellt, an seinem Nimbus Theil zu haben und die Welt durch die Autorität eines Vorurtheils niederzudrücken wähnt. Aber diese Macht des Ruhmes ist eine schlechte Macht, und man muß den Muth haben, ihr in gerechtem Maße Widerstand zu leisten. damit die Nachwelt nicht vor ihr sich beuge wie bas Jahrhundert sich vor ipr gebeugt hat, damit die Sittlichkeit nicht ebenso entmu- thigt werde wie die Unabhängigkeit, und damit der Tugend nicht mindestens ihr protestirender Zeuge fehle.

Napoleon ist kein Mann Plutarchs, sondern ein Mann Macchiavels. Seine Triebfeder war weder Sitt­lichkeit noch Patriotismus, sondern Gewalt- und Ruhm- sucht. Unterstützt durch Umstände wie sie niemals

einen Sterblichen, selbst Cäsar nicht begünstigten, und durch ein seinem Werke entsprechendes Genie der Macht, setzte er sich das Ziel, um jeden Preis die Welt zu besitzen, nicht sie zu verbessern oder zu veredeln Dieser einzige sichtbare Zweck aller seiner Lebenshandlungen verkleinert ihn in den Augen der wahren Politik. Gott hat keinem Menschen gesagt: Du sollst dich selbst zu deinem eigenen Zwecke machen, du sollst als Mittel­punkt der menschlichen Dinge dich hinstcllen, und die Welt zu deinem Vortheil benutzen! Im Gegentheil, er hat gesagt: Du sollst, so weit es an dir liegt, das Werkzeug, der Diener der Welt sein; du sollst dich im Dienste deines Volkes opfern; du sollst groß sein, nicht in Pir selbst, kleines, vergängliches Wesen, sondern in dem Volke, in dem ewigen Wesen, dem du gedient hast, und in dem Menschengeifte den deine Werke besser mnd größer gemacht haben! Das ist der Typus, das ist die wahre Größe!

Napoleons Gedanke war der entgegengesetzte. Sein Lebensplan ist der Widerpart deö göttlichen Planes. Steht man fest auf dieser gediegenen Wahrheit, so darf man es wagen das zu verurteilen was bisher immer nur gefeiert worden ist. Man ist sicher nicht zu irren. Man fühlt in sich die Unbeugfamkeit, nicht des Ver­standes, sondern der Sittlichkeit, und man läßt sich nicht irre machen. Von diesem Standpunkte aus mes­sen wir Napoleon's Größe oder Kleinheit. Mit zwei Worten, wir fragen: kamen seine Inspirationen aus der Menschenliebe oder aus der Selbstsucht, von oben oder von unten, von Gott oder von ihm selber? Diese Fragen richten wir an sein Gedächtniß, nicht um dasselbe zu verunglimpfen, sondern damit dasselbe nicht die Zukunft irrer leite.

Er wird in Corfika geboren. Dies Eiland, da­mals entnationalisirt, erstrebt seine Unabhängigkeit. Er erklärt sich gegen Paoli, den Bvsrâr seiner Wiege; er sucht sich ein Vaterland: er wählt das aufgeregteste, Frankreich. Mit einem frühreifen Scharfsinn des In­stinkts ahnt er, daß die großen Chancen des Glücks da zu finden sind, wo die großen Bewegungen der Dinge und der Ideen sich zeigen. Die französische Revolution siedete: er stürtzt sich hinein; das Jacobi- nerthum regierte sie: er übertreibt es. Er affektirt die radikalen Grundsätze desselben, seine demagogischen Grellheiten, seine Sprache, sein Costüm, seinen Zorn, seine Popularität. Die Revolution steigt und sinkt je nach den Aufwallungen oder Erkaltungen der Stim­mung in Paris: er steigt und sinkt mit ihr, und dient mit gleichem Eifer bald dem Convente vor Toulon, bald den Thermiboristen zu Parrs, bald dem Convente gegen die Demagogen, bald dem Direktorium gegen die Royalisten, alles den Umstanden, nichts den Grundsätzen , die Macht vomus erkennend, den Erfolg unterstützend, aufstrebend, ohne Unterschied, durch Alle über Alle. Ein junger Mann von der Race jener italienischen Republiken: die ihre Tapfer­keit und ihr Blut allen Sachen, allen Faktionen ver-

mietheten, wenn sie nur dabei emporkamen. Sein Degen, seine Intelligenz gehört immer dem Entschlos­sensten oder dem Glücklichsten. Keine Skrupel der Meinung, der Grundsätze, der Tugend entdeckt man in seiner bis dahin obscuren Jugend.

Ebenso wenig entdeckt man dergleichen in seinem sehen Glücke. Die Quelle dieses Glückes ist die Gunst, der der einflußreichste der Directoren für eine schöne und t'm Umgänge mit den Mächtigen des Ta­ges bewunderte Frau hegt. Barras giebt ihm als Mitgift die italienische Armee. Allerdings er liebt und wird geliebt, aber die Uneigennützigkeit dieser Liebe wird entstellt durch diese Befriedigung des Ehrgeizes: sie erscheint minder aufrichtig, weil sie ein Commanbo zur Aussteuer bekommt. Dies Commando ist der Geburts­tag seines Genies. Er theilt dies Genie seinen Sol­daten mit; er gießt die Jugend aus über die alternden Heere; er stählt die militärische Routine in dem En­thusiasmus und in der Initiative der neuen Taktik; er erfindet die Verwegenheit, diese Seele der Revolu­tionskriege; er bringt die Klugheiten und Langsamkei­ten der Schüler Friedrichs und Laudons außer Fassung; er erobert, er stiftet Frieden, er unterhandelt, er ver­nichtet jenen, er schont diesen, er verträgt sich mit dem, was, wie Rom, im Herzen der Völker stark ist; er fegt weg, ohne Vorwand und ohne Mitleid, was schwach ist, wie Venedig; er usurpirt kühn gegen die Autorität, die Diplomatie und das Princip seiner Re­gierung. Bald proclamirt, bald verräth, bald ver­kauft er das Dogma der französischen Revolution, wie es die Gelegenheit und die Bedürfnisse seiner persön­lichen Popularität an die Hand geben. Hier stellt er den Despotismus her, dort heiligt er die Theokratie; weiterhin schachert er mit der Unabhängigkeit der Völ­ker; anderswo verkauft er die Freiheit der Gewissen! Schon ist er nicht mehr der Feldherr einer Revolution oder der Unterhändler einer Republik; er ist der Mann, der sich selbst, sich allein aufbaut, auf Kosten aller Grundsätze, aller Revolutionen, aller Gewalten, die ihn bewaffnet haben. Die Arbeit des menschlichen Geistes, des achtzehnten Jahrhunderts, der modernen Philosophie, der französischen Revolution verschwindet. Bollaparte allein zeigt sich.

Die Republik, durch ihn belästigt, schickt ihn, da­mit er untergehe oder noch größer werde, nach Aegyp­ten. Ein anderer Welttheil, ein anderer Mensch, aber ein Gewissen dort so wenige wie hier. Er kündigt sich an als der Hersteller des Orients. Er bringe, sagt er, dem Morgenlande die europäische Freiheit. Er sucht zunächst den Orient zu überzeugen, daß er sich erobern lagen müsse. Der mahomevanifche Fanatis­mus ist ein Hinderniß für seine Herrschaft; anstatt ihn zu bekämpfen, erheuchelt er ihn. Er erklärt sich für MayoMed gegen die europäischen Wahnlehren. Er erniedrigt die Religionen zu Polizei- und Eroberungs- Mitteln ! Der Unterhändler, der sich zu Mailand vor dem Papste neigte, neigt sich in Kairo vor dem Pro»

Kulturgeschichtliches.

(Fortsetzung. Siebe No. 171 derFr. Z.")

XIV.

Es ist auf dem Festlande ganz geläufig, Groß­britannien als das Land der Freiheit zu bezeichnen. : Wer aber die englischen Zustände nicht aus Kompen- i dien oder Reisebeschreibungen, sondern von Angesicht zu Angesicht studirt, nicht Wochen sondern Jahre lang, nicht mit dem Wunsche, vorgefaßte Meinungen bestä- I tigt zu finden, sondern die Wahrheit zu erkennen, des- i sen Gefühl wird sich sofort dagegen erklären, in der Gruppirung der Völker, wie wir sie hier versuchen, I England neben Nordamerika und die Schweiz zu stel- I len. Sich von diesem Gefühl vollständig Rechenschaft I zu geben, erforderte freilich ein desto längeres Besin- L uen. Mit dem Umstande, daß es in England eine f Dame gibt, die Königin heißt, ist es nicht abgemacht, ; auch nicht mit einer Parallele zwischen den englischen 5 und den schweizeriichen und nordamerikanischen Ver- s fassungen. Den Gegensatz völlig klar machen hieße s eine meines Wissens bis jetzt noch ungelöste Aufgabe [ lösen: eine gute Naturgeschichte des Engländers schrei- [ feen. Halten wir uns also einstweilen an die That- fache, daß spezifische Verschiedenheiten eristireu.

Wollten wir auf der andern Seite England neben Deutschland stellen, so wären wir des einstimmigen Widerspruches aller Parteien in unserm Vaterlaube

gewiß. Der Legitimist würde seinen Finger auf die Revolution von 1688 legen und auf die b e o i n g u n g s- w e i se Verleihung der Krone an die Dynastie Hannover; der Absolutist auf die Selbständigkeit der Gemeinden, die Steuerbewilligung, die Verantwortlichkeit der Be­amten, die Mutinybill und alle die andernanarchi­schen" Gräuel; der Theologe auf die unzähligen Sekten, die von der Polizei unbehelligt, bis auf einige fana­tische Priester, ganz gemüthlich bei einander leben; der Büreaukrat auf die lächerlich geringe Zahl von Be­amten und den unbedeutenden Verbrauch an Papier und Streusand; der Offizier auf die Verurtheilung des Garde-Kapitän Somerset durch einen unbesoldeten Stadträth; der Konstitutionelle auf dieAbgeschmackt­heit", dein Geldfürsten von Lradenhallstreet' nicht mehr Stimmrecht zu geben, als seinem Hausknecht, der für 10 Pf. St. ein Häuschen reutet und Alle würden sprechen:Wohl uns, daß wir nicht sind wie die Engländer!"

Ein Aristokrat würde auf das Oberhaus weisen und ärgerlich sie Gleichstellung beider Länder ablehnen. Es gibt aber in Deutschland keine Aristokraten, die einen Anspruch auf den Namen hätten.

Der thätige , arbeitende, produktive Theil des Vol­kes, also die unermeßliche Majorität, weiß noch andere Gründe, weshalb wir uns nicht neben England stellen können.

Das Juselland war also schwer unterzubringen!

Dieselbe Schwierigkeit, freilich aus ganz anderen Gründen, bietet Frankreich dar. Die Franzosen haben durch drei Revolutionen noch nicht ein einziges der Rechte erkämpft, die der Engländer mit auf die Welt bringt und deshalb birthrights nennt. Sie haben eine Republik und knirschen unter einem Despotismus, der wohl härter, aber nie sinnloser dagewesen ist. Sie haben zu Zeiten die Freiheit, aber selten oder nie Frei­heiten gehabt. Es ist überflüssig, die eigenthümlichen Widersprüche auszumalen, die es unmöglich machen, das gegenwärtige Frankreich mit irgend einem andern Lande zusammen zu stellen. Sind wir so darauf an- gewieseu, die beiden Völker, welche die beiden Ufer des Kanals bewohnen, auf unserer Rundreise im Glas­palast zuletzt zu besuche», so liegt es sehr nahe, die Eindrücke, die wir in beiden empfangen, vergleichend neben einander zu stellen und durch den Gegensatz kla­rer zu machen. Niemanden, dünkt mich, ist daS natür­licher und fruchtbringender, als dem Deutschen, der viele der besten Eigenschaften des Franzosen und des Engländers sein nennen kann und in einer Entwicke­lungskrisis begriffen ist, deren nächste Stadien, wie es scheint, darüber entscheiden werden, ob Dentschland wie Polen untergehen oder alle andern Völker Europas überflügeln wird.

Die Zahl der Gegenstände und J>en Raum, den sie einnehineu, können wir in Betreff Englands nicht als Maßstab benutzen. Es wurde von vorn herein