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Freie Zeitung. âeiheit und

182» Wiesbaden. Sonntag, 3. August ISO.

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Die westeuropäische Welthandelsstraße.

X Große Dinge bereiten sich vor! Ganges, Rhein und Themse sollen durch die Kraft des Dampfes mit einander verbunden werden, die Schätze Hinter- und Südasiens auf Der alten Straße von Indien auf Dampfern nach Aegypten, durch das Nilland auf Eisenschienen nach Herandrien, von dort auf Dampfern nach Genua, auf Eisen schienen über die Alpen nach den Rheinlanden und von Köln sowohl nach dem Nordosten zur Ostsee, wie nach dem Nordwesten zum deutschen Meere hinüber nach England und auf den britischen Bahnen bis nach Liverpool, dem merkantilischen Vorposten für Nord­amerika, eilen. Der Niesenplan, an dessen Aus­führung seit Jahrzehnten gearbeitet wurde, geht seiner Vollendung entgegen: bereits wird Hand daran gelegt, die große Kette durch Einfügung der letzten Verbin­dungsglieder zu schließen.

Die ägyptische Bahn zwischen Kahiro und Aleran- drien ist entschieden; die Verträge zwischen dem Vize­könige und den englischen Unternehmern sind ratifizirt und nach Ankunft Der britischen Ingenieurs wird der Bau in raschesten Angriff genommen werden. Die Bahn wird 130 englische Meilen lang.

Der Bau am zweiten Gliede der großen Straße ist be­reits bedeutend vorangeschritten: spätestens bis zum Jahre 1853 wird die Bahnstrecke von dem Mittelmeer- Haven Genua sowohl nach Turin wie nach dem Langen­see fertig sein. Das englische Anlehcn der sardinischen Regierung ist bereits zum Drittel Ungezählt und die Sauarbeiten können daher mit gesteigerter Energie be­trieben werden. Was hat England vor mit dieser un­verkennbaren Begünstigung der sardinischen Pläne? Die Antwort ergibt sich von selbst, wenn wir erwägen, was Oesterreich davon fürchtet! Täglich betheuern die Wiener Blätter, daß die österreichischen Bahnbauten zum adriatischen Meere äußerst energisch in die Hand genommen werden sollen; doch von unparteiischen Augen­zeugen wird gemeldet, daß die Triest-Laibacher Bahn und somit die unterbrochene Linie nach Wien schwerlich bis 1853 befahren werden könne. Ein Korrespondent vom Po, der kürzlich an Ort und Stelle war, bestätigt dies mit dem Zusatze:Nicht allein, daß nach dem Rücktritt des Hrn. V. Bruck Der gesammte Eisenbahnbau in Oesterreich lästig betrieben und der dafür Anfangs bestimmte Etat bedeu­tend geschmälert wird, so erheben sich auch gewichtige Stimmen gegen die Fortsetzung der sogenannten Karst- Linie und verlangen eine andere Route. Man befürch­tet nämlich und wohl mit Grund, wie bei in Sömmering, so auch hier Schwierigkeiten, Deren Ueber­windung die Kosten des Anschlages um Millionen über­steigen würden. Zwar setzt auch in Piemont die Natur gewaltige Hindernisse beim Uebergange der ligurischen Alpen entgegen; allein die Pläne sind bei Weitem brauchbarer entworfen und finden eine gewissenhaftere und fähigere Ausführung, als in Oesterreich, wo das

Krebsübel des Landes, die Corruption, überall hervor­bricht und die bestgesinnten Beamten von schwarz­gelbem Vollblut doch die Gelegenheit selten vorbeilassen ihr Profitchen zu machen. Dann find bekannt­lich die Italiener die besten Straßenbauer der Welt, wovon der Simplon, Splügen und St. Gotthardt ein ehrendes Zeugniß ablegen."

ij An der Richtigkeit dieser Bemerkung wird kein Fach­kenner zu zweiflen wagen. Oesterreich will die Welt glauben machen, Deutschlands (!!!) Interesse er­heische es, daß der Levantenhandel vom adriatischen Meere durch die kaiserlichen Kronlande an der deut­schen Ostgrenze hingehe! Doch es hätte besser gethan, die Donauinteressen zu wahren. Nachdem es diese an Rußland Preis gegeben, soll der Westen und besonders der Rhein die Zeche bezahlen. Wir gönnen den Ve­nezianern und Triestinern die natürlche Zukunft, welche die Vollendung ihrer Bahnlinien ihnen verheißt; doch sollen wir unsere Zukunft dadurch beeinträchtigen lassen.

Sehe jeder, wie tr'S treibe. Sehe jeder, wo er bleibe, Und wer steht, daß er nicht falle!

DaS nothwendige Interesse des deutschen Westens erheischt, ganz im Einverständnisse mit den ausgezeich­neten Chancen zu handeln, womit die sardinischen Bahnbauten uns in die Hände arbeiten. Vom Langen- See wird der Bau dem Tessinthale bis zum Fuße des St. Gotthardt folgen müssen; aber wie dann über die Alpeninaner? Ueber den Lukmänier führt ein 5500 Fuß hoher Paß in das nur fünf Stunden von dort ent­fernte Rheinthal, von wo bis zum Bodensee die Schwierigkeiten nicht mehr erheblich sind. Vom Boden- See aber gehen von Friedrichshafen und Lindau die Bahnen direkt nach dem europäischen Norden und Westen. Daß der Bau über den Lukmanier eine Riesen­arbeit, ist richtig, doch eher so wahr, daß Stephenson, diese Autorität in solchen Dingen, das Terrain geprüft und die Möglichkeit des Unternehmens bei jetzigem Stande des Eisenbahnwesens für möglich erklärt hat.

Die Schwei; wird in dieser wichtigen Angelegenheit nicht länger Zurückbleiben können, und die Engländer, deren Interesse hier einmal ganz mit denen Piemonts, der Schweiz und Westdeutschlands Hand in Hand ge­hen, haben bereits Anerbietungen gemacht, um in dem Unternehmen mit Rath und That zur Seite zu stehen.

Ein Blick auf die Karte zeigt die Wichtigkeit dieser westeuropäischen Bahn zur Verbindung des rothen Meeres (deS nordwestlichsten Armes deS indischen Welt­meers) durch die ägyptische Eisenbahn mit Dem Mitlel- meere und des Mittelmeers durch die europäische West- bahn mit der Nordsee! Und ein Blick in die Geschichte lehrt die kolossalen Vortheile, welche der Welthandel den Gegenden bringt und die Segnungen, welche die daraus erwachsende Wohlhabendheit, Rührigkeit und Kultur spenden. Italien, Frankreich, die Schweiz, Deutsch­land, Belgien, Holland und England schließen sich zu

einem Eisenbunde, zu einem Kreise solidarischer Ver­kehrs-, Handels- und Civilisationsintereffen zusammen, sobald diese Weltstraße eröffnet ist. Welche Wichtigkeit es daher gerade im jetzigen entscheidenden Momente für jeden einzelnen Staat hat, die rechte Wahl zu seiner vor- thkilhaftesten Betheiligung zu treffen, ist klar. Die projektirte Lahnbahn z. B. setzt Nassau aus dem Ver­bände und folglich auf den Sand, die Bahn durchs Land fügt es als Glied in den Kranz der Segnungen ein. Wir haben schon angebeutet, daß und warum Oesterreich das Gelingen dieses großartigen Planes nicht will; es fragt sich also nur, ob die Regierungen Westdeutschlands es wagen, trotz Oesterreich und alledem für ihre Länder das auf der Hand liegende Beste zu beschließen und mit aller Energie zu unterstützen? Die Antwort entscheidet über die ganze materielle Zukunft der Be­völkerung!

DaS Eisen als Kulturhebel.

(Schluß.)

XWeil in England das Eisen so wohlfeil ist, begnügt man sich nicht, daraus allerlei Werkzeug zu fertigen; man führt damit beträchtliche Bauten aus. Schon lange baut man eiserne Brücken: nachdem ein­mal ein Amerikaner die eisernen Kettenbrücken erfun­den hatte (noch findet man bei Washington über den Potomak die erste, welche überhaupt in einer der bei­den Halbkugeln aufgehängt wurde), bemächtigten sich die Engländer schleunigst der Erfindung. Unter allen ihren Hängebrücken ist die berühmteste diejenige, welche Telford über dieselbe Menahstraße geschlagen hatte; jetzt ist sie von Stephensons Werk so ver­löscht Menschenruhm verdunkelt. Aus England kam die Entdeckung nach Frankreich. Dieses hat von ihr einen starken Gebrauch gemacht; von allen eristi- renben Hängebrücken ist die kühnste die von Cubzac, an der sich noch von einem andern Gesichtspunkt den Nutzen des Eisens als Baumatirial zeigt. Die Pfeiler, welche die Ketten an der Brücke in Cubzac tragen, sind aus Gußeisen. Als Mauerwerk wären sie 10 oder 20mal schwerer geworden und hätten sich in das schlammige Flußbett eingesenkt, und mit sich die Brücke. Die Engländer haben der Kettenbrücke eine weite Verbreitung gegeben. Die Ausstellung zeigt das sorgfältig gearbeitete Modell einer Kettenbrücke, welche gegenwärtig ein englischer Ingenieur, Mr. Vignoles, in Kiew (Rußland) über den Dnieper baut. Er hat 800 Meter Länge zu überbrücken, sie hat da­bei vier Weilen von 134 Meter und noch einige klei­nere. Doch Kettenbrücken sind schon etwas Altes, neuer ist der Bau eiserner Leuchtthürme. Ich kenne zwei solche, ohne zu sagen, daß es die einzigen seien; den einen in Irland zu Faßnett; er ist 80 Fuß hoch bis^an den Kranz, am Fuße hat er 24 Fuß Durch­messer. Die gußeisernen Ringe, aus denen der Thurm aufgebaut ist,-messen nicht ganz 4 Centimeter Dicke.

C Bilder aus der Wiesbader Kunst­ausstellung.

(Fortsetzung.)

3) Die Wein probe, von H. Rüstige, in Stuttgart.

Wir haben es hier mit einem Bilde zu thun, das durch den Jdeenreichthum seiner Coinposition und durch die Trefflichkeit seiner künstlerischen Ausführung zu glei­cher Zeit so ansprechend erscheint, daß es in seiner Art als der Glanzpunkt der Ausstellung bezeichnet werden darf, wie es denn auch gleich in den ersten Tagen derselben schon seinen Käufer gesunden hat.

In einer geräumigen Trinkstube, an Den Wänden mit Hirschgeweihen und Jagdgerathschaften etwas al- terthümlich ausstaffirt, hat sich eine originelle Trink- gesellschaft zusammeugefunden. Den GefichtSzügen nach sind es Engländer oder Schotten, das Kostüm deutet auf das Ende des 17. Jahrhunderts. Zweierlei Weine, ein weißer und ein röthlicher, sollen geprobt werden und sämmtliche Theilnehmer sind entweder mit den Ge­schmacks - oder Geruchsorganen thätig, um der Güte des WeinS auf den Grund zu kommen, oder sie tra­gen in ihren Zügen mehr oder wen ger deutliche Spu- ren von allzu inniger Vertiefung in das Prüfungo- geschäft, oder sie beobachten aus einiger Entfernung die seltsamen Dinge, die da vor gehen. In der Milte

des BildeS, hinter Dem Tische, steht Der Hausherr, eine kräftige Gestalt von strengen Zügen, oen ge­säumten Spitzkragen über dem pelzverbrämten kurzen Rock, eben Damit beschäftigt, ein Glas, das er in der Linken hält, aus der in der Rechten erhobenen Flasche mit Rothwein zu füllen. Mit ihm bilden zwei andere Figuren eine einheitliche Gruppe, ein stattlicher Landpastor, zu seiner Rechten stehend und das wein- grüne Vollmondsgesicht nach dem Hausherrn gewen­det, und ein junger Mann mit langem Haupthaar, der vor Dem Geistlichen sitzt, so daß er Dem Beschauer halb Die linke Seite, halb den Rücken zugekehrt. Beide letztere scheinen über die VortrefflichkeN Der letzten Probe nach einigem Wortwechsel einig geworden zu sein; denn der Sitzende macht mit der Rechten eine Fingerbewegung, als wenn er mit schnalzender Zunge sagen wollte:köstlich, köstlich, es geht nichts darüber." Der Bruder Schwarzrock, der das Gläschen mit gold­perlendem Hochheimer prüfend in der Linken hält, während er mit der Rechten die bauchige Flasche fest an sich preßt, hat eben einen kräftigen Schluck ge­than; sein Mund hat noch die Stellung, wie wenn man eine Flüssigkeit mit der Zunge recht langsam durch die Zähne bewegt, um ihren Geschmack desto besser prüfen und ihre Süßigkeit desto länger festhglteu zu können. DaS Hell leuchtende, roth verklärte Gesicht drückt die innigste Leibes- und Seeleubefriedigung aus.

Zu beiden Zeiten dieser Mittelgriippc an den ab-

gerundeten Schmalseiten der Tafel haben zwei andere Gruppen Platz genommen, von gar verschiedener Hal­tung und Beschäftigung; dem Beschauer zur Rechten zwei alte Bursche, zur Linken ein jugendliches Paar. Der eine Me, neben dem Hausherrn sitzend, bewegt sein abgelebtes Gesicht, mit einem bedeutenden Riech- organ ausgeftattet, mit Gier über ein auf dem Tische stehendes gefülltes Weinglas, das er mit tyr Linken festhält, während die Rechte gleichzeitig ein zweites Glas desselben röthlichen Inhalts umklammert, um mit geöffneten Rüstern auch den feinsten Duft dess«^- ben einzuschlürfen. Es bleibt zweifelhaft, ob der tief­gesenkte Kopf bloß der Gier deS lüsternen alten ZecherS oder einer bereits merkbar gewordenen anderweitigen Schwere seine tiefe Stellung zu danken hat; Der stiere Blick des zur Seite gewendeten Auges laßt die Entscheidung mehr dem letzteren Motiv zuschreiben. Dem Riecher zur Linken aber hat, auf altmodi­schem Lehnsessel, die humoristischste Figur von der Ge­sellschaft Platz genommen; es ist der in Weindusel se­lig entschlafene Herr Falstaff, wie er leibt und lebt, die bekannte derb humoristische dicke Figur aus Shakes­peares Schauspielen, ein Keel, der bekanntlich nicht bloß selber sehr witzig ist, sondern auch macht, daß andere witzig werte i. Ueber den kahlen Scheitel seines treuesten Dieners hat Gott Bachus einen rosenfarbe­nen Glorienschein auSgegossen, das Auge mit der tief gesenkten Wimper ist von süßem Schlaf umfangen;