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Wiesbaden. Sonntag, 27. Juli
1851
ft" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. — Der AbonnementSpreis beträgt viertellährlich hier in Wiesbaden I fl. 43 fr., auSwâr!«
>altnißmäßigem Aufschlag». — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Verbreitung der „Freien Zeitung" stets von wtrfsamew 4 « JnserationSgebühren betragen für die vierspaltige Petttzetle 3 !r.
Dir „Freie 3 et tun
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Englische und deutsche Zustände.
« Das englische Staatswesen ist keineswegs das politische Eldorado, das manche deutschen Klugschwätzer und Dummköpfe aus ihm machen möchten. Aber es hat einen Vorzug vor allen kontinentalen Regierungen, die mit oder trotz einer konstitutionellen Verfassung wirthschaften , voraus: die Polizei ist auf das möglichste Minimum der Einmischung in die Selbständigkeit des Einzelnen und in die Selbstrcgierung der Gemeinden reduzirt, die Verwaltung mischt sich nicht in Dinge, die sie nicht angehen, und es herrschtbei ihr eine auf Volkssitte und Gewohnheit beruhende Humanität gegen Einheimische und Fremde, von der wir auf dem Festlande noch so weit entfernt sind. Dazu kommt, daß jeder Engländer eifersüchtig über dieser Praxis wacht und Presse wie Parlament schonungslos jeden, selbst den nur scheinbaren Eingriff rügen, damit die Regierung gewarnt und aufgefordert sei, ihre Schuldigkeit zu thun.
Sehr bemerkenswerth für den deutschen Beobachter war in dieser Beziehung der Eingang der Unrerhaus- sitzung vom 14. Juli. Herr Divett nahm das Wort um zu erklären, ek habe Klagen über die Plackerei der in Dover landenden Fremden gehört, welche genöthigt seinen auf dem dortigen Zollhaus ihre Namen zu registiren. Er wünsche zu wissen, ob die Regie- I rung denn nicht endlich daran denken wolle, das absurde Gesetz 6 und 7 Wilhelms IV, die „Registration of Aliens Akt", abzuschaffen? Lord J. Rusell antwortete: Wenn man diese Akte abschaffe, so würden dann die Fremden größeren Unbequemlichkeiten ausgesetzt, nämlich genöthigt sein, es der Polizei anzuzeigen, so oft sie ihren Wohnplatz Veränderten. Sollte jedoch die jetzige Bestimmungen etwas verarorisches enthalten, so sei er bereit sie abzuändern. Der Schatzkanzler fügte bei: es sei ihm vor einiger Zeit eine Beschwerde über diesen Punkt zugekommen, indessen auf Erkundigung habe er niemand finden können, der wirkliche Belästigung durch jene Vorschrift erlitten. Sir W. Brenner fragte: ob der Attorney-General für England Kenntniß genommen habe, von gewissen hochverräthc- rischen Stellen des „Catholik Vindicator", in dessen Nummer vom 5. Juli es heiße: „Wenn Jhro Maj. die Königin ihre Unterschrift unter eine gewisse fluch- würdigeBill (die kirchliche Titel-Bill) setzt, so wird sie alle ächten Katholiken nöthigen, sie in einer Art zu betrachten, die sie gewiß zu bedauern Ursache haben wird." Lord I. Russel: „Ich habe mit dem Attorney-General über die angezogene Stelle gesprochen, und ich war der Ansicht, daß „„es höchst unweise sein würde durch gerichtliche Verfolgung eine Zeitung zur Bedeutenheit zu erheben, die zur werthlosesten und elendesten Gattung zu gehören scheint!"" Zudem sei er überzeugt, daß die darin enthaltenen abscheulichen Sätze mit den Gesinnungen
der römischen Katholiken des Reichs im völligen Widerspruch stehen."
Was würde wohl unter ähnlichen Verhältnissen in einem deutschen Staate geschehen sein? Was gar erst, wenn ein protestantisches oder deutschkatholisches Blatt so gegen einen katholischen Fürsten Drohungen ausstieße? — Und wegen der Plackereien gegen Fremde — wie ganz anders benahm sich Preußen in diesem Sommer an der belgischen Grenze! Der Vergleiche sind so viele, daß die höchst loyale „Ags. Allg. Ztg." in ihrem Parlamentsberichte zu Divelts Interpellation die Anmerkung macht:
„Aus welchem uns unbekannten glücklichen Winkel deS Kontinents mochten wohl die zartfühlenden Reisenden sein, die sich in England darüber beschwerten, daß sie an der Grenze ihre Namen registriren mußten, wohl zu merken gratis, um dann ohne weiteres Befragen im Lande zu reisen und zu wohnen, wohin, wo und wie lange es ihnen beliebt, so sie nur die Landesgesetze nicht übertreten! Wahrscheinlich waren es Amerikaner, denn ein festländischer Europäer, der mit dem Polizeistempel geboren und begraben wird, muß in dieser Beziehung den englischen Zustand wahrhaft englisch finden. Im großen England, wie gesagt, kann der unbescholtene Fremde leben und sterben, ohne daß die Polizei die mindeste Notiz von ihm nimmt. Hingegen mag es in Deutschland, z. B. in der guten Stadt Augsburg, wohl vorkommen, daß । ein Jnquiline, selbst ein Eingeborener des gesegneten Partikular-Staats, nach zwanzigjährigem Aufenthalt in ständigem und notorischem Berufsgeschäft, an Erneuerung seiner „Aufenthaltskarte" von einem Polizeischreiber grob gemahnt wird — vielleicht für Entschädigung für unbequeme nachmärzliche Höflichkeit. Was in Baiern und andern deutschen Bundesstaaten vollends deutschen „Ausländern" begegnen kann, ist bekannt, und unerfreulich zu wiederholen. „Die Deutschen," hat Macaulay gesagt, „kommen vor lauter Polizei nicht zur Politik."
Wir haben dem nichts hinzuzusetzen, als einen Artikel der neuesten „Ulmer Schnellpost," worin am 23. Juli geschrieben wird:
König an der Spitze, vom Exerzierplatz rückkeh^end auf den verbotenen Promenadenwegen im Galopp und Trab nach dem Bahnhof hinreiten sehn. In England würde jeder von ihnen die Strafe zahlen müssen, dort würde die Polizei sie einforbern und keiner sich weigern sie zu zahlen."
„An den Eingängen in unsere Promenaden sind Tafeln ausgestellt mit einer polizeilichen Bekanntmachung des Inhalts: „Das Reiten und Fahren auf den Promenadewegen, Gräben und allen an Fahrstraßen angelegten Fußwegen wird bei Strafe von 3 fl. verboten. Haus- und Gartenbesitzern, denen das Fahren auf der Promenade ausnahmsweise gestattet ist, haben bei 3 fl. Strafe nur immer Schritt zu fahren." Ob wohl unsre Polizei eben so streng auf Befolgung ihrer Verordnung dringt, wie in England? Dort mußte die Königin, welche die Anzeige von der Geburt ihres letzten Sohnes zu machen versäumt hatte, die von der Polizei auf solche Versäumniß gesetzte Strafe bezahlen,, wie jede Bürgerin. Am vorigen i wayrend i Montag konnte man eine ganze Anzahl Reiter, den | dieser Art
[x] Wiesbaden, 25. Juki. Vorgestern fand eine Berathung hiesiger Bürger auf dem Rathhause über die Eisenbahnanlage von hier durch die Mitte des Lan-. des nach Deutz-Köln statt. Der Bau dieser Linie erschien nämlich durch die Dazwischenkunft der projektir- teu Lahnbahn in weite Ferne gerückt, und die wichtigsten Interessen von Wiesbaden hiedurch auf eine sehr empfindliche Weise gefährdet zu werden. Der Unternehmer für das Lahnprojekt hat bereits um eine Concession bei der Regierung nachgesucht. Es ist einleuchtend, daß, wenn die Lahnbavn zuerst in Angriff genommen und gebaut werden sollte, wohl schwerlich jemals eine Actiengesellschaft für die erwähnte Hauptlinie von Wiesbaden-Deutz sich finden dürfte. Denn einestheils würde dann diese Lahnbahn auf dem rechten oder linken Rheinufer, von Ehrenbreitstein nach Deutz oder Coblenz nach Bonn, fortgesetzt, die Westerwälder Bahn ausschließen, anderntheils aber würde sie sich mit der Weserbahn bei Gießen verbinden, der Personenverkehr u^ der Güterzug würde den Umweg von Coblenz über Gießen nach Frankfurt machen, Wiesbaden aber ganz auf der Seüe liegen bleiben. Zur le- diglichen Abkürzung Views Umwegs durch Erbauung einer Zweigbahn von Limburg nach Wiesbaden mit Anschluß an die Taunuseisenbahn dürfte sich aber voraussichtlich keine Gesellschaft finden und eben so wenig der Staat geneigt sein, dieselbe zu unternehmen. Im Interesse von Wiesbaden sowohl, als des größten Theils dcö Herzogthunls, liegt eS daher, daß die Hauptbahn, die es seiner ganzen Länge nach durchschneidet und den großen Verkehr zwisch n Westen und Osten auf dem kürzesten Wege vermittelt, vor allen andern Projekten festgehalten und zur Ausführung gebracht werde. Mit dieser Ansicht war die ganze Versammlung übereinstimmend, ausgenommen Hr. Prokurator Großmann, welcher als designirter Anwalt der Gesellschaft für die Lahnbahn hervorzuheben suchte, daß letztere keineswegs die andere Linie beeinträchtige und ausschließe. Seine Rede fand jedoch keinen Anklang.
Es wurde noch von Anderen das günstige Terrain und der wohlfeile Bau der Köln-Deutz-WwSbadener Linie vor der Lahnbahn, die mit außerordentlichen Schwierigkeiten zu kämpfen habe, dargelegt, ferner die zahlreichen Ackerbau- und Bergwerkserzeugniffe bezeichnet, welche in der Wiesbaden -Deutzer Linie liegen, während die zahlreichsten und werthvollsten Produkte ^'•"— "'“t in der Richtung der Lahnbahn außerhalb
€ Bilder aus der Wiesbader Kunstausstellung.
(Fortsetzung.)
2) Aussicht vom Brocken, von K. Schröder, in Braunschweig.
Auf den Bergen wohnt di« Freiheit, Auf den Bergen thront daS Vicht! Menschenbrust wird leichter droben, Was sie drückte, fühlt sie nicht, Hin drum zu den blauen Höhen,! Wo die frischen Lüfte wehen; Fern die Erdniisere da, Und der Sternenhimmel nah! —
Wer hätte nicht schon bei dem Gedanken an die himmelragenden Zinnen der Ecvveste, bei der Umschau von einer solchen hohen Warte in das niedere Gelände ringsumher ähnlichen Empfindungen Rauin gegeben, wie sie die eben bezeichneten Worte des Dichters an, deuten! Eine unwiderstehliche Sehn>ucht zieht den Bewohner des Niedeclands, ter mittelhohen Gebirgslandschaften nach den blauen, grotesken Massen, die seinen Horizont begrenzen und cs scheint ihm gewiß, daß sie eiwas Geheimes, etwas Großartiges verbergen
müssen. Selbst der alltäglichste Alltagsmensch vermag sich dieser Anziehung nicht ganz zu entschlagen, und treibt ihn nicht der eigene Sinn, so ist's ein äußerer Anstoß, eine mit Freunden verabredete Landpartie, oder ein reiselustiges, empfindsames Töchterchen, das ihm keine Ruhe läßt; kurz, einmal in seinem Leben muß er den Aktenstaub abschütteln und die anstrengende Reise ins Gebirg wagen.
Solche Fremdlinge im Reiche der Natur sind die beiden Reisenden, welche auf unserm Bilde, in Begleitung eines Führers, die Aussicht vom Brocken genießen. Dieser weltberühmte Herenberg, der höchste, an 3600 Fuß über dem Spiegel der Nordsee sich erhebende Gipfelpunkt des silberreichen Harzgebirges, der mit seinem nördlichen Fuße fast unmittelbar an die norddeutsche Tiefebene heran tritt und daher von Norden her aus weitester Ferne sichtbar ist, bildet für die Umwohner aus den hannöverischen, braunschweigischen und sächsischen Landestheilen einen unwiderstehlichen Anziehungspunkt Unsere Reisenden wollen den Sonnenaufgang genießen und haben sich daher in der frühesten Tagesfiühe auf den'Weg gemacht, und oben unter den grotesken Granitblöcken der Teufelskanzel, unfern deS höchsten Gipfelpunktes, Sitz genommen, um die Aussicht zu genießen. Es ist ein dicker Papa, ein halbwüchsiges Töchterlein, und der Führer in der Blouse, der den Reisesack schleppt. Der dicke Herr, dem Aussehen nach ein ganz naher Verwandter des bekannten
Staatshämorrhoidarius aus den „Fliegenden Blättern", ist gegen Frost und Nebel und Wind vollständig ausgerüstet. Die festangezogene Nachtmütze schaut unter dem Strohhut hervor, ein grünes, dickwollenes Halstuch ist wenigstens dreimal um die Halspartiegeschlungen mib hängt vorn in zwei Lappen den geräumigen Paletot herunter, unter dem sich noch eine ganze Vor- rathskammer wollener P aseevative errathen läßt. Seine Hände hat er in rucke Handschuhe gesteckt, die rechte ist außerdem noch in der breiten Tasche des Paletots verborgen, ans der das fei eene Taschentuch lang genug herabhängt; die Linke hält nachlässig den Krücken- stock. Sein Gesicht hat den desperatesten Ausdruck, der sich denken läßt. Während der zur Rechten sitzende Führer mit lebhafter G.berde nach Osten hinzeigt und auf die eben dort zum Vorschein kom nende Sonne aufmerksam macht, sieht oder schielt der dicke Herr, dem Frost und Müdigkeit alle Glieder durchschütteln, mit einem Blicke dahin, als wollte er sagen: „Hol' der Teufel alle eure Sonuenaufgangsherrlichkeit; ich wollte ich wäre daheim geblieben in meinem warmen Bett, anstatt mich hier abzustrapaziren und im nassen Grase mir meine Hosen zu verderben und vielleicht gar noch nasse Füße davon zu tragen! Keine zehn Pferde brächten mich wieder hierher." — Anders vaö Töchterchen, daS, halb hinter und neben dem Papa zur Linken stehend und die Rechte auf seine breite Schalter gestützt, mit dein Ausdruck hinunter Neugierde dem Schauspiel ent-