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Freiheit und Recht!"

Jg 172, Wiesbaden. Mittwoch, 23. ^nli 1851.

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Briefe ans dem Gebirge.

XXI1L

± Unsere Holden Damen in der Residenz, die, wie ich hoffe, dann und wann ihre süßen Augen in Güte kiese Briefe herabsenken , werden wohl schwerlich jemals etwas vpn Burg Neuweilnau gehört haben. A Die schönen Leserinnen sind, wie bekannt, allzusehr - ich sage nicht in Liebesgeschichten Gott bewahre! sondern in den edlen Zorn gegen Manteuffel und Schwarzenberg, in die Politik des Augenblicks, vertieft, als daß sie Zeit hätten, der Betrachtung einer grauen Vergangenheit ihre Anstrengungen zu weihen. Es wäre auch wahrlich schade um die süßen Augen, wenn sie die bestaubten Rollen einer längst verklunge­nen Zeit entziffern sollten. ,

Neuweilnau liegt aber, wie Altweilnau, in dem Weilthale, das "zu den schönsten Thälern unseres Gaues gezählt werden muß. Im Ausgang ist dieses Thal wild und rauh ; von den beiden Wcilnau an nimmt dasselbe einen milden und sanften Charakter an und schroffe, mit Waldschlägen, gleich üppigen Locken, über- hängte Bergseiten wechseln mit den, den engen Wie, en­grund einfassenden Feldern und Weiden auf das an» genehmste ab.

Und damit denn auch die Romantik, an der sich das deutsche Gemüth so gerne erlabt, und leider nur zu oft berauscht, in dieser Thalsohle nicht fehle, so tre­ten außer den Ruinen der Kirche des verschollenen und vergessenen Dorfes Land steinnoch die Trüm­mer zweier Burgen in Altweilnau und Neuweilnau, als deutliche Merkzeichen, daß trotz des Oberpräsiventen Kleist-Retzow und des Bundestaggesandten Bismark- Schönhausen, die Rittcrzeit längst das Leibliche gesegnet hat, an den Ufern der Weil auf.

Der Graf Gerhard II. von Diez nennt sich zu­erst 1208 einen Grafen von Weilnau, und eine Neben­linie der Grafen von Diez, die nach 1234 entstanden ist und 1303 mit der Herrschaft Neuweilnau, die aus den Orten Neuweilnau, Usingen, Grävenwiesbach, Möttau, Altenkirchen und Rod an der Weil bestand, ibgc:.indcn wurde', nennt sich ausschließlich nach der Burg Neuweilnau.

Schon 1326 waren aber die Grafen von Neuweil­nau genöthigt, genannte Grafschaft an einen Herrn von Runkel zu versetzen: denn es war von jeher eine der hervorstechendsten Tugenden der großen Herren, viele Schulden zu haben.

Der Herr von Runkel, Siegfried geheißen, überließ noch in demselben Jahre die Pfandschaft an den Grafen Gerlach von Nassau von der Walramischen Linie. '

Da die Pfandschaft später in einen erblichen Ver­kauf verwandelt wurde, so ist genanntes Haus stets im Besitz dieser Grafschaft geblieben.

Die Burg Neuweilnau selbst, welche der 4te Ger­hard von Diez 1302 erbaut hat, war oftmals Resi­denz der nassauischen Regenten und ständig Sitz eines Amts; eine Zeitlang sogar Sitz der Landesregierung. Die alte Burg ist ganz zerfallen; eine neue 1563 be- gonnene unvollendet geblieben.

Nunmehr werden sich die geneigten Leserinnen auf dem Schauplatze, wohin ich sie zu führen gedenke, in etwas orientiren können. Ich hoffe sogar, da Neu­weilnau sich nunmehr als eine Residenz nassauischer Regenten und damit schließlich als eine ebenbürtige Schwester der Stadt Wiesbaden herausstellt, daß ich das Interesse der Damen der letzter» für das so be­scheidene Neuweilnau erregt habe, und cs soll mich gar nicht wundern, wenn etliche derselben demnächst dahin eine Landparthie unternehmen sollten, die gewiß viel anziehender wäre, als eine steife Promenade vor und hinter dem steifen Cursaale mit seinen stecken Anlagen, die in summa nur Entmannungen der jngendfrischen ; und ewigkräftigen Natur sind.

Doch halt! als gewissenhafter Mensch kann ich lei­der den geneigten Damen zu Lustparthieen in das Weil- j thal und Neuweilnau nicht rathen, sonst könnte ihnen i ja, o du gütiger Himmel! - pasfiren, was jüngst ; am dritten Sonntag nach Trinitatis, im Jahre un- sercé Herrn 1851 einer Landparthie im Wcilthal ' widerfahren ist.

Wer Ohren hat, zu hören der Hore!

An genanntem Sonntag beabsichtigten einige Män­ner von Idstein, mit ihren Frauen und Töchtern eine Lustparthie nach Neuweilnau zu unternehmen, woselbst sie auch einige Bekannte und Freunde aus Stadt und Amt Ufingen zu treffen hofften.

Daß diese Männer von Idstein und Usingen demo­kratischer Gesinnung sind, bedarf kaum der Erwähnung: denn di.e Nichtdemok raten sind in den Aem­tern Usingen und Idstein seltene Vögel. Herr H. W. Niehl hat zwar in seiner bekannten Art, mit Gründlichkeit gründlich Erforschtes vorzutragen, zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten die Behauptung aufgestellt: die Bauern in den alt­nassauischen Stammlau den seien überaus herzoglich gesinnt; allein diese gründliche Behaup­tung dieses Mannes ist, wie leider so manche andere desselben, ganz grundlos. Gerade in den altnassauischen Stammlanden zählt die Demokratie in Nassau ihre zahlreichsten und entschiedensten Anhänger, während z. B. die früher churtrierischen Landestheile eine große An­hänglichkeit für den Thron der Walramischen Linie be­thätigen. Limburg, die streng katholische Stadt, die mit Ausnahme der Regierungszeit des Grafen Adolph von Nassau-Dillenburg im Anfang des 15. Jahrhun­derts, der einen Theil der Herrschaft Limburg inne hatte, niemals einer nassauischen Linie angehört hat, sondern bis 1406 von den Herrn von Isenburg, von 1420 an, dem Todesjahre des genannten Grafen Adolph, aber von dem Krummstab Churtriers bis zum Reichs- deputationsreceß von 1803 beherrscht wurde Lim­burg ist die legalste Stadt des Herzogthums und ihre Sympathien für die nassauische Dynastie, die sie noch jüngst im Bunde mit beut römisch-katholischen Clerus so glänzend und ohne alle egoistische Nebenabsichten an den Tag gelegt hat, sind rührend und erschüttern selbst ein kaltes Demokratenherz.

Was würde der wackere Limburger Chronist für Augen machen, wenn er heute ein Charakterbild der Limburger, die zu seiner Zeit so überaus trutziglich und keck waren, entwerfen sollte!

Doch Verzeihung meine holden Leserinnen, wenn ich Sie abermals mit den alten Geschichten der ehrwür­digen Stadt Limburg gelangweilt habe: ich eile' jetzt rasch wieder zu meiner Landparthie nach Neuweil­nau. Früh am genannten Sonntage, als die Gesell, schaft sich in Bewegung set-cg sollte, ward so hier und da in der Stadt Idstein hbrnm, gemunkelt, diebe waffnete Macht" sei gen Neuweilnau aufgeböten. Die Frauenwesen sind überall, wiewol sie gerade in Jdsternkreuzbrave Leute" sind, halt Frauenwesen: sie erschrocken vor derbewaffneten Macht" und waren nunmehr durch keine Bitten dazu zu bringen, der Par- thie sich anzuschließen, während sie doch am Tage vor­her die entschiedenste Neigung für die Neuweilnaner Reise an den Tag gelegt hatten. Wär' ich ein Stück von derbewaffneten Macht", ich hätte selbst im Grabe noch keine Ruhe darüber, dass ich das Vergnü­gen einiger wonnigen Mägdelein, wenn auch nur als vom Schrecken hervorgezaubertes Gespenst, gestört hätte^

Die Männer freilich ließen sich durch das Gerücht von derbewaffneten Macht" von ihrem Vorhaben nicht abbringeii.

Unterwegs schon stießen ihnen einige Gensdarmen zu Fuß auf. Da vie,e Bewaffneten denselben Weg wie Die Idsteiner einznyalten schienen , so luden legere sie höflichst ein, auf ihrem Leiterwagen Platz zu nehmen. Die bewaffnete Männer gingen jedoch aus die darge- botenen Gefälligkeit nicht ein.

Als nun die Idsteiner in Neuweilnau in der Frühe eintrafen, so erblickten sie sogleich unten im Thäte den Herrn Krcisamtmann von Idstein, dessen Name mir öfter genannt wurde, den ich aber wieder vergessen habe.

Der Herr Kreisamtmann lag im Grase und hatte zwar die blaue Uniform nicht an, soll sie aber wie mir gesagt wurde, für alle Eoenmalitacen bei sich ge­habt haben.

Als die Idsteiner sich dem Wirthshause nahten, kam im Hof der Herr Amtmann auf den Bürger Emil Hegmann von Idstein zu, und begann:

Ich bedanre recht sehr, Herr Hegmann, daß Ihre Zusammenkunft durch meine und meiner Untergebenen Dazwischenkunft gestört wurde; besonders, daß sich die Frauen dadurch haben abhalten taffen, hierher zu kom­men." Ihm erwiederte Bürger Hegmann:Den Charakter unserer Zusammenkunft hätten Sie sehr leicht von mir und Herrn Justi ganz der Wahrheit gemäß erfahren können." Hierauf der Herr Amtmann:Es ist uns denunzirt worden, daß die Trümmer des bei Butzbach Projektil ten, von der hessischen Regierung aber verbotenen Volksfestes, sich nach Neuweilnau begeben würden." Nachdem der Herr Amtmann sich noch nach Bürger Justi erkundigt, entfernte er sich. (Ich muß

hier als Randglosse anfügen, daß bei Gelegenheit Wr Neuweilnauer Historie, ich zum erstenmale von dem Butzbacher" Volksfest gehört habe. Durch genaure Nachforschungen habe ich ermittelt, daß ein höchst harm­loses Ravensteinisches Tanz-, Turn- und Sing-Vergnü­gen in Butzbach projektirt war; ein Fest so rein und mackellos von jeder politischen Tendenz als das Prä­sidium des Herrn V erst assen in Limburg.)

Als nun diè Idsteiner in daS Wirthshaus eintra- ten, fanden sie im untern Stock 14 Gensdarmen vor. Die Wirthin, das arme Weib, war bleich vor Angst und zitterte an Arm und Bein, und erzählte, die 14 Männer mit Helmen, Säbeln und Schießgewehren seien gegen Morgen von 4 Uhr an gekommen'; als sie " die Helme der Zuersteingetroffenen, die Einlaß begehr­ten, vor dem Hause habe glitzern sehen, sei sie fast vor Angst in Ohnmacht gefallen. Das ist ein weite­res weibliches Herz, das durch die Furcht vor der be­waffneten Macht zum Tode betrübt wurde!

O, du bewaffnete Macht, hier und da, welche Meere von Thränen, welche Orkane von Seufzer» hat die Furcht vor dir den Menschenkindern nicht schon ausgepreßt! Da ich ein Herz wie der Verfasser der empfindsamen Reisen" habe, da mich schon die Leibe» einer Fliege oder eines Frosches, ja schon das Fälle» eines Baums, und der Sensentod des Grases tief bt^ trüben, so wird mir schwindelig, wenn ich diesen Ge­danken weiter verfolge!

Auf dem Vorplatze traf der Herr Amtmann Den Bürger Justi. Bei Letzterem brachte der Herr Amt­mann ein ähnliches Bedauern wie bei Bürger Heg­mann vor und fügte dann bei: es sei ihm hinterbracht worden, er (Justi nämlich) und Hegmann seien in der verflossenen Woche in dem Amt Usingen herumge- reift, um persönlich die Leute zur Theilnahme an der Neuweilnauer Zusammenkunft einzuladen. (Ad mar- ginem bemerke ich hier, daß.allerdings besagte Reise wirklich gemacht worden ist; allein von Hegmanu um Wein, von Justi um Spirituosen zu verkaufen.) Bürger Justi erwiederte dem Herrn Amtmann: er sei überaus erstaunt, die bewaffnete Macht hier zu er­blicken , üidrm die fragliche Versammlung keinen an­dern Zweck habe, als^den einer gemüthlichen Erhebuua mit Gesiniittugögenoffeil. Er nife überhaupt nicht, halten^'" jetzt eine Volksversammlung abzu-

Revolutionen könnten wohl schwerlich von Neu­weilnau aus gemacht werden. Wenn daS Kreisamt in Diesen Anstrengungen fortfahren wolle, so könnten sie demselben in jedem Augenblick dazu Gelegenheit geben und es bald hierhin bald dahin sprengen? Auch begreife er nicht, was gegen eine friedliche, beim Kaffee versammelte Gesellschaft von Seiten der bewast ietr» Macht geschehen solle.

Die Gensdarmen, bekanntlich Herrn Heyden­reich's in Limburg Schützlinge und Lieblinge, bliebe» in der untern Wirthsstube sitzen; die Idsteiner Männer, zu denen sich später noch einige befreundete Leute au« Dem Amt Usingen gesellten, ließen sich im obern Stock nieder, und auch der Herr Kreisamtmauli nahui seinen Aufenthalt in diesem.

Später ließ der Herr Kreisaiutmann den Bürger Justi nochmals aus ^orm Saale rufen n id sagte zu letzterem:morgen Sie doch, daß keine aufre tzonde» Reden gehalten werden; ich f.mn das mchl dulden." Hiergegen erwiederte Bürger Justi:Lie mißkenne» ganz den schon vorhin angegebenen Zweck der Versamm­lung; ich kann nur wiederholen, daß hier und zu je­tziger Zeit überhaupt nicht von autretzenden Reden Die Rede sein kann. Durch Ihre großen Vorkehrungen nöthigen Sie mich erst, der Lersammlun; nochmals den eigenilichen Zweck dieser Zu ammenknnft mitzUihk!- len. Gerade durch Ihr Auftreten nämlich konnten bei sehr Vielen Mißverständnisse der sonderbarsten und großartigsten Art hervoigernfen werden."

Demgemäß richtete Burger I u sti u.igefähr folgende Worte an die kleine Versammlung:Erlauben Sie meine Herren, daß ich hier e nige Worte zu Ihnen rede. Ich hatte nicht Die Absicht, hier zu sprechen, allein durch die Amvescnhcit der bewaffneten Macht und des Herrn Beamten habe ich Die Ueberzeugung gewinnen müssen, daß die Versamnlung mißdeutrc werde. Ich habe mit zu der Landparthie emgelaoen, und muß es schon aus diesem Grunde für meine Pflicht erachten, den unzweifelhaften und wahren Cha­rakter derselben auszusp»echen.

Alleiniger Zweck unsers Hierseins ist, daS durch gleiche Gesinnung bereits geklungene Band des Vep.