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„âeiheit und Recht!"
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J£ 171. Wiesbaden Dienstag, 22. Juli R8KA.
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Die Revisionsdebatte.
* Paris, 17. Juli. Pascal Duprat (Linke), den Lamartine vergeblich gebeten, ihm seine Stelle unter den eingeschriebenen Rednern abzutreten, eröffnete heute die Diskussion mit einer Rebe gegen die Revision. Nachdem erBerryers Eingriffe gegen den Convent mit der Frage erwidert hat: „Hat nicht eure Monarchie in einer einzigen Nacht mehr Menschenleben geopfert, als alle Republiken Europas zusammen genommen?" — beleuchtete er die Revision nach ihren einzig möglichen Resultaten: Wiederherstellung der Monarchie oder Verlänge- rnng der Regierung L N. Bonaparte's. An jener verzweifeln seiner Ansicht nach die Monarchisten selbst, wie ihre entmutigte Haltung bei den gegenwärtigen Debatten beweise; diese wollen die Anhänger der Revision selbst nicht. Wozu also revioiren? Der Redner wirft sodann denjenigen, welche die Ernennung L. N. Bonaparte's der Verfassung zum Trotz mit drohenden Farben in Aussicht gestellt haben, die geringe Energie vor, die sie einer solchen Verfassungs-Verletzung gegen» überzustellen scheinen. „Ihr zeigt uns den „Rebellen" — ruft er auö — „wie er die Verfassung des Landes über den Haufen wirft, und das Recht, das man verletzt, beschränkt ihr euch, höflich zu grüßen. Was würdet ihr mehr thun, wenn ihr Mitverschworene dieses Ehrgeizes wäret?" — Unter dem Beifall der Linken erklärte Pascal Duprat den Entschluß der Re- piblifamr, der Verletzung ter Verfassung anders, als mit einer bloßen Protestation Widerstand zu leisten. „Man wird ihrer Verletzung", ruft er aus, „im Na. men der National-Souveränität mit aller Energie widerstehen. 'Denn die Verfassungen sind ein Contrakt, sic sind nicht für die Majoritäten, sondern für die Minoritäten um sie vor den Rechtsübergriffen der Majoritäten sicher zu stillen." Da der Redner Larochcjacquelin wegen seines bekannten Vorschlags einer direkten Be- rnfmig ans Volk, um durch dieses über Monarchie oder Republik entscheiden zu lassen, einen „Revolutionär" genannt, so ergreift dieser das Wort, um gegen diese Bezeichnung zu protestiren. Er habe bloß der Ueberzeugung nachgegeben, daß der König nicht gegen seine Würde fehle, wenn er sich an das Volk selbst wende. „Ich habe mit Bedauern gesehen", fährt er fort, „daß sogar viele von denen, die ich meine Freunde geglaubt habe, mich ebenfalls wegen meiner Ansicht einen Revolutionär genannt haben. Was wollen sie indessen gegenwärtig selbst thun? Sie wollen offenbar darauf hinwirken, daß royalistifche Repräsentanten in eine neue Constituirende gewählt werden, um durch diese die Monarchie decretiren zu lagen. Aber bei unseren Parteispaltungen werden immer zwei darunter sich gegen den dritten an die Republik anschließen." (Heiterkeit) „Gerade deshalb habe ich eine direkte Berufung an die Nation, an die ganze Nation gewollt."
Larochejacquelin erklärt zuletzt, daß er aus doppelten Gründen gegen die Revision votiren werde: einmal wegen des Gesetzes vom 31. Mai, das einen Theil der Nation von der Ausübung des Souveränitätsrechtes ausgeschlossen habe, und dann wegen der anerkannten Nichtigkeit des Resultats. „Ich will durch mein Votum", fügt er hinzu, „die Stärke derjenigen nicht künstlich vermehren, die eine zu große Majorität zu Gunsten der Revision zum Umsturz der dadurch erschütterten Verfassung unter Mithülfe eines Druckes von außen mißbrauchen könnten." Nach Larochejacquelein will Baze, ebenfalls Gegner der Revision, sprechen, tritt aber das Wort an Viktor Hugo ab, „Das allgemeine Stimmrecht", beginnt er, „das lebendige Recht habt. Ihr durch die Ausstoßung von drei Millionen Wähler verstümmelt. Was wollt Ihr von uns? Ihr verlangt die Revision der Verfassung? Und durch wen? Durch den Souverän? Was habt Ihr aus ihm gemacht? Die Verfassung ist durch das allgemeine Stimmrecht, durch die ganze Nation geschaffen worden, und ihr wollt sie durch das beschränkte Stimmrecht, durch einen bevorrechteten Bruch- theil der Nation abändern lassen? So lange das Gesetz vom 31. Mai nicht schlechterdings abgeschafft worden ist, so wie alle anderen freiheitsfeindlichen Gesetze von demselben Geist und derselben Tendenz habt Jyr nichts von uns zu erwarten. Die Minorität, auf ihr verfassungsmäßiges Recbt gestützt, wird unerschütterlich bleiben. Ich konnte fragen: wozu also diese Diskussionen? hat die Partei der Ordnung plötzlich Lust bekommen, Aufregung hervorzurufen, Zorn und Haß zu säen, Handel und G- schäfte zu stören, die Bankerotte zu vervielfältigen, das ganze Land zu beunruhigen ? Allein da ihr dies Urtheil einmal gefällt, wohlan! wir nehmen den Kampf an." Der Redner geht von der Grundbehauptang aus, daß die Angriffe Falloux S und Bcrryer'ö gegen die Republik der ganzen französischen Revolution gelten, und identificier beide vollständig. Er beschuldigt die Gegner der Ripublik, unter dem lügenhaften Namen d.er Monarchie die Vergangenheit hcraufbeichwö.cn und die Menschheit zurück- schreiten machen zu wollen, verspottet aber die Ohnmacht Vilser Anstrengungen, da die Republik allein das Recht sei, das, unterdrückt, dennoch bleibe, während die Monarchie nur als zufälliges Faktum existire, das, umge- stürzt, nur Ruinen hinterlasse, und sagt nun für die Zukunft ein großartiges Staalengrbände voraus, das den Namen der Vereinigten Staaten von Europa führen werde! Don den Legitimisten häufig an seine royalistische Vergangenheit erinnert, rächt sich der Redner plötzlich durch folgenden Ausfall, der von der Linken mit donnerndem Beifalle begrüßt wird, gegen Falloux und Berryer: „Ich weiß, daß meine Väter Royalisten waren, aber von jenen, Die sich im Auguibück der GJabr, nicht drei Jahre nachher, zu zeigen pflegten, die die Revolution bekämpften und nicht bestahlen, die sich nicht zum Fuchs vor dem Löwen machten, die den Bürgerkrieg wagten und nicht provocirten, die nicht, nachdem sie in Eurem Tage si.bemmdzwanzig
Mal: ES lebe die Republik! gerufen, als Mitglieder einer rcpuplikanischen Versammlung hernach ein schüchternes: Es lebe der König! stammelten." Die Unterbrechungen, die Ordnungsrufe, die leidenschaftlichen Ausbrüche aller Art waren während der Rede Victor Hugv's häufiger geworden, als bisher, und wurden es noch in weit höherem Grade, als er zur Kritik der Revision, soweit der Bonapartismus dabei betheiligt ist, überging. „Die Präsidentschafts-Verlängerung", meint Victor Hugo, „soll zum Consulat auf Lebenszeit, das Cönsulat zum Kaiserthum führen. Glaubt man etwa, weil wir Napoleon den G. vßen gehabt haben, müßten wir auch einen Napoleon den Kleinen haben?" Diese Aeußerung erregte auf den Bänken der Bonapartisten tobende Protestationen und ward vom Präsidenten Dupin mit der Bemerkung mißbilligt, daß der Redner nicht daS Recht habe, eine Candidatur, die gar nicht im Spiele sei, (!?) auf beleidigende Weise zu diScutiren. Eine nicht minder lebhafte Explosion, wobei sogar aufs Censur-Votum gegen den Redner angetragen wird, ruft folgende bittere Frage hervor: „WaS würde der Kaiser in seinem Grabe sagen, wenn er sein großes Reich durch Männer regiert sähe, die bei denbloßen Worten: Fortschritt, Demokratie, Freiheit! vor Schrecken platt auf die Erde fallen und das Ohr auf die Boden legen, ob sie noch nicht die russischen Kanonen in der Ferne grollen hören?" Die Minister erhoben^ sich alle heftig von ihrer Bank, konnten sich aber unter dem allgemeinen Lärm nicht vernehmbar machen. Victor Hugo ,uchte den Sinn feint Frage zu mildern und schloß dann mit einer begeisterte» Apotheose der Republik. Troy der späten Stunde, 7 Uhr, nimmt noch Falloux das Wort, um den Eindruck zu verwischen, den eine Erinnerung an die Hinrichtung deS Marschalls Ney unter den Bonapartisten bewirkt hat, und zugleich einiges Verbindliche für den Präsidenten der Republik hinzuzufügen. Da Falloux, der Monarchist, der Legitimist, von dem „großen Schalten- Neys deS Marschalls spricht, dessen Andenken Allen Schauer einflöße, so eiltciner der Söhne des Ma rschalls an den Fuß der Tribüne, um dem legitimistifchen Redner dankbe? die Hand zu drücken, was nicht geringes Aufsehen erregt. Zum Schluß rechtfertigt sich auch noch Falloux gegen die in Journalen verbreitete Auslegung seiner neuliche» Rede, als habe er mit den Kosacken drohen wollen, und ruft einem Moutagnarv zu, daß er in einem Club geäußert habe: „Ich will lieber die Kosacken in Paris sehen, als die Jesuiten." Wenn er vom Ausland gefprodK» habe, fügt Falloux hinzu, so habe er damit nichts Anderes be« absichtigt, als sein Vaterland von seiner wahren Lage in Kenntniß setzen zu wollen, statt ihm zu schmeicheln und eS zu betrügen, wie der Marschall Soult auch gethan habe, als er von der Deputirtenkammer die Summen zur Befestigung von Paris verlangte. Victor Hugo will noch antworten, allein die Versammlung geht aus duantcr, und ein Husfier setzt Victor Hugo in Kenntniß, daß der Präsident Dupin ebenfalls den Stuhl schon verlassen habe, womit die Sitzung, bis jetzt die lärmvollste, obschon politisch nicht die wichtigste, aufgehoben ist.
Kulturgeschichtsiches.
XIII.
(Fortsetzung.)
Ein Zweig, der in Deutschland eine ganz eigne Entwicklung genommen hat, ist die Druckerei und Schriftgießerei. Mancher Beobachter dürfte in den Typen Englands und Deutschlands zugleich den Typus beider Länder ausgeprägt finden. In England begegnen wir wieder dem massenhaften, einer Presse, die in kurzer Zeit eine Million Abdrücke des Katalogs zu liefern vermag, der vertikalen Presse, deren sich „Times" und „JUustrated London News" bedienen, den Vorrichtungen, um entsprechende Massen von Schriften herzustellen, und einer Menge sinnreicher Erfindungen, um den immer steigenden Ansprüchen der Ta- gespresse an Schnelligkeit, Wohlfeilheit und Massenhaftigkeit zu genügen. Die conccssionirte und belagerte Tagespresse Deutschlands ist leichter befriedigt; Kapital," Arbeit, Erfindung wenden sich weniger willig einem Industriezweige zu, dein das Leben so sauer gemacht wird dem gegenüber Gesetzgebung und Verwaltung so wenig Achtung vor dem Eigenthum haben, dessen Statur und Bedeutung von einem großen Theile des Volkes noch so wenig gewürdigt wird! Denn es ist gar nicht zu verkennen, daß die Regierungen weniger rücksichtslos verfahren müßten, wenn das Publik u m sich anders zur Presse stellte. Der deutsche Philister -
zu dem in dieser Beziehung Mancher gerechnet werden muß, der es sehr übel nehmen wird — glaubt genug gethan zu haben, wenn er das Abonnement bezahlt; oft thut er das nicht einmal, sondern leiht sich die Zeitung vom Nachbar. Dagegen hält er sich berechtigt, die übertriebensten und widersprechenosten Ansprüche zu erheben. Auf der einen Seite hat er in der Regel die sonderbare Vorstellung, daß Ein Mensch die Zeitung am Studirtisch zusammenschreibt, was doch kaum bei einem kleinen Lokalblatt durchzuführen ist, ahnt gar nicht, daß das, was so aus Einem Guß vor ihm erscheint, bei jeder erträglich redigirten Zeitung das Werk vielfacher, unmittelbar oder doch geistig as- focitrter Kräfte ist. Im merkwürdigen Widerspruch damit verlangt er aber, daß diese eine Person nicht nur ein lebendiges Konversationslerikon der Vergangenheit und Gegenwart sein, sondern auch Alles, was nur in einem Winkel des Landes vorgeht, richtig wissen und richtig beurtheilen soll. Er kann — und diese Neigung, lieber zu schwatzen als zu handeln, ist vielleicht die Hauptuntugend der Deutschen — er kann stundenlang bei der Taffe Kaffee oder dem Glase Bier darüber sprechen, was alles der Presse fehlt, aber er denkt nicht daran, eine Viertelstilnde lang die Feder in die Ha,ib zu nehmen und sein Schärflein von thatsächlicher Kenntniß. Erfahrung oder Urtheil beizusteuern Das Eincinal will er nur mit dem Manna seraphi- nischer Weisheit gefüttert sein und das Anderemal be
schwert er sich, daß sein Leichdorn nicht von der Presse gekannt und berücksichtigt wird. Der Engländer und Amerikaner, dem irgend Etwas im Staate oder in seiner Gemeinde nicht richtig scheint, der irgend eine interessante Beobachtung macht, der in der Presse irgend einen Irrthum oder eine falsche Aufstellung be. merkt, schreibt sofort einen letter to the Editor seiner Leibzeitung, ohne aber zu verlangen, daß sein Eingesandt in der nächsten Nummer paradirt, oder daß ihm gar ein verbindliches Dank- und Antwortschreiben zu Theil wird. Er überläßt es dem Editor, mit dem Scherfiein zu schalten, wie er will, und nimmt es nicht übel, wenn Interessen besprochen werden, die ihn nicht angehen, Dmge, auf die er sich nicht versteht, zufrieden mit dem Bewußtsein, daß auch seine Interessen an die Reihe koininen, wenn es Noth thut. Die von den Inhabern der Intelligenz und guten Gesinnung in Preußen zurecht gebraute Preßgesetzgebung hat vor dem Urth.il der civil ist teil Welt allerdings wenig Anerkennung gefunden; aber es ist nicht genua, darüberzujainmerii; das Volk kann nicht zu viel thun, um_ den Bureaukraten , die g rößtcntheils gar nicht wissen, was eine Zeitung ist, richtigere Begriffe und Rejpckt vor der Tagcspreffe beizubringen. Die oster- rèichische Regierung weiß besser, was eS mit der Jour- nalistick auf sich hat.
Da während des letzten Menschenalters nur etwa zwei Jahre lang in Deutschland freie Presse bestandet»