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Freiheit und Recht!"

^M ZE-A. Wiesbaden. Samstag, IN. Juli 1851.

DieFreie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Sogen. Der Abonncmentspreiâ beträgt vierteljährlich hier in Wiesbaden 1 fl. 45 ft., auSwârl« but^ die Post bezogen mit verhältnismäßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei der großen Verbreitung derFreien Zeitung" stets von wirksamem Er folge - Die JnserattonSgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile 3 fr.

Der Grundgedanke der Revolution deS neunzehnten Jahrhunderts."

X Proudhon, der kühne Denker und Prophet, der gern in Paradoxen, spricht, um das Volk zum Nachdenken aufzurütteln, hat am 15. Juli ein neues Buch herausgegeben ^ das myg man über den 3n» halt urtheilen, wie mau will schon vor seinem Er­scheinen durch einzelne ins Publikum gekommene Bruch­stücke großes Aussehen machte und von Freund und Feind gelesen werden wird. Die neuesten Blätter brin­gen einige Auszüge aus dem 350 Seiten starken Werke: Idée générale de la révolution du XIXmc siècle.

Um den politischen Standpunkt anzudeuten, wollen wir in Betreff der Ansichten von Cavaignac u. s. w.die Republik stehe über dem allgemeinen Stimm­recht," bemerken, daß Proudhon damit zwar vollkom­men übereinzustimmen bekennt, es jedoch lächerlich fin­det, daß diese Herren nicht der Konsequenz die Ehre geben, zu sagen:Die Revolution steht über der Republik!"

DieJiidkpedance" theilt heute folgende Stelle aus dem Kapitel:Disaolutiou du gouvernement dans lorganisme économique mit:

Es bleibt dem Katholicismus keine andere Wahl, als sich darein zu ergeben: das höchste Ziel der Revolution des 19ten Jahrhunderts ist, ihn abzu- schaffen. Ich sage dies nicht aus Unglauben oder Haß: ich war nie Freigeist (libertin) und ich hasse Nie­mand. Es ist eine einfache logische Schlußfolgerung, die ich hier ausspreche, oder ich könnte, da die Sache mich dazu bevollmächtigt, eben so gut schreiben: es ist eine Vorhersagung. Alles ist gegen das Prie- fterthuin verschworen, sogar der Pendel des Hrn. Foucaut! Wenn es der Reaction nicht mindestens ge­lingt, die menschliche Gesellschaft vom Scheijel bis zur Zehe, in ihrem Geiste, wie Körper, in ihren Ideen, Interessen und Tendenzen zu restauriren, so hat das Kirchenchristenthum keine fünfundzwanzig Jahre mehr zu leben; ja es vergeht vielleicht kein halbes Jahr- Hunvert mehr, daß der Priester nicht »pegen Aus­übung seines Kirchendienstes als Betrüger ver­folgt'wird. Herr Odilon Barrot hat sich dagegen vertheidigt, daß er gesagt hatte, in Frankreich sei das Gesetz atheistisch (quen France lo loi est athée) ; er hat seinem Gedanken eine andere Fassung gegeben. Doch Herr Odilon Barrot that sich Unrecht, als er sich verbesserte, denn der Gesetzesatheismus ist der erste Artikel unseres Staatsrechts. Sobald der Staat sich gegen die Annahme eines Dogmas verwahrt, fällt er aus dem Glauben, leugnet er Gott und die Religion. Es ist dies allerdings ein Widerspruch in sich selbst, ich weiß das wohl; aber dieser Widerspruch ist wirk­lich und es liegt darin nicht der kleinste Sieg des Re- volutlonsgeistes. Die Religion ist keineswegs ein Zu­stand des allgemeinen unbestimmten Gefühls; sie ist

entweder positiv, dogmatisch, bestimmt, oder sie ist nicht Religion. Und dies ist der Grund, wes­halb Jean Jacques Rousseau, Bernardin de St.-Pierre, Jacobi u. s. w., was sie auch einwenden mögen, eben so gut Atheisten sind, wie Hegel , Kant und Spinoza." Die Extreme berühren sich! Es ist dieser Standpunkt, auf welchem Proudhon dem Katholicismus und dem Kirchenchristenthume den Un­tergang prophezeiht, genau derselbe, von welchem aus der Bischof Ketteler in seinem Hirtenbriefe, von welchem aus überhaupt der Ultramonlanismus erklärt: Wer nicht bis zu den äußersten Konsequenzen des Tri- dentinums mit uns geht, wer nicht alle Dogmen und Satzungen der römischen Kirche für wahr hält und be­folgt, der ist kein echter Katholik, und wir haben ein Recht, es ihm zu sagen!"Ihr habt ganz Recht", antwortet Proudhon,ihr seid wenigstens konsequent! doch eben diese Konsequenz ist das Todesurtheil eures Katholicismus; denn ihr müßt entweder die ganze Menschheit zurückschrauben in die Zeiten, wo eure Dog­men die Ueberzeugung aller Katholiken waren, wo die orthodore Kirche der Geist des Jahrhunderts war, oder ihr seid verloren; nun ist es aber eine That­sache, daß die Grundideen und Erfahrungen des 19. Jahrhunderts gegen diese eure Religion sind, folglich ist es eine einfache logische Schlußfolgerung, daß eure Sache eine verlorene ist und daß diejenigen, die ihr ganz mit Fug von eurem orthodoxen Standpunkte aus Atheisten nennt, die I. I. Rousseau, Kans, Hegel und Spinoza, weil sie eben die Heroen des Bewußt­seins des 19. Jahrhunderts sind, Recht behalten wer­den."

Preußen und das Junkerthum.

& Wir brachten in einer unserer legte« LArnrrrr-ro mehrere Urtheile rheinischer konservativer Blätter über die Junkerrevolution, welche jetzt in Preußen vor sich geht. DasEreigniß" ist so folgeschwanger, daß die Debats", das Organ der konservativen Interessen des Festlandes par exceljance, eS für nöthig- hielten, dèn Vorgängen in Preußen zwei große Artikel zu widmen, die, weil sie bis auf einige unerhebliche Un­richtigkeiten den Nagel auf den Kopf treffen, an der Spree, wie am Rheine großes Aufsehen gemacht haben.

In dem ersten dieser Artikel heißt es:

Die Ernennung des Herrn v. Kleist-Retzow ist an und für sich ein sehr bedeutsames Ereigniß. Sie zeigt auch in der inneren Verwaltung einen neuen Fortschritt der Richtung, welche sich seit der Sendung des Herrn v. Bismark-Schönhausen nach Frankfurt auf dem diplomatischen Gebiete bereits stark kund ge­geben hatte. Die Minorität der äußersten Rechten ist es, welche in der inneren wie in der äußeren Politik die Zügel in Händen hält und allmählich das Mini­sterium des Herrn v. Manteuffel überfluthet. Das Mi­

nisterium ist zum wenigsten sehr getheilt; in dem Maße, in welchem es sich von seinem Ursprünge entfernt, modifizirt es sich mehr und mehr im Sinne der Ul­tras, die es so lange belagern und zerstückeln, bis sie es gänzlich beseitigt haben. Herr v. Manteuffel, wie­wohl Minister-Präsident und wiewohl persönlich durch die Erinnerung an die von ihm geleisteten Dienste empfohlen, hat doch bei Weitem nicht den überwiegen­den Einfluß, der ihm, wie man glauben sollte, seiner Stellung nach zukommen müßte. Der Minister des Innern, Herr v. Westphalen, und der Minister deS öffentlichen Unterrichts, Herr v. Raumer, vertreten im Schoße des Kabinettes eine von der Richtung des Minister-Präsidenten sehr verschiedene Schattirnng und halten diese Scheidung mit einer Hartnäckigkeit fest, welche Herrn v. Manteuffel mehr als einmal zur Nach­giebigkeit gezwungen hat. So läßt er die Rundschrei­ben vom Mai trotz seiner Versicherung, daß dieselben nur einen provisorischen Charakter trüg en, durch Män­ner ausführen, welche etwas darin suchen, sie als de­finitiv zu betrachten, und die offen erklären, durch diese Rundschreiben das konstitutionelle System los gewor­den zu sein! Herr v. Kleist-Retzow am Rhein und Herr v. Bismark-Schönhausen zu Frankfurt sind nur die vorgeschobenen Posten derKreUzzeitungs-Partei." Diese Partei begnügt sich jetzt noch in Berlin mit dem geheimen Einflüsse, den sie ausübt. Diese frommen Royalisten, die noch royalistischer als der König selbst sind, finden noch ihre Rechnung dabei, mehr im Stil­len als öffentlich zu herrschen; aber sie versäumen es nicht, sich die wichtigsten Posten von Herrn v Man­teuffel übertragen zu lassen, und der Tag wird vielleicht bald genug kommen, wo sie im Stande sein werden, den stinigen zu begehren. Wir fürchten in der That, daß man an jenem Tage Herrn v. Manteuffel als Revolutionär anklagen wird, wie das jetzt das Schick- 4»!. Se sperret VL Stahomlfc. ist, lind ivit ViU? VCt 3tfT6C nach Graf Schwerin, v. AuerSwald, v. Beckerath und so viele Andere erfahren haben. Was kann nur eine Partei, die für konservativ gelten will, damit gewinnen, daß sie die Revolution in so gute Gesellschaft bringt? Nichts desto weniger jubelt dieKreuzzeitung" aus vollem Herzen. Sie genießt bekanntlich des Vertrauens in hohen Regionen; in Mitte der sich vorbereitenden Gährung scheint sie sich so sicher wie möglich zu fühlen. Sie nimmt keinen Anstand, zu bekennen, daß ihre Jüngerin der Minderheit sind ein seltsames Ge- ständniß im Munde von Leuten, welche regieren; aber sie schwört, diese Minderheit sei die gute Herr­scherin, weil sie die Tugend für sich habe!? Herr v. Gerlach, der ausgezeichnete Journalist derKreuzzeitung", der Freund des Königs von Preußen, raisonnirt un­gefähr wie unsere Februar-Sieger: 'Frankreich ist noch nicht reif, sagten diese, in unseren Händen wird cs reif werden!Preußen, ruft Herr von Gerlach aus, will keine Wiederherstellung der Stände. Weßhalb? Weil es das Gefühl der alten Treue verloren hat.

AM. SechSzehn Lieder an Marie

(Schluß.)

XV.

Elegie.

Frühling wird's, ob die Dächer anch'weiß von dem Schnee noch erglänzen !

Sonnn«, dein'wärmender Strahl löset zu Tropfen ihn auf. FrühllnÄ wirv's, bald vernimmst d» der Lerche fröhliche» Tiller, Und in der grünenden Flur keimte das Veilchen schon auf. Frühling wird'S, und es brennt die Natur mit heißem Verlangen, Glühend Dich zu mnfah'» göttergeborener Sohn.

Frühling ist e» aud^je^t in meinem Herzen geworden , Sengende Thränen erglüh'» mir au« dem Eise der Brust. Hast Du, o^enzeSsonne, die kalte Decke geschmolzen, Die wie ein' Dornengeflecht fest mir die Seele umgab ?

Hat Dein erwärmender Strahl sich hinein in die Prust mir geschlichen, Heimlich und unvermerkt, still wie ein Dieb in der Nacht? Sei mir gegrüst, o Sonne, die neu die Natur Du belebtest, Sanft ihr Leichentuch nimmst der verjüngten hinweg ! Dreimal/aber sei Du mir gegrüßt, o liebliches Mädchen, Die meinem Herzen den Lenz singend und klingend gebracht!

Einst war esjöd' und still', da schwiegen alle die Lerchen, Und keine kNachtigalftsang traut au« dem Busche hervor. Traurig senkten die Blümchen ihr Haupt, daS müde, gefror'ne, Und keines/Käfer« Gesumm' füllte die Lust in dem Thal.

Siehe da kam sie herab von dem Himmel, die Holde, die Schöne,

Und ihr entgegen laut wirbeln die Lerchen im Chor;

Und aus dem dunklen Gebüsche da drang ein lockendes Schlagen : Du, Philomele, Du riefst sehnend das Weibchen herbei!

Und es erhoben ihr Haupt, das gesenkte, die goldenen Blumlein, Hauchten mit würzigem Duft glühend die Herrlich« an; Rings Leuchtkäfer im Glanz umschwirrlen ihr liebliche« Antlitz, Und ihr melod'scheS Gebrumm füllte die Luf in dem Thal.

Bleibe, geliebte« Mädchen, erhöre di« glühende Bitte, Herrliche Jungfrau Du, bleibe, ach bleibe bei uns!

WaS doch ist es, o Kiud, das die Seele mir also bewegt«, DaS mit alfmâcht'ger Gewalt fesselt mich immer zu Dir? Ist'« Dein Antlitz so hold, mit den wonnigstrahlenden Augen, Die von der Wimpern Zier, wie einem Schleier »mhângt? Die es verrathen uns möchten, der innersten Seele Geheimniß, Und wieder scheu dann doch bergen da« Fühlen der Stuft?. Sind eS die Locken von Seide, die dunkelglâiizenden Locken, Wenn um den Hals und die Brust üppig sich ringelt ihr Schwall? Ist'« Deiner Stimme melodischer Klang, der Reiz Deines Mundes ? Jst's Dein Gelächter so rein, kündend das schuldlose Herz? Ist'« Deine liebe kleine Gestalt voll kindlicher Anmuth, Wenn des Gewandes Wurf sanft um die Formen sich schling?

Schön ist Dein Antlitz, schön auch sind Deine strahlenden Augen,

Schön Deiner Locken Geflecht, schön Deiner Stimm' Melodie, Schön ist Deine Gestalt, voll lockenden Reizes die Lippen Schöner, als all daS doch, schöner noch ist mir Dein Herz!

Einst, wenn die Jahre vergeh'», und der Jugend Reize ver­welken ,

Und wenn der Sorgen Heer Furchen in's Antlitz Dir grabt; Wenn in die schimmernden Locken sich mischt ein schneeigtc« Hârtein, Wenn Däne Glieder zum Tanz nicht mehr verlangend Dir glüh'u; Wenn der Bewerber Sch«ar schon längst in die Wind« zerstöbe». Und von Allen gefammt Einer, ach Einer nur blieb: Dann noch wirst Du geliebt ob des Herzens schutvlofer Remr, Ja und ein neues Geschlecht preist diesen ewigen Schatz! Ewig ja ist ein Gemüth, das keusch, wie die Röth« ses MorAens , Ewige Jugend verleiht, Seele, Dein herrlichster Reiz.

Liebendes Mitgefühl, and deS Herzens zarte« Euipfinde» Flechten Dir um die Stirn' einen unsterblichen Kranz!

Dort, wo das Herz in der Brust mit dem Loose der Brüder «rzitt«t, Und wo ihr Elend und Gram selber beklommen Dich macht;

Wo Dich verachtend erfüllt jedweder gemeine Charakter,

Wo für daS Kleinliche nur leise sich reget der Spott;

Wo für daS Heilige nimmer das sanftere Fühlen verschlossen, Wo auch den häuslichen Sinn Liebe des Bluts Dir gespart: Dort geziemt es der Seele wohl frei empor sich zu schwingen Ueber das irdische Thal auf zu dem göttlichen Licht;

Dort ist das Ewige stets Die nah, und liebliche Engel Harren geöffnete» Arms, hold zu empfangen die Braut. Sei mir gegrüßt darum, Du Gemüth voll Anmuth und Würd« Denkens lichter Sinn, doch fei auch Du mir gegrüßt!

Eine« will aber jetzt Dir ich klagen und wenn Du'« v«rnon>m«ir. Sollst Du mir deuten, warum Du mir mit Zagen uah'ü! Hab ich denn schwer, ach schwer, mit Fehle belastet die Seele?