„âeitzeit und Recht!"
M l€i§ Wiesbaden. Freitag, 18. Juli 1881
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Das göttliche Recht.
X „Niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche!" tief der Weiseste der Weisen seinen Gegnern zu; doch sie hörten nicht auf ihn und deshalb verfielen sie der Strafe der Verstocktheit.
„Niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche!" d. h. nur die krasse Unvernunft wähnt uene, weltum- gestaltende Ideen in alte Formen bannen zu können. Nichtsdestoweniger hören wir täglich diesen Unsinn von den Neunmalweisen als das Wunderclerir anpreisen, das allein die Welt vor Revolutionen retten könne.
Am Montag begann die Revisionsdebatte in der französischen Nationalversammlung. Da das Resultat so gut wie gewiß ist, so haben die Verhandlungen nur die Bedeutung, daß sie uns die Pläne und Ziele, die Gedanken und die Sophistereien der Parteien wieder einmal recht lebhaft veranschaulichen.
Was sagen die Monarchisten? Fallour, der fromme Gottesmann des Prätendenten von Gottesgnaden, rief den Vertretern des Volkes zu, eine unmittelbare Total- revision sei nöthig; und weshalb? Zur Vermeidung der Anarchie und des Kampfes zwischen der russischen und der revolutionären Barbarei; nur durch die Monarchie könne eine allmälige Vereinigung der Parteien herbeigeführt werden; deshalb: „Beeilt euch, revidirt!" So sagen, doch was wollen diese Monarchisten? Anarchie ist ihnen jede Idee, welche gegen die alte Gottesgnädigkeit verstößt; Anarchie ist ihneü die Volks- fouveränität zumal : Sie wollen keinen Kampf der Parteien, weil sie wissen, daß sie dabei den Kürzeren ziehen würden; sie wollen kein reges Leben, weil dieses der natürliche Todtengräber ihrer todten Endzwecke ist; sie wollen eine allmälige Abtödtung der politischen Entwicklung und dies nennen sie „die allmälige Vereinigung der Parteien." Auf dem Kirchhofe liegen alle Parteien ruhig nebeneinander: ist der Staat zum Kirchhof geworden,' so ward er dadurch zugleich zum Fried- Hofe und diese Todtenfriedhofsruhe ist das Ideal aller i politischen Chinesen von Peking bis. Lissabon! Aber sind die Völker so sterbelustig? Man macht ihnen das Leben zwar sauer genug; doch nichtsdestoweniger hatte Cavaignac Recht, als er dem frommen Fallour zurief: „Die Nation ist gegen das göttliche Recht!" Die Völker wollen leben, sie glauben an die Göttlichkeit des Lebens. Das erste Hauptstück ihres christlichen Glaubens lautet: „Unser Gott ist kein Gott der Todten, sondern ein Gott der Lebendigen!" Und an dieser mehr nnd mehr alle Sckichten^dcs Volkes durchdringenden Ueberzeugung werden die ^Sophistereien der Schriftgelehrten und Pharisäer heute zu Schanden werden, wie sie es damals wurden, als das neue Heil den Völkern verkündet ward.
Die Monarchie von Gottes Gnaden wird nie lieber die Ueberzeugung der Mehrheit der Franzosen werden, selbst wenn sie der Nation noch einmal als Joch aufgelegt werden sollte; denn sie hat den Fluch über sich 'heraufbeschworen: „Ein fauler Baum wird abgehauen und ins Feuer geworfen!" Nicht die Revolution hat den Thron gestürzt: der Thron hatte sich in dem Momente unmöglich gemacht, als er Alles verbraucht hatte, was ihn stützen konnte, nachdem er Adel nnd Klerus in seinen Fäulnißprozeß hineingezogen und zwischen Regierung und Volk eine Kluft befestigt hatte, in die entweder der Thron oder die Nation hineinstürzen mußte. In Spanien war es die Nation, die dem Hofe geopfert wurde; in Frankreich war es der Thron, an dem sich in der entscheidenden Stunde das Recht des Stärkeren bewährte. Und nun die Nation in den letzten 60 Jahren so kolossal gewachsen und der Hof von Versailles zum Frohsdorfer Prätendentenhöfchen zusammengeschrumpft ist - jetzt sollte der erwachsene Niese sich vor der Macht wieder demüthigen, die er in der Wiege schon mit einem Ruck bis über die Landesgrenzen hinausschleuderte? Das göttliche Recht ist nur ein Zauber für den, der daran glaubt; mit dem Glauben an dasselbe, ist die Wundermacht desselben dahin! Hat Cavaignac mit Recht gesagt: „Die Nation ist wider das göttliche Recht!" so hat das gött- liche Recht für Frankreich aufgehört zu eristiren.
D e n t s eb l a n d.
*§* Aus dem untern Rheingau, 16. Juli. Die Kornerndte hat bei uns allgemein begonnen, ist aber durch das Regeuwetter unterbrochen worden. Die Kirschenerndtk 'ist nicht sehr reichlich ausgefallen: da.
gegen zahlen die niederländische Obsthändler für jedes Pfund sogenannter „Herzkirschen" einen Silbergr., ein Preis, der lange Zeit nicht mehr dagewesen ist und den geringen Ertrag vergessen macht. So erwünscht ein warmer Regen für die Feldfrüchte sein kann, um so ungünstiger ist ein kalter Regen für unsere Trauben. Dieselben haben allenthalben noch nicht einmal verblüht und gewinnt die betrübte Ansicht bei so rauhem Regenwetter immer mehr Festigkeit, daß der heurige Herbst jedenfalls sehr schlecht ausfallen und noch mehr Ueberfluß an sauerem Weine haben wird, als der 1850er, den man allster die Maas zu 7 kr. über die Straße verzapft. Dem Winzer, dem auf die Weincreszens allein beschränkten Bürger, schwindelt es, wenn er solcher Zukunft entgegensieht!
(K) Von der Lahu, 13. Juli. Es ist schon einigemal in diesen Blättern das Oraniensteiner Volksfest und die Betheiligung des Vereins nassauischer Land- und Forstwirthe an demselben zur Sprache gekommen. Wir glauben der Wichtigkeit halber den uns bekannten dermaligen Sachverhalt öffentlich und unparteiisch besprechen zu müssen, denn es scheint überhaupt, als wollten die im Namen beider Vereine handelnden Personen eine Einigung nicht zu Stande bringen. Es scheint uns, als wenn auf einer Seite Furcht vor Schmälerung der bisherigen Würde, auf der anderen Seite die Furcht einer Verschmelzung mit au gewissen Orten nicht gern gesehenen Elementen, der von den mehrsten Mitgliedern beider Vereinen gewünschten Einigung hinderlich sei. So brachte die Nr. 152 d. Bl. einen Artikel, d. d. Limburg, den 15. Juni, dessen Verfasser, wie es scheint, weit lieber ein Schisma, als eine Einigung herbeizuführen sucht, denn er enthält Beschuldigungen, die den mit der Sache bekannten Leser in Erstaunen setzen, weil die Darstellung der Art ist, um das Abbrechen aller Einigungs-Verhandlungen herbeizuführen. Wir freuen uns nur, daß jener Artikel, wie wir vernommen, nicht der Ausdruck des Comites, sondern höchst wahrscheinlich nur einer einzelnen Person ist; so haben wir kürzlich aus guter Quelle vernommen, daß der. Vorsitzende des Vereins für vaterländische Arbeit und Bildung eine Vorstellung bei dem Limburger Kreisbezirks' rath, die Befürwortung bei Herzoglichem Staatsministerium, einen Zuschuß zur Bestreitung der Kosten für das Volksfest betreffend, eingereicht hat, worinnen des Vereins nassauischer Land- und Forstwirthe in einer Art erwähnt wird, die ebenfalls nicht geeignet sein soll, eine Einigung herbeizuführen. Hier auf dem Lande wünscht man sehr, daß bas Festkomite mit mehr Energie die Sache betrieben, so wie den unautorisirren Handlungen Einzelner besser entgegentreten möchte. — Weiter wünschten wir aber auch, daß bas Direktorium des Vereins nass. Land- und Forstwirthe seine Eini- gungsbedingungen derart reduzirte, daß der Vorstand des Limburger Vereins, ohne dem von ihm vertretenen Verein den Todesstoß zu geben, darauf eingehen könnte; denn auf die letzten Forderungen, den landwirth« schaftlichen Theil ausschließlich, und Gleichberechtigung in allem Uebrigen, kann der Limburger Verein nimmer eingehen. Wir glauben, daß der landwirthschaftliche Verein, wenn er allein die Landwirthschaft und im klebrigen die Berechtigung, wie jede andereeinzelne Abtheilung hat, einen vollständigen Wirkungskreis erhält; sollte es aber wahr sein, was wir bis jetzt nicht glauben, was aber als Gerücht zirkulirt, daß der landwirschaftliche Verein deshalb solche Fordernngen stelle, um keine Einigung zu Stande zu bringen, weil man an gewissen Orten glaube, der Limburger Verein werde bald auseinanderfallen, und alsdann könne der landwirthschaftliche Verein aus dessen Trümmern seinen Bau nur erweitern, so möge die Rechnung nur nicht vor dem Wirth gemacht werden; denn wir glauben die Stimmung hiesiger Gegend sehr gut zu kennen, und dürfen mit Bestimmtheit behaupten, daß der Verein, welcher beschuldigt werden kann, die Einigung nicht gewollt zn haben, wenn nicht alles, doch sehr vieles hier verlieren wird. Es wäre im Interesse der Lanbwirthschaft, sowie des Gewerbestandes sehr zu wünschen, daß die Mitglieder beider Vereine ernstliche Vorstellungen an ihre Vorstände richteten, damit das so sehr gewünschte Ziel erreicht würde und daß man statt aller andern Rücksichten die Sache nur im Auge behält.
/X Dillenburg, 16. Juli. Ich theile Ihnen nachfolgend ein Verzeichniß der Anklagen mit, welche bei den mit dem 27. d. M. beginnende» Assisen des dritten Quartals 1851 zur Verhandlung kommen:
1) Den 3t. Juli Elisabethe Knetsch von Wallen
dorf, Justiz-Amts Herborn, wegen ausgezeichneten Diebstahls; Staatsanwalt: Lautz; Vertheidiger: Braun.
2) Den 22. Juli Wilhelm Friedrich Jung von Wölferlingen, Justiz-Amt Selters, wegen Nothzuchts- versuchs; Staatsanwalt: L a u tz; Vertheidiger : B r a u n.
3) Den 23. Juli Joh. Ludwig Bäcker von dec Hohensainer Mühle, Justizamts Hachenburg, wegen Verbreitung falscher Schwarzburgischer Caffenbillets; Staatsanwalt: Schröder; Vertheidiger: Braun.
4) Den 24. Juli Matthias Lanztus von Octzin- gen Justizamts Montabaur, wegen Nothzuchtsversuchs und Gewaltthätigkeit; Staatsanwalt: Schröder; Vertheidiger: Braun.
5) Den 25. Juli Johatin Schaaf von Rennerod, wegen Verletzung des Offenbarungseides und Vervor- theilung seiner Gläubiger; Staatsanwalt: Lautz; Vertheidiger: Keller.
6) Den 26. Juli Philipp Heinrich Müller von Aulenhausen, Justiz-Amts Weilburg, wegen Mißbrauchs eines Kindes zur Unzucht; Staatsanwalt: Schröder; Vertheidiger: Braun.
7) Den 28. Juli Wilhelm Arnold von Wasenbach, Justiz-Amts Diez, wegen Schriftfälschung; Staatsanwalt: Schröder; Vertheidiger: noch nicht bestimmt.
Es ist ein schlimmes Zeichen für die seiner Zeit so ruhmreich ausposaunte „Sittlichkeit" unseres Assisen- bezirks, daß sich unter den Fällen drei wegen Nothzucht finden, welche bei geschlossenen Thüren verhandelt werden.
Im nächsten Herbst (Oktober) steht eine sehr lange dauernde Assisenverhandlung bevor, hauptsächlich anqe- füllt mit Münzverbrecheu und Meineiden, — beides Produkte unserer glorreichen politischen Zustände, in welchen Papier die Stelle von Geld vertritt, und ein Eid wenig mehr wiegt, als jed' ander Wort.
Wiesbaden, 16. Juli. In der heutigen öffentlichen Sitzung des Caffationshofs wurde die Nichtigkeitsbeschwerde des Andreas Luhn von Cronberg, welcher von dem Assisenhofe dahier wegen im Complott mit Friedr. Schrodt und Genossen verübten ausgezeichneten Diebstahls zu fünfjähriger Zuchthhausstrafe ver» urtceilt worden ist, verworfen.
△ Wiesbaden, 16. Juli. In der Untersuchung gegen Anton Rompel 2r. von Oberursel hat sowohl die Staatsbehörde als der Affgeklagte gegen das Verweisungserkenntniß des Criminalsenats des H. Hof, und Appcllationsgerichts dahier die Nichtigkeitsbeschwerde erhoben, und hat der H. Caffationshof Termin zur öffentlichen Verhandlung der Sache auf Freitag den 1. August, Morgens 9 Uhr, im Sitzungszimmer des H. Oberappellationsgerichts anberaumt.
* Wiesbaden, 17. Juli. Herr v. Manteuffel hat sich jetzt ganz der Junkerpartei ergeben. Das „Corr.- Bür." meldet ausdrücklich, daß der Ministerpräsident selbst die Ernennung des Herrn v. Kleist-Retzow beantragt habe. Zugleich erklärt die Kreuzzeitung, „daß die „Preuß. Ztg." unter den obwaltenden Umständen nicht mehr als Organ des Gesammtministeriums, sondern nur als Werkzeug eines bestimmten Bruchtheilö desselben betrachtet werden könne." Dieser Brnchtheii wird demnächst also noch ausscheiden müssen, um zu einem ganz reinen Junkerkabinet zu gelangen- Ob in einem solchen Herr von Manteuffel trotz a liebern möglich sein, oder ob es heißen wird: „Der Mohr hat seine Dienste gethan — der Mohr kann geo»!" ist eine andere Frage, die von den Umständen abhanden wird. Denn das muß man der Junkerpartn lassen, sie befolgt den Parteigrundsaß: „Wer nicht mit uns ist, ist wider uns!" bis zur äußersten Schroffheit. Die Demokratie erhält auch in dieser Beziehung durch die Junker eine Lehre, die dereinst ihre Früchte tragen wird.
$ Wiesbaden, 17. Juli. Jetzt heißt es, Bad Ischl sei im Laufe der Saison vorzugsweise zu dynastischen Konstrenzen auSersehen, und Dié Bundesversammlung werde im August mehrwöchemliche Ferien an treten.
Darmstadt, 15. Juli. (M.Abdp.) In Der heutigen Sitzung sind die längst erwarteten Gesetzentwürfe über Wiedereinführung der Todesstrafe und Beschränkung der Schwurgerichte von der Regierung eingebracht worden, und haben darum keine besondere Ueberraschung hervorgerufen. Was aber auffallend ist und eine g^ rechte Verwunderung erregt, das ist der Umstand, daß die Gesetzentwürfe heute von denselben Personen ein- gebracht werden, die in den Jahren 1848 und 181!) als Regierungskommissäre fungirten und als solche ge