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M 163 Wiesbaden. Samstag, 12. Juli 1851

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Einfache Geschichten aus unsern Tagen.

# Wir wollen statt eines Leitartikels heute unsern Lesern einmal ein einfaches Bild aus unseren Tagen mittheilen, mittheilen ohne jeden Kommentar, doch mit der Bitte, es zweimal zu lesen und zu bedenken, was jetzt unter des durchlauchtigsten deutschen Bundes und Hassenpflugs Panier Recht und Gerechtigkeit ist und welche Früchte es tragen wird, wenn die Verwirrung der Gewissen so weiter geht.

Lieutenant v. X., erzählt dieDtsche. Reichsztg.", war einer der glücklichsten Offiziere in der kurhessischen Armee. Er war geachtet von seinen Kameraden, der Stolz seiner Familie. Eine heißgeliebte, liebenswerthe Braut, die Tochter eines wackeren Oberoffiziers, sollte ihm bald als die Gefährtin einer glänzenden Zukunft ganz angehören. Liebe und Ehre hatten ihre schönsten Gaben an dem Jüngling verschwendet.

Da trat in Kürhessen die Katastrophe ein, welche das gesammte Ofsiziercorps, mit Ausnahme von 14, nöthigte, um den Abschied zu bitten. Man halte Un­ehrenhaftes, Unmilitärisches von ihnen gefordert. Eine Reihe von seltsamen, unmilitärischen Proceduren hatte ihr Gewissen beängstigt, ein zum Oberbefehlshaber er­nannter, aus kemPenstonsstande hervorgegangener Greis andere Offiziere waren nicht brauchbar befunden hatte mit seinen Anreden Tagesbefehlen tu dgl. ihnen deutlich verrathen, daß sie zu Verbrechen gegen das Vaterland mißbraucht werden sollten, die Aussprüche ihrer Miliârtribunale hatten ihnen keinen Zweifel darüber gelassen, und durch die brutale Auflösung dieser Tri­bunale war das Peinliche ihrer Lage auf die höchste Spitze getrieben. Sie mußten es endlich als eine be­sondere Fügung betrachten, als ihnen der Oberbefehls­haber selbst den Weg zeigte, sich aus dieser Lage mit Ehren zu befreien, indem er diejenigen, welche Ge- wissensscrupel hätten, durch Tagesbefehl aufforderte, ihre Entlassung zu nehmen. Glaubte der Oberbefehls­haber wirklich nicht an ihre Gewiffensscrupel: oder dachte man so gering von ihrer Ehre, um die gemeine Sorge wegen der äußeren Existenz für mächtiger zu halten, als die Stimme des Gewissens? Wie dem auch sei, die sämmtlichen Offiziere, die ältesten wie die jüngsten, bedachten sich nicht, jener Aufforderung zu folgen. Ohne Verabredung, Jeder für sich, reichten in ben folgenden Tagen vier Generale, 7 Obristen ,20 Oberstlieutenants, 12 Majore, 59 Hauptleute und Ritt­meister, 50 Premier-, 89 Secondelieutenants ihren Ab­schied ein. Nur eine kleine Clique, meist aus der Ver­wandtschaft des Ministeriums Hasseupflug, hatte sich, wie man wußte, abgeschlossen. Bildete sie doch schon, seit lange eine besondere, abgeschlossene, ihren Kame­raden hochmüthig gegenüberstehende, der Verfassung offen entgegenstehende Partei.

Sonst konnte man zwar von keinem Offizier be­stimmt wissen, ob er seinen Abschied eingereicht, indeß

verstand sich dies von selbst und Keiner hatte dessen Hehl.

Auch Lieutenant v. X. nicht. Wie hätte er sich sonst vor den Seinen, wie hätte er sich vor seiner Braut und vor dem alten Haudegen, ihrem Vater, sehen lassen dürfen, der dem heillosen Treiben schon längst mit stillem Ingrimm und lauten, althessischen Flüchen zugeschaut hatte? Für ihn stand es so fest, wie der Himmel, daß sein Eidam, der ja das Herz auf dem rechten Fleck hatte, nur da stehen könne, wo alle ehrlichen Kammeraden standen.

Freilich, mit der Hochzeit war es vorläufig noch nichts und der brennende Ehrgeiz des jungen Herrn mußte vielleicht auf seine Hoffnungen verzichten. Aber was thats, trugen doch Alle an dem gemeinsamen Schicksal: alte Veteranen, die jetzt in ein hülfloses Lager gestürzt waren, bedürftige Familienväter, die mit ihren Kindern vielleicht am 2. schon hungern muß­ten, wenn am 1. der Sold ausblieb. Und doch fühl­ten sich Alle leicht und wohl. Am glücklichsten war die junge Braut, welche mit verdoppeltem L-tvlze auf ihren Geliebten blicken durfte, der ihr sagen konnte, daß er der Stimme des Gewissens die schönste Zu­kunft zum Opfer gebracht habe. Die Truppen wur­den in entfernte Cantonnements an die bairischen rc. Gränzen gelegt. Niemand wußte, was aus ihnen wer­den sollte. Die Offiziere nahmen^ Abschied von den Ihren, auf lange Zeit, vielleicht für immer. Auch Lieutenant v. X. mußte mit schwerem Herzen scheiden.

Nur seltene und dürftige Kunde von ihrem Loose kam zu ihren Familien nach Kassel und den übrigen Garnisonsorten. Man erfuhr, daß es ihnen so uner­träglich als möglich gemacht, und daß die mannich- fachsten, wiewohl vergeblichen Versuche angestellt seien, sie zur Zurücknahme ihrer Abschiedsgesuche, zu Demon­strationen der Reue u. s. w. zu bewegen. Man er­fuhr endlich, daß das Häuflein der Getreuen, welche den Abschied nicht gefordert, zu Wilhelmsbad herrlich und in Freuden lebe und r,'mHâ»-»mäum begnadigt sei, eine Dekoration, welche schon in den nächsten Ta­gen einem ihrer Träger in Frankfurt in einem der Gasthäuser den Ausdruck des öffentlichen Unwillens zuzog. Seitdem sind Alle, welche bei der Vernichtung des Rechtszustandes in Kurhessen betheiligt sind, mit diesen Orden gezeichnet worden; selbst die ebenfalls dekorirten bairischen" Offiziere sehen sich dadurch in große Verlegenheit gesetzt; mit welchen Augen man sie aber im Lande betrachtet, wird Jeder errathen.

Die zu WilhelmSbad erscheinende Zeitung Haffen­pflugs brachte neulich das Verzeichniß der ersten De- korirten. Man wußte, es waren Diejenigen, welche den Abschied nicht gefordert. Man kannte sie schon und würdigte das Verzeichniß kaum eines Blickes.

Große Ueberraschung erregte es nun in der gan­zen Stadt, auf dieser Liste auch den Lieutenant v. X. zu finden. Außer Stande, seinen Ehrgeiz oder was ihn sonst abhielt, zu überwinden, hatte der Unglückliche

eine doppelte Rolle vor der Welt gespielt. Dem Ge­walthaber hatte er sich gefügt, seinen Bekannten, Kame­raden und Freunden, seiner Familie, seiner Braut hatte er das Gegentheil versichert!

Die Arme! Wer möchte sich gern solche Augen­blicke ausdenken, wie der war, wv das Blatt mit den Ordensernennungen wie ein giftiger Hauch in den stillen Frieden dieses Hauses drang. Wir gehen mit­leidig darüber hinweg. Ob und welchen schriftlichen Verkehr der alte Herr rmd seine Tochter noch mit Herrn v. X. gepflogen haben, ist unS nicht bekannt worden.

Nachdem dieBundeserecutionsarmee" nach einem glorreichen Siege ohne Kampf ihren Einzug in Kassel gehalten, wurden allmälig die kurhessischen Truppen wieder in ihre Garnisonsorte zurückverlegt. Unter den ersten befand sich auch das Regiment, welchem Lieute- nant v. X angehörte. Das Publikum hatte ihn wieder vergessen, doch fiel er jetzt der zuschauenden Menge wieder auf, sowohl durch seinen Orden, als wegen seines verstörten und gramerfüllten Aussehens. Als die Truppen auf dem Friedrichsplatze augekommen waren, nm Parade zu machen, stürzte ein Offizier plötzlich vom Schlage gerührt zu Bode» und wurde als todt hinweg- gebracht. Es war der Lieutenant v. X. Man sagt, er habe hinter einem Fenster die Gestalt seiner Braut gesehen.

Lieutenant v. X. ist vor einiger Zeit an den Fol­gen des Schlagfluffes, zu dem sich Dlutstur; und hitzi­ges Fieber gesellten, gestorben. Die Braut hat ihn gepflegt und ihm den Heimgang leichter gemacht. Friede seiner Asche, und keinen Stein auf das Anden­ken des Unglücklichen!"

Wir schließen an dieses Zeitgemälde ein zweites an, welches derDtsch. Allg. Ztg." aus München, 5. Juli, zugegangen ist, als Beweis, wie dort die Militärgerichtsbarkeit gehandhabt wird. Man höre! ..Bu Germersheim s"ße» 'M_2èx 1849 innrere bay­rische Offiziere in geselligem Kreise beisammen. Die Unterhaltung drehte sich um die Besiegung des pfäl­zischen Aufstandes und um dieEidbrüchigkeit" so Vie­ler, welche die königlichen Fahnen verließen, um auf Seite des Volkes zu kämpfen. Jngenieurlieutenant v. Merz befand sich in dieser Gesellschaft. Mochte ec der Ueberzeugung sein, daß ein gegenseitig zwischen dem Fürsten und den Bürgern eines Staats sich zu­geschworener Eid, wenn er einseitig gebrochen wird, auch andererseits nicht mehr binde kurz, er sprach sich dahin aus: daß auch das Oberhaupt" des Staats eidbrüchig (meineidig") würde, wenn es geleistete- Schwüre nicht hielte. Diese odereine gleichbedeutende Aeußerung wurde durch einen der Anwesenden, L eu- tenant Striezl, denuncirt, v. Merz des andern Mor­gens früh im Bette verhaftet, welcher Verhaftung er erst in Folge nachstehenden kriegsgerichtlichen und von dem revidireiwen Generalauditoriate bestätigten Ei-

Das Schweizermädchen.

Eine Reiseerinnerung von Fr. Eg HS.

Der stete Kampf mit den Widerwärtigkeiten des Lebens macht uns hart und bitter. Jedes zurückgelegte Lebensjahr macht uns um einige Hoffnungen. ärmer und das Ringen nach den täglichen Bedürfnissen des Lebens fordert den Proletarier auf, immer kampfgerü- stet zu sein. Die hohen, reinen, göttlichen Gefühle werden zurückgedrängt in die tiefsten Winkel des Her­zens und nur selten sind wir ganz wir selbst, dann nämlich, wenn eine gute That uns gelungen ist und wir überrascht sind, daß wir, von dem Gefühl über­wältigt, noch Thränen haben.

Sei mir willkommen, schöne Erinnerung meiner letzten Herbstreise an den segensvollen Gestaden des Rheins! segenreicher See von Laach! freundliches Neu­wied! und du, sonnige Fahrt von Coblenz nach Mainz! Die siegende Sonne hatte schon frühe die Nebel über­wältigt' und die nobelste Gesellschaft englischer, franzö- ilswer deutscher Touristen hatte in Maße das Dampf­boot bestiegen. Wie freute sich Alles des schönen Tages wie hatten die Engländer ihre Zurückhaltung abgelegt, wie lustig klirrten die Glaser mit ftmkelndem Rheinwein bei der Tafel! Während aber Alles freuve- berauscht war, saß in der Kajüte ein armer Bursche

im groben blauen Kittel, er holte sich aus dein Rei'e- sack das harte Brod heraus und labte sich mit frischem Wasser, dann legte er den Quersack unter den Kopf und entsank in einen tiefen Schlaf, und wie Sancho Pansa sagt: im Schlaf ist der König und der Bettler gleich. Ein Student sagte mir leise: da ist ein Mädchen, welches aus Galizien kommt; aber er hatte sich verhört, es war ein Schweizermädchen , welches zwei Jahre in Norwegen in einem bei Tonsberg 20 Stunden von Christiania von Schweizern errichteten Etablissement als Weberin gearbeitet hatte. Sie war mit 20 anderen Mädchen aus dem Canto» Glarus dahin gegangen, aber, sagte sie, das Land ist so er­schrecklich kalt und der Lohn ist schlechter als zu Haus. Schon im vorigen Jahre wäre ich zueückgekehrt, aber ich konnte das Geld nicht zusammenbringen. Karl von Burgund sagte schon vor 400 Jahren:Wer drei Sprachen spricht, ist drei Menschen werth." Das sollte ich jetzt erfahren. Ich hatte unter den Engländern einige ächte Gentlemen kennen gelernt, zu ihnen eilte ich hinauf und erzählte ihnen von dem schönen züchti­gen Schweizermadcheu und seiner Noth. Dann rief ich sie in Vie Nahe. Sie zeigte ihren Paß und ihr Zeugniß. Ein Reisender redete sie norwegisch an und sie antwortete behend. Da riefen die Engländer alle: O yes! it is a true story, we must give some- thing! und große blanke Silbeistücke regneten in die Hand der Ueberglücklichen. Und sollte es mich nicht

fiol; machen, mir zuerst, der ich ihr nichts gegeben hatte, reichte sie die Hand mit dem norwegischen Danke: manga tak! manga tak!" und dann die andere, und ihre Augen waren von Thränen umpüllr. Als sie wieder hlnabgestiegen war und ben reiche» Gewinn ihrem Reisefonds zufügte, sah ich erst, wie arm sie war. Sie wollte meinen Namen wissen, sie rief aus:ich wäre nur nach Strasburg gekommen, aber nun komme ich ohne Aufenthalt in die Schweiz", sie weinte und lachte wieder in dem »»gebändigten Jabel des Herzens. Das sind Gefühle, die nur der Pro­letarier empfindet und versteht. Dieses friedliche Aben­theuer hatte Aufsehen gemachr unter den Reisenden und ich war so ermuthigt worden, daß ich mich nochmals auf das Verdeck schwang, um einen zweiten Fischfang zu thun zu Gunsten meiner schönen Clientin, und siehe da, dieser zweite Fischfang hatte einen dritten zur Folge, denn ein Engländer kam herunter und brachte noch eine Steuer eines Feeuiwes. Alles drängte sich um das Mädchen: da der Ton angeschlagen war, wollte ihr Jeder und Jede gefällig sein, unb eine Familie aus Mainz nahm sie in ihre Oohut. «cheideiio grüßte sie mich nochmals mit dem norwegischen Gruße, den ich nie zuvor gehört und vielleicht nie wieder hören werde, der aber beseligend mein Herz bewegte.