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M 182.
Wiesbaden Freitag, 11. Juli
„Freiheit und Recht!"
1841
Die „Freie 3dtu?. g" erscheint, mit Ausnahme deS Montagâ, täglich in einem Sogen. — Der AbonnementSpreiâ beträgt vierteljährlich hier in Wiesbaden 1 H. 45 kr., anSwär:« bur^ die Post bezogen mit ver)ältnißmäßigem Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Berdrettung der „Freien Zeitung" stets von wirksamem ft. folge. — Die JnserationSgrbühren betragen für die vierspaltige Petitzeile 3 ft.
Lösen oder zerhauen?
X Lösen oder zerhauen? das ist die Frage, welche seit geraumer Zeit nun schon Frankreich, ja ganz Europa in Spannung hält. Dank den Ränken der Royalisten und den Unbesonnenheiten der republikanischen Parteichefs ist die französische Verfaffnngsfrage zu einem gordischen Knoten verschürzt worden. Wer ihn lös't, dem gehört Frankreich; doch lösen kann ihn nur die französische Ration. Es ist nur eine Thorheit mehr zu den vielen Thorheiten der Legitimisten oder vielmehr es ist eine bloße Maske, wenn sie äußern, der Graf Chambord werde nur auf den Thron seiner Väter kehren, wenn Frankreich ihn rufe. Auf diesen Ruf kann er lange warten. Schlauer schon sind die Or- leanisten: sie möchten den Prinzen von Joinville zum Präsidenten und dann zum Johannes machen, der dem kleinen Grafen von Paris wieder langsam die Pfade zum Throne ebene; doch die Kandidatur Joinvilles hat in den letzten Tagen unsäglich an Aussichten verloren, seit der Herzog von Nemours den kolossalen Fehler beging, nach Wien zu reisen. „Je weniger Chancen für sie, desto mehr für mich!" denkt Louis Bonaparte, der den Franzosen die Lehre fühlbar macht, daß es eine Tollheit war, einen Prätendenten zum Präsidenten zu wählen. Der Fehler ist einmal geschehen, die französischen Bauern ließen sich durch daS Berschen fangen:
„Voulez vous un bon, Prenez Napoleon!“
Wird Louis Bonaparte wieder gewählt werden? Die Gesammtzahl der Revisionsunterschriften beträgt zur Stunde etwas über 1,200,000 Unterschriften; doch sind dies bei Weitem nicht lauter Bonapartistenstimmen, welche für die Neuwahl Louis Bonapartes einstehen würden. Indeß wird von einem allerdings bonapar- tistisch inspirirten Pariser Korrespondenten der „Kölner Zeitung" auf das Bestimmteste versichert, Louis Napoleon werde wiedergewählt, doch die nächste Nationalversammlung zu drei Vierteln auS rothen Republikanern bestehen! Dies sei das Ergebniß der Rundreise eines intelligenten und ziemlich unparteiischen Mannes, der auf Kosten eines großen Pariser Journals die Departements bereiste, um ex officio Dokumente über die wahre Stimmung der Bevölkerung einzusammeln. „Die Bauern in Frankreich," setzt der Korrespondent hinzu, »so große Fortichrilte auch die sociaiigische Propaganda unter ihnen gemacht hat, hängen immer noch an dem Namen Bonaparte mit einer wahren Religion. Mein Gewährsmann hat als Augenzeuge einer Scene in einem Dorfe der Bourgogne beigewohnt, die darüber Zeugniß ablegt und zugleich die patriarchalischen Zustände des politischen LebenS in der Masse der Nation schildert. Der Maire ließ seine Bürger an einem Sonntage durch Trommelschlag auf die Mairie bescheiden und erklärte
ihnen freilich, aber kurz, daß sie eine Petition für „Bonaparte" unterzeichnen sollten. „Vous ne savez pas ?“ schloß er seine Anrede: „On reut le mettre ü la porte. 11 faut signer la pélitionl“, und alle Welt unterschrieb sich mit größter Hast. Kaum, daß man die Weiber zurückhalten konnte! Und dennoch ist daS Dorf als durch und durch roth notirt! Begreift man jetzt wohl, daß der Präsident mit so viel Zuversicht vom Jahre 1852 spricht und zugleich sich anschickt, der „alten Welt" den Rücken zu kehren und die „mue Welt" zu begrüßen?" — Wahr ist es, daß Louis Bonaparte große Zuversicht hegt, wahr auch, daß er, wie in Dijon offen so wieder in Poitiers und Beauvais halblaut zu verstehen gab, er werde, einmal fest im Sattel, den Ritt in bas romantische Land des Fortschritts endlich beginnen. Doch erklärt sich dies noch ungleich einfacher, als aus jener Wahrnehmung über die Stimmung des Landvolkes — die elbe einmal als thatsächlich zugegeben, obwohl wir sie noch stark bezweifeln — aus der Weltanschauung des Präsidenten. Louis Bonaparte ist Fatalist wie sein Oheim; er vertraut fest auf seinen Stern und ist deshalb so apathisch und so tollkühn zugleich, „Es ist ein ermuthigender Gedanke", äußerte er in seiner neuesten Rede zu Beauvais, „daß in den äußersten Gefahren die Vorsehung oft einem Einzigen Vorbehalt, das Werkzeug zum Heil Aller zu sein!" Die „Vorsehung" sagte, das Fatum meinte er; denn es gehört eine rein fatalistische Auffassung von der Vorsehung dazu, zu glauben, dieselbe habe einen Mann zur Errettung der Nation und zum Messias der neuen Weltordnung auserwählt, der bisher nur bewies, daß er alle die Eigenschaften, welche zu einer solchen Mission gehören — diese Klarhett des Urtheils, diese Schärfe des Verstandes, diese Hoheit der Gesinnung, diese Reinheit der Sitten und diese Hingebung an eine welterlösende Idee — nicht besitzt; der im Gegentheil Alles gethan hat, was Dünkel, Selbstsucht, Engherzigkeit und Beschränktheit vermochten, um die Situation so zu vermittels wie es jetzt leider der Fall ist. Ist das der Mann, der zu einer Losung fähig ist? — Am nächsten Montage beginnt die Diskussion der Revision in der Nationalversammlung; am verwiche- nen Dienstag erstattete Tocqueville seinen Bericht, worin er sich zwar für eine Totalrevision aussprach, jedoch mit unbedingtem Respekte vor den Bedingungen der Verfassung. Sprechen sich also nicht drei Viertel der National-Versammlung für die Revision ans, so fällt die Lösung für diesmal grade aus, wie die Dotation und so manches andere Gelüst des Präsidenten. Wird die Verfassung aber nicht oder doch nicht im bonapartistischen Sinne abgeänvert, so begehen im Jahre 1852 alle Diejenigen, welche Louis Bonaparte dennoch ihre Stimme geben, einen Volksverrath und die antibonapartistischen Parteien haben sammt und sonders ein Interesse, denselben zu verhüten oder, wenn nicht, hinterher zu bestrafen.
Ist die Lösung im bonapartistischen Sinne aber
eine Unmöglichkeit, so fragt es sich, ob nicht die Zer- Hauung des Knotens versucht werden wird. Zur Zerhauung gehört ein Alerander — ist Louis Bonaparte ein solcher? Hat er etwa blos deu Brutus, den Dummkopf, gespielt bis zum rechten Momente? Glaube es, wer es kann! Aber Fatalist wie er ist, wird der Mann von Boulogne wahrscheinlich dann doch noch einmal seinen Stern probiren und — sind die Landleute wirklich noch immer nicht enttäuscht — vielleicht einen Bürgerkrieg, eine bonapartistische JaS* querte heraufbeschwören. Scheint es doch fast, als ob die Jesuiten auf diese Wendung spekuliren, nm dann den Voltairianismus und die Republik zugleich im Blute zu ersticken und Louis Bonaparte als Diktator Frankreichs für ihre Zwecke auszubeuten. Denn bemerkenswerth bleibt allerdings die zärtliche Liebe Montalemberts zum Elysee! Aber würde diese Gefahr, welche Frankreich mit spanischen Zuständen drohte, nicht alle Intelligenzen, alle Besitzenden, alle Elemente der Zukunft zu einem Bunde gegen eine solche Ligne zwischen Bauern, Pfaffen und Prätorianern mit gebieterischer Nothwendigkeit zwingen?
Deshalb glauben wir, den Stand der Dinge ruhig erwägend, an einen Zerhauungsversuch wenig, noch weniger aber an ein Gelingen eines solchen Versuches. Doch ganz von der äußern Situation abgesehen, gibt es noch eine Wahrheit, die sich mehr und mehr Bahn bricht: in Republiken sind Revolutionen Unsinn. Nur wo Einer Allen die Souveränität vorenthâlt oder wo die Souveränität getheilt ist, können Krisen erfolgen, in denen der Schwerpunkt der Gesellschaft verrückt, der Staat aus den Angeln gehoben wird. DaS und nur das allein sind Revolutionen. Doch in einer Republik, in ein m Staate uiigetfyeifter Nationat- ssuvcrämlät ist jeder Geiyaltstrcich, selbst wenn er gelingt, nur eine provisorische Usurpation , eine verbrecherische Diktatur, eine „Tyrannis", welche nur so lange Bestand hat, bis das souveräne Volk Gelegenheit und Kraft findet, sich des Räubers seines theuerste» Eigenthums zu entledigen. Frankreich ist Republik )»u es an Ludwig XVI. seine vorenthaltene Souveränität rächte. Was seitdem geschah, waren Zwischenspiele, welche den Charakter des Provisorischen bereits dreimal nach einanver^bestätigten: in Ludwigs XVIII. Flucht, in Karls X. >L>turz und Louis Philippes Vertreibung, Frankreich will Ruhe, es kann nicht eher zur Ruhe kommen, als bis eS auS den Schwankungen herausgekommen und Ernst mit der Staatsform macht, in welcher die Volkssonveränität und das Selfgovernment den weitesten Spielraum, die größte Sicherheit und den ungehemmtesten Aufschwung finden. Das ist Frankreichs Mission, das sein Ziel, dahin wird es, wenn einmal von der Leitung der Dorseeung die Rede sein soll, seit Jahrhunderten getrieben: wäre Louis Bonaparte Vorsehungs- statt Schicksalsgläubiger, fürwahr,, er stände längst da, wohin ihn zu gelange» so leicht gemacht ward — in der Bresche der neuen
Der Brand in San Francisko.
(Aus einem Privatbriefe der Wes-Ztg.)
San Franzisko, 13. Mai.---Ich war gerade am Sonnabend, Albend 11 Uhr, mit einem Freunde auf Portsmouth Square , als wir plötzlich das Ftuergeschrei vernahmen und beim Umsehen in einem der Zimmer eines großen Hauses eine sehr Helle Flainme brennen sahen. Meine Pflichten als Fireman ^Sprü- tzenmann) riefen mich natürlich gleich zu der spritze, unterwegs lief ich zu Haus vor, holte einen Freund, welcher bei mir schläft, aus dem Bette, warf mein rothes Flanellhemd über, befestigte es mit dem Gürtel, das Abzeichen unserer Compagnie, und fand unsere Sprütze, welche wir gleich in Arbeit setzten. Obgleich alles dies nur wenige Minuten dauerte, hatte indessen die Flamme schon dermaßen um sich gegriffen, daß sämmtliche Sprü- tzen, welche alle gleich auf dem Platze waren, dem Feuer, ungeachtet aller Anstrengung, unmöglich Einhalt thun konnten; wir arbeiteten fürchterlich, aber es half nichts. Der Anblick des Feuers war wunderschön, auf dem Square, etwa viermal so groß wie unser Dom- Hof, standen Menschen Kopf an Kopf, deren Gesichter dermaßen erleuchtet wurden, daß man fast jeden Einzelnen erkennen konnte. Wir mußten uns bald mit unserer Sprütze retiriren, besonders da der Wind anfing, die Flammen noch mehr anzufachen und selbe nach
dem Wasser hinzutreiben, wohin auch wir uns retirir* ten, hoffend, den Fortschritt der Flammen nach den Seiten hin aufhalten zu können, wir sahen uns aber bald getäuscht, unsere Sprütze stellten wir, nahe dem Lande, auf das hölzerne Bollwerk, welches eine Strecke ins Wasser hineingeht. Mittlerweile breitete sich indessen das Feuer, je näher es dem Wasser kam, weiter aus; vor uns standen hohe Häuser, welche uns die genaue Controlle über den Gang des Feuers benahmen und zwischen 4 und 5 Uhr Morgens sahen wir unS plötzlich zwischen dem Wasser und dem Feuer eiiige- schlossen. Da war es Zeit, unser Leben zu retten; wir ließen Sprütze Sprütze sein, und entkamen »och mu genauer Noth dem Wasser entlang durch eine fürchterliche Hitze nach der einen Seite hi»; unsere Sprütze fanden wir am andern Morgen verbrannt. Glücklicherweise entkamen wir nach der Seite hin, wo unser Haus steht, und da sich das Feuer Pine Street näherte, lief ich rasch zu Haus, um Geld, Bücher und Papiere so einzupacken, daß sie mit leichter Mühe zu transportiren waren. Wie das Feuer immer näher kam, beabsichtigte ich, einen Wagen zu engagiren, allein da der Galgenvogel, der ihn führte,von 20 Doll. per Load (Fuhre) d.h. so viel wie circa 10—15 Kisten Wein, sprach und ich früher schon die Erfahrung gemacht habe, daß, wenn man etwas wegfahren läßt, man gewöhnlich nur daS halbe Quantum wieberflndet, so sagte ich ihm: go to hell, l' dont want you, die einzige Art und Weise,
wie man zu dieser Art Leuten spricht, wenn man von ihnen respektirt sein will. Darauf gab es in der Nähe des Feuers wieder harte Arbeit, der eine hatte dies, der andere jenes zu bergen. Ein Hanptpoint war darauf, ein eisernes Haus zu retten, welches an der Grenze unseres Blocks stand, und bis wo. in das Feuer an der andern Seite der Straße gekommen war. A ie aufzutreibenden Kräfte wurden vereint, alte unsere Nachbarn, worunter mehrere Deutsche mid Engländer, sahe., ein, daß, wenn dieses Haus gerettet werde, unser ganzer Block gesichert sei. Glücklicherweise fanden wir einen vollen Brunnen, Sprützen waren längst nicht mehr zu sehen, jeder Fireman halte genug mit sein n eigenen Sachen zu thun. Der Brunnen gab uns hir- reichend Wager; dem eisernen Hause gegenüber, in Pine Street, brannte ein großes, hölzernes Gebäude, welches eine Höllengluth von sich gab, allein wir hielten Stich, begossen unser eisernes HauS während einer halben Stunde fortwährend vom Dache aus mit Wasser, das gegenüberliegende wir dann medergebrannt, das Feuer ging dem Wasser zu und somit waren wir Alle gerettet. Dies war ungefähr um 5 Uhr Mor- genS, ich hatte seit 6 Uhr, wann wir zu Mittag gegeßen hatten, bis dahin durchaus nichts genossen; al- lein wie dies gewöhnlich der Fall, die Aufregung hatte unS immer neue Kräfte gegeben. Jetzt kamen wir zur Besinnung; es war nur wirklich sehr lieb, das Bewußtsein zu haben, daß unsere auswärtigen Freunde