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JE 160 Wiesbaden Mittwoch, N. Juli 18^1.

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Thiers u «d Nadowitz.

X Es gibt noch immer Politiker, deren letztes Wort über Frankreich zu sein pflegt:Wenn Herr Thiers sich der Republik anschließt, so ist sie garantüt; wo nicht nicht!" Es ist wahr, Thiers ist der feinste Kopf der früheren Periode Frankreichs. Auch ist es bekannt, daß er seit dem Februar 1848 mit der gan­zen Welt diplomatisirt, ohne sich für ober wider offen zu entscheiden. Bald konspirirt er mit den Royalisten, und hier wiederum bald mit den Orleanisten und jetzt nicht minder mit den Legitimisten, ohne sich je zu tief in ihre Sache einzulassen. Aber ist Thiers noch der Mann der Situation, oder kann er es je wieder werden? Der berühmte Staatsmann und Hi­storiker ist der größte Schlaukopf der vorfebruar- sicher Zeit; doch von der tiefen Bedeutung der jetzigen Entwicklung merkt er nur so viel, daß er sich davor furchtet, ohne sie wirklich begreifen, geschweige denn beherrschen zu können. Thiers ist groß, so oft Frank­reich klein ist, und klein, so oft es seine großen Tage hat. Bei der Julirevolution war er nicht zu Hause, doch als die Zeit gekommen war, wo die errungene Bolkssouveränität "wieder rasch zu verschachern war, da machte er bei Louis Philippe den Mackler; und als derBürgerkönig" im Glanze seiner vermeint­lichen Triumpfe strahlte, doch jeder Tieferblickende sah, daß es nur Flittergold war, was glänzte, da spielte ThierS den großen Agitator. Die Februar­revolution kam und Thiers war wieder nicht zu Hause, bis die Jntriguenwirthschaft diese traurigste Erbschaft der Franzosen aus ihrer monarchisch- jesuitischen Vorzeit wieder an die Tagesordnung kam. Man hat gesagt, Thiers habe keine Rolle spie­len wollen; man hätte richtiger sagen sollen: er wollte nicht, weil er klug genug war, zu merken, daß er nicht konnte! Wenige Franzosen haben so viel Ansehen und so wenig Vertrauen, wie dieser Mann, dem keine Par­tei traut, wie er keiner traut, den die Republikaner sowohl wie die Royalisten Haffen, weil er beide schon mehr als einmal verrathen hat und es öffentliches Ge­heimniß ist, daß er mit allen erperimentirt, um sie aus- zubeuten. Wenige Menschen, die viel gethan und gewagt haben, besaßen so wenig Hingebung und wahren Patriotismus, wie er. Sein Patriotismus ist seine Eitelkeit als Franzos, und die Eitelkeit der Fran­zosen ist es, die er bei jeder Gelegenheit zu hätscheln pflegt. Aber die französische Nation wächst über diese Er­bärmlichkeiten hinaus, wie die deutsche über ihre christlich- germanische Sentimalität. Denn im Grunde war der frau- zösischeDünkel auf diegroße Nation" .ganz dieselbe No- ' mantik, wie der deutsche Hochmuth auf die größte Intelli­genz. Seit die Welt erfahren, daß in den gelehrten Deutschen noch viel, sehr viel Bornirtheit und in dergroßen Ration" noch eine kolossale Kleinlichkeit steift, seit die Romantik lächerlich geworden, sind Thiers und Nadowitz keine großen Männer mehr, so eminent gescheut sie sonst zu heißen verdienen. Beide waren Vorläufer und nichts weiter, und deshalb verstand der eine so wenig wie der andere die neue Entwickelung, an der sie sich abarbeiten, ohne sie bewältigen und ohne es doch über sich bringen zu können, sich ihr ganz hin­zugeben und dem Geiste zu dienen, der gewaltiger ist, als die Geister dieser kleinen großen Männer. Na- dowitz verstand die Februarrevolution nicht, die er erst sah, als er mit der Nase darauf gestoßen wurde; er hoffte sie dann für Preußen auözubeuten und tapfte umher, ohne ihren wahren Schwerpunkt sinven zu können, der nicht in dem konstitutionellen Kouigthume noch in der Aristokratie oder Demokratie liegt, sondern in der endlich zur Herrschaft sich anschickeuden moder­nen Weltanschauung, die bald als Furcht, bald als Hoffnung in allen Schichten der Gesellichaft, wie in allen Köpfen und Herzen wirkt und die Welt gegiert. Aehnlich bei Thiers, der auf Schritt und Tritt den Boden unter den Füßen wanken sieht und doch nicht aus dem Bonapartismus, obwohl er ihm nicht mehr recht traut, heiaus kann. Nadowitz ver­räth in seinen neuesten Gesprächen, daß er ahnt, warum sich's handelt, doch erdarf" sich ^h'v Richtung nicht hingeben, weil er in beim selben Augenblicke aufhören müßte, kalholftch-kon lulutioneücr Politiker zu fein. Ein katholischer Koustitmiimalismnü >si ein Unding, wie es ein konstl- zutioneller Katholizismus ist. Deshalb hinkt Nadowitz auf beiden Beinen und kann nicht vom Fleck. Thiers ist von Haus aus Republikaner und Voltairianer;

aber, wenn es gilt ist er nicht zu Hauke, weil er gern feinen im Konstitutionalismus erworbenen Ruh n in Ruhe genießen möchte. Thiers ist der eingefleischte politische Rationalismus, aber jener Rationalismus, der sehr verständig, bo4) noch höchst unvernünf­tig ist, ganz gleich dem protestantischen Rationalis­mus deutscher Theologen einer überwundenen Zeit. Nadowitz macht Randglossen zur deutschen Ge­schichte, nachdem sich seine Unzulänglichkeit, Geschichte zu machen, erwiesen hat; Thiers schreibt die Ge­schichte Napoleons so gut und so schlecht, wie sie ein konstitutioneller Bonapartist schreiben kann, in einer Zeit, wo F!ankrkich und Europa eines Napoleon harrt, doch nicht desReffen vom Onkel" und iben so wenig des Onkels alsunvankbrcn Erben der Revolution, sondern eines Mannes, der die Welt nicht blos aus b n Angeln zu heben, sondern der neuen Welt dann auch zu ihrem Rechte zu verhelfen versteht, der nicht damit zufrieden ist, ein großer Usurpator zu sein, ein Welt- räuber, sondern ein Reformator, ein Genie, das sich geltend zu machen und hin zu geben, das zu vc!- nichten und aufzu bauen versteht. Bis dieser Er­sehnte seine Bahn eröffnet, mögen Thiers und Ravowin und so mancher ihrer Freunde und Feinde groß heißen und bedeutsam; doch wenn die Zeit erfüllet, und das Volk auf der Höhe der neuen Weltordnung angekomm-u ist, wird man sich wundern, wie man so lange Zeck Zwerge für Riesen halten konnte, weil sie während der ersten Stunden des neuen Tages einen so laugen Schatten warfen.

Fort mit der: Jesuiten!

Es gibt trotz allerZerriffentzeit der Parteien in Deutsch­land noch eine Fahne, unter der alle Blätter sich begegnen

die Fahne mit der Devise:Fort mit den Jesuiten!" Denn nur die offen als Jesuitenblätter bekannten stehen zu der Sache Loyolas. Sollte dieser Umstand nicht geeignet sein, die Reglerungeü stutzig zu machen? Wir hätten,täglich Gelegenheit, Belege für diese Einhellig­keit des Volkes anzuführen; es sei uns aber heute er­laubt, zur Bestätigung dessen, was dieBriefe aus dem Gebirge" entwickelten, eine Stelle aus den Artikeln derWeser-Ztg." über diese brennende Frage an- zuführen, da sie von ihrem konservativem Standpunkte aus grave zu denselben Ergebnissen gekommen ist. Die Wes.Ztg." schreibt, nachdem sie Tags zuvor den Kreuz­zug der Jesuiten zur Vertilgung des Protestantismlw geschildert hat:

Man hat wohl die Behauptung ausgestellt, daß auS den revolutionären Erschütterungen der letzten Jahre nur eine Macht wirklichen Vortheil gezogen habe, näm­lich Rußland; man hac eine andere vergessen, welche die Revolution ganz auszubeuten versteht, den Ultra- montanismus. In welchen Richtungen derselbe gegen­wärtig in einer seiner bedeutendsten Provinzen, in Rheinpreußen, sich regt, wurde uns gestern geschildert, aber man wird immer fiuben, daß diese Partei, wenn sie auf irgend einem gegebenen Punkte eine besondere Wirksamkeit entfaltet, sie gleichzeitig auf vielen arideren Gebieten ihres universellen Reiches in dem nämlichen Sinne thätig ist. Die Fäden, welche ui Rom ver­einigt sind, laufen nach allen Himmelsgegenden aus- einanber, und von dem Fingerdrucke, welcher den einen Draht bewegt, zittern sogleich auch alle andern. Wah­rend daher in Rheinprenßen die ultramonlaue Partei an den Grundvesten des protestantischen Slames nagt, schmiedet sie in Oesterreich offen ihre Ketten, redeUirt sie in Piemont gegen die weltliche Gefetzgebung, ver­filmt sie in Freiburg reaktionäre Putsch., intrigant sie in Großbritannien im Namen der Toleranz für bte Begründung einer organisieren und pomphaften Hier­archie, befehdet sie in Frankreich diejenigen katholischen Prälaten, welche, dem Geiste deS Evangeliums getreu, das Wort verkündigen:Mein Reich ist nicht von dieser Welt," und welche dem Geistlichen verbieten, sich in die Händel der Politik einzumischen.

BemerkenSwerth ist, mit welcher tiefen Kenntniß deS menschlichen Herzens im Allgemeinen und der natio­nalen Eigenthümlichkeiten insbesondere der llltrainon» taniSmus aglrr. Seine Macht beruht in gar nichts anderem, als in einem klugen Verständniß und einer systematischen Benutzung der Schwächen, die unseres Fleisches Erdtheil. Er weiß, daß bte Sterblichen den Zweifel über die Zukunft alS eine bange Qual feit Jahrtausenden in ihrem Busen mit sich umhergetragen hak eii, und daß nur wenige die Kraft in sich sinven,

diese Qual im Geiste des wahren Christenthums, durch unausgesetzte innere Heiligung und Ertödtung der Selbstsucht, zu überwinden wissen. Dies erhabene Ziel jedes einzelnen Menschen wie der ganzen Mensch­heit leuchtet wohl vielen aus weiter Ferne zu, aber die Opfer und Mühseligkeiten des Weges schrecken sie ab ihm nachzustreben. Namentlich nach gewaltsamen Erschütterungen, nach wüstem und wildem Leben, tritt bei Einzelnen wie bei ganzen Völkern eine Demorali­sation, eine Abspannung, ein Verzweifeln an sich selber ei», wodurch sie unfähig werden selbst den Kampf mit den sie verfolgenden Martern des Gewissens zu unter­nehmen. Sie suchen nach einer äußerlichen Vermitte­lung, von der pe sich diejenige Ruhe und Sicherheit scheuten lassen wollen, deren sie nicht entbehre» und die sie gleichwohl nicht erwerben können. Diese Ver- Millelung bietet ihiien der gefällige und welkkundige Beichtiger. Ec macht ihnen die Sache bequem; er veibietet ihnen das eigne Nachdenken, (Besseres wün­schen die meisten gar nicht); er stellt ihrreii^ äußerliche Uebungen inio Pflichterfüllungen als einen Ersatz ^r die Kämpfe mit dem eignen Egoismus hin, und er verlangt als Lohn für feine trostreiche Lehre nur eine Klcimgteit : unbedingte und blinde Uh« tkrwerfimg unter ,eme geistliche Autorität. Unzähliche sind froh, wenn sie fig; so leichten Kaufes mit den MuhfAigke^ d,r irdifch.» Pilgerfahrt absinden können. Es ist dein Menschen viel leichter, ein Haren Gewand zu tiagcu, sich zu geißeln und sein Fleisch zu kasteien, als einen einzigen lenm chlechten Triebe auszurolten, und noch dazu macht der Ultramontanismus an seine Beichttindèr ^ar nicht einmal so beschwerliche Anforke- iuiigkn, es müßte'Senn seui, daß er es mit überspann, len Rasuren zu thun hatte, welche in Torturen dieser Art eine wollüstige Befriedigung und einen Kitzel ihres gristlichen Hochmuths sinden. Für den großen Haufen der gläubigen ist der Weg weit bequemer eingerichtet; ja die religiösen Uebungen selbst werden zu einer Art von Zeil vertreib gemacht, und aller theatralische Glanz wird ausgeboten um die Menge zum Priesterdüuste her­beizulocken. Und hier gilt dasjenige, was wir von der feinen Benutzung der nationalen Elgcnthümlichkiiten sägten, die das ultramontane System äuszeichnet. G iert ich und düster in Spanien, heiter, glänzend und finnlich in Italien, rhetorisch und die Phantasie beste- chend in Frankreich, mit Titeln und Reichthum priin« kino in England, in Irland mit der Armuth koket- Ureno, praktisch unddickthuerisch" in den Vereinigten Staaten, wird er in Deutschland bald feit« Hm al; bald derb moral isirend, je nach­dem er mit hysterischen Damen Ober mit dickköpfigen Bauern zu thun hat. Wäh. rettb er die Gräfin Hahn-Hahn am Bande ih- ter Eiteiknl «ad Effekt,uckuvon Badel narb Zrru- salem» gängelt, macht er den Plebejern in Köln, Kob- lkiiz und Trier mit rationalistischen Moralpredigten-, die mit Hötteuvrol-migen gepfeffert werden, ihr Christe, rchuw zurecht uiiv redet den Leuten vor, daß das Himmelreich ihnen nicht entgehen könne, wenn sie nur lucht morden, brenne, stehlen, rauben, betrügen, ehebrechen, oder wen» fie wemgstrns, nach Begehung dieser Sünden dee gehörigen Krrchenbußen abarbeiten. Darm aber bleibt er sich gleich in anen Ländern »ud zu allen Zillen, daß es die beste Kraft deS Mensckie», seine Selbststäudtgkeit im Denken, zum brewen beflissen ist; daß er den kostbarsten Kenn in unserem Organismus, die Freiheit, zu ceiödten strebt. 2Ven» so oft gebrochene Charaktere, erschöpfte Wüstlinge, blauete Freigeister sich in ihren alten Tage Den Zimten in bte Arme Arsen so ist umgekehrt Die miausbletbliwe Folge einer ultramim« tauen Seelenl-erischasl, daß ursprünglich tüchtige Naturen unter ihrem Emflussc entnervt werden, daß ihre Sitt­lichkeit zu Grunde geht; denn Sittlichkeit kann nur sein, wo Kampf ist, und Kampf kann es nicht gébeu, wo Die Freiheit fehlt. Es ist wahr, eine freie und st nfe Natur sann möglicherweise weit mehr UMM anricbien, als eine ent» nervte und sklavische, mw vom polizeilichen Stautpunkee aus hat daher die protestantische Freiheit Nachteile, welche beut Ultramontanismus nicht aufleben. Es ist damit ebenso, wie auf dem politischen Gebiete; Paris ist weit unruhiger alS St. Petersburg, aber wer würde des­halb jemals St. Petersburg für die sittlichere von den beiden Städten palten? Gleichwohl wird eine starre Polizeiseele dem Regimente in der rmsischen Residenz den Vorzug geben, und aus dem nämlichen Grunde werden Politiker, welche an e,»r FortdilduugSausgab«', an eine sitll iche Eanruckjung uustiesGesthleckckes M.m glaliven, welche seinen andern Zweck des Staats feu«