Freit Zeitung.
„Freiheit luitr Recht!" naam.»ieBM‘-*- -auBLu» -».!. »L i 1- - 1 ' *** "J ' '-i' ■ i u'™ j,«» lüj ; 1 »u*i y—L i-m—-—— x - u_ueg«—■. j . »m »a
M 113. Wiesbaden. Donnerstag, 19. Juni 1&&M
Ginladung zum Abonnement.
Mit dem 1. Juli beginnt ein neues Abonnement auf die „Freie Zeitung". Tendenz und Haltung unserer Zeitung find bekannt. Die stets zunehmende Erweiterung ihres Leserkreises ist ihr eine Anregung zu fortwährender Steigerung ihrer Kräfte. Wie bisher wird sie tag» ljch in Leit- und Uebersichtsartikeln, in Berichten über die Ständesitzungen, Asfisen und sonstigen in den freien Institutionen begründeten Verhandlungen die politischen und sozialen Angelegenheiten des In- und Auslandes erörtern. Daß sie darin von Mitarbeitern und Korrespondenten lebhaft unterstützt werde, ist Sorge getragen. Auch wird sie ein möglichst reichhaltiges und unterhaltendes Feuilleton bringen.
Bestellungen auf die mit Ausnahme des Sonntags täglich erscheinende „Freie Zeitung" wolle man baldigst machen, in Wiesbaden bei der Erpedition (H. W. Ritter'sche Buchhandlung), auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern. — Der Abonnementspreis ist vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fl. 45 kr., durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. — Jnserationsgebühren: die vierspalkige Peticzeile 3 kr.
Selbst ist Herr!
X Deutschland ist ein Chaos der widerstrebendsten Elemente, Meinungen und Bestrebungen. Das ganze Getrümmer, das im Vaufe unserer unglückselig zerklüfteten und zerrissenen Entwicklung seit Jahrhunderten aufgeschichtet ward, liegt noch auf einander oder neben einander. Daß aufgeräumt werken müsse, wenn der ganze, sonst so fruchtbare Boden nicht eine Beute der Disteln und Dornen, der Schierlingsgewächse und Giftpilze bleiben solle, darüber herrscht seit geraumer Zeit nur eine Stimme im In- oder Auslande. Die Zeit der schweren Noth hat schon so lange gedauert, der gescheiterten Versuche zum Abträgen des Schuttes find schon so manche gewesen, daß Viele daran verzweifeln und die Einen sich übers Meer flüchten, während die Andern sich mit gebrochenem Muthe in das Unvermeidliche zu finden eine undankbare Mühe geben. Ja, eine undankbare Mühe, denn in wessen Herzen die Morgenröthe eines schöneren TageS sich einmal verkündet hat, um dessen Unbefangenheit, um dessen Ruhe und Frieden ist es für immer geschehen.
„Nur eine Revolution kann uns retten; aber dazu gehört Ermuuth und Kraft einer ganzen Narwn; doch wir finv so viel Köpfe wie Sinne, und von dem, was zu einer Nation gehört, so himmelweit entfernt, daß Jahrhunderte den Bruch noch nicht heilen werden, den eine verfehlte Wiedergeburt im löten und 16ten Jahrhundert, den der Uebermuth der emporgekommenen Herren- aeschlechter und die Feigheit und Rohheit der erblichen Sklaverei über uns brachte !"
So hören wir klagen von ehrenwerthen Männern und Frauen; so hörten wir klagen schon zu Hutten« und Luthers, wie zu Lessings und Schillers Zeiten und so werden wir klagen hören bis an unser trübes Ende. Bevor wir unS nicht selber helfen lernen, kann kein Gott uns helfen. ,
Aber wie? Eine Revolution von der vor Drei Jahren noch die Harmlosigkeit, wie die Verbissenheit träumte, eine jâhe Abwälzung aller alten Schäden ist schwer — wir behaupten sogar, unmöglich, so lange der Deutsche — Deutscher bleibt im alten Sinne deS Wortes. Je heftiger wir den Alp, der uns drückt, in die Höhe schnellen, desto heftiger wird er auf uns zu- rückfallen, desto banger wird unsere Beklemmung wer
Der Prozeß Boearmè.
(Fortsetzung.)
MonS, 11. Juni. Der StaatSprokurator hat heute über vier Stunden lang gesprochen, aber erst morgen wird er seine Rede schließen. Er nahm zu- nächst den Faden der gestern abgebrochenen Erzählullg wieder auf. Gustav FougniS hat beschlossen, un November Hochzeit zu halten; 48 Stunden vor 1 einem Tode vertraut er seinem Oheim Francois und seiner Haushälterin an, er wolle sich erst im Frühjahr vermählen, aber kas ist ein Geheimniß, das weder den Angeklagten noch den Damen von Dudzeele bekannt ist. Im Gegentheil, den Verwandten erklärt er, er wolle im November heirathen, und er ichuffl kleine Böller und bunte Lampen für das Hochzeüsfest an. Binnen acht Tagen vor seinem Tode wird er dreimal ringelnden, im Schloß Bitremont zu speisen; er ging nicht gern dahin, aber er hatte Geschäfte mit den An- grssagten ; sie hatten ihm eine procura während einer Reise angetragen; er hatte ihnen außerdem eine Obligation zurückzuliefern, die sie ihm für eine Miethe ausgestellt hatten, welche sich zerschlug. Am 20. Nov. in aller Frühe, um 5 Uhr Morgens, uHt er seine Mand nach dem Schlosse; er werde heute kommen. Der Graf geht schon spazieren; er ist um 3 Uhr aufgestanden er hat keinen Schlaf Er fagt der Mag-, Gustav möge nicht vor 10 Uhr kommen, da sinne Frau nicht rüher anfstehe; er geht aber (Ne Gräfin bat dies erklärt) augenblicklich zu seiner Frau und sagt ihr- „Heute kommt dein Bruder; heute werde ich ihn
den, wenn wir nicht die Kraft gewinnen, uns aus dem dumpfen Schlafe aufzuraffen, uns die Augen zu reiben, zu erwachen! Denn dcs Uebels Wurzel steckt in uns. Die äußeren Leiden find nicht die Ursachen unseres Emmers, sie sind nur die Wirkungen innerer Gebrechen.
Eine Nationalrevolution können wir allerdings heute und morgen nicht machen, und wenn wir eS könnten, es würde uns wenig mehr nützen, als die Märzrevolution. Aber ein e Revolution steht uns frei, eine Umwälzung, gegen die kein Belagerungszustand und kein Terrorismus möglich ist: Oie Abwalzung des alten Wustes aus den Köpfen und Herzen! „Fege vor deiner Thür!" ruft der Polizeistaat uns zu und wir antworten: „„Ja, fege aus deinem Kopfe und aus den Köpfen von Weib .und Kind, Freund und Bruder den alten Wust der an gerbten Vorurtheile, des süßen Wahnes und der feigen Bequemlichkeit heraus! Erleuchte deine Vernunft, ordne kein Gefühl, organifire kein Hauswesen und dein Geschäft nach den Regeln eer neuen Zeit! Schaffe dir in deinem Hause ven Musterstaat und verbreite weiter durch ruhige Belehrung und Oie Macht des Beispiels, was du als bewährt gefunden für v»»ü<i 0uivt«> «Hv |ü\ vuv der iN.
Ist jedes Haus so eines freien Mannes Burg, jeder Kreis von Gesinnungsgenossen so ein kleines Gemeinwesen, ist jede Kinderstube eine Schule der Volkseman- zipation und jeder Familientisch ein Altar des Geistes der Wahrheit und der Freiheit, fürwahr, dann wird der Nation, die so sich selber zu helfen lernte, Gott helfen; fürwahr, ist diese innere Revolution erfolgt, so wird die andere sich von selbst ergeben, und, was der größte Segen dabei ist, obwohl nicht ohne Kampfe, doch ohne Krämpfe, obwohl nicht ohne schwere Arbeit, doch ohne die schwere Noth von Blutbädern, die niemals nöthig waren, wo Völker durch eigene Hebung und nicht durch fremde Erhebung frei werden wollten.""
So rufen mir unsern Freunden zu, so lautet Die Aufgabe, die wir uns gest ttt haben und in Oie uns zu unterstützen wir Alle auffordern, die es ehrlich und redlich mit des Volkes Recht und Freiheit meinen. DaS ist die Demokratie, wie wir sie verstehen, vaS die Pflicht der demokratischen Presse, wie wir sie zu handhaben uns bestrebten und bestreben werden. Denken, Denken, Denken! rufen wir unfern Freunden und Genossen täglich zu;
abfertigen." Sie warnt, sie bittet ihn, den Entschluß aufzugeben; sie erinnert ihn an den Prozeß des Grafen Görlitz; trotzdem beharrt er. Beachten Sie kies Wort: es ist furchtbar für die Angeklagte: „Trotzdem hat er beharrt." Um 9 Uhr kommt Gustav im Schlosse an; gegen ihre Gewohnheit ist- Die Gräfin schon auf. Sie empfängt ihren Bruder, frühstückt mit ihm und ist eine Zeitlang allein mit ihm. Dies Faktum ist durch Die Zeugen erhärtet. Um 3'4 Uhr setzt man sich zu Tische, um 4Lr Uhr ist man fertig. Emerance, Die aufgewartet und beim Nachtisch sich entfernt hat, kommt um 5 Uhr wieder in den Speisesaal, um abzuräumen. Madame sagt: „Kannst du nicht spater abräumen? wir haben von Geschäften zu sprechen." Emerance geht, Die Gläser mitnehmend; es war schon dämmerig im Saale, und ehe sie geht, fragt sie noch, ob sie Licht anzünden soll. Die Gräfin antwortet: „Nein, nein, später!" Die Gräfin selbst hat dieS eingeräumt. Nun beachten Sie, in. H., daß Die Gräfin seit dem Morgen um den Mordplan ihres Mannes wußte. Sie hat es selbst gesagt; es ist außer allem Zweifel. Woolan, in vollem Bewußtsein, daß der Tod über Dem Haupte iores Bruders schwebt, ent» fernst sie an diesem Tage Gouvernante unD Kinder auS dem Speisesaale, schickte sie den Katscher zweimal fort, verbat sie sich das Licht in der Dämmerstunde, verzögerte sie die Abräumung der Tafel. Alles das, während sie wußte, sie sei mit einem Mörder und einem Schlgchtopfer in einem Zimmer, nachdem sie bemerkt hatte, wie ihr Mann wilde, unheimliche Blicke auf Gustav schoß. Kurz vor Der Katastrophe ist sie
denken und prüfen, vor keiner neuen Idee erschrecken, keinem alten Vorurtheile huldigen — unbeirrt und und - rückt voran schreiten auf unserer Bahn, in Der Entfaltung nicht stille stehn, in unserer Selbstbefreiung nicht ruhen und nicht rasten.
„Selbst ist Herr!" sagt ein altes Sprichwort, und: „Selbst wird Herr, wer Herr zu sein versteht!" sagen wir. Wer in seinem Hause ein Tyrann, wird außer dem Hause Knecht sein; wer zum Denken zu faul, wird zu» Packesel derer, welche die Vernunft eine Sünde und Die Dummheit Den Anfang ter Weisheit nennen; wer fi* nicht selbst erzieht, wird von seinen verzogenen Kindern miöh.mdclt werden; wer über Fragen des Allgemeinen mitreden will und nicht einmal in seinem nächsten Kreise zu Hause ist, wird zum Gespött der Klugen und zum Werkzeug der Listigen; wer die Freiheit der Männer will darf keine Memme sein; und wer die Vortheile Privilegirter haßt, darf den Vormcheilen, BormrthcitVn und Niederträchtigkeiten des SklaventhumS nicht huldigen.
Deutschland.
# Wiesbaden, 18. Juni. Die dennakige leitende Partei in Preußen, die der „Kreuzzeitung", erinnert sich plötzlich, daß Oesterreichs Einfluß dem Protestantismus den Todesstoß geben werde. „Preußen", schreibt die „N. Preuß. Ztg.", „ist und muß ein Militärstart bleiben. Nur als solcher constituirt, vermag es die Rolle einer selbstständigen Macht durchzuführen , und dies letztere ist eine nothwendige Vorbedingung, wenn der sächsisch-deutsche Stamm und die deutsche protestantische Sache ihre Autonomie und Vertretung unter den europäischen Großmächten behaupten, und nicht unter die faktische Oberherrschaft Oesterreichs oder außerdeutscher Großmächte fallen sollen." Also ruht die Zukunft des Protestantismus nur noch auf dem — Schwerte? Doch nein, es ist nur der Protestantismus der Kreuzzeitungspartei gemeint: dieser steil ich bedarf des M i l i t â r st a a t es gegen die nicht protestantischen Mächte sowohl wie gegen die Fortführung keS protestantischen Prinzips durch die Reforma-iou deS 19. Jahrhunderts. Aber bemerkenswerth bleibt eS immerhin, daß Der Kreu zzeiln ng endlich koch die Augen über die Gefahren des Protestantismus durch die katholische Agitation aufzugehen anfangen. Uebrigens
wieder allein mit ihrem B uker; der Graf gebt hinaus, um daS Eabriolet auspannen zu lassen. Als er wieder Mückkomint, und während Der Kutscher unten anspannt, beginnt die Katastrophe. ES ist dunkel im Saale; nur daS Kaminfeuer brennt; der Kutscher, der unten mit dem Cabriolet wartet, während eS regnet und weht, blickt mehrmals nach dem Speisesaale hinauf; die Fenster sind finster; niemand kommt; er ruft laut, aber keine Antwort erschallt. Dies ist Die Viertelstunde- deS Verbrechens! —
Die Gräfin erzählt den Hergang so: „Während mein Mann anfpanneii ließ, pofte ich die Copie eines FideicommisseS, daS Gustav lesen wollte. Mein Mann kam wieder herein; Gustav bat um Licht. Ich stand auf um Licht ans der Küche zu holen; während dessen ging Gustav an seiner Krücken nach kein Kamin. Mein Mann, glaub' ich, folgte ihm. Als ich eben den Thürgriff anfaßte, hörte ich hinter mir einen schweren Fall und daS Zerbrechen einer Krücke, und zugleich ver- nahm, ich wie mein Bruder m t dumpfer Stimme sagte: Sucre nom! J.h habe'ihn nicht gesehen; denn ich habe und) nicht umgedreht. " In einem andern Verhör figt sie hinzu, sie habe gesehen wie ihr Mann Gustav üuiwaj, sie sei in die Kü he geflüchtet, und im Zwinstenziin ner habe sie den Ruf gehört: „Par- donne Hippolyte!“
Während Ned geschieht sind zwei Mägde in dec Küche; die eine eine Flamländerist versteht kein Französisch, die andere spü t Glaser aus; sie überhören anfangs den Lärm. Auf einmal kommt Justine, Die Bonne, ganz verstört zu ihnen herein. Sie ist »rut