M 189.
„Dreiheit und Neeht!"
Wiesbaden Samstag, la. Juni
1S31
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Bewegung — Fortschritt.
U Vom Main, 9. Juni. Der Culturzustand eines Lankes läßt sich nach den Wegen und Commu- nikationsmitteln, wovon es durchschnitten ist, genau ermessen. Je weniger die Dörfer, Städte und Provinzen durch Straßen verbunden sind, desto geringer ist der Verkehr, desto schwieriger wird der Absatz, desto kostspieliger der Einkauf der Waaren. Wenn die Fracht eben'so theuer oder noch theurer ist, als die Waare selbst, dann verschmäht man die Waare um der hohen Transportkosten willen.
Die wilden Volksstämme leben getrennt und abgeschieden, sie bahnen keine Wege und Straßen, sie treiben weder Gewerbe noch Ackerbau, sie stehen wenig oder gar nicht im Verkehr mit andern Volksstämmen, sie führen meist Krieg mit ihren Nachbaren, ihre Thätigkeit ist dieselbe, wie vor Jahrtausenden, sie kennen und benutz»», die Fortschritte und Erfindungen der gebildeten Welt nicht. Sie bilden eine von der übrigen Gesellschaft abgeschlossene Gesellschaft, sie lernen nichts und ihre Rasse bleibt rein und unvermischt.
Das Grundgesetz der Menschheit ist der Fortschritt und der Fortschritt ist nur durch die Association der Einzelnen und ihrer Kräfte und Fertigkeiten möglich. Was Einer nicht vermag, das vollbringen Mehrere mit Leichtigkeit. Die Verbindung, d-e Einigkeit macht stark. Der Eine arbeitet für den Andern. Dieser hat Ueberfluß an einem Produkt oder Fabrikat, woran Jener Mangel leidet und umgekehrt, sie tauschen ihren Ueberfluß gegenseitig aus, sie kaufen von einander, sie lernen von einander und helfen sich beiderseits. Der Verkehr bahnt die Wege, geht voran und die Bildung, die Gewerbe und Künste folgen ihm nach. Das eine Volk entlehnte seine Fertigkeiten und Künste dein andern. Wir wiederholen es, der Culturzustand eines Landes läßt sich nach den Straßen nnd Commu- n-cationsmitteln desselben genau berechnen. Man vergleiche Spanien mit England, Belgien und Deutschland!
Der Menschengeist erfindet, arbeitet vor, und die Menschenhand hilft nach. Der Trieb der Verbindung, der Association liegt in uns Allen. Wir klettern über die Berge oder wühlen uns wie Maulwürfe hindurch, bauen Tunnel, wir schwimmen übers Wasser, bauen Dampfschiffe und Dampfwagen, Tunnels, wir fliegen int Ballon durch die Luft, unsere Gedanken schwingen sich im Augenblick mit Hülfe des elektromagnetischen Drahts von Pol zu Pol. Und warum all drese Bemühungen und Anstrengungen, warum alle diese wunderbaren Erfindungen des Menschengeistcs^ Um das Bedürfniß der schnellern Verbindung, wo» nach Einzelne und ganze Völker streben, zu befriedigen.
Die Association ist unsere Bestimmung, und wer dawider handelt, der handelt wider die menschliche Natur. Kein Volk ist, wie man es uns bisher gelehrt,
Feind des andern, wir haben kein Interesse, uns einander zu zerfleischen, rote die Wilden, wir bedürfen einander zuin geistigen und materiellen Verkehr. Wir brauchen keine Festungen auf allen Grenzen, keine zahllosen stehenden Heere, welche uns selbst ruiniren, wir brauchen keine Schlagbäume, Zollhäuser, Grenzwächter, welche den Verkehr zwischen den Völkern hemmen und uns unsere Lebensmittel und Bedürfnisse versteuern. Es ist unser Vortheil, wenn wir von unsern Nachbarn kaufen und es ist der Vortheil unserer Nachbarn, wenn sie wieder von uns kaufen. Der Handel ist nur ein Austausch der Waaren, und wird dieser Austausch erschwert, dann geschieht es zu unserm Nachtheil. Haben wir Zölle auf fremden Waaren, dann hat auch unser Nachbar solche, also hier und dort sind die Zölle nur zum Nachtheil der Consüwenten eingeführt, und hier und dort verlangen die Consumenten Abschaffung derselben. Und grade lasten solche Zölle immer auf den unentbehrlichsten Bedürfnissen der Nennern, so daß die Armen oft ihre Bedürfnisse um die Hälfte theurer erkaufen müssen, als sie werth sind.
Deutschland.
Hamburg, 10. Juni. Der „H. C." meldet heute, jedoch wohl übertrieben, daß die Zahl der Verwundeten und Getödteten sich wohl auf 50 belaufen möge, und zwar unter den letzter« auch ein Altonaer Bürger, Vater von vier Kindern, den nur die Neugierde an den Ort der Gefahr geführt habe. — Die meisten Verwundungen sollen in dem Joachimsthal selbst statt- gefulwen haben, in welches die Solbaten von Außen hineingeschossen. Das Polizeiamt zu Altona hat eine Verordnung erlassen, Gesellen, Lehrburschen, Dienstboten und Kinder bet eintreteuder Dunkelheit im Hause zu halten und sie dahin jU instruiren, daß sie nicht in Haufen auf Straßen und öffentlichen Plätzen zusammen- stehen. —
Die „Köln. Ztg." berichtet: „Es steht fest, daß der Krawall in St. Pauli mit seinen unglückseligen Folgen nur einem zufällig entstandenen Wirthshaus- streite zugeschrieben werden muß- und zwar in einem Locale, dessen Besuch dem österreichischen Militär bei nachdrücklicher Ahndung (20 Stockprügeln) verboten ist. Wäre es bei der Züchtigung und dem Hinaustreiben eines Unterofficiers geblieben, dessen brutaler Weise gegen einen Matrosen geführter Bayonnet- stich die Erbitterung der Menge in so hohem Grade erregte, so würde man der letzteren überhaupt gar keinen Borwurf machen können. Die Schuld des Einzelnen sollte aber von allen zufällig des Weges kommenden und in den: Tanzlocale anwesenden Soldaten gebüßt werden. Bei diesem Beginnen, welches wir nur unsinnig und frevelhaft nennen können, war freilich auch Trunkenheit im Spiele, und man darf nicht
vergessen, von welcher Menschenklasse d e Wirthschafte» in St Pauli oder auf dem „Hamburger Berge" besucht werden. Wir erfahren, daß die Oesterreicher 5 Todte haben, und das ist bei der verzweifelten Lage, in der sich die Soldaten Anfangs gegen die wüthenden Matrosen befanden (diese pflegen stets mit Messern bewaffnet zu sein), keineswegs unwahrscheinlich. Noch gestern Abends rückte ein von Pinneberg «»gelangtes Bataillon Infanterie (ebenfalls zum Regiment Wellington gehörend) in St. Pauli ein und wurde sofort bei den Bürger»: einquartirt. Eine Schwadron Windisch- grätz-Cheveaurlegers befindet sich in der Nähe. Die Offiziere geben sich im Gespräche alle erdenkliche Mühe, in den vorgestrichen Ereignisse»: ein politisches Motiv, ein „ Complot" und Aehnliches aufzufinden. Wir fürchten, daß Berichte, welche derartigen Muthmaßungen Rauin geben können, auch nach Wien bereits ab gegangen sind. Von der Energie und dem Selbstständigkeits-Gefühle unseres Senats ist leider gar wenig zu erwarten. In seiner gestern von 1 '
Uhr abgehaltenen außerordentlichen Sitzung, »alle Mitglieder E. E. Rathes beiwohnte verschiedene Depeschen erpedirt, unter Anderen : Wien. Es soll darin der kaiserliche»: Regien: »-- das Bedauern über die Vorgänge vom 8. d. M. ausge- sprochen, zugleich aber in der Kürze angeführt sein, was zur richtigen Würdigung derselben diene»: konnte. Für heute Mittags war wieder eine außerordentliche Sitzung des Senates anberaumt; ein Publicandum ha er nicht erlassen, während die Altonaer Behörde b-, keineswegs verabsäumte." —
Die „Wes.-Ztg." schreibt: „Der Senat lich sehr unmuthig über die Vermehrung d-o ^.. reichischen Truppencorps auf hamburgischem Gebiet, welche die unmittelbare Conseque»^ der Ereignisse des ersten Pfingsttages gewesen ist. Neben einer Schwadron Winorichgrätz-Cheveaurlegers, welche aus der Umgegend herbeikam und in der Nähe St. Pauli's untergebracht wurde, sind 1000 Mann Infanterie (Reg. Wellington) gestern Abend von Pinneberg eingetroffen und sogleich bei den Bewohnern St. Pauli's einguartiert rooroen; es heißt, dieselben würden als Erekutionstruppen betrachtet werden, für deren Verpflegung keine Entschädigung zu erwarten sei. Und wenn selbst diese geleistet würde, so ist doch dem Senat die neue Belegung Hamburgischen Gebiets mit fremdem Militär deshalb nicht weniger unangenehm. Sem aufrichtiger Wunsch geht dahin, dasselbe recht bald ganz von ben Oester- reicheru geräumt zu sehen. (Uebrigens ist die Einquar- tlerungsforverung Hamburgs an die kaiserl. Regierung vorigen Sonnabend für die Monate Februar, März und April circa 180,000 Mk., wie wir aus sicherer Quelle vernehmen, liquibirt worden."
Altona, 8. Juni. (Pr. Ztg) Die Mittheilungen der „Dannewirke", daß die Notabelnversammlung in Flensburg sich auflöse, bestätigt sich nicht.
Kulturgeschichtliches.
(Fortsetzung. —- Siehe No. 135 der „Fr. Z.")
IV.
Die nächste Sprosse auf der Leiter der Civilisation nehmen die Hirtenvölker ein. Ihr Reichthum und das Vorbild ihrer staatlichen Zustände ist die Heerde. Der Hirt ist König seiner Heerde und der König ist Hirt seines Volkes, also auch Eigenthümer desselben. Von allen Kulturstufen ist diese am unvollständigsten vertreten, was sehr zu bedauern, aber freilich leicht zu erklären ist. Die Hirtenvölker der Polarzone und der gemäßigten Zone stehen unter russischer Botmäßigkeit. Wir haben freilich ein großes Interesse, die hauptsächlich auf das Rennthier gegründete Industrie der Lappen, Samojeden, Ostkaken, Jakuten, Tschukt- schen und Tungusen kennen gu lernen , ihre von der nordamerikanischen wesentlich verschiedene Gerberei, die Anfänge der Spinnerei aus Haasenhaaren und die primitiven Schmiede, die heute wie vor 4000 Jahren auf der Erde sitzen, und auf dem Feldstein, den sie zwischen den Knieen halten, einzelne Eisenwaaren best zer fabriziren als sie irgendwo gefunden werden. Wir würde» mit Interesse die auf das Pferd basirte Industrie der Kirgisen, Kalmücken, Mongolen und andere» Steppenvölker mit den Nomaden der antiken Welt verglichen haben, deren KnUurzustand uns aus dem alten Testamente so geläufig ist. Aber die russische
Regierung hat durchaus nicht das Interesse der Welt anschaulich zu machen, wie es eigentlich in ihrem Gebiete aussieht, welche Hülfsquellen sie zu dein bevorstehenden Entscheidungskampf zwischen Knechtschaschaft und Freiheit, Barbarei und Civilisation aus dem unermeßlichen Stück Landkarte ziehen kann, das manchem bangem Blick wie ein Crake erscheint, bereit, die Kleinigkeit Europa zum Frühstück zu verzehren. Die Bevölkerung des nordasiatischen Rußlands beträgt selbst nach russischen Angaben nur eine Handvoll — mir ist die Zahl nicht gegenwärtig. Es ist schon böse, daß die Zahl sich nicht verheimlichen läßt. Nun gar dieser Handvoll in das Haus und in den Topf sehen lassen, das wäre doch gar zu undiplomatisch. Wir finden daher in der Abtheilung Rußland faß gar keine russische, sondern deutsche, englische, französische Industrie, von russischen Händen ausgeführt; von den sibirischen Völkern gar Nichts! So bleiben nur die Nomaden der heißen Zone übrig, die afrikanischen. Aber auch diese sind stiefmütterlich bedacht. In Port Natal ist man wohl durch den Kaffernkrieg abgehalteu worden, von den Raffern und Hottentotten Beiträge zu sammeln, das Innere ist bekanntlich noch nicht erforscht, und zunächst den Küsten sind die Hirtenvölker vielfach mit andern vermischt, die nur vom Pflanzen- reich leben. Gleichwohl scheint hier die geeignete Stelle, um die niedern Kulturstufen dieses Welttheils ju besprechen.
Die Beiträge aus Afrika — abgesehen von Tunis, Algier und Aegypten — finden wir in der auf den Grundrissen mit Canada bezeichneten Abtheilung. Die in dein Katalog getrennten Rubriken „Westküste von Afrika" und „Goldküste und Ashanteeland" sind durch- einandergeworfen. Der erste Blick auf bis Wanddra« perien zeigt uns, daß wir bei einer neuen Kunst an- gelangt sind, der Weberei. Wir können sie an diesem Tische in ihrer frühesten Kindheit, ja noch als Embryo beobachten. Das Kleiderzeng von der Elfenbeinküste (Nr. 17 Westafri'ka) besteht noch ans einem Flechtwerk von Gras; wir sehen das Ende, an dem Arbeit abgebrochen ist, und Proben des Rohmaterials daneben. Weiterhin findet sich ein Stück Zeug von der Gold- küste, in dem der Auszug aus demselben Grase, der Einschlag aus einem baumwollenen Faden besteht. Das Königreich Dahomey endlich hat zwei Webstühle geliefert, ganz in dem Zustande, wie der Weber sie verlassen hat, einen mit ganz schmalen, den anderen mit breiteren Kämmen. Denke der Leser dabei aber nicht an die kolossalen, massiven Gestelle, die im Winter die Stuben der dentschen Bauern füllen und im Sommer anscinandergenoninun werden. Der Afrikaner, der sein Haus bestellt, braucht den Töchtern nicht die Planken züin Webetau als Prälegat zU vermachen, wie der Hofwirth in Norddeutschland thut. Die ganze Maschine besteht aus einem Knüttel, um den der Aufzug, einem zweiten, um den das fertige Gewebe gewickelt wird