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â' 1&5L Wiesbaden. Sonntag, 8. Juni UiSL

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Der Bruch mit der Revolution.

XBluch mit der Revolution" ist das Stichwort des Tages. Also haben es die Regierungen bis dahin noch immer mit der Revolution gehalten? Nicht doch, der Bruch erfolgte schon vor drei Zahren, nur wagte man damals das Ding noch nicht bei dem rechten Namen zn nennen. Aber wen hat man mit diesem Scheine getäuscht? Ein Häuflein Gothaer doch die Völker nicht. Diese wußten schon beim Vorparlamente, wie sie mit ihrenguten Freunden" daran waren, und eben weil sie dessen kein Hehl hatten, trauten die Contre- revolutionärs dem Parlamente nicht. Die Völker kannten ihre Feinde besser als diese sie. Die Märztage der Jahres 1848 waren für die Diplomatie eine Schlacht bei Jena, deren Schimpf durch alle Bruche und Bre­chungen nicht wieder auszulöschen ist. Die Staats­männer der alten Schule liefen wie Kinder bei dem Rufe:der Wolf kommt!" davon. War denn die Märzrevolution etwas so Fürchterliches? Es ist schon mehr als einmal bewiesen worden, daß diese Märzre- volution noch gar keine Revolution war. Revolution ist Veränderung des Schwerpunktes im Staate; aber wo wollte denn das Volk in Masse mit Bewußtsein diese Veränderung? Einzig und allein in Frankreich, wo der Schwerpunkt des Staates wirklich verändert, die Monarchie in eine Republik, die getheilte Sou­veränität abgeschafft und die ganze Souveränität vom Volke in Anspruch genommen wurde. Wer dachte ernstlich an eine solche Umwälzung in Deutschland? Die Bewegung blieb vor den Thronen stehen; die Be­völkerungen verlangten nur, daß die vor dreißig Jah­ren verheißenen Zusagen Wahrheit werden sollten. Die deutschen Staaten hatten seit den Befreiungskriegen ein Recht, die konstitutionelle Form zu verlangen; die Massen sowohl als ihre Vertrauensmänner wollten nichts weiter als dies; sie wollten deshalb die Fürsten retten vor ihrem ärgsten Feinde, dem Bundestage, und deßhalb wendete sich ihr ganzer Zorn gegen diesen.

So oft sich eine Stimme erhoben hatte, welche an die Wahrmachung früherer Verheißungen, an heilsame Verbesserungen, an Nachgiebigkeit gegen allgemein als nothwendig anerkannte Neuerungen mahnte, erscholl mit Achselzucken die Antwort, man würde dies gern thun, doch der Bundestag gestatte es nicht. Dieser Bundes­tag war nicht blos seiner unpopulären Maßregeln wegen verhaßt, nein, er mußte fallen, damit die Für­sten ans ihrer unheilvollen Doppelstellung herauskämen. Im Bundeöpalastc galten nur die Fürsten als solche, als solidarisch untereinander, also hier als gebunden, doch sonst als von Gottes Gnaden und ihren Unter­thanen gegenüber als absolut. Das Volk wollte kon­stitutionelle Fürsten, also solche, die nach Außen frei, doch durch die Verfassungen nach innen gebunden seien. Um ihnen diese Stellung zu erobern, um sie frei von fremdem Zwange zu machen, ward der Bun­

destag gestürzt. Nie war eine größere Einstimmigkeit vernommen worden, als bei dieser ersten Gesammtthat der ganzen deutschen Nation. Es war dies der ein­zig wirklich revolutionäre Akt des Märzsahrcs, doch er stand in seiner zwingenden Nothwendigkeit so allgemein anerkannt da, daß grade dieser Akt nicht alsrevolu­tionär bezeichnet wurde.

Erst als es Stichwort ward, den Konstitutivalis- mus, der seit den Befreiungskriegen als zu Recht der stehend anerkannt, wenn auch nur sehr theilweise ins Leben eingesührt war, gänzlich über Bord zu werfen, erst als systematisch die gefährliche Lehre in Regierungs­blättern gepredigt wurde, daß die Fürsten nur unter sich, doch nicht den Völkern gegenüber gebunden seien, erst als das Octroyiren, die faktische Bestätigung dieser Theorien, zur Tagesordnung geworden, da erst erhob man die Bestrebungen, welche zum Sturze des Bun­destags, geführt, zum Revolutionsakte, da erst kam das Wort auf: Bruch mit der Revolution!

Bruch mit der Revolution hieß jetzt Restauration des Bundestages und Rückkehr zur alten Bundestags­politik. Dieser Schritt, vor dem sich aus richtigem Instinkte so lange noch manche Regierungen sträubten, ist jetzt erfolgt: die Sitzungen haben wieder an alter Stelle begonnen und Preußen sucht seine bangen Zwei­fel jetzt durch einen Eifer in der Buße zu beweisen, der an Fanatismus grenzt.

Aber ist nach diesem nun vollständigen Bruche mit der Revolution die Revolution zerbrochen? Steht wie­der Alles auf dem alten Flecke? Fragen wir die öffent­liche Meinung! Wer hat Vertrauen zum Bundestage? Wer glaubt, daß er positive Leistungen zu Tage för­dern werde? Wer hofft, daß er die Gemüther beschwich­tigen, die Herzen gewinnen und so die Revolution mit der Wurzel ausreißen könne? Die Stellung der Die» Sterlingen zum Bundestage ist keine bessere, ihre Sick­lung zu den Völkern eine ungleich schwerere geworden; denn während die Diplomaten mit der Dievolution brachen, haben sie das Vertrauen der Nation zerbrochen, daß nur der Bun^ der Alp sei, der alle Regun­gen des Bessern lähme.

Die Restauration ist erfolgt durch äußere Mittel; die Revolution aber, welche seitdem wirklich erfolgt ist und fortbesteht, ist kein greifbares Ding, sie sitzt in den beeinträchtigten Interessen, in den verstimmten Gemüthern! Dieser Revolution in den Ideen ist nur durch geistige Mittel, durch positive Leistungen beizu­kommen, nicht durch Versagungen und Verbote. Statt mit ihr zu brechen, hätte man mit dein Bundestage brechen, sich auf den rechten Boden der gegebenen Ver­hältnisse stellen und statt einem Gespknste sich zu er­geben, hätte man dem Geiste der Neuzeit sich verbünden- sollen! Dann wäre man zu einem Definitivum gekommen, während Alles, was bis jetzt erreicht wurde, nichts als ein Interim nach dem andern ist, ein ZwischenzuftäNd, in welchem die Eontrerevolution ihre Kräfte mehr und mehr im Niederhalten einer Bewegung erschöpft, welche

unter verstärktem Drucke nur um so stärker wird. Hätte die Contrerevolution ein einziges Genie auf ihrer Seite, sie könnte unmöglich so thörigt handeln; doch freilich die Verhältnisse sind in der Geschichte immer größer gewesen, als die Menschen und es ist leichter, den VolkS- geist zu kennen, wenn man im Volke lebt und mit demselben geht, als wenn man mit bemfdben ge­brochen hat. Derjenige, welcher von dem falschen Vordersatze ausgeht, daß das Volk ein Hund sei, den matt dresfiren könne, bei dem ist es freilich nicht zu verwundern, wenn er zu falschen Schlüssen von dem Volksgeiste kommt und zu den unbegreiflichsten Mit­teln greift, um Dinge dudchzusetzen, die wider die Na­tur sind.Wo die Natur widerstrebt, da wird der beste Arzt zum Pfuscher!" sagt ein altes Sprichwort, das die Aerzte oft, doch Niemand öfter, als die deut­schenStaatsmäuner", mit Füßen getreten haben.

In dem Sturze des Bundestages war vom Volke die Gasse gebahnt, die monarchische Staatsform in Deutschland so nachhaltig zu machen, wie sie eS in England durch den Sturz der Stuarts wurde; die Restauration des Bundestages ist für die Völker eine harte Schule, doch für die deutschen Monarchien das größte Unglück, das ihnen widerfahren könnte.

Deutschland

Wiesbaden, 6 Juni. Die Wittwe des Georg Schardt von Frickhofen, welche von dem Schwur­gericht in Dillenburg wegen Brandstiftung zn emee Zuchthaussirafe von 10 Jahren Verurteilt worden ql, hat gegen jenes Erkenntniß die Nichtigkeitsbeschwerde erhoben, und hat der Herzogliche Cassationshof zür öffentlichen Verhandlung der Sache, welche in dem Sitznngslokale des H. OberappellationSgerichts stati- findet, Termin auf Mittwoch den 18. Juni d. J. an­beraumt.

O Wiesbaden. Ueber den Neubau der evange­lischen Kirche dahier ist es ganz still geworden, man scheint bis heute wegen des Platzes, wohin sie gestellt werden sott, noch eben so ungewiß zu sein, wie anfangs. Zu dem Ende erlauben wir uns nun, den verehr« lieben Krrchenvvrstand zu bitten, die Frage wegen der Baustelle und des Kostenpunktes nicht auf seine Verantwortlichkeit zu überneh­men; sondern sämmtliche evangelische Ein­wohner Wiesbadens hierüber zu befragen und die Stimme der Mehrheit alsdann zu befürworten. Von dem Plan, die Kirche dem Her­zog!. Palais gegenüber zu stellen, scheint man immer mehr abzukommen, da ter Kostenpunkt (eine Haupt­sache) in reiflichere Erwägung gezogen und hierdurch die Begeisterung sehr gedämpft worden ist. Die Stelle im Garten des Schützenhofes scheint uns ganz unpas- fend, trotz dem, daß die Thürme weiter sichtbar und die Kosten, im Vergleich der zuerst erwähnten Bau­stelle, viel geringer sein würden. Das Ungeeignete des

Kulturgeschichtliches.

II.

(Fortsetzung. Siehe No. 129 derFr. Z.")

Die Beiträge ans Neuholland sind nicht mit der L Liebe gesammelt und mit dem Geschick geordnet, wie die sübamerikauischen. Wir haben zwar einen reichen Vorrath an Mineralien namentlich aus den berühmten Minen von Burra Burra und von vegetabilischen Roh­stoffen, besonders Hölzern und Spinnmaterial. Aber diew Stoffe, so werthvoll sie für die europäische In­dustrie sind, haben wenig Bedeutung für den Kultur- i zustand der Eingebornen, die ihrer noch nicht Herr ge­worden sind. Von der Industrie der Ureinwohner finden wir nur vereinzelte Proben in dem Katalog meistens als Kuriosität bezeichnet. Das Beachtens- wertheste sind vier Kanoes, deren wir uns bei den Dampfschiff-Modellen wieder erinnern werden. Sie bestehen aus einem Bündel Pflanzen-Fasern, dessen beide Enden in eine Spitze zusammengeschnürt und auf­wärts gebogen sind, während die Mitte wie ein Nest auseinander gebogen ist. Daß die Neuholländer nicht einmal Gefäße zur Aufbewahrung von Flüssigkeiten kannten, ist eine Verläumdnug. Unter Nr. 234 (im Katalog 231 Van Diemens Land) finden wir einen Waterpitcher, das viereckige Blatt einer Dünenpflanze, Hessen Ränder aufgebogen, gefaltet und mit einem dünnen Stäbchen durchstoßen sind, so daß sie einen

etwa zollhohen aufrechten Rand bilden. Ob dies Pro­dukt unter die Böttcherei oder unter welche andere Ru­brik der Gewerbeordnung zu bringen, weiß ich nicht. Besser vertreten ist Neu-Seeland. DaS Modell eines mit Pallisaden befestigten Dorfes (war-pa) gibt der Phantasie einen festen Anhalt, um den sich die Einzelnheiten leicht gruppiren. Das Modell eines Ka- noeö, von den Eingebornen ausdrücklich für die AuS stellung angeferllgt, zeugt schon von einer bedeutend höheren Entwicklung der Schiffsbaukunst. ES ist zwar noch auS Einem Stamme gearbeitet, aber geräumig, mit Ruderbänken versehen und an der ganzen Außen­seite mit geschnitzten Lineamenlen verziert, die lebhaft an die kürzlich im Museum ausgestellten Alterthümer von Ninive erinnern. Auch an den Keulen, den sichel­förmigen hölzernen Schwertern und den Lanzen zeigt sich der LuruS des SchnitzwerkS, und ^n einer zur Verwahrung des FederputzeS bestimmten Schachtel, also einem Schmuckkästchen, ist dasselbe bis zu einem be­wundernswürdigen Grade ausgebildet. Dieselbe Kunst­fertigkeit hat zwei Werkzeuge geliefert, die unzwei­felhaft durch Zufall neben einander liegen. Sie sind beide ganz unscheinbar, und während meines mehr­stündigen Aufenthalts in der Abtheilung habe ich auch noch nicht Einen Besucher dabei verweilen sehen. Uno doch sinddas Messer der Kannibalen" undder Kamm der Eingebornen" viel bedeutungsvollere Grenzmarken auf dem Kulturgcbiet alö dieLöwen" der Ausstellung,

die unaufhörlich Hunderte um sich versammeln. Es ist abscheulich, Meuschenfleisch zu essen! Die Völker gegeneinander in den Kampf führen,daß das Blut zum Himmel spritzt" und dabei im herzlichen Einver- ständniß sein, den Arbeiter vom achten bis zum vier­zigsten Jahre aussaugen und dann auf die Straße werfen, dem politischen Gegner zum Lebendigbegrabcu- werden begnadigen dann ist doch Methode, Staaco- Weisheit und Christenthum. Aber den Gegner aus den Kopf schlagen und dann auffreffen scheußlich! Danken wir dem Herrn, daß wir nicht sind wie die Neu -Seeländer!! Wir essen doch nur Austern und schlürfen Champagner; und wenn ettvas Blut und Thränen daran hängen, was können wir dafür? Die Neu - Seeländer fressen Menschenfleisch, aber sie kämmen sich. Deshalb müssen wir sie um Verzeihung bitten, daß wir ihnen in dieser Gallerie einen so schlechten'Platz angewiesen haben. Aber freilich greifen die Spitzen der tieferen Kulturstufen in der Regel über die Anfänge der nächsthöheren hinaus. Es ist feine Kleinigkeit, ob ein Volk sich sammt oder nicht. Der Portugiese, der im Schatten der Klostermauer seinen Rosenkranz abmurmelt, bittet den Nachbar um die Gefälligkeit, sein Haupthaar zu revibiren, und in dem russischen Reiche, vom weißen Meere bis zu den alen« tischen Inseln ist der Kamm ein unbekanntes Instru­ment, wenn nicht hier und da ein in die Bergwerte geschickter Feind der Ordiinug und Eivilisatioii einen