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Wiesbaden Samstag, 7. Juni |S$1

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Die französische Republik uitb ihr erster Präsident.

X Der gefährlichste Feind der französischen Freiheit ist von jeher das französische Jllusionsfieber gewesen. Sich für ein großes Wort begeistern zu können, ist schön und so recht eigentlich die Lichtseite des franzö­sischen Nationalcharakters. Die Freiheit und die Re­publik, der Ruhm und das Kaiserthum, sie haben da­für geglüht und geblutet; doch in der Hitze der Be­geisterung überstürzten sie sich, sie verloren die Repu­blik, weil sie die ächtrepublikanische Freiheit, welche mehr als Flackerfeuer ist, noch nicht zu wahren wuß­ten; und sie verloren das Kaiserthum, weil sie den Rubin desselben höher achteten, als die Gerechtigkeit, welche sie ihren wahren Interessen und denen ihrer Nachbarn schuldig waren. Aber sie haben nach drei­ßig schweren Leidensjahren das Werk von vorn ange- fangen, sie haben nach 30 Jahren sich wieder Illu­sionen gemacht und sie stehen heute wiederum vor einer schweren Krisis. Haben die Franzosen nichts ge­lernt und nichts vergessen? Die Feinde der Republik glauben so; ob sie richtig urtheilen, schien vor weni­gen Tagen noch schwer zu entscheiden. Die jüngsten Ereignisse haben uns jedoch um ein Bedeutendes wei­ter in der Lösung dieser vielenLösungen" gebracht; sie haben uns gelehrt, daß die Franzosen anfangen, die Jllusionspolitik aufzugeben und auf den Boden der nackten Wahrheit selbst diejenigen zu drängen, welche bisher sich und Andern so gern Illusionen machten.

Jedesmal, wenn ich der National-Versammlung Unterdrückungsmaßregeln vorschlug, sind sie genehmigt worden; jedesmal, wenn ich Gesetzentwürfe zu volks- thümlichen Verbesserungen vorlegte, sind sie verworfen worden!" hat Louis Bonaparte in Dijon gesagt, und das Schlagende dieser Anklage gegen die Majorität ist nicht in Abrede zu stellen. Die Ordnugspartei iss hier­mit gerichtet und ihr kleinmüthiges Auftreten bei der Interpellation über diese Anklage w.r nur eine Bestä­tigung des Urtheils.

Eine zweite, nicht minder große Wahrheit hat Ge­neral Ehangarnier am 3. Juni in der Nationalver­sammlung gesprochen, als er ausrief:Wenn man ge­wissen Besorgnissen glauben sollte, so wäre die Armee bereit, in einem Augenblick des Enthusiasmus sich ge­gen die Gesetze des Landes und diese Versammlung zu vergehen. Es könnte mir genügen, die Frage zu stel­len,' wo denn der Vorwand zu dem Enthusiasmus sein sollte? (Gelächter.) Allein, ich gehe weiter: die Ar­mee, vom Gefühl ihrer Pflicht und ihrer eigenen Würde durchdrungen, wünscht keineswegs, dem Lande das Elend und die Schmach einer Regierung von Cäsaren, ausgerufen durch trunkene Prätorianer, auferlegt zu sehen. (Sensation.) Der Geist der Disciplin ist tief in ihr eingewurzelt; allein die Anführer, die es ver-

Der Prozeß Boearn,«.

(Fortsetzung.)

Sitzung vom 29. Mai.

Der Zudrang des Publikums ist heute ungeheuer; man erwartet die Zeugenaussage des Jnstructionsrich- lers Herrn Heughebaert. Um 10% Uhr erscheint der Gerichtshof. Die Angeklagten werden von Gendarmen herein,geführt; die Gräfin bleich und verstört, die Augen gesenkt; der Graf, sich laut schnäuzend, sein Taschen­tuch ruhig faltend, und das Publikum unbefangen an­blickend. Als der Präsident sagt:Angeklagter, er­heben Sie sich!" tritt tiefes Stillschweigen ein. Das Verhör bezieht sich zunächst wieder auf die Waschungen und Verbrennungen, die nach dem Verbrechen vorge- uommen wurden. Man zeigt dem Angeklagten einen Stöpsel von Schmergel, der zu einer spurlos ver­schwundenen Phiole gehört. Man fragt ihn, ob er den Stöpsel kenne. Er bejaht es; er habe die Phiole beim Gurgeln gebraucht; wo sie geblieben sei, wisse er nicht. Dann kommt ein Hauptpunkt zur Sprache.

Fr. Sie haben im Gefängnisse zu Tournai gesagt, Sie hätten Gustav niedergrhalten, während Ihre Frau ihm das Gift eingoß. A. Es ist nicht wahr! Ich habe immer gesagt, meine Frau sei unschuldig! Ich sollte sie vor einem Gefangenwärler angeschuldigt haben!

Fr. Ich werde Ihnen Ihre Worts vorlesen. Als

suchen wurden, sie gegen die Gesetze und diese Ver­sammlung zu führen, würden nicht ein Bataillon, nicht eine Compagnie, nicht einen Mann mit sich fortreißen und würden sich gegenC ^ die Männer finden, die stets auf der Bahn der Pflicht und der Ehre gewan­delt sind. Vertreter Frankreichs, berathet in Frieden!" Mit diesen Worten ist der Bonapartismus gerichtet, und auch diese große Wahrheit wird in Millionen Her­zen ein Echo finden. Ist Louis Bonaparte Bonapar­tist im schlimmen Sinne des WovteS^ Wenn Chan- garnier die Ansicht des Heeres ausgesprochen, so ist damit über den Imperialismus entschieden. Nur mit Prätorianern könnte der Präsident den Kaiserwahn ausführen. Was bleibt dem Präsidenten also jetzt?

Ein Mann, der unter der Julibynastie das entschei­dende Wort zu sprechen pflegte, ein Mann, dessen Rede noch immer viel gilt in Frankreich, Cormenin, der Präsident der von der könssituirenden Versamm­lung gewählten Verfaffnngskommission war und gegen­wärtig Staatsrathsmitglied ist, hat diese Antwort ge­geben. In einer Flugs rift, in welcher er die Ver­fassung von 1848 gegen den Vorwurf, in aller Eile und ohne Ueberlegung hingeworfen worden zu sein, vertheidigt und es der eigenen veränderlichen Natur seiner Landsleute zuschreibt, wenn sie mit einer Ver­fassung, die sie sich selbst gegeben haben, die das große Princip der National-Souverainetät heiligt und in allen ihren Bestimmungen verwirklicht, und die zugleich den Grundlagen der Gesellschaft alle Garantien dar­bietet, schon vor Ablauf von drei Jahren nicht mehr zufrieden sind, ruft er dem Präsidenten die in­haltsschweren Wahrheiten zu:Hören Sie auf die Stimme eines Mannes, der Sie vertheidigt hat, als Sie Gefangener waren, der Sie niemals um eine Gunst gebeten hat, der zwar nicht für Sw votirt ha( der Ihnen aber auch nicht feindselig ist, der Ihre Her­zensgüte, Ihre Vaterlandsliebe, Ihre Sympathie für die Freiheit kennt und der noch weiter geht: der glaubt und sagt, daß jeder andere Präsident, weniger ge­mäßigt, weniger pflegmatisch, lebhafter, wagehalsiger als Sie, vielleicht einen europäischen Krieg entzündet und die Republik schleunig zu Fall gebracht haben würde. Als das allgemeine und direkte Votum unserer Handwerker und Ackerbauer, als dieses Volk in Blouse und Holzschuhen Sie zum Präsidenten erhob, der gemeinschaftlichen Verschwörung der Beamten, der Presse, des Adels, der Bourgeoisie und des Parlamentes zum Trotz, konnten Sie den Tag nach Ihrer Wahl der Last der Gewalt entsagen und sich, mit Ihren 6 Millionen Stimmen gekrönt, in Mitten der größten Ehre, die je einen Menschen umgeben hat, zurückziehen. Da Sie aber geglaubt haben, sich der schweren Arbeit des Re­gierens hingeben zu müssen, so suchen Sie dem He­roismus dieses Opfers treu zu bleiben und Sich dar­in znrückzuhalten. Lassen Sie Sich nicht vorsagen, daß eine Gewalt von beschränkter Dauer die Anarchie mit sich führt; denn Rom hat unter einjährigen Con-

Sie von einer Confrontation mit Ihrer Frau in die Zelle zurückgeführt wurden, sagten Sie, vertraulich plaudernd, zu dem Gefängnißdirektor Vandercruyffen: Meine Frau hat sich in ihren Aussagen Hinreißen lassen; Sie begreifen wohl, daß sie sich selbst anklagt, indem sie mich anklagt. Ich habe erklärt, ich sei allein im Zimmer gewesen, wie wir verabredet hatten. Fragen Sie sie doch einmal, weßhalb sie jetzt wechselt. Machen Sie ihr das doch begreiflich. Denn Sie merken, mein lieber Direktor, wenn ich die Wahrheit sagen wollte, so würd' ich sagen, daß sie das Gift in den Mund und auf die Kleider gegossen hat. Als sie eS ihin auf die Kleider goß, war es zum zweiten Male, daß sie goß, und da sagte sie: ,.Tiens! Erinnern Sie sich dieses Gesprächs? A. Ich habe gesagt, meine Frau habe Ihren Bruder vergiftet und das Gift ein- gegosien; etwas anderes gesagt zu haben, erinnere ich mich nicht. Meine Frau hat das Gist eingegossen, ohne es zu wissen. Fr. Hören Sie die Fortsetzung des Gesprächs:Dabei ist mir ein wenig in den Mund gespritzt, so daß ich beinahe davon umgekommen wäre, und ich habe die ganze Nacht warmes Wasser genom­men und vomirt" Haben Sie das gesagt? A. Ich erinnere mich nicht, das gesagt zu haben. Aber eines Tages, als ich mit ihm plauderte, hatte ich schauderhaftes Kopfweh, und ich weiß nicht, was ich in der Zerst emmg gesagt haben mag. Fr. Ich lese weiter:Nachdem sie ihrem Bruder das Gift einge-

I suln das Weltall beherrscht, und die Vereinigten Staa- I km blühen unter einer vierjährigen Präsidentschaft

Lebenslänglich oder auf 10 Jahre zu regieren hat man Ihnen und haben Sie Sich selbst nicht gestattet. Sie sind in der That ich spreche zu einem Ehrenmanne dergestalt gebunden, daß Sie der einzige unter allen Franzosen sind, der eine Verlängerung weder verlangen, noch annehmen kann; Sie sind dergestalt gebunden, daß sogar die Revision der Verfassung, die etwa die Nichtwiederwählbarkeit deS 'Frästernten ab schaffte, Sie im Grunde Ihres Gewissens Jores Eides nicht entheben könnte! Alle diese Könige u id Kaiser, die um Sie herum herrschen, alle diese Präsidenten, die sich eine Usurpation streitig machen, sind nur die Repräsentanten des Zufalls, des Vorrechts und deS Schwertes. Niemand vor Ihnen ist jemals und in irgend einem Lande Europa's so das unbestreitbare Ober- Haupt einer großen Nation gewesen. Was haben Sie noch zu wünschen, und welche Höhe könnte Ihr Ehr­geiz noch ersteigen? Präsident der französischen Re­publik zu sein oder gewesen zu sein, heißt nicht we­niger sein oder gewesen sein, als ein König, und was eine Krone betrifft, so wissen Sie sehr wohl, daß es keine Krone auf der Erde gibt, die nicht unter Ihrem Namen stände. Was aber unendlich erhaben über einer Krone und sogar über Ihrem Namen steht, das ist das Halten eines gegebenen Versprechens, das Erfüllen Ihrer Pflicht, das Znrück- treten, wenn Sie bleiben könnten, und Büi- ger zu sein, wenn Sie König sein könnten. Denn ein Mann von Jprcm Geschlecht darf im G » gensatz so vieler Monarchen und gewöhnlicher Präte» deuten der Welt nur große Beispiele darbieten. Was heißt zuletzt siegen, uno wie viele Helden haben nicht Reiche gewonnen und zu Grunde gerichtet? Es gibt einen neuen und schöneren Platz in der Geschichte: den einer obersten Gewalt, die rechtmäßig erlangt und treu wieder abgegeben worden ist. Dies wird der Ihrige sein! Werden Sie der wahre, der ruhmvolle Gründer der französischen Republik! Es ist gut, daß der erste ihrer Präsidenten nicht wiedererwählt werde; es ist gut, daß Sie nicht zur unzeitigen Revision einer Ver­fassung, die Sie beschworen haben, die Hände bieten. Es ist gut, daß man wisse, daß Sie noch Millionen von Stimmen auf Ihren, Haupte vereinigen können, und daß Sie dieselben in edler Weise abgelehnt haben. Sprechen tote es aus, nicht in einem Jahre, nicht morgen, sondern heute! Die Ze t drängt, das Land wird unruhig, der Handel leider, vas Volk ist krank, sein Blut zieht sich zurück, sein Puls schlägt nicht mehr. Sprechen Sie! Das Volk erwartet in Schweigen, was Sie sagen werden! Sprechen Sie! Denn Sie allein können die drei Factiouen von der Legitimität, der Regentschaft und dem Kaiserthum niederwerfen, das allgemeine Stimmrecht wieder herstellen und Frank­reich kühn über die bebende Brücke von 1852

gossen hatte, hieß ich sie aus dem Saale gehen, und sie ging hinaus." Ist das wahr? A. Ich erinnere mich sehr wohl, dem Gcfângnißdirektor gesagt zu haben, daß ich meiner Frau gesagt hatte, sie solle erklären, daß sic nicht im Zimmer gewesen sei. Fr. Baten Sie ihn nicht, geheim zu halten, was Sie ihm gesagt hatten? A. Ich bat ihn, er möge verschweigen, daß meine Frau das Gift eingegossen habe.

Der Präsident verliest das Protokoll der Confron- tation zwischen Herrn Vandercruyffen und dem Ange­klagten. Der Gefängnißdirektor, nachdem man ihm in Gegenwart des Angeklagten die Relation des geführten Gespräches vorgelesen hatte, erklärte auf seinen Zcngen- eid:Ja, das ist die Wahrheit; das hat Jnculpat mir gesagt." Der Untersuchungsrichter fragte Jnculpaicn: Was haben Sie darauf zu antworten." Der Jncul- pat versetzte:Ich antworte nicht."

Der Präsident: Sie haben damals nicht antworten wollen? A. Ich war entrüstet, meine Worte von den Wärtern überwacht und mißdeutet zu sehen. Fr. Warum machten Sie den Wärter zu Ihrem Ver­trauten ? A. Ich plauderte nur bisweilen mit ihm. Ich habe ihm nie gesagt, daß meine Frau Gift in den Mund und auf die Kleider gegossen habe. Fr. Wenn Herr Vandercruyffen nicht die Wahrheit gesagt hatte, so würden Sie ihm vor dem JnstructionSrichtcr ge­antwortet haben: Sie sind ein Lugner! ein Betrüger! Das war der Augenblick sich zu erklären. Ä Ich