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muß ein scharfer Luftzug aus. Warschau geweht haben, der den Reiseplan des österreichischen Kaisers über den Haufen warf. Leise, wie die russische Politik ihr Spinnengewebe über ganz Deutschland ansbreitet, zog der russische Staatskanzler Nesselrode mit seinerrech­ten Hand", dem Admiral Kudriassky und dem Fürsten Lieven in Olmütz ein; er weilt bereits seit zwei Tagen hier und erst gestern Abend ward seine Anwesenheit publik. Das Geheimniß charakterisirt Alles, was rus­sisch heißt. Die Zusammenkunft der Männer, die an der Spitze der Politik des Winterpalastes stehen, mit jenen, welche die eisendräthigen Fäden der österreichischen Politik leiten, wird von einem Theile des intelligenten Publikums im Parterre und selbst in den Sperrsitzen des plötzlich eröffneten politischen Schauspieles dahin gedeutet, daß in Olmütz die Fragen in Betreff der Stellung, welche Oesterreich im deutschen Bunde ein­nehmen wird, in Betreff der^ Gleichmachung der ein­zelnen deutschen Länderversastungen nach Einer von den drei Monarchen Rußlands, Preußens und Oester­reichs zu vereinbarenden Form, und in Betreff der Neustiftung der heiligen Allianz und ihrer Maßnahmen gegen den C o n st i t u t i o n a l i s m u s, L i b e r a l i s m u s, die Demokratie, den Republikanismus, ihre schließliche Lösung auf Grund der Warschauer Vorar­beiten erhalten sollen.

S Wien, 29. Mai. Obgleich General Haynau den Wunsch ausdrückte,Sr. Maj. dem Kaiser Nikolaus aufzuwarten", so ist er laut demNeuigkeits-Bur." doch nicht zugelassen worden. Auch der Minister des Innern, Dr. Bach, hat nicht in Olmütz aufwarten dürfen.

Wienr 1. Juni. (Augsb. Allg. Ztg.) Kaiser Nikolaus ist gestern nach Warschau wieder a b g e r e i s t.

Hamburg, 31. Mai. Sicherem Vernehmen nach' meldet dieBörsenhalle", steht eine Verschärfung der hiesigen Gesetze über das Vereins- und Versammlungs- wcsen, so wie über die Presse nahe bevor. Die betreffen­den Anträge des Senats, sind bereits dec Verhandlung der bürgerlichen Kollegien unterstellt worden.

Aus dem Schleswigschen, 29. Mai, wird den Hamb. Nachr." gemeldet, daß dänische Matrosen und ähnliche Leute, unter Anführung einiger angesehenen Dänen, die Bildsäule Christian I. zu Apenrade herabgerissen und auf den Schindanger geschleift haben. Es würde das eine Demonstralion gegen das oldenburgische Haus sein, deren Wahrheit indessen von dem genannten Blatte selbst noch bezweifelt wird.

Dänemark.

Kopenhagen, 28. Mai. Der Artikel derBer- lingschen Zeitung" über den glücklichen Erfolg der Sendung des Hrn. v. Pechlin nach St. Petersburg lautet:Der Umstand, daß der Minister des Aus­wärtigen, Hr. v. Reedtz, gerade am Tage nach Baron Pechlin's Rückkehr aus St. Petersburg in eigener Per­son nach Warschau gegangen ist, hat hin und wieder den Glauben hervorgerufen, daß die Sendung des Barons Pechlin (welche allein die Erbfolgeordnung betraf) zu keinem entschiedene» Resultate geführt habe oder doch vielleicht auf unerwartete Schwierigkeiten gestoßen sey. Dieß ist inzwischen so wenig der Fall, daß im Gegentheil die Sendung des Barons Pechlin vollkommen ihren Zweck erreicht hat, und wir befinden uns im Stande, den Aeußerungen in der Presse, durch welche jene fehlerhafte Meinung noch mehr bestärkt ist, die bestimmte Behauptung entgegenzusetzen, daß die Reise des Ministers des Auswärtigen nach Warschau durchaus nicht die Angelegenheit betrifft, wegen welcher Baron Pechlin zuletzt an den kaiserl. russischen Hof gesandt war."

Italien.

Florenz, 26. Mai. (Augsb. Allg. Ztg.) Gestern ist in Folge eines heftigen Anfalls von Podagra, der erst seit ganz kurzem hier verweilende neue englische Gesandte, Sr. Exc. der sehr chreuwerthc Richard Lalor Shi el (einst als irischer Volks- und Parlamentsredner |o be­rühmt) im Alter von 66 Zahlen plötzlich gestorbru.

Turin, 28. Mai. (Augsb. Allg. Ztg.) Graf Cavour- Hat heute seinen Entwurf eines Eisenbahnhypothek-An­lehens von 75 Millionen Lire der Kammer vorgelegt.

Türkei.

w Aus Konstantinopel 19. Mai meldet derCon- stilulivnell" eine wichtige M iu i ste rk risi S, über welche jedoch das Nähere noch fehlt. Reschid-Pascha und seine Partei hätten darnach den Kriegsminister Mebemet Ali Pascha, den Großadmiral Soliman Pascha, den Poli- zeiiuinister Mehemet Pascha und den Zolltirektor Hussein Bey gestürzt.

G r i e ch e n l a n d.

DieAngSb. Allg. Ztg." bat Briefe aus Athen vom 20. Mai. Der Prinz von Oldenburg wurde nach drei Wochen aus Konstantinopel zurückerwartet. Während in der größeren Hälfte Europa'S über KMe und Nässe geklagt wird, hatte man in Griechenland feit dem Monat Februar keinen Regen mehr. (Auch in Siebenbürgen und auf Sicilien klagt man über anhaltende Dürre.)

Republik ^raufretd)

Straßburg, 29. Mai. Die Paris-Straß­burger Eisenbahn ist heute auf der von hiernach Saarburg dem allgemeinen Verkehr übergeben worden.

* Paris, 1. Juni. Die Politik hält einen Feier­tag. Das Volk freut sich der schönen Frühlingstage; der Präsident ist gestern Abend mit einem zahlreichen Gefolge politischer Celebritäten nach Dijon' abgercist, wo er diesen Nachmittag um 2*4 Uhr einzutreffon ge« denkt. Die Elyseeblätter, deren Nachrichten bis heute früh um 10 Uhr reichen, versichern, der Präsident sei überall mit dem Rufe:Vive le President! vive Napoleon! mit Begeisterung bewillkommnet worden. Gestern Abend wurden in den politischen Partei­versammlungen lebhafte Vorverhandlungen über die in den Bureaux zu wählenden Mitglieder für die Spe­zialkommission wegen der Revisionspetitionen geführt. Die Mitglieder der Pyramidenstraße hoffen sich mit den Legitimisten dahin zu verständigen, daß die Linke so viel, wie irgend möglich, von der Kommission aus­geschlossen^ werde. Man spricht von einem heftigen Wortwechsel, der bei dieser Reunion zwischen Thiers und Broglie vorgefallen sein soll. Thiers habe gegen die Verfaffungsrevision mit der Bemerkung gesprochen: Sie werden dadurch nur für unsere Gegner die Ka­stanien aus der Asche holen." Broglie habe Thiers, nachdem er dieses gesprochen, der Apostasie beschuldigt, worauf es zu einer heftigen Scene gekommen und Thiers die Versammlung zornsprühend verlassen habe. Diesen Morgen ist Thiers nach London ab­gereist, um die Jndustriehalle zu besuchen und die Ordnungspartei ihrem Schicksale zu überlassen. Ge­neral Aupick, früherer Gesandter in Konstantinopel, ist heute hier eingetroffen, doch ist es wieder zweifelhaft, ob er den Posten in London erhält.

Die neue Protestation Frankreichs gegen Oester­reichs Gesammteintritt in den deutschen Bund wird heute bestätigt.

S eh w e i z.

Auch in Schaffhausen regt es sich. Am 18. fand eine lange nicht gesehene große Volksversammlung statt. Wohl 4000 Männer waren dem Ruse des National­raths Fuog gefolgt. Man beschloß cinmüthig, Ver­fassungsänderung durch einen besonderen Verfassungs­rath aus dem Volke zu verlangen und setzte ein Ko- mite dafür nieder. Der allgemeine Drang ist auf Verminderung des Beamtenheeres, so wie einfachere Verwaltung und Rechtspflege gerichtet. Sehr günstig für diese Bewegung ist das ungünstige Ergebniß des diesjährigen Staatshaushaltes, welcher um 34,000 Fr. zu kurz kommt. Als europäische Merkwürdigkeit muß dagegen mitgetheilt werden, daß der Großrath von Zug die Vermögenssteuer um die Hälfte, die indirekten Abgaben um mehr als ein Drittel herabgesetzt hat. Einmal im Zuge, füge ich die zweite Merkwürdigkeit hinzu, daß in Uri, sage Uri, die erste gemischte Ehe von der Kan­zel verkündigt worden ist. Das härteste Urgestein wird von der Bundesgesetzgebung gesprengt.

Portugal.

* Wir haben wichtige telegraphische Nachrichten über Madrid aus Lissabon vom. Mai. Nachdem Saldanha am 23. sein aus I ante r eep tembr i sie n bestehendes K abine e, in welchem er sich nur die Präsidentschaft referviv^ zeb^td« hatte, erschien am 25. ein Dekret der Königin, wodurch die Depu- tirtenkam mer aufge 1 ost und a u f den 15. Sep- tember die Cortes zur Revision der Ver - fassung 'einberufen werdeu. Man zweifelt iiiclt «Uhr daran, daß tiefe Revision im Geiste ter demokratischen Verfassung vom Jahre 1838 ausfaUcn wird, wenn vom Auslande nicht zwischen jetzt und 15. Sept, intervenirt wird.

Amerika.

New-Jork, 13. Mai. (Augsb. Allg. Ztg.) Aus Holste » siiib viele gewesene Offiziere der holsteinischen Armee angefommeu, deren LeeS wie daS aller mittellos ankem- meuben Gebildeten wenig bencidenSwerth ist. Jeden­falls aber dürfte eS bessr sein, als das was den Hol­steinern in Südamerika geboten wird. Die Zahl unserer deutschen Flüchtlinge ist gestern durch Struve vermehrt worden, der mit seiner Frau hier an kam.

Der Prozeß Bocarme. (Fortsetzung.)

Im weiteren Verlaufe gibt die Angeklagte genaue Erklärungen über die Waschungen mit Seife und Oel, welche sie im Speisesaale vernahm, um die Nicotin­flecke zu vertilgen, über die Phiolen, die sie auf Befehl ihres Mannes wegwerfen mußte, über die Art wie man die Leiche mit sehr starkem Essig reinigte, wie der Kutscher dem Todten Glaser Essigs in den Mund gießen mußte, und wie der Graf ihr erklärte, daß die Chemiker in Folge dieser Operation keine Spuren des Nicotin vorfinden würben. Seine eignen Kleiber ließ der Graf, ohne daß die Domestiken eS sahen, von seiner Frau in Wasser stellen. Die Kleiber werden der Angeklagten vorgehalten; sie erklärt mit dein gleich­gültigsten Tone, daß sie sie erkenne. (Sensation.) Die Angeklagte fährt in ihren Erklärungen fort, wie der Kutscher in ihrer Gegenwart ihres Mannes Taschen­tuch und Gustavs Weste und Kravatte verbrannt habe.

Fr. Was hat Ihr Mann Ihnen für den Fall empfohlen, daß er vor Gericht erscheinen müßte? A. Er hat mir gesagt, ich solle zwei berühmte Advo­katen von Paris kommen lassen, Herrn Chaix d'Estange und Leon Duval. Aber ich glaube nicht, fügte er

hinzu, daß man mich verhaften wird; denn man wird nichts finden. (Sensation.) Nur seine Wunden be­unruhigten ihn. Fr. Empfahl er Ihnen nichts für den Fall, daß Sie vor Gericht gestellt würden? A. Ja; er empfahl mir zu sagen, daß ich nichts wisse. Verkaufe mich nicht! rief er. (Hier scheint die Ange­klagte bewegt zu werden.) Das sagte er mir im Vor­zimmer, am Tage nach dem Tode meines Bruders. __ Fr. Empfahl er Ihnen nichts für den Fall, daß man Ihnen hinterbrächte, was er vor Gericht gesagt hätte?

A. Ja; er jagte: Glaube nichts von dem, was man dir sagt, daß ich erklärt hätte. Das sind die Mittel, welche die Justiz anwenbet, um zur Kunde der Wahrheit zu kommen. (Bewegung im Publikum.) Er sagte mir, ich solle sagen, Gustav habe sich vergiftet, wenn er des Verbrechens überwiesen würde. Ich fragte ihn, wie er das mit einiger Aussicht auf Erfolg aufrecht erhalten wolle. Pah, antwortete er, das ist die Sache meines Advokaten. (Bewegung des Abscheus.) (Folgen Ausjagcn über die Verbrennung von Briefen und Bü­chern, muthmaßlich toricologischen Werken.) Fr. Versammelte Hyppolyt nicht alle Dienstboten in der Schlafkammer,^ um ihnen ihre Aussagen zu diktiren? A. Ja. Er fragte sie:Wenn man dich verhört, was willst du antworten? Dies und das. Das ist nicht recht; du mußt so und so antworten." Fr. Haben die Dienstboten nicht den Pfarrer consul- tirt, wie sie sich vor Gericht zu verhalten hätten? A. Emeranre war sehr unruhig über das, was sie sagen solle. Sie gab den Rath, den Pfarrer zu con- sultiren, und alle Dienstboten thaten das. Fr. Was empfahl Hippolyt den Dienstboten? A. Er sagte ihnen: Ihr müßt erklären, daß ihr rufen hörtet:Hip­polyt, komm mir zu Hülfe!" - Fr. Und Gustav hat das nicht gerufen? A. Durchaus nicht; er rief im Gegentheil:Pardon, Hyppolyt!" Fr. Wollte er nicht Emeranèe überreden, Gustav sei in ihren Armen gestorben. A. Ja. Fr. Sagte er nicht sogar: Die gute Emesänce! er ist in ihren Armen gestor- ben?" A. Ja. Fr. Sagte Justine Thibaut nicht, das sei falsch? A. Ich erinnere mich nicht, Fr. Begegneten Sie nicht nach der Leichenschau der Eme- rance auf der Treppe und sagten Sie ihr nicht, Alles gehe gut, man habe nichts endcckt, und man werde Ihren Bruder beerdigen? A. (nach einigem Zögern) Ja. Fr.- Haben Sie nicht den Hüter Tibant nach dem Schlosse Grandmetz geschickt, zu Gustavs Braut, und ihm gesagt:Melde dieser Spitzbübin, daß Gustav todt ist." - A. Ich glaube nicht, das gesagt zu ha­ben. Fr. Die Anklage behauptet es. Wir werden den Zeugen vernehmen. Haben Sie nicht sofort die Schlüssel zu den Möbeln Ihres Bruders gefordert? A. Ja.

Die Sitzung wird aufgehoben.

Sitzung vom 28. Mai.

In der heutigen Sitzung war das Publikum zahl­reicher zugegen; man bemerkte namentlich viele vornehme Damen von Mons und Brüssel. Zunächst beendete der Präsident das Verhör der Angeklagten in Abwesen­heit des Grafen.

Fr. Vordem Untersuchungsrichter haben Sie er­klärt, daß <?ie einige Augenblicke bevor Gustav sein Cabriolet verlangte, an ihrem Maune einen drohenden Blick bemerkten. - A. Einen wilden Blick. (Tiefe Sensation im Publikum). Fr. Machte das Sie nicht aufmerkjam? A. Ja. Fr. War das nicht der Grund, weshalb ste fich^ weigerten, den Wagen zn be- stellen. A. .ja. Fr. Bemerkten Sie diesen wil­den Blick, von welchem Sie sprechen, ehe Emerance ftagte, ob sie Licht auzünden solle? A. Nein spä­ter. - Fr. Ließen Sie in der Nacht nach G^istavS Tode den Dr. Semet von Pernwelz kommen? A. 3a. Fr. Aus welchem Grunde? A. Für meinen Mann. Fr. Sie wußten schon, daß Ihr Bruder todt sei? A. Ja, aber Hippolit hatte gesagt, ich solle ihn für Gustav und für ihn kommen lassen. Fr. Warum ließ Hippolyt ihn kommen, da er doch Gustav todt wußte? A. Ich weiß nicht. Fr. Geschah eS nicht etwa wieder, um Komödie zu spielen? A. (mit deutlicher und gleichgültiger Stimme) Wahrscheinlich. (Bewegung im Publikum.) Fr. Hat der Doctor an Ihrem Manne Spuren von Ver­giftung entdeckt? A. Er hat in meiner Gegenwart nicht davon gesprochen. Fn Hat er Ihrem Manne et­was verordnet. A. Ja. Fr. War es ein Gegen­gift? A. Ich weiß es nicht; er hat eS selbst von der Apotheke geholt. Fr. Er ist also zweimal ge­kommen ? A. Ja. Fr. Hat Ihr Mann nach dem ersten Besuche Erbrechungen gehabt? A. Ja, er trank warmeS Wasser und erbrach sich. Fr Trank er viel davon? A. Ja. Fr. Wurden nicht Eme­rance und der Kutscher beauftragt, daS warme Wasser zu Hosen? A. Ja.

Der Präsident läßt den Angeklagten Hippolyt Vi­sart, Grafen von Bocarmo, herein führen. Die ersten fraßen seiner Vernehmung betreffen die Zerrüttungen seiner Finanzeè, die Verfetzung der Diamanten seiner Frau in Brüssel, die Versuche des Grafen, seine über- jchuldeten Immobilien durch einen frug inen Verkauf seinen Kindern zu erhalten.

- Fr. Als Sie Lydia Fougnies heirätheten , haben Sie nicht auf das Vermögen Ihres kränklichen Schwa­gers spekulirt? A. Ich habe nie auf Gustavs Ver­wogen speculirt. Fr. Haben Sie nicht nach Ih­rer Heirath mehrmals dem Doktor Semet über Gu-