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Wiesbaden. Mittwoch, 2. Juni 1851.

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Friedrich der Große *).

Friedrich der Große nicht weil er König war, nicht durch seine Königliche Würde, nicht vermöge seines Königlichen Amtes, sondern durch die Art und Weise, wie er seine Königliche Würde begriff, wie er sein Königliches Amt verwaltete, der große Friedrich! Es hat Könige gegeben, die außerordentlich gut zu repräsentiern wußten; die groß waren in Kö­niglichem Aufwand, groß in Anordnung und Veran­staltung von Hoffesten, in Palastbauten, in Garten­anlagen; groß in Lurus und Verschwendung; die von der Schmeichelei groß genannt sind, denen aber die weniger befangene, nicht ihre Livree tragende Nachwelt den Beifall wieder entzogen hat, welchen sie nur der Kriecherei niedriger Schmeichler verdankten. Es gab Könige, w lche weit mehr als Friedrich der Große er­füllt waren von dem Glanze, von der Heiligkeit der Königlichen Würde, die aber über dem Glanze und der Heiligkeit das Amt vergaßen. Friedrich der Große hatte keine Empfänglichkeit für die mystischen Träume­reien eines Jakob oder Karl Stuart von einem ver­meintlich göttlichen Recht, zu thun, was ihnen beliebte, ihre Einfälle für Gesetze, ihre Launen für Recht, ihre Willkür für göttliche Ordnung auszugeden. Es kann Niemand gefunden werden, der diesem vermeintlichen göttlichen Recht des Königlichen bon plaisir entschie­dener Opposition gemacht hätte, als Friedrich der Große. Wie Luther der päpstlichen Unfehlbarkeit, so stand Friedrich der Große diesem göttlichen Recht der Stuarts gegenüber. Es hat viele Könige gegeben, welche im Stande waren, nicht blos dem Namen und der Form, sondern auch der Sache und der Fähigkeit nach Oberbefehlshaber der Armeen zu sein. Es hat viele Könige gegeben, welche gute Generale gewesen wären, auch wenn sic nicht als Könige Generale hät­ten sein müssen; die ausgezeichnete Strategen, glückliche Eroberer, tapfere Soldaten waren. Wenn Friedrich der Große die drei scklesischen Kriege geführt und nichts weiter gethan hätte; wenn er nichts weiter gewesen wäre, als der Sieger bei Leuthen, bei Hohenfriedberg, bei Roßbach u. r, w. so wäre er ebenbürtig einem Wallenstein, einem Conde, einem Türeune, einem Prinz Eugen; so wäre er einer in der Zahl der großen Generale. Er nahm Theil an der Glorie dieses militärischen Ruhmes, welche mit dem Fortschritt der Bildung mehr und mehr erbleicht; einer Glorie, welche entschwindet, je mehr die Opfer und die Erfolge mit einander ab­gewogen werden; einer Glorie, welche um so blässer wird, je mehr die Kriegskunst zur Kunst wird; je mehr auch hier das höhere geistige Moment in den Voreer- grund tritt; je mehr die Völker dazu kommen, zu fra­gen, ob ein solches Maaß geistiger Begabung, eine solche Fähigkeit, Vielen einen Impuls zu geben, zu ordnen und zu leiten, die Ausdauer, die Umsicht, die Geistesgegenwart, die geschickte Benutzung aller Mittel - ob' diese Talente und Charaktereigenschaften nicht besser, nicht menschlicher, nicht erfolgreicher angewendet werden können, als zur Massenvertilgung; ob damit nicht glorreichere, heilbringendere Siege errungen wer­den können, als solche, die nach Tausenden von Todten und Verwundeten bemessen werden. Wie stände es nm den Ruhm Friedrichs des Großen, wenn er das Ende des siebenjährigen Krieges gar nicht erlebt, wenn er gestorben wäre, ehe es ihm gelungen war, das er­oberte Schiesst«, um dessen Eroberung willen er das Wohl und Wehe des ganzen Landes auf's Spiel setzte, zu behaupten V Der Ruhm der Eroberer hängt vom Erfolge ab. Nicht das Unternehmen der Eroberung, mag eS noch so kühn angegriffen, noch so großartig ausgkführt werden, verleiht den Ruhm. Mißlingt die Eroberung, so ist der Eroberer ein völkerrechtlicher Rebell. Und das Wiener Kabinet, mit dem russischen und dem französischen im Bunde, waren im besten Zuge, Friedrich den Großen kriegsrechtlich zu behandeln und ilm zur Strafe des völkerrechtlichen Attentats zum Marquis von Brandenburg zu bestätigen. Als der siebenjährige Krieg beendigt, die Abtretung Schlesiens vom Wiener Hofe definitiv erklärt war war Fried­rich in dem völkerrechtlichen Prozeß freigesprochen; war er von der angedrohten Strafe frei und das Land der

*) Die preußischen Blätter bringen je nach ihrem Stand­punkte Artikel über Friedrich II. bei Gelegenheit der Enthüllung-- feier. Da wir unsere Ansichten über Friedrichs 11. Stellung zu seiner Zeit und zur Gegenwart bereits früher entwickelt haben, w lassen wir einige preußische Stimmen folgen. DieNat.- 3tg." gibt obige Charakteristik, welche sich durch ihre treffenden Schlaglichter auf die jetzige preußische Politik auszeichuet.

Gefahr gänzlichen Ruiits durch fremde Unterdrückung entgangen; hatte der Erfolg die Kühnheit des Erobe­rers gekrönt. Aber diese Siege und dieser Erfolg hät­ten nicht genügt, Friedrich den Großen groß zu machen, so wie er groß dasteht in der Geschichte. Durch die Eroberung, durch die Kriegsdrangsale, die um der Er­oberung willen das Land erdulden mußte, durch die schweren Opfer, die das Volk hatte bringen müssen, ward das Bewußtsein der Pflicht, das in Fiedrich des Großen Augen von dem königlichen Amte an sich unzertrennlich war, nur noch erhöht und gesteigert. Friedrich deö Großen Regierung sollte seine Eroberung und seine Kriegsführung gut machen» Das eifrige, unablässige, gewissenhafte Streben, seine Regeutenpflicht zu erfüllen, hat ihm den wahren Ruhmesglanz ver­schafft. Im Vergleich mit anderen Königen, die vor ihm, neben ihm und nach ihm regierten, wäre schon das ein Verdienst gewesen, mit dem öffentlichen Ein­kommen hauszuhalten, wie mit fremdem Gut, in dem steten Gedanken, daß das öffentliche Einkommen nichts Anderes sei, als das, was die Bürger vom Ihrigen hergeben; daß die Steuern nicht ein Taschengeld des Königs seien, das er beliebig verausgaben könne so oder so, so daß die Bürger es als eine Gnade zu be­trachten hätten, wenn etivaS davon zur Förderung des öffentlichen Wohls, im Interesse der Steuernden mehr als in dem der Steuerfreien verwendet werde; sondern daß, wie Friedrich sagte, Alles, was der König hat, dem Staate gehöre» Es wäre, sâgen wir, schon das verdienstlich gewesen, wenn Friedrich so dachte und demgemäß handelte. Die Könige, die so denken und so handeln, sind Auserwählte unter vielen; aber Fried­rich ist auch darum noch nicht groß. Ein König kann mit den Steuern sparsam sein und gut haushalten, aber er kann dabei in einem beschränkten, engherzigen Sinne regieren; er kann den Staat wie eine große Landwirthschaft oder wie eine große Kaserne betrachten; er kann Alles gethan zu haben glauben, wenn er Alles gehörig in Ordnung und unter Kommando hält. Fried­rich der Große sorgte für Handwerk, Ackerbau, Handel und Industrie; er liebte Äe Kunst, er kannte und achtete die Wisst,i,chüst; es war Hm Ernst mit Glau­bens-, Gewissens- und Denkfreiheit. Er duldete die Jesuiten, aber sie waren unter ihm unschädlich. Der Könige, welche historische Denkwürdigkeiten, philo­sophische und politische Abhandlungen geschrieben, sind nicht viele gewesen. Selbst die Zahl derer, welche Gedichte gemacht, Musik oder Malerei getrieben, ist klein. Es hat Fürsten gegeben, welche geistreich waren, ohne Schriftsteller zu sein; andere, welche Schriftsteller waren, ohne geistreich zu sein, Friedrich der Große war nicht bloß ein geistreicher Schriftsteller; es war ihm um die Wahrheit, um die ernstliche Erforschung der Wahrheit zu thun. Er unterhielt sich nicht mit den Philosophen, wie die Fürsten dazu erzögen werden, sich mit Jedermann unterhalten zu können. Er lebte ganz in den philosophischen Ideen seiner Zeit. Wie er frei war von der Angst beschränkter Seelen, denen nur in hergebrachter Alltäglichkeit wohl ist; wie er frei war von der Angst vorNeuerungen"; wie er ein Freund war sogar von Projekten, unermüdlich in Ex­perimenten: so kannte er auch die Angst vor Ideen, vor den Philosophen und Ideologen nicht. Für ihn war es gar keine Frage, ob das Prinzip seiner eige­nen Regierung, die Monarchie, diskutirt werden dürfe; er selbst beschäftigte sich mit der Erörterung der Frage, ob Monarchie oder Republik, wog Vortheile und Nach­theile der verschiedenen Staatsformen gegen einander ab und war sich über deren eigentliche Bedeutung ganz klar.

Da er eine selbstständige, durchdachte, nicht von der Hand in den Mund lebende, sondern auf die Zu­kunft gerichtete, in sich selbst eine Zukunft tragende Politik hatte; da er ein Mann der politischen Initia­tive und der Organisation war: so kannte er die Be­deutung der Tagespreise vor hundert Jahren besser als sie kie Regierungen von heute kennen; war er doch selbst auch ein Journalist. Er war, wie er es in seiner Zeit nicht anders kein konnte, absoluter Mo­narch; aber cs entging ihm nicht, daß der absolute Monarch es nicht von sich abweisen kann, verantwort­licher Monarch zu sein. Er betrachtete sich verant­wortlich in seinem Gewissen und seinem Volke; erfand es ganz in der Ordnung, daß das Mißvergnügen, das einzelne seiner Maßregeln erregten, der Tadel und der Spott, den sie auf sich zogen, sich gegen seine eigene Person richtete. Friedrich der Große hatte we­der einen Beichtvater, noch einen Günstling, es gab feine Partei, welche Einfluß auf seine Negiernug ge­

habt oder gar sein Regierungssystem bestimmt hätte» Eine Kamarilla am Hofe Friedrichs des Großen war ebenso unmöglich, wie der König, der wohl den Un­tergang seiner Dynastie als möglich dachte, wenn sie von dem Prinzip abfallen würde, das er als ihr Le- bensprinzip betrachtete, aber nicht den Untergang der Monarchie, unmöglich dahin kommen konnte, Gefahr- für sich oder für sein Haus von seinem Volke zu fürch­ten. Er kannte keine Tendenzpolitik, keine Solidari­tät der konservative« Interessen, welche ihn auf stets unzuverlässige, von Eigennutz diktirte und von Eigen­nutz getragene Allianzen mit auswärtigen Kabinetten mehr hätte Hinweisen können, als auf das eigene Volk» Friedrick, der Große war ein Mensch, wie andere; er bildete sich niemals ein, er sei ein Golt» Er hatte Vor­urtheile, Schwächen, Fehler mancherlei; er beging viele Mißgriffe; er konnte nicht blos hart, sondern ungerecht sein; er beging mehr als einmal Unrecht im Kleinen und im Großen. Friedrich der Große war nur ein Mensch; aber er war ein Mann, und ein Mann aus Einem Stücke. Er verstand seine Zeit und stand auf der Höhe seiner Zeit. Er setzte seinen Beruf darein, die Ideen, welche feine Zeit bewegten, die Leben und Gestalt annehme« wollten, in's Leben zu führen. Er that nicht, was ihm beliebte; er setzte sich es nicht in den Kopf, einmal zu versuchen, ob er nicht das Rad der Zeit rückwärts drehen, ob er bat Fortschritt und die Forschung, deren Förderung ihm soviel verdankte, nicht einmal aufhaiten könne. Von solchen Experimenten hielten ihn sein Pflichtgefühl, fein unbefangener, freier Blick, seine wiiklich philosophische Bildung sein praktischer Sinn, die Einheit semes Denkens und Erkennens mit seinem Wollen und Handeln, worauf seine Charaktergröße beruhte und woraus er die Selbst« ständigkeit seiner Ansichten und die Stärke seiner Charakters schöpfte, zurück. Friedrich der Große fühlte sich als den Vollbringer dessen, was sein Volk wollte; darum konnte und durste er sich den ersten Diener des Staats nennen. Darum liebte ihn sein Volk, so lange er lebte; darum betrauerte es seinen Tod; darum bewunderten ihn seine Zeitgenossen, seine Freunde und seine Feinde; darum el-rt ihn die Nachwelt; darum bleibt er für alle Zeit Friedrich der Große! <S. Berlin!)

Assisenverhandlungei« zu Wiesbadert.

Anklage gegen Johann Kraus und dessen Sohn, Andreas KrauS, von Flörsheim, wegen Meineids.

Z8^ Wiesbaden, 2. Jum'. Präsident: Hr. Hofge- richlsralh Trepka, Staatsanwalt: Hr. Substitut Moriz. Vertheidiger: Hr. Prok. Dr. Leisler gun. Dèr Tambour Johäun Hardt von Eddersheim ent­wich im October v. J. aus der Wiesbadeuer Garnison und trieb sich längere Zeit vagabundirend umher. Am Abeude des 6. Januar d. I. kam er in die Behausung der Angeklagten, welche ein Korbmachekgeschäft betrei­ben, und richtete bei denselben einè angebliche Bestel­lung der Eisenbahnverwaltung zu Hattersheim aus, wonach die Angeklagten sich des andern Tags in dein dortigen Bahnhöfe cinfiilden Und daselbst eine Anzahl Kohlenkörben fertigen sollten. Da es bereits spät an der Zeit war, so boten die Angeklagten dem Hardt an, bei ihnen zu übernachten und des andern Morgens mit ihnen nach Hattersheim zu fahren, worauf dieser eiuging und sich bei den Sohn Andres Kraus zu Bette legte. Am folgenden Morgen tranken sie mit­einander Kaffee, Johann Kraus ging alsdann in den Hof, etwas nachzusehen und als er ins Zimmer znrück- kam, war der vorher noch geschlossene Fensterladen ge­öffnet. Während er nach dem Fenster ging und nach dem Thäter fragte, hatte Hardt dessen Uhr von der Wand genommen und sich damit, sowie mit einer Pfeife, die er am Abend vorher von Andreas Kraus gekauft, aber nicht bezahlt hätte, entfernt. Hardt gab sich als einen Johann Schweizer, Sohn eines Eisenbahn- arbeiters Peter Schweizer von Hattersheim aus.

In der hierauf gegen Hardt bei dem Militärge­richte eingeleiteten Untersuchung wurden die Angeklag­ten von dem H. FustizaMte zu Hochheim am 15. Feb­ruar d. J. als Zeugen vernommen. Nachdem sie den gesetzlich vorgeschriebenen Eid geleistet gatten, erzählten sie den eben kurz angegebenen Hergang der Sache, die Uebernachtung des Johann Hardt ausgenommen, Vie sie leugneten. Bei ihrer zweiten amtlichen Verneo- mung aber erklärten sie, in diesem Punkte die Unwahr­heit gesagt zu haben, und zwar deshalb, weil sie von