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M 127. Wiesbaden. Samstag, 31. Mai 1851.

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Theile und Herrsche!

^ Vom Main, 23. Mai. Divide et iinpera, Theile und Herrsche! Das ist noch immer der Grund­satz aller Regierungen des europäischen Continents. Hier hört die Grenze eines Landes ans, da beginnt ein anderes und Mauern und Wälle und Festungen stehen auf dieser und auf jener Seite. Regimenter ge­gen Regimenter, Heere gegen Heere, die sich einander die Zähne zeigen. Hier auf dieser Grenze wähnt man alle Vorzüge und Vollkommenheiten zu besitzen, muthet aber dem Nachbar alle Schwächen zu, man kflt sich Ehrentitel bei und giebt dem andern entehrende Spott­namen. Hier und dort werden verschiedene Uniformen und Abzeichen getragen und hier und dort hält man sich für anders und besser. Hier und dort stehen die Bewaffneten unter dem Vorwande, das Land und seine Bewohner zu schützen, und hier und dort werden nicht selten im Dünkel und Urbermuth die Waffen gegen harmlose Bürger gezogen. Der Mann in Uniform hält sich für vortrefflicher, maßt sich mehr Recht an, als der Mann im bürgerlichen Rock. , Hier und dort hat man ankern politischen und religiösen Glauben und hier und dort werden die Menschen gegen Ute anders Denkenden und Glaubenden anfgehctzt. Bei dem einen Volksstamm wird der Haß gegen den andern geschürt und die Söhne der einen Provinz werden gegen die der andern in den Krieg geschickt. Theile und Herrsche!

Wie unter den Bewohnern der verschiedenen Län­der, so wird auch der Haß gegen die Produkte und Fabrikate der andern Länder geschürt. An jeder Grenze erheben sich Barrieren und Schlagbäume. Hier stehen Polizei, Zollhäuser und Zollempfättger und dort auch. Auf beiden Seiten herrscht complette Waarensperre. Hier schreit man nach Schntz vaterländischer Arbeit und dort auch, hier klagt man, daß man nicht mit dem Nachbar concurriren könne und dort auch, hier werden die Preise der inländischen Fabrikate und Produkte künstlich vertheuert und dort auch. Und während die­ses geschieht, reiben sich einige Egoisten, die sich laut Patrioten nennen, im Stillen die Hände, klatschen Bei­fall für alle diese Schutz- und Trutzmaßregeln und pro- fitiren dabei. Theile und Herrsche!

Es gab lange Zeit verschiedene Classen und Stände, und es giebt deren heute noch. Der eine Stand macht auf das Vorrecht Anspruch, vom Staate zu leben, den alle übrigen Stände unterhalten nnd erhalten müssen. Jene Herren beschönigen ihr Privilegium, ihre An­maßung damit, daß sie behaupten:Wir erfüllen einen Staatszweck und darum muß uns der Staat schützen uift nähren". Die alten historischen Privilegien sind wir fast vom Halse los und da fallen schon wieder neue über uns her. Die Fabrikanten wiederholen heute jene alte jabgedroschene Phrase:Wir (oder unsere In­dustrie) erfüllen einen Staatszweck, also muß uns auch

der Staat schützen!" Die Wissenschaft, der Geist des Fortschritts, verbindet Länder und Nationen. Die Wis­senschaft forscht und strebt vorwärts, sie baut Brücken, Kanäle, Schiffe und Straßen, in wenigen Stunden braust ein ganzer Mensche.: schwärm aus einem Lande ins andere. Die Fabrikanten, Schutz- und Prohibitiv- zöllner schreien aber:Halt! unsere vaterländische Arbeit geht dabei zu Grunde!" Es erheben sich Barneren, man fragt nach Pässen un' Passir-Zetteln, Menschen und Waaren werden aufgehalten und durchsucht. Der Arbeiter braucht wohlfeile und gute Werkzeuge, der Baumeister wohlfeiles Eisen zur Vollendung von Eisenbahnen, die Industrie selbst bedarf der neueren und besseren Maschinen, welche das Ausland producirt, unsere Schutzzöllner erlaubeu's aber nicht. So manche Arbeit bleibt ungethan, so manches Stück Land unbe­baut, so manche Wege und Eisenbahnen unvollendet und in Folge dessen werden so manche Produkte- unter ihrem Werth verkauft, weil sie ohne Communication nicht auf den bessern Markt kommen.Theile und Herrsche!"

Wir besingen und verlangen eine deutsche Flotte, wir betteln um Beiträge für den Bau einer Flotte MN Schuß unserer Handelsfahrzeuge. Der Ver­kehr auf unsern Flüssen' wird aber durch hohe Flußzölle gehemmt And unmöglich gemacht. Wir wollen Handels- und Schifffahrts-Verbindungen mit fremden Ländern haben, belasten aber die fremden Waare und Schiffe mit solchen Zöllen, daß sie nicht zu uns kommen. Die Folge davon ist, daß die frem­den Länder auch unsere Schiffe mit hohen Abgaben von sich fern halten, und daß die Frachten höher und die Fahrten seltener werden. Unser Handelsstand schnJ sich nach Verbindungen mit dem Auslande, damit, wenn der Verkehr im Jnlande stockt, die Waaren doch in der Ferne Absatz finden, die Schutz- und Prohibi­tivzölle aber, womit wir die Fabrikate des Auslandes belasten, werden als Repressalien gegen unsere ange­wandt und verscheuchen unsere Waare als Repreyalie gegen unsere Waare aus den fremden Häfen und Han­delsplätzen. Wir haben so lange keine Flotte gehabt und doch hat sich unsere Handelsmarine ohne allen Schutz zur höchsten Blüthe erhoben, sie ist die zweite in Europa und folgt gleich nach der englischen., Sie verlangt keinen Schutz und Beistand, sie will nur nicht gehindert sein. Aber unsere Polizei, unsere Schutz­männer, unser Staat denken:Theile und Herrsche!

Ein junger Mensch soll ein Handwerk erlernen, er geht jahrelang beim Meister in die Lehre, bezahlt sein Lehrgeld, wird Geselle, geht auf Wanderung. Er ist in der Fremde, z. B. in Frankreich, befindet sich dort wohl, findet Arbeit, arbeitet auf eigne Rechnung und Niemand hindert ihn daran. Er kann sich sogar als Fremder dort etabliren, ohne Meister zu werden, ohne mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Aber es treibt ihn wieder in die Hrimath, zu seinen Verwandten und Freunden, er ist vielleicht die einzige Stütze armer

alter Eltern, er will arbeiten, Geld verdienen, da le­gen ihm Polizei und Meister das Handwerk und sagen, tu darfst nicht für dich arbeiten, weil du kein Meister­werk gemacht und noch nicht Meister bist. Aber das kostet Zeit und Geld, er hat vielleicht beides Nicht zu verlieren -^ oder die Meister machen ihm Schwie­rigkeiten im Interesse der Innung, wie sie das so nennen. Oder wenn der junge Mann nun alle Schwie­rigkeiten überwunden, sein Meisterstück gefertig hat, dann kann er es nichtabsetzen, denn Niemand kann oder mag daS Prachtstück bezahlen. Er ist Meister, die Gewerbeordnung welche die verschiedenen Gewerbe, wie eine Zwangs­jacke umschließt, begrenzt ihm nun den Kreis seiner Thätigkeit. Diese und jene Arbeit darf er nicht über­nehmen, wenn sie auch bei ihm bestellt ist, wenn er auch dazu fähig ist, denn das schlägt in ein anderes Fach. Der Schreiner darf keine Zimmermannsarbcit, der Schlosser keine Schmiedearbeit u. s. w. ausführen, sonst wird er bestraft, er soll lieber nichts thun.

Die arme Nährerin klagt: ich finde keine andere Arbeit alS diese, ich muß arbeiten, wenn ich ein braves ehr­liches Mädchen bleiben will; der Zunftzwang erlaubt eS aber nicht, stößt sie lieber der Protistution und der Verzweiflung in die Arme. Der eine Meister sieht und laue t dann auf die Thätigkeit des ankern und wenn der eine dem andern ins Handwerk pfuscht, dann denuncizt und verklagt er ihn uno so üben sie Polizei gegeneinander!Theile und Herrsche"!

Afstfenv^vhaudl-rngett zu I£teébdbrii.

Anklage gegen Johann Köll von Gräven­wiesbach, wegen ausgezeichneten Dieb­stahls.

^ Wiesbaden, 28. Mai. Präsident: Herr Hof­gerichtsdirektor Flach; Staatsanwalt: Herr StaatS- prokurator Reichmann; Vertheidiger: Herr Proku- rator Heefer.

Der Angeklagte ist beschuldigt, am 22. März d. I. AbendS 9 Uhr in die Wohnung des pensionirten Lehrers und Kaufmanns Georg Philipp Ludwig Al­berti zu Grävenwiesbach eingestiegen zu sein, aus der Wohnstube eine silberne Taschenuhr mit Stahlkette, Uhrschlüssel und einer weiteren Uhrkette mit schwarze» und Goldperlen, im Gesammtwerthe von acht Gulden, sowie eine Tabakspfeife einen Gulden werth, genom­men zu haben, ferner die an der Ladentheke befindliche Geldschublade mittelst einer Gabel zu erbrechen ver­sucht zu haben, um sich das darin befindliche Geld, sowie jene Gegenstände rechtswidrig anzueignen, an der Ausführung der letzteren Unternehmung nur durch von seinem Willen unabhängige Umstände verhindert worden sei. Die Einsteigung geschah in der Art, daß Köll vermittelst einer Gartenbank an das 5% Fuß hohe Lavenfenster gelangte, alsdann eine Scheibe

Kulturgeschichtliches.

I.

London, 18. Mai. (Nat.Ztg.) Ein Volk kann sich rühmen, so vollständig vertreten zu sein, daß auch nicht ein einziges Erzeugniß seiner Industrie fehlt die Buschmänner. Da die deutschen Zeitungen bei ihnen bisher keine Korrespondenten akkreditirt haben, so ist es vielleicht nicht überflüssig, zunächst einen Augen­zeugen über sie zu hören. Lichtenstein erzählt:

Man hatte durch Schüsse die Buschmänner von der Ankunft der Reisenden unterrichtet, und es erschie­nen auch zwei, die uns der Reihe nach mit ihremt abeh begrüßten, etwas Tabak erbettelten und sich dann hinter einen Strauch setzten, um neben einem kleinen Feuer recht ruhig die Wollust des Rauchens zu ge» Nießen. Ich brachte eine Stunde mit dem Betrachten dieser Menschen zu, und so gern ich dieiRechtmäßigkeit ihrer Ansprüche auf einen Platz in der Reihe der ver­nünftigen Wesen anerkenne, so kann ich doch nicht um­hin, zu behaupten, daß ein Buschmann in Mienen und Gebehrden mehr einem Affen als einem Menschen gleiche. Vorzüglich der Eine dieser beiden, ein alter Knabe von wenigstens 50 Jahren, mit greisem Haar und spitzem Bart, Stirn, Nase, Wangen und Kinn mit tiefem schwarzen Ruß überzogen und nur rund um die Augen ein freier Rand, den die vom Rauche stets überfließenden Thränen rein erhalten, hatte ganz

die Physiognomie der kleinen blauen Affen aus dem Kaffernlande. Was diesem Vergleich aber erst volle Wahrheit gab, war die Lebhaftigkeit der Augen und die Beweglichkeit der Augenbraunen, die sich bei jeder Veränderung der Mienen auf- und niederzogen, auch die Nasenflügel und Mundwinkel, ja sogar die Ohren bewegten sich unwillkührlich mit und drückten den fluch tigen Wechsel von Begierde und mißtrauischer Aufmerk­samkeit auf die Umgebungen aus; dagegen kein ein­ziger Zug deö Gesichts, in welchem sich Bewußtsein des Denkvermögens oder irgend eine mildere über das Thierische Hinausgehende Regung des Gemüths ver­rathen hätte. Als ihm nun vollends ein Stück Fleisch gebracht war und er von seiner sitzenden Stellung halb aufstehend den Arm mißtrauisch lang darnach auS- streckte, es schnell zu sich zog und dann geschwind in das Feuer steckte, mit den Augen noch immer umher blinzelnd, ob es ihm auch Jemand wieder nehmen werde, da hätte man schwören sollen, er habe das Alles einem Affen so abgelernt. Bald zog er sein Fleisch wieder auS der Asche, wischte cs eilig mit dem linken Arm ab und fuhr damit nach Dem Munde und riß mit den Zähnen große, mehr als halb rohe Bissen davon ab, die ich noch ganz in die magere Kehle konnte hknabgkeiten sehen. Endlich kam er auf Knochen und Sehnen, wo ihm seine Zähne den Dienst versagten, und nun erst bediente er sich eines am Halse hängen­den Messers, womit er sich die mit den Zähnen ge­

faßten Biffen immer dicht vor dem Munde abschnitt. Nachdem nun der Knochen rein abgenagt war, fteckie er ihn auf 6 Neue in's Feuer, zerschlug dann zwischen zwei Steinen die Enden, sog das Mark aus uns stopfte ihn unmittelbar darauf mit Taback. Ich bot ihm eine thönerne Pfeife an, die er aber ausschlug. Den dicken Knochen nahm er tief in den Mund und schluckte den Rauch mit langen Zügen ein, wobei er die Augen zu- kniff, wie Jemand, der ein Glas köstlichen Weins mit größtem Behagen austrinkt. Nach drei, vier Zügen reichte er den Knochen seinem Landsmann , der auf ähnliche Weise einige Züge daraus that und ihn dann bis auf weiteres noch brennend in seinen ledernen Sack steckte. Hierauf sahen mich Beide vergnügt an und machten sich über mich lustig, daß ich ihnen so neu­gierig zugesehen."

Sie haben keine Kleidung, außer einem um die Schultern gehängten rohen Schaffell, geben sich keine Namen, haben keine Hütten, sondern schlafen in der ersten besten Felsritze oder in einem Busche. Ihr Schmuck besteht in einem Stück Ochsendarm, das feucht um Arm und Bein geschlungen wird und zu einem festen Ringe zusammentrocknet. Man hat bei ihnen keine Spur von einer Obrigkeit gefunden, ja nicht ein­mal von einem Adel. Ich gestehe, daß der Mangel des letzteren mich in einige Verlegenheit setzt. Der historischen Schule erscheint bekanntlich jeder Zustand um so ehrwürdiger, je älter er ist. Nun dürfte aber