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Wiesbaden. Donnerstag, S?>. Mar
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Preußen und die heilige Allianz.
X Das dynastische Preußen ist endlich wieder da «n^cfommen, wo es vor Friedrich Wilvelms Ul. Tode stand: der König von Preußen, der 1840 nach England ging, ist zur Politik seines Vaters zurückgekehrt, während der muthmaßliche Thronerbe, der Prinz von Preußen, in England sich auf dein friedlichen Völkerkongresse umschaut. Am 23. Mai erfolgte in Berlin die halboffizieUc Ankündigung, daß die Wiederherstellung der russischen Allianz in Aussicht stehe und die Meldung hat nicht überrascht, doch einen so tiefen Eindruck gemacht, daß die ministeriellen Organe sich Tags darauf schon beeilten, die Versicherung zu geben, man denke weder an die Gefährdung der Verfassung noch an einen Angriff gegen Frankreich. Wer glaubt daran, daß die russische Allianz und das konstitutionelle Preußen neben einander Dauer hätten? Und wer glaubt nicht daran, daß die Restauration der heiligen Allianz zu einer Invasion h la 1792 führen werde?
Die ministerielle „Preuß. Ztg." wagte zu behaupten, Preußens ganze „Tradition" weise gebieterisch auf diese Allianz hin und die russische Freundschaft habe wesentlich dazu beigetragen, „die Lorbeern Friedrichs des Großen für Preußen fruchtbar zu machen"! Arn 23. suchte dasselbe Blatt dann die „falschen Propheten",;» strafen, welche von dieser Allianz Gefahren für die deutschen Verfassungen und den europäischen Frieden Vorhersagen. Rücksichtlich der Verfassungen, meinte das Organ Manteuffels: aus den Thaten der Restaurations-Politik von vor 1848 ließe sich kein Schluß auf die Zukunft machen, und jedenfalls würden „besonnene Männer" wohl zu unterscheiden wissen zwischen dem „Sinne der heiligen Allianz mw zwischen den „Maßregeln, welche ihr die Nothwendigkeit des Augen- blicks abgedrungen und welche die Erfahrung der jüngsten Vergangenheit nicht ungerechtfertigt gelassen hat". Treffend entgegnet die „Const. Zeitung" in ihrem vorgestrigen Morgenblatte: „Wer bürgt uns dafür — nach dem, was in Hessen geschehen ist und noch geschieht —, daß die „„Nothwendigkeiten des Augenblickes"" sich nicht morgen erneuern? Der „„Sinn der heiligen Allianz"" wäre doch dafür ein sehr schaler Trost." — lieber die Stellung Preußens als russischer Alliirter äußert die „Preuß. Ztg." Folgendes: „Zunächst würde ein bewaffnetes Unternehmen gegei Frankreich vor Allem der Zustimmung aller derjenigen entbehren, zu deren Gunsten es ausgeführt werden könnte. Der Graf von Chambord eben so wohl, als die jüngere Bourbonen-Linie, hat sich von jeher gewaltsamen Eingriffen in die politische Entwicklung seines Vaterlandes entschieden abhold erklärt. Er hofft mit Zuversicht von den Sympathieen, welche das Königthum in dem ed- len Kern der französischen Bevölkerung zurückgelaffen, von den Erfahrungen, welche das unglückliche Land
inzwischen gemacht hat, den endlichen dauernden Sieg der monarchischen Ideen. Er weiß, daß dieser Sieg durch die Einmischung fremder Waffen entweder verzögert oder doch nur scheinbar errungen werden könnte. Das ist die Ansicht des legitimen Hauptes der französischen Dynastie, wie sie sich in seinem bisherigen Verhalten auf das unzweideutigste bekundet hat; das ist zu gleicher Zeit die Ansicht aller besonnenen Staatsmänner diesseits des Rheines. Frankreich wird daher keinen Angriff seiner östlichen Nachbarn zu fürchten haben, so lange es nicht für sie zur drohenden Gefahr wird und ihre Abwehr herausfordert. Das ist aber eine Eventualität, welche die Aufmerksamkeit der Regierungen um so dringender in Anspruch nimmt, als die französische Verfassung das Jahr 1852 als den Termin einer gewaltigen Krise bezeichnet, aus welcher sie selbst sowohl als die gesetzgebende und vollziehende Staatsgewalt Frankreichs in einer neuen, von tausend unberechenbaren Zufällen abhängigen Gestalt hervorgehen soll. Ob bei den aufgeregten Leidenschaften der Parteien diese Umwandlung ohne gewaltsame Erplo- sion vor sich gehen wird? Welche Geister dann aus der Pandora-Büchse des allgemeinen Stimmrechts ein* porflattern werden, — das liegt verschleiert' vor unseren Blicken. Allein Pflicht der benachbarten Regierungen ist es, auf alle Fälle gefaßt und gerüstet zu sein und durch gemeinsame Maßregeln die Plane der Anarchisten zu vernichten, welche von dem demokratischen Central-Comite in London die Instruktion zu einer allgemeinen europäischen Revolution einholen. Wir sind überzeugt, daß die Regierungen diese Pflicht im wohlverstandenen^Jnteresse der Völker mit Nachdruck und Erfolg ausüben werde." Sind diese Sätze eine Wiederlegung jener Befürchtungen? Wi' glauben, sie sind vollkommen geeignet, den Verdacht zu bestärken, und dies ist denn auch der Eindruck, den sie auf die große Mehrzahl der Leser gemacht haben. Wir wollen die „K ö l n. Ztg." antworten lassen; ihre Gefühle sind sehr bitter; voll Unmuth ruft die einst so vertrauende aus: „Es erinnern diese „Geister aus der Pandora-Büchse"rc. genau an die Redensarten der Coalition von 1792. Sollten die „Geister aus der Pandora-Büchse" in Gestalt französischer Soldaten die deutschen Gränzen zu überschreiten Miene machen, so hat alsdann die Nation nach dieser Seite hin Pflichten, die sie hoffentlich mit Bereitwilligkeit erfüllen wird, vorausgesetzt, daß sie sich noch unabhängig fühlt auf ihrem eignen deutschen Grund und Boden, und die Wahl nicht lediglich zwischen Kosakenthum und Franzosenthum steht. Sollten aber unter dem etwas unbestimmten Namen von „Geistern ans der Pandora-Büchse" bloß mißliebige Gesetze und Erperimente für Frankreich selber und unschädliche Declamatkonen è la Anacharsis Kloots gegen außen verstanden sein, dann glauben wir, daß unsere Landwehren für eine „Promenade nach Paris", die
sehr leicht wieder im Dreck der Champagne stecken bleiben könnte, sehr wenig Enthusiasmus verspüren, und daß unsere Kammern, so wenig sie unseren Ansprüchen auch genügen, doch mindestens so viel bürgerlichen gesunden Menschenverstand haben werden, um 'muthwilliger Interventions-Gelüste willen nimmermehr das geringste Sümmchen Geld zu bewilligen! Aus dieser durchaus nicht verborgenen Stimmung der Nation schöpfen wir weit mehr Beruhigung, als aus den angeblichen Gesinnungen des Grafen v. Chambord. Wenn von den „Traditionen" der preußischen Politik die Rede sein soll, so scheint es uns außer allem Zweifel zu sein, daß Preußen große und ruhmvolle Epochen immer nur erlebt hat, wo es unter den Fahnen der Freiheit stand. Friedrich der Große verdankt seine Große den Thaten, die er im Bündnisse mit dem älteren Pitt vollbracht Hatz die Thaten aber, die er später im Bündnisse mit Rußland vollbracht hat, die Theilung Polens hat in ihren weitern Consegurnzen keinen Segen gebracht, sondern zu jener Coalition von 1792 geführt, welche ihren Abschluß in der sogenannten „freundschaftlichen Verrâtherei Alexanders" zu — Tilsit fand. Als Der Raum von Roßbach später bi Leipzig und Waterloo erneuert wurde, war es nicht der russische Gist, der unsere Fa!mm führte, sondern der britische, der einen v. Stein beseelt hatte, und nicht ohn? tiefe Bi dcutnnq nennt Die dankbare G schichte BI n ch e r und Wellington als cie Dioskuren des Kampfes, nicht Barclay de Tolly oder S bwarz-mberg. Das weiß jeder heutige Quintaner in Berlin, und die Quintaner der Zukunft werden wissen, daß die nach 1815 ange- sponnene engere Freundschaft mit Rußland nicht zu einem neuen Siege von „ B lle - Alliance* , sondern — zu der Niederlage des 18. März 1848 geführt hat. Solche Geschichts-Verfälschungen, wie sie die „Preußische Zeitung^ sich hier zu Schulden kommen läßt, sind traurige Vorbereitungen zur Friedrichsfeier/ — Ja freilich! Unter solchen Verhältnissen ist es nicht zu verwundern, wenn dieses offizielle Fest gerade jetzt einen Eindruck auf die Verehrer des „alten Fritze" macht, den die Russenfreunde eine neue Ketzerei nennen werden, doch der mächtig Mitwirken wird, den Geist der Aufklärung in politischer wie religiöser Hinsicht mit Riesenschritten zu fördern. Die Friedrichsfeier wird kein sogenanntes Volksfest, doch sie wird ein Volkstag im eminentesten Sinne des Wortes werden, sie wird die Gemüther auf eine andere heilige Allianz Hinweisen, auf die Allianz der Völker, welche in Rußland so lange einen schlimmen Nachbar sehen, bis es aufgehört hat, die europäische Civilisation als eine Ketzerei, den Fortschritt als eint Gefahr und die Liebe aller Kulturvölker zu einander als eine Verschwörung gegen seine Sicherheit zu behandeln.
Ueber die Fortsetzung der Neubauten in hiesiger Stadt, namentlich erstens Eröffnung einer neuen Banlinic, gegenüber der Nheinstraße, oder aber Konzession zur Erbauung von Landhäusern auf dem Terrain von der Grenze der TaunuS-Eisenbahn biS zu dem Schiersteiner Weg.
/X Wiesbaden. Ueber diesen wichtigen Gegenstand ist seit einiger Zeit Vieles in der Stadt gesprochen worden, und es hat sich die Ansicht geltend gemacht, das Gouvernement begünstige nicht nur die darauf gegründeten Speculationen, sondern es haben auch zur Vornahme der nöthigen Vorarbeiten Auftrag ertheilt
Einsender dieses, hinreichend bekannt mit den allgemeinen Verhältnissen der Stadt, und mit den besonderen der Privatleute, glaubt sich verpflichtet, auf die Schwierigkeiten und Bedenklichkeiten, welche der Ausführung eines jeden der beiden Projekte ent- gegenstehen, das größere Publikum aufmerksam machen zu sollen.
Ad. 1. Es ist allgemein bekannt, daß den Erbauern der Häuser in der Rheinstraße wegen größerer Kostspieligkeit und wegen Zwanges, sämmtliche Gebäude 3Stock hoch zu errichten, eine Zusicherung s. Z. ge
geben worden ist, daß die gegenwärtige Linie der Rheinstraße keine gegenüber liegende neue Linie erlaubt und daß es auch nicht gestattet werden solle, Landhäuser auf dem Felde vor der Eisenbahn bis an Den Schiersteiner Weg zu bauen.
Auf diese Zusicherung gestützt, haben mehrere Haus- Eigenthümer in der Rheinstraße ihre Gebäude mit einem früher gänzlich unbekannten Kostenaufwande auf- geführt, und dadurch dem äußeren Ansehen der Stadl von der Rheinseite eine beträchtliche Verschönerung verschafft, was leider nicht die verdiente Anerkennung fand. Die Erbauer dieser Häuser sind größtentheils noch im Besitz derselben, haben aber bis jetzt für ihr auSgelegtes Kapital noch keine entsprechende Rente erhalten können. Bei einer Auslage von 30,000 fl. bis 80,000 fl. waren sie nicht im Stande wie die HauSerbauer aus den Zeiten der Ban-Douceure und der darauf folgenden wohlfeilen Taxation der Bau- , Plätze von einem Anlagskapital von wenigen 1000 fl. — doppelten und dreifachen Betrag beim Wiederverkauf zu erhalten, und so brachten die Hauserbauer in der Rheinstraße in der That Dem allgemeinen Wohl ein ansehnliches Opfer.
Bei Beurtheilung Der Frage, ob die Eröffnung einer Baulinie gegenüber der Rheinstraße konzessionirt werden solle, würde es vor Allem zu untersuchen sein, ob sich in Der That so viele Baulustige finden werden, welche sich den nothwendigen Anforderungen der Bau
behörden zu fügen im Stande und dazu geneigt sein werden. —
Denn man wird doch wohl nicht den Scandal aufführen wollen, gegenüber einer Der schönsten Reihe solche Häuser, wie sie in andern Hauptstraßen Der Stadt häufig vorkommen, in heutigen Zeiten erbauen zu lassen. Es steht aber fest, daß von etwa 20 Bauerlaub« niß-Sucheuden sich gewiß keine 2 finden werden, welche aus dem Drang nach Befriedigung eines Bequem! ich- keits- und Schönheitssinnes bauen werden. Die Mehr- zayl Der Häuser wird auf Spekulation und lange geborgte Handwerkslieferung errichtet werden. ES ist also nach aller Erfahrung nicht zu denken, daß durch Anordnung einer neuen Baulinie ein höherer Geldumschlag und allgemein besserer Verdienst in der Stadt hervorgerufen werde; es ist mit weit mehr Sicherheit zu unterstellen, daß sich in den ersten 20 Jahren nicht so viele Baulustige finden werden, um Die profechrtc Baulinie den gegebenen Verhältnissen entsprechend aus- zubauen.
Das Bauen ist bekanntlich nichts Angenehmes für Den Nachbarn und man wird doch den jetzigen Eigenthümern Der Häuser der Rheinstraße nicht zumuthen können, noch einmal ein Lebensalter in der Unordnung und dem Schmutz verbleiben zu sollen.
Die Stadt, welche bis j tzt nicht im Stande war die obere Rheinstraße w pflastern, wird sich gewiß hüten, für neue, aller Wahrscheinlichkeit nach unbelebte