„Freiherr und Neeht!"
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Wiesbaden. Sonntag, 23. NtaL
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Briefe aus dem Gebirge.
XII.
J Es ist eine heilige Pflicht, das Andenken an die hingeschiednen Edlen stets lebendig zu erhalten. Denn nicht nur wird damit ein schuldiger Tribut der Dankbarkeit abgetragen: dieser echten Adeligen Leben, Wirken, Lehre und Beispiel dient als ein vortrefflicher Leuchtthurm, um dem lebenden Geschlecht den richtigen Steuerweg durch die Klippen und Brandungen, welche das Schicksal den Sterblichen fortwährend — und wahrlich zum Heil und besserer Kräftigung! — in die Lebensbahn schleudert, anzuzeigen.
Diese Pflicht heißt mich meinen Theil dazu beitragen, um den Quellen Lcthe's die Erinnerung au einen Mann zu entreißen, den die unerbittlichen Moiren in diesen Tagen aus den Reihen der Kämpfer für Freiheit, Bildung und Gleichberechtigung Aller Hinwegge- raft haben.
Ich meine den vor einigen Wochen verstorbenen Pfarrer Hild
Wenn ich mir des Hingeschiedenen einfache Größe und prunklose Würde so recht vor die Seele führe, so fühle ich tief, daß eine bessere Hand, als die meine, dieß Epitaphium zu setzen verdiente.
Doch entschuldigt ja die Freundschaft viel und ich rechne es zu den unschätzbarsten Gütern, daß ich von dem Verstorbenen zu seinen Freunden gezählt wurde.
Hild war ein Mann, ausgestattet mit hohen Ga. ben, ausgerüstet mit vielem Wissen, und besaß — was vor Allem neben den Talenten bemerkt werden muß — einen nie zn löschenden Wissensdurst.
Bon frühe an wandelte er den mühsamen Pfad der angestrengten Forschung nach dem Wahrhaftigen, einen Pfad, auf dem leider noch so Viele nicht wandeln, zum Theil weil sie dem Gott des Bauchs lediglich Altäre bauen, zum Theil weil ihnen von fluchwürdigen Baalspfaffen beharrlich Vorurtheile, die nur die grâm- liche Rechthaberei einer überwundenen Zeit für sich haben und ausnehmend auf der Menschen schwache Seite spekuliren, entgegengehalten werden.
Unser Freund war "dabei nicht von denen einer, die zwar streben, sich Güter zu sammeln, die Motten und Rost nicht fressen, aber die angesammelten Wiffens- schätze mit den nichtschlummernden Augen eines Argus gegen die Mittheilung für das gemeine Beste neidisch bewachen und, in Dünkel^anf das nicht gelehrte Volk herabsetzend und nur der Stimme der, Gefahren und Mühen für Andre scheuenden Selbstsucht Gehör schenkend, das nicht verstandene „Odi profanum vul- gus!“ nachplappern.
Koncert im Kursaal.
C Der hiesige Gesangverein, unter Leitung des Herrn Bögler, hat sich durch seine letzte Aufführung am 21. d. um das musikverständige und musikliebende Publikum ein neues Verdienst erworben. In Verbindung mit dem Theater-Orchester, das an jenem Abend seinen bisherigen Ruf wieder meisterhaft bewährte, wurde unter freundlicher Mitwirkung des Hrn. Kapellmeister Schindelm e t sse r und der Opernmit- glieder, Herrn Peretti und Haas, sämmtliche Stücke, die zur Aufführung kamen, in einer Weise und in einem Sinne vorgetragen, der, wenn auch einzelne Schwächen einem kunstgeübten Ohr nicht entgangen sein mögen, doch von dem redlichen Streben aller Mitwirkenden, die Komposition im Geiste ihres Schöpfers wieverzugeben, ein ehrenvolles Zeugniß ablegt. Wir haben Über den Gesammteindrnck der Leistungen nur zwei ziemlich unerhebliche Ausstellungen vernommen, die bei späteren Aufführungen sich wohl ohne Schwierigkeit ^beseitigen lassen. Einmal waren die ausgewählten Stücke, obgleich nur 5 an der Zahl, meist im Einzelnen so umfangreich, daß bei der ungewöhnlich langen Dauer dt-S Concerts bei vielen Zuhörern eine Uebersättigung kinzutreten begann, und dann wurde die Besetzung der Singstimmen, im Vergleich mit der Stärke des begleitenden Orchesters, etwas dünn gefunden, wenigstens in den beiden Oberstimmen. Allerdings möchten wir dem ganzen Chor — es mögen etwa 50 Mitwir- kende gewesen sein — eine größere Verstärkung nmnfdxm und ist es zu bedauern, daß so manche gesangökundige Dame dahier dem Verein bis jetzt noch nicht beigetreten ist; es müßte eine solche
Hilds Herz war durchglüht von der göttlichen Flamme nie ermattender Menschenliebe und ihm war aufgeschlossenen des Apostels Spruch: „Und wenn ihr redetet mit Engelszuugen, und hättet der Liebe nicht, so wäret ihr ein tönendes Er; und eine klingende Schelle."
Er liebte Weib und Kind und mit unablässiger Sorge suchte er ihres GÄcksBau dauernd zu begründen; aber er rief auch ein kräftiges Pfni! „über die Buben, hinter dem Ofen", die sich mit Spinnrocken und heuchlerischen Familienpräterten verschanzen, wenn das Vaterland seine Söhne ruft, und der Liebe einer Braut, der Liebe einer Mutter nicht werth sind.
Unbeirrt durch die gleisnerischen Sophismen so vieler modernen Kleriker, die nicht in Verlegenheit sind, bei jedem Staatsregiment einen bequemen Vorwand für ihren „Gleichmuth" — in Wahrheit Trägheit oder Verrätherei — herauszuklauben, hat er, wie ein würdiger Freund in einer alle Hörer tief und mächtig ergreifenden Rede ihm übers Grab nachrief: „nicht nur seine Familien, sondern auch sein Volk und Vaterland in einem Herzen voll treuer Liebe getragen."
Als die Revolution von 1848 herantrat, diese Revolution, die es so gut meinte, aber von gelehrten Germanisten — die wahrlich keine Germanen waren — in dicke Foliobände, genannt „Stenographische Berichte des Frankfurter Parlaments", verscharrt wulve, da war die Wahl unseres Freundes bald getroffen.
Er kannte des Volkes Roth und wußte, was ihm gebührte, und erinnerte sich, wie oftmals schon er selbst es hatte erleben müssen, „daß man freventlich Eiv- schwüre, von deren Haltung viele willfährige Beichtväter so leicht in dei majorem gloriam entbanden, diesseits und jenseits des Poles freventlich gebrochen": er stand entschieden zur Sache des gedrückten Volkes und bekannte laut und unverholen die Grundsätze der socialen Demokratie. Wenn er vielleicht nicht tu weiteren Kreisen durch diese seine Wirksamkeit bekannt wurde, so lag das au dem Siechihum fernes Leibes, das ihm nicht vergönnte, den brausenden Sturm einer großen Volksversammlung zu ertragen. Er war in seinen Gemeinden des Dichters Zuruf eingedenk:
„Möge jeder still beglückt,
Seiner Blumen warten";
und wollte Gott! ein Jeglicher hätte in seinem Kreise so nachhaltig und ohne alle Nebenabsichten, ehrgeizige Gelüste und Selbstsüchteleien, den Saamen der Bildung und der das Volk von Schmach erlösenden Aufklärung ausgrstreut, wie er.
Denjenigen aber, welchen es verstattet war, in näherer Verbindnng mit dem Verblichenen zu leben, werden die Stunden unvergeßlich sein, in denen die klaren Hellen Augen freudig strahlten, wenn sich des
Verstärkung besonders bei denjenigen Zuhörern, die die bewältigende Macht großer Chöre kennen, jedenfalls leichter eine Befriedigung hervorrufen. Damit soll jedoch nicht gesagt sein, daß selbst die jetzigen Singstimmen bei stärkerer Anwendung der vorhandenen Mittel nicht hätten mehr durchgreifen können. Das aber kann sich nur durch häufigere Hebung lernen, und wir möchten wünschen, daß der Gesangverein hierzu öfter Veranlassung nehmen möchte; ist es nicht in einem steifen Concert, so kann es auch auf einer ungezwungenen Landparthie sein; denn
Nicht in falten Marmprsteinen, Nicht in Tempeln, dumpf und tobt,
I» den frischen Eichenhainen
Wedt und rauscht der deutsche Gatt.^
An andern Orten sind dergletchen Freiübungen viel mehr im Schwang, als bet uns, und an herrlichen Punkten im Waldesgrüii und auf luftigen Bergen, und an anmutigen Begleiterinen, singenden und plaudernden, hat es doch auch bei uns noch zu keiner Zeit gefehlt. Der Gesang bringt im Freien eine ganz andere Wirkung hervor; es macht sich da Alles freier, natürlicher, und wenn die Herrn Bâsse Rulaven zu singen haben, wie im letzten Koncert bei der Krönungstzymne und an einigen anderen Stellen, so dürfen sie dabei herzhaft mit den Köpfen hin und her wackeln und kein Mensch wird etwas anderes darin finden, als ein in Leib und Seele übergegangenes etwas kräftiges Taktgefühl. — Außerdem würde zur Belebung und Er- muthiguna unseres Chores ein öfteres Zusammenwirken mit den Vereinen der Nachbarstädte jedenfalls von sehr vortheilhaftem Einfluß sein, wozu sich wohl in diesem Sommer eine und die andere Veranlassung ergeben wird.
Die im Concerte zur Aufführung gebrachten
Gespräches Welle zu der gottverheißenen Zukunft der Demokratie wandte, in denen „bei dem Flügelschlag der freien Seele" des Leibes Preßhaftigkeit verschwunden schien, in denen man die Stimme eines reinen Propheten zu vernehmen vermeinte. Weil Hild entschieden in seiner Meinung war, wahrhaft ein „vir ju- stus ac tenax“, auf den des alten Sängers, seines Lieblings, Worte paßten:
Si fractus illabitur orbis
Impavidam ferient ruinae 1
so konnte es nicht fehlen, daß ihm die Feinde des Lichts und der Freiheit herzlich gram waren.
Dieser Haß gereicht ihm nur zur Zierde; die Hasser aber mögen erschrocken sein, als sie des Mannes jachen Tod erfuhren, weil sie sich etwa gesagt habe» mögen, daß ohne ihre ächt christliche Bruderliebe die Parcen des Dahingewelkten Lebensfaden vielleicht um etwas länger gesponnen hätten, als es wirklich geschehen ist.
Seinen Beruf füllte Hild mit acht apostolischer Nacheiferung aus: gleichweit entfernt, wie von der Weise so mancher Geistlichen, die die temporalia über di? spiritualia setzen und in ihrer PfarrfteUe zunächst und hauptsächlich eine melkende Kuh erblicken, so von der hartherzigen Berketzklungssucht Anderer, die in ihrem Hochmuth, die eing-hüllt ist in eine bei der kleinsten Verletzung zâhnfletschende „Demuth", — hintreten und rufen:
„Ich danke dir Herr! daß ich nicht bin, wie dieser Einer!"
So war der verstorbene Hild; und mein schwacher Griffel hat gewiß noch manche Tugend und löbliche Eigenschaft, die verdienten, auf die Nachwelt gebracht zu werden, in das versuchte Charakterbild nicht ausgenommen. Er war aber in Allem ein wahrer Ehren- manh, ein treuer Fanuliengenosse und ein warmer Menschenfreund, der im Kampf für die Freiheit des Volks, welcher der zähen und uneigennützigen Vorfech- ter w ssehr bedarf, weil er kein üppiges behagliches Wohlleben, sondern einen Weg voll von Dornen und Gestein darbietet, noch viele ersprießliche Dienste geleistet hätte, wenn ihm länger vergönnt gewesen wäre, unter uns zu wandeln.
Möge er sanft auf dem schön gelegenen, weithin schauenden Friedhofe zu Steinsiichbach ruhen und möge, wenn neben den Blüthen und Blättern, die der immer gütige Mai jetzt liebevoll über sein Grab ausbreitet, agch dies Blatt der Erinnerung darauf sich senkt, dies ihm ein Zeichen sein, daß sein Angedenken unter uns stets grünen und blühen wird.
Stücke waren zwei Orchester-Stücke, und drei Gesang-Stücke: die herrliche Pastoral-Symphonie von Beethoven und die Ouvertüre zu „Urtel Acosta" von Schindelmeisser, beide unter Leitung des Komponisten der letzteren Ouvertüre. Von Gesangstücken wurden, außer der Krönungshymne von Händel, zwei umfang, eiche Tondichtungen gegeben, der 95te $falm nach der Komposition von Mendelssohn-Barthold» am Schluß der ersten, und der zweite Theil deS Oratoriums: „Die Schöpfung" von Haydn, am Schluß der zweiten Abtheilung des Koncerts. Die Tenor- Solos im Psalm: „Kommt, laßt uns anbeten und knieen vor dem Herrn" und am Schluß: „Heute, so ihr seine Stimme höret, so verstocket euer Herz nicht", wurden mit tiefem Gefühl und äußerst innig m Bortrag von Herrn Peretti wiedergegeden; ebenso fanden die Baßpartien der R citalive in ter „Schöpfung" , gesungen von Herrn Haas, sehr erfreulichen Anklang; den höchsten Beifall ab.r erntete die Sängerin der Sopranstimme in den Sows Duette» nnd Terzetten der gedachten beiden Kompositionen. 9icbcn einer hohen Knnstbildung hat das Seelenvolle, Zarte dieses Vortrags ungemein angesproche» und man darf einem Vereine, der so seljwierige und so treffliche Stücke dem Publikum vorzufâhren sich bemüht, Glück dazu wünschen, daß er auch die Glanzpunkte solcher Kompositionen durch seine eignen Kräfte-würdig auszustatten vermochte. Bei der Gediegenheit der gewählten Stücke und bei dem guten Zwecke des Koncerts - der Erlös war für die Armen best: irrt — hätten wir nur die Betheiligung des Publikums noch weit lebhafter gewünscht, als sie war. Der Verein wolle übrigens sein Ziel fest im Auge behalten; die verdiente Anerkennung von Seiten aller höher und weiter Strebenden kann ihm nicht entgehen.