„Freiheit und 1 ke^t^
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Wiesbaden Freitag, 23 Mai
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In Sachen deS prvjektirten ärztlichen Vereins an den Gegner in No. 95 der „Nass Ällgem."
*||* Unter den zahlreichen menschlichen Leiden kommt fine Augenkrankheit vor, welche in der Regel aus Gefräßigkeit und schlechter Verdauung, ans Aufenthalt in dumpfer Luft rc. entsteht und in welcher Lichtscheu das vorwaltende Symptom bildet, während unter gleichzeitiger Regulirung der Ernährung und der innern krankmachenden Potenzen grade das Licht auch das beste Heilmittel gegen diese Augenkrankheit und ihre Folgen, gegen Schwachsichtigkeit und Blindheit, bietet. — Wie aber das Auge der Ausdruck der Teel?, so kommt entsprechend diesem körperlichen Augenleiden - ein psysisches Leiden in manchen Länder» vor, auf dessen Eristen; und Charakter wir in unserm2- Artikel! „Fr,Ztg." No.110) die Aufmerksamkeit des Publikums und der Aerzte flüchtig hinlenken mußten. Die Charaktere dieses auch in Nassau einheimischen und bis dato wenig beachtenden Scelen- leidens sind in rohen Umrissen folgende:
Geographisches Vorkommen: Es findet sich endemisch an Kurorten und Residenzen, läßt aber hier manche unverschont; sporadisch ist es nur an wenigen endern Orten beobachtet worden; eine epidemische Verbreitung läßt sich bis jetzt nicht befürchten.
Vorkommen nach Ständen und Alter: Manche Medicinalbeamte und deren Umgebung sind bis jetzt vorzugsweise von dieser Krankheit ergriffen worden, mehr ältere als jüngere Personen, doch ist kein Alter ganz unverschont.
Ursachen: Bureankratenthum, Erblichkeit, Eitelkeit und solche landgängige Urleiden sind begünstigende Momente zur Entstehung und Ausbildung des Uebels; auch Gehaltzulagen und Gratifikationen sollen hierbei schädlich wirken, doch ist dieses wahrscheinlich nur negativ erschlossen, bedarf daher noch der Bestätigung.
' Allgemeiner Krankheitscharakter: Ansteckend; wenig Arbeit und viel Einnahme, nebenher etwas medicinische Journalistik; herrisches und rechthaberisches Wesen.
Spezieller Krankheitscharacter: Außerordentliche Scheu vor dem Lichte der Oeffentlichkeit, in specie soll die freie Presse der krankhaften Lichtscheu sehr empfindlich sein; die Reaktion auf die Lichtcui- wirkung ist durch noch größere Lichtscheu ausgezeichnet; Wahrheiten und Thatsachen gegenüber schließt sich das geistige Auge vollends ab; sympathisch werden auch die Sprachorgane ergriffen, entweder gelähmt oder es folgen Krampf- und Kraftansbrüche, z. B. „Gemeinheit, unehrenhaft, unter unsrer Würbe."
Verlauf: langwierig und hartnäckig.
Ausgang: Unbekannt, wenigstens hat man bis jetzt Heilung noch nicht erfolgen sehen, daher vermuth- ^^ergMe also schlecht, es sei dann, daß solche Kranke mit richtigem Gebrauch und anhaltend das Licht der Presse benutzen. ,
Behandlung: Eine Radikal-Cur unmöglich, ,o lange die ursächlichen und begünstigenden Momente nicht gehoben werden können; das einzige Palliativ- mittel gegen diese gefahrvolle und ansteckende Krank- heit ist nach der Analogie ähnlicher Krankheiten das Licht der Oeffentlichkeit, welches aber zum Schaden der Kranken und der Angehörigen entweder gar nicht gebraucht oder nur versuchsweise gebraucht und gleich wieder bei Seite gelegt wird.
Dao ist das Krankheitsb.ld in abstracto, will man es aber in concreto näher kennen lernen, je lese man unter unterm in dem Lehrbuch ter Nass. Staats-Pathologie die Entgegnungen in No. 95 und 113 der Mir Allgem.", und vergleiche hiermit unsre Artikel bi No. 74 ff. und 110 der „Freien Zeitung". — ,
Auf di? letzte Entgegnung in Nro. 113 nur einige Worte Unser Gegner aus der Residenz glaubt, es wäre unehrenhaft und unmoralisch, dem Me- dicinal-CoUeg die Vorlage des Ministeriums (Abänderungen in den Bestimmungen über das Einkommen bfg' Medicinal - Personals) zugeschrieben zu haben. Wie wir aber in der Erläuterung von Nro. 110 Vieser Festung ausdrücklich in dem Gesetzentwurf getrennt haben, den größeren und unveränderten Theil ter Vorlage, wie er aus der Hand des Mednn- nrl-CoUeas hervorgegangen und durch das Munster,nm ohne Aenderung dem Landtag vorgelegt wurde, von dem kleineren und durch das Ministerium zweckmäßig
geänderten Theil der Vorlage, so sprachen wir auch dort klar aus, daß wir jenen unveränderten Theil der Vorlage dem Mebchinal-Colleg, diese wenige Aenderungen dem Ministerium zuschrieben. Ob wir nun von jenem unveränderten Theil der Vorlage sagen, baß das Medicinal-Colleg diese Vorlage an das Ministerium und das Ministerium sie an bk Landtag gebracht, oder ob wir kürzer sagen, daß das Medicinal-Colleg diese Vorlage dem Landtage gemacht habe, ist ein Farmstreit, die Sache aber bleibt dieselbe, denn es weiß Jeder, daß bas Medicinal-Colleg nicht direct, sondern inbirect dem Landtage eine Vorlage macht. Hier ist also kein Dilemma, sondern ein von unserem Gegner total unberücksichtigtes Drittes entscheidend Unser Gegner nennt diese Darlegung eine scherzhafte Wendung, wir nennen es: die Sache beim rechten Namen be« nanut, und wir werden hierfür mit dem Ausdruck unehrenhaft und unmoralisch gezüchtigt. Ob es aber ehrenhaft und moralisch ist, tiefe einfache Sachlage ad dei et ecclesiae gloriam nach Jesuitenmanier zu bemänteln, überlassen wir getrost Jedem, ter ein klares Auge und einen klaren Verstaub hat; besitzt unser Gegner dieses nicht, laborirt er an dem eben geschilderten physischen Leiden, so verzeihen wir gern, was nicht Ausdruck einer gesunken, sondern einer krankhaften Anschauung und Beurtheilung ist.
Den Vorwurf der Verläumdung, Gemeinheit und Persönlichkeit geben wir mit einer Dosis Lachen zurück. Ziehen wir nämlich eine Parallele zwischen unsern beiden Artikeln auf der einen Seite, und dem früher angeführten Artikel von Obermedizinalrath Dr. Vogler in Henkes Zeitschrift, sowie den, ähnliche Zwecke verfolgenden zwei Artikeln in Nro. 95 und 113 der „Nass Allg. Ztg." auf der andern Seite, so lassen sich folgende Vergleiche mW Gegensätze Hui herauslesen: Dr. Vogler wirft uns, die wir 1648 u. 1849 für die Medicinal-Reform gewirkt und geschrieben haben, ohne Begründung und nur mit dem Grund seiner subjektiven Ueberzeugung, die andern wenig überzeugend ist, niedere Leideuschaft, Neid und Selbstsucht vor; das ist nach der Anschauungsweise unseres Gegners weder Berläumdung, noch Gemeinheit, noch Persönlichkeit; — wir hingegen wiesen, nicht nach jeder Ueberzeugung, sondern nach den Thatsachen, wie sie uns die Vorlage des Mekicinal-CoUegs bot, die Jn- conseguenz nach, mit welcher practicirente Aerzte an Badeorten begünstigt werden, gegen practicirente Aerzte an andern Olten, das aber soll verläumterisch, gemein unk persönlich sein. — Unser Gegner schob uns tie Ansicht unter, daß wir glaubten, die Kranken seien wegen uns und nicht wir der Kranken halber da; das ist nicht gemein und nicht persönlich; — wir weisen ihm hieraus nach, daß dieser Vorwurf nicht auf uns, sondern auf ihn und seine Meinungsgenosjen passe, das ist aber unserm ehrenwerthen Colleg Gemeinheit und Persönlichkeit. — Dr. Vogler griff unsere Re- formbestrebungen in einer auslänkuchen mckicinischen Zeitschrift an und gab uns dort ter Verachtung unserer ausländischen Collegen Preis, das ist in ter Ordnung für unsere Gegner; — wir jedoch vertheidigen uns gegen diese Angriffe und Verläumdnngen deS Hrn. Dr. Vogler, das findet man nicht in der Ordnung.
Diese wenige Beispiele mögen auSreichen, damit sich das Lesepublikum der „Fr. Ztg." und der „Nass. Allgemeine" die Einsicht und Beurtheilung mache, auf wessen Seite das Recht und auf wessen Seite das Unrecht ist.
Luther und die Fürste».
II.
4= Nach Luthers Auffassung, in der erwähnten Schrift von weltlicher Obrigkeit <523, ist daS Regieren ein Gottesdienst und die weltliche Obrigkeit ist Gottes Ordnung; aber ihre Gesetze erstrecken sich nur über Leib und Gut und was äußerlich ist auf Erden. „Denn über die Seele", schreibt der Reformator, „kann und will Gott Nikinend lassen regier», Penn sich selbst alleine. Darum wo weltliche" Gewalt sich vermisset, ken Seelen Gesetze zu geben, da greift sie Gott in sein Regiment und verführt und verderbt die Seelen." Eine große Thorheit nennt er es, wenn weltliche Behörden verschreiben, man solle der Kirche, den Vätern, den Concilien glauben, oder wenn sie auf den allgemeinen Glauben Hinweisen, gleich als ob kein Gottes Wort da sei. „Wir sind nicht getauft auf Könige, Fürste», noch auf die Menge, sondern auf
Christum und Gott selber. Der Seele soll und kann . Niemand gebieten, er wisse ihr denn den Weg zu weisen gen Himmel, was aber kein Mensch thun kann, sondern Gott allein." — Nach einigen Nutzanwendungen fährt er fort:
„Wer wollte nicht den für unsinnig halten, derbem Mond geböte, er sollte scheinen, wenn er nicht wolltet Also fahren noch jetzt unsere Kaiser und kluge Fürsten, und lassen sich durch Papst, Bischöfe und Sophisten dahin führen, ein Biindep de» aodern, daß sie ihren Unterthanen gebieten zu glauben ohne Gottes Wort, wie fie es gut dünkt, und wollen dennoch christliche Fürsten heißen; —
Da sei Gott vor!"
Und wie ein Prophet ter künftigen christlichen Republik erhebt er kann seine Stimme und verkündigt:
„Daß die weltlichen Fürsten so greulich anlan- fen, verhängt Gott darum, daß er sie in verkehrten Sinn gegeben hat und ei» Ende mit ihnen machen will, wie mit den geistlichen Zwangsherrschern. Papst und Bischöfe, statt Gottes Wort zu predigen, sind weltliche Herren geworden, regieren die Welt und martern die Seelen. Ebenso die weltlichen Herren, statt sich des weltlichen Regimentes nach Gebühr anzunehmen, versäumen dasselbe und laden bis zu ihrem Unter gange teil Hass des Volks auf sich, indem sie widersinniger Weise die Seelen regieren wollen, zwingen und bringen. Wollte man aber allen Geboten der weltlichen Macht sich miterwerfen, so wäre umsonst gesagt, man müsse Gott mehr gehorchen als den Menschen." Nachdem er weiter ausgeführt, daß der Christ einer Obrigkeit, welche auch nur indirekt die Freiheit des Glaubens antaste, wie z. B. wenn sie eie Auslieferung geistlicher VUcyer fordert, psilcht- mäßig beu Gehorsam verweigern müsse, nachdem er eine Vermengung des geistlichen und weltlichen Regiments als ein Fastnachtsspiel des Teufels bezeichnet hat, welches tie Fürsten, die sich dergleichen zu Schulden kommen lassen, zum Sturz bringen müsse: wendet er sich gegen die Kurtisanen und Speichellecker, die an den damaligen Fürstenhöfeu groß gezogen wurden und warnt aufs eindringlichste vor der Gesinnungslosigkeit solcher Kreaturen. —. Der Fürst soll sich ja nicht' allein auf diese seine Berather verlassen. „Denn das ist der größte Schaden an Herrenhose», wo ein Fürst seine» Sinn gefangen gibt
den großen Hausen und
S ch m e i ch l c r n,
sintemal es nicht einen Menschen betrifft , wenn ein Fürst fehlet und narret, sondern Land und Leute muß solches Narren tragen." Aus allem diesem zieht er dann den fernhaften Schluß, der freilich das ganze Kartenhaus der ehemaligen Heuchelpolitik über den Haufen wirft, daß einem Fürsten, wenn er e.was Unmoralisches befiehlt, sein Volk nicht schul»ig ist zu roh gen, „weil N iem and gebührt, wider Necht zu thun, und weil Gott mehr gehorcht werden muß als den Menschen." —
Preußische Parteistimmen.
* Die Kreiszeitung tritt heute bereits mit einem Geständnisse auf, das den Patriotismus der Jnnker- partei in daS hellste Licht stellt. Sie hofft, „daß vor Beginn ter weiteren Verständigung in Fräntfurt der Kongreß in Warschau seine Wirkung außere und nid)t ohne Einfluß auf die Regelung der deutschen Verhältnisse bleiben werde." Heißt daS nicht mit andern Worten, die Unterthänig- feit deS deutschen Bundestags unter Rußland prbfh> miren? Welches Geschrei wurde man erheben, wenn rin demokratisches Blatt die Hoffnung ausspräche, eine Revolution in Paris werde ihre Wirkung auf die Regelung der deutschen Verhältnisse ausüben! Doch ganz davon abgesehen, welches OhninachtSzeugniß für die Kreuzpartei liegt darin, daß sie ihre Zuversicht blos auf Warschau setzt! Hub diese Menschen nennen sich konservativ und deutsch!
Anders die „Köln. Ztg."! Das Organ der rhein- preußischen Bourgeoisie, enthält heute wieder einmal einen geharnischten Leitartikel, überschrieben: „Von Dresden nach Frankfurt", der so beginnt: „Die Dresdener „freien (Konferenzen" sind desselben Weges gegangen, wie zuerst die Frankfurter Nationalversammlung und darauf das Erfurter Parlament, und die „mieb»'-»