„âeitzeLL unb Recht!"
M IW
Wiesbaden Mi^w^cb 21 Wat
1*31
Die „Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, tä ilich in einem Bogen. — Der AdonnemeinspreiS beträgt vrerteljädrlich hier in Wiesbaden I ü 4> fr., auswärts durch die Post bezogen mit verhältnißmLßigcm Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen and find bei der'großen Verbreitung der „Freien Zeitung" stets non wirksamem Erfolge — Die JnserationSgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile 3 kr.
Die Situation in Frankreich.
X Die Haltung der legitim istischen Partei in der Revisivnsfrage ist jetzt klar. Die Minorität dieser Partei war für Vertagung der Frage, die Majorität für rascheste Entscheidung. Als Verfechter der Untern Ansicht trat Berryer in der zur Verständigung in der Rue de Rivoli an beraumten Sitzung mit den Grundsätzen auf, es erscheine nöthig, daß sich die Legitimisten für die gänzliche Revision der Verfassung und für Herstellung der Monarchie aussprächen, jedoch so, daß diese Revision nur in den durch die Verfassung bedingten Formen, also mit drei Viertheilen der Stimmen, dekrctirt werde. Zwar kam es in der Partei- sitzung am Samstag noch zu keiner Entscheidung, doch ward sofort eine zweite Sitzung für den Abend beschlossen, deren Resultat bereits so gut wie ausgemacht ist, da die Minorität erklärte, sie werde sich fügen, wenn die Versammlung sich für Berryers Vorschlag ausspreche. Die legitimsstische Partei wird folglich wie ein Mann für die sofortige Wiederherstellung der Monarchie von Gottes Gnaden stimmen, aber mit Beobachtung der konstitutionellen Form. Diese Klausel ist die Hauptsache! Laß die drei Viertheile der Stimmen für eine solche Revision nicht zusammcn- kommen, selbst wenn die Legitimisten mit Einstimmigkeit openren und alle Federn springen lassen, weiß Berryer gewiß so gut, wie alle Welt ; dieser Entschluß bedeutet also, wenn er gehalten wird, so viel als: „Um eine Revolution für Henri V. zu machen, fühlen wir uns zu ohnmächtig, wir wollen daher warten , bis uns einmal das Glück drei Viertheile der Stimmen zuwirft; doch wir stimmen wie ein Mann für die Monarchie — um die Ehre zu retten und dem Frohsvorser Hofe den Willen zu thun." Die Revision mit einfacher Majorität hat also jetzt, wo selbst die Legitimisten Bedenken tragen, für dieselbe zu arbeiten, alle Chancen verloren. —
In der Rue des Piramidcs wurde am Samstag gleichfalls über die Revision getagt, doch blos beschlossen, daß man versuchen wolle, sich mit den übrigen Fraktionen der gemäßigten Partei zu verständigen, um zu einer gemeinschaftlichen Redaktion des Antrages auf Revidirung der Verfassung zu gelangen. Schon dieser kleinlaute Beschluß, einen Versuch zu machen, beweist, wie wenig Aussicht zu einer gemeinsamen Operation der Ordnungspartei in dieser Aiigelelegenheit vorhanden ist. — m , „
Während die offenen und geheimen Anhänger der Restauration so in ihres Nichts durchbohrendem Gefühle dastehen, wird die Bewegung gegen das Wahlgesetz vom 31. Mai immer allgemeiner und sie gewinnt selbst bei denen Boden, welche unlängst noch das Wahlgesetz „das Paladium der Ruhe und Ordnung" nannten. „Wenn die Nationalversammlung das allgemeine Stimmrecht nicht abthut, so ist cs um die Civilisation
geschehen!" rief man damals; heute jedoch ist das Trügerische jener Kreuzzugspredigten schon so offenkundig, daß, wem Ruhe und Ordnung wirklich noch etwas gelten, zugesteht: nur in der Rückkehr zum allgemeinen Wahlrecht sei der Damm gegen die drohenden Erzeffe der erbitterten Volksmassen zu gewinnen. „Ihr wollt keine Anarchie!" ruft das beeinträchtigte Volk, „wohlan, so hört auf, Anarchisten zu sein! Ihr wollt keine RevAntion, wohlan, so revolutionirt nicht! Wir wollen nichts als unser gutes Recht! Wollt ihr, daß das Volk eure Beschlüsse ehre, und die Gesetze achte, so macht nicht einen Theil der Nation zu Heloten !" Der Leichtsinn, mit welcher das allgemeine Stimmrecht vernichtet wurde, hat zu dem furchtbaren Ernst der jetzigen Situation geführt. Die Hartnäckigkeit, mit welcher Louis Philippe die Wahlreform verweigerte, führte zur Februarrevolution; die Intriguen, welche sofort gegen das allgemeine Stimmrecht begannen und mit dem Gesetze vom 31. Mai ihre Spitze erreichten, h it Millionen in Frankreich, die sonst zur Ordnungspartei gehalten hätten, ins Lager der „Rothen" getrieben. Die Gefährdung dieses Rechtes machte dasselbe erst recht zur Forverung der Massen. So uneinig auch sonst Arbeiter, Bauern und Kleinbürger, so durchkreuzend auch noch die Theorien vom besten Staate, so chaotisch die Leidenschaften — in diesem Punkte wird die Einhelligkeit mit jedem Tage größer. „Die Feinde des allgemeinen Stimmrechts sind die Feinde der Menschheit, denn sie treten das erste Menschenrecht mit Füßen, das Grundprinziz jedes parlamen. tarischen Verfaffnngsstaates!" ruft das Volk, und nwd dieses Stichwort zu bedeuten habe, weißt die Geschichte der letzten sechszig Jahre nach. DaS französische <wlk will keine Revolution; aber gerade deshalb will es das allgemeine Stimmrecht. Eine VerfaffungSrevision ohne Revision des Gesetzes vom 31. Mai erscheint so sehr ein Unsinn, daß sich selbst die Legitimisten lange besonnen haben, bis sie sich par ordre gegen das all- bemeine Stimmrecht erklärten. Dieser Beschluß ist das Tokesurtheil ihrer Zukunft.
Asfisenverhandlungen zu Wiesbaden.
Anklage gegen Georg Philipp Carl Rausch von Sonnenberg wegen Fälschung und versuchten Betrugs.
=É£ Wiesbaden, 19. Mai. Die erste Ehe des G. PH. C. Rausch mit Maria Bauer von Sonnenberg wurde auf Klage der Letzteren im Laufe des vorigen Jahres aufgehoben und es kam zwischen beiden hinsichtlich des Vermögens am 8. August 1850 ein Vergleich dahin zu Stande, daß Ersterer seiner geschiedenen Ehefrau gleich baar 150 fl. ausznzahlen und ausserdem zu ihren Gunsten resp, zu Gunsten ihrer Kinder noch eine Hypotheke über 500 fl. zu errichten habe. — Rausch händigte jedoch derselben statt der stipulirten
150 fl. nur 50 fl. sofort ein und versprach, dir andern 100 fl. baldigst zu entrichten, was jedoch nicht geschah, weßhalb von der gewesenen Ehefrau Rauich Klage erhoben wurde, in deren Folge derselbe am 18. Januar 1851 die 100 fl. nebst Zinsen und Klagkosten berichtigte unb dagegen zwei Quittungen erhielt, die eine über die rückständigen 100 fl., die andere über Zinsen und Kosten. - Um nun seine geschiedene Frau um Pie hypothekarisch sicher zu fieUerben 500 fl. zu betrugen, fälschte er die beiden Quittungen in der An, daß er in derjenigen über 100 fl. vor das Wort „hundert" das Wort „Fünf" setzte, zu dessen Einschiebung vom Schreiber der Quittung, Friedr- Kilian von Sonnenberg, — ob absichtlich oder unabsichtlich, konnte nicht ermittelt werden — hinlänglicher Play gelassen war. In der Quittung über die Zinsen uno Kosten aber wußte er geeigneten Orts die Worte „hundert Gulden" so geschickt einzufügen, daß der unwissende Beschauer diese beiden Urkunden unzweifelhaft annehmen mußte, daß Rausch allen Verbindlichkeiten gegen seine geschiedene Frau nachgekommen sei. — Der Angeklagte behauptete in der Voruntersuchung, seine Frau habe ihm die fraglichen 500 fl. quittirt gegen das Anerbieten von seiner Seite, sie wieder heirathen und sich deßhalb von seiner zweiten Ehefrau wieder scheiden zu wollen. — In der heutigen mündlichen Verhandlung aber gesteht er die Fälschung zu, gibt jedoch als alleinigen Beweggrund an, er habe blos damit den Bürgermeister Pfeifer zu Sonnenberg, dem gegenüber er nur Gebrauch von der Urkunde gemacht hatte, dafür chicaniren wollen, daß tiefer ihn bei Errichtung der erwähnten Hypothese hingèhalten habe. —
Die Aussagen der 4 Zeuge« stimmen ganz dahin überein, daß Rausch von bcf von ihm gefälschten Quittung nur in der bö en Absicht Gebrauch gemacht habe, seine geschiedene Frau um die mehrerwähnten, hypothekarisch zu versichernden 500 fl. zu bringen. — Die Geschworenen sprachen daher nach kurzer Debatte und da die von der Vertheidigung vorgeschützte Einrede, daß nur ein gerichtlicher Gebrauch einer verfälschten Urkunde das Verbrechen der Schriftfälschung involvire, ungegründet war, indem der einschlägige Artikel 178 des Strafgesetzbuchs eine solche Beschränkung nicht kennt, das Schuldig aus, worauf der Gerichtshof auf die bereits gestern mitg- theilte Strafe erkannte.
Deutschland.
* Wiesbaden, 20. Mai. Die Garnison in Frankfurt soll sich vo läufig n u r (!) auf 10,000 Mann belaufen , wovon 5000 Mann in Frankfurt, der Rest in der Nähe stehen wird. Den Oberbefehl erhält ein vom Kaiser von Oester,re,ich zufernennender k. k. österreichischer General; Per Kommandant von Frankfurt und zweite Befehlshaber soll, ein Preuße sein. Vom Alterniren ist keine Rede. Laut derselben Quelle, der
Aus den Denkwürdigkeiten des Cardinals von Retz *)
Die gefährlichste Täuschung für einen Staatsmann entsteht aus einer Art Starrschlaf des Volks, der nie anders als nach großen Krankheitserscheinungen eintritt. Der Umsturz der Gesetze, die Aufhebung des Zwischenraums, welchen sie zwischen König und Volk ließen, die Einsetzung der rein und unbedingt despotischen Gewalt, dies war eé- ursprünglich , was Feank- reich in die Zuckungen stürzte, tu denen es unsere Väter gesehen. Der Cardinal von Richelieu nun behandelte es wir iin Erfahrungsarzt mit heftigen Mitteln, die ihm einen Schein von Kraft gaben, aber das war die Kraft der Aufregung, welche den Leib und die Glieder erschöpfte. Der Cardinal Mazarin erkannte als ein sehr ungeübter Arzt diese Erschlaffung gar nicht, luchte ihr nicht durch die geheimen Arzneien seines Vorgängers aufzuhelfen; vielmehr schwächte tr das BoU fortwährend durch Aderlässe; da fiel eS in Starrschlaf, unb nun war er ungeschickt genug, diese trügerische Ruhe für wirkliche Gesundheit zu halten. Die Provinzen den Plünderungen der Intendanten überliefert, lagen matt und dumpf danieder unter der Wucht
Die Wsr.-3tg." bringt obi v^ Bruchstück, das so recht wie gemacht"ist, unsere Zeitgenossen zu.Betrachtungen an- znregen.
ihrer Leiden, welche durch die Stöße, die sie zur Zeit Richelieu's gewagt, um sich zu befreien, nur zahlreicher unb drückender geworden waren. Die Parlamente, welche jüngst noch unter der Tyrannei geseufzt, waren für, ihr gegenwärtiges Elend unempfindlich, denn das Andenken an das vergangene war -noch zu lebendig und frisch. Die Großen, welche unter Richelieu meistens waren aus dem Lande gejagt worden, hatten mit Entzücken ihr Bett wievergefunden und schliefen in Faulheit. Hätte man nun diese allgemeine Trägheit gepflegt, so hätte die dumpfe Schlafsucht vielleicht noch länger ungehalten. Aber der Cardinal Mazarin glaubte, es sei nur ein sanfter Schlummer, und wandte gar keine Arznei, an. Da wurde die Krankheit heftiger, das Haupt wurde wach, Paris fühlte sich, stieß Seufzer aus. Man achtete nicht darauf. Da verfiel es in Fiebertoben. — Kommen wir zum Einzelnen.
Emeri, der Aufseher der Finanzen, nach meiner Meinung der verdorbenste Mensch seines Jahrhunderts, suchte nur nach Namen für Zwangssteuern. Ich kann nicht besser den innersten Seeleilgrund eines Subjects bezeichnen, das im vollen Rath sagte — ich habe es gehört: — Ehrlichkeit sei nur für Kaufleute, und die Herren der Bittschriftenkammer, welche Ehrlichkeit in Sachen des Königs als einen Grund anführten, müßten bestraft werden; durch nichts anders so sehr als durch diese Aeußerung läßt sich auch sein Mangel an allein Urtheil schildern. Dieser Mensch, der in seiner Jugend
zu Lyon zum Strange verurtheilt war, lenkte mit überwiegendem Einfluß den Kardinal Mazarin in Allem, was die innere Verwaltung deS Königreichs betraf. Ich wähle diesen Umstand aus 12 oder 16 ähnlichen, um Ihnen zu zeigen, daß das Unheil aufs Aeußerste gekommen war; denn, nicht früher ist die Entscheidung da, als bis die, welche befehlen, die S ch a in verloren haben, weil das auch gerade der Augenblick ist, in dem die, welche gehorchen, die Ehrfurcht verlieren, und in demselben Augenblick rafft man sich auch aus dem Starrschlaf empor, aber unter Zuckungen.
Die Schweizer schienen unter der Last ihrer Ketten so erstickt, als wenn sie nicht mehr athmen könnten, und da gerade bildete der sich Aufstand drei ihrer mächtigsten Cantone der Eidgenossenschaft. Die Holländer glaubten, sie seien vom Herzog Alba für immer unterjocht, gerade als der Prinz,von Oianien — wie es immer dem Genie vorbehalten ist, früher als alle Anderen den Punkt der Möglichkeit herauszusehrn - denGedanken ihrer Freiheit in sich trug und in die Wirklichkeit gebar. — Das sind Beispiele und brr Dernun tglWw ist dieser: was in kranken Staaten die Erschlaffn ig bewirkt, das ist eigens lich nur Vie Damr Ves Uebels. Diese überwältigt die Einbiidungüknisl ver Menschen, und läßt, sie glauben, es werde nie anvcrö werden. Sobald sie nun aber irgend einen freien Ausweg finden— und ein solcher findet sich immer, wenn das Uebel eine gewisse Stufe erreicht hat — ;