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M 117. Wiest»aden Sonntag 18 Mai 1841
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Der B ö l ke rfr ü h 1 i n g.
X Mag die Luft noch so rauh, der Muth der Zaghaften noch so klein sein, dennoch treiben still die Keime, dennoch dringt die Natur langsam, doch sicher ihrem großen Ziele zu, der Segnung aller Kreatur. Der Lenz ist gekommen, die Erde erwacht: Regen und Kälte können hemmen und schaden, doch vernichten nicht. Ein milder Tag und Alles zeigt sich in freundlicherem Lichte
Die Menschheitsgeschichte ist denselben Gesetzen Unterthan wie die Natur. Freiheit und Nothwendigkeit, die beiden Pole der Achse, um welche sich die Civilisation dreht, halten, von der Höhe aus betrachtet, einander das Gleichgewicht. Cs widerfähit uns nickts Uebeles in» der Welt ohne Verschuldung, doch jede Verschuldung ist nur das Glied einer langen Kette von Ursachen. Wer die Solidarität der Men sch- heit leugnet, der ist ein Narr und für das Narriu- Haus reif.
Der höchste Gedanke der christlichen Religion ist diese Menschheits-Solidarität oder, was dasselbe, diese Allverbrüderung, diese Gotteskindschaft Aller. Aber wie lange noch wird eS währen, bis sie mehr als schöne Redensart, mehr als frommer Wunsch, bis sie Saft und Blut der Menschen, bis sie Leben und Seligkeit der Nationen wird?
Ja, Leben und Seligkeit! Hier ist der Quell- punkt alles Glückes und aller Bildung, aller Besiiedi- gung und alles Friedens; hier sind MoseS und die Propheten, hier alle Erlöser und Erretter des Erdkreises'. Ewiger Friede — goldenes Wort, doch ewiger Friede — eitler Wahn, so lange die Völkersoli- darität keine Wahrheit geworden! — Aller Witz und alle List der Feinde des Fortschritts und darum der Feinde der Menschheit ist gerichtet auf Me Vereitelung dieser Verbrüderung, auf die Verhütung des Herein- brechcnS der neuen Weltordnung, für die schon vor mehr denn 1800 Jahren der reinste, der erhabenste der Liebeömärtyrer blutete, und für die noch täglich blutige und unblutige Opfer fallen. Der Feindschaft der Volker, der Stände, der Konfessionen, diesem Moloch, werden nach Jahrtausenden „christlicher Zeitrechnung" nach wie vor die Lieblingskinder der Menschheit in den glühenden Rachen geschoben.
Als in Polen der Kampf um die Befreiung vom Czarenjoche tobte, da ward von den „Freiheitskämpfern" den Leibeigenen das erste Recht des Menschen verwehrt, und Finis Poloniae! rief der trauernde Weltgeist. So fest sitzen Vorurtheile und Sonderintereffen! Und als in Ungarn eine edle Nation um ihre Wiedergeburt kämpfte, da fielen die slavischen Nachbarn über sie her, Um jede alte Unbill zu rächen, jeden Hochmuth, jedes Vergehen und Versehen; doch daß es sich mit Ungarn „in ihr eignes Wohl und Wehe handle, daß Kossuths Gegner ihre eigenen schlimmsten Feinde seien, das merkten sie nicht, das wollten sie nicht merken. Denn sie dienten lieber dem Hasse als der Liebe. Sie wa- ren's nicht anders gewöhnt, sie - wußten nicht, was sie thaten. Ob sie es jetzt emzusehen anfangen? Vielleicht geht ihnen ein Licht auf, koch noch lange wird es dauern, bis sie inne werden, daß es besser ist zu befreien, als zu knechten. Knechtet nicht, so werdet ihr nicht geknechtet! ruft der Weltgeist seit Jahrtausenden; doch die Völker waren wie die Kinder, welche die Ursache ihrer Leiden nicht in sich, sondern draußen suchen und wär's im Knecht Ruprecht oder in einem erobern Pfantasie- ßebilbe. Sie suchten den Grund ihrer Sklaverei und Noth in ihren Bedrückern allein und meinten, mit bett gehaßten Personen würde die verhaßte Knechtschaft schwinden. Und ihre Dränger thaten desgleichen: sie bildeten sich ein, sie seien so mächtig, weil Gott ihnen diese Macht verliehen habe. Gottes Gnade ist kein Fluch; was Gott giebt, ist gut; sobald es anfhört, ein Gut für die Menschheit zu sein, hat es aufgehört, Gottes Schirm und Schutz zu besitzen. In euren eigenen Herzen, in eurem eigenen Knechteösinn, in eit. er eigenen Dumpfheit, in eurer eigenen Feigheit wnr- zelt der Giftbaum, über dessen verderbliche Wirkungen ihr l agt! Die Ketten, die euch an Hände uno Füßegefckmücdet bis Schloß, das euch an den Mund gelegt wird, sie sind leicht zerbrochen; dock' sie abzustreif ii, bevor chr die Ketten des Geistes zertru nmerl habt, ist eiteles Be- mäl>en. Du Teufel treibt ihr aus, die Teufel sind m blieben.
Wollt ihr frei weihen, w gönnet euch feine Rube, Ms alle eure Brüder fiel sind; wollt ihr glücklich werden,
so fanget mit dem Glücke Anderer an; wollt ihr euch selbst erlösen, Jo e löset die Menschheit.
„Ist das möglich V Ich frage dagegen: ist cs nicht nothwendig? — „Wie lange wird es währen, bis diese Idee zündet?" Ick) antworte: Sie hat gezündet!
Der Wind weht scharf herüber aus den Steppen der östlichen Barbaren. Schwere Kriegswolken ballen sich höher und höher an den Grenzmarken, welche VW europäische Civilisation von der mongoüichen Barbarei trennen. Die Gewaltigen der alten Zeit, sie, welche die Völkersolidarität verlachen und verhöhnen, weil es so oft einem Wmke ihrer Hand gelang, die Völker auf die Völker zu hetzen, den Vater auf den Sohn, den Bruder gegen den Bruder gleich wilden Bestien — sie versammeln sich, wozu? Zum Kampf gegen diese eine allgewaltige Idee, v >ß es Frühling werden solle in der Welt, Frühling — Friede!
Das eiserne Zeitalter war nöthig, als eine harte Schule: der Civilstanonsmen'sch muß zuvor gehorchen lernen, zunächst Andern, damit er sich und dann der weltbeherrschenden Idee gehorche. Diese Schule haben die Nationen des Abenrlandes ab|olvut: sie sehnen sich hinaus aus der Knechlichaft der Autorität, fort von der dürren Haide der Theone; wie Wilhelm der Eroberer rief: „Ich halte Dich, England!" so sie: „Ich halte Dich, Leben, ganzes Leven, menschliches Leben!" —
Die eiserne Zeck, die Periode der Bestialität soll aufhören. „Seid umschlungen, Millionen; viefen Kuß der ganzen Welt!" klingt in den Lüften ras neue Ostermorgenlied. Und Viele, die es horten, zogen aus, um dem neuen Stern zu folgen üoer das Meer: hort steht aus Licht gewebt der Tempel der neuen Zen, ber neuen Weltorpuuttg, dessen Zuschrift lautet:
„V ö l ke r sol i va ritat, Vv l k e r v e r b rüd er u n g! Arbeit für Alle, Arb r burd) AtIr! Dem Verdienste seine Kronen, Untergang der L ü g e u h r rt t!"
D e u t s ch l a » d.
R. Wiesbaden, 17. Mai. Die Angabe Ihres Correspondenttn vom 12. d. M. über die Baumanu- Wirth'sche Anforderung von RepräfentationSkosten an das H. Staatsministerium ist in einem Punkte zu berichtigen. Die Ausorderuug und wirklich ausvezahlte Summe beträgt nicht 1384 fl., sondern 1384 st, 12 fr.
Da wir einer Aufklärung dieser scauvatösen Änge- legenheit von Seiten der betreffenden Behorocu ocer Personen, namentlich des Herrn Erpräsioenteu Wirth, bisher, also seit beinahe 8 Tagen, vergeblich emgegen- gesehen haben, so müssen wir, obgleich uns ote Sache unglaublich schien, die von Ihrem Correspoukenten als actenmaßig hargesteUe Thatsiiche, die, wie man jetzt erfahrt, von einem Betheiligie« selbst zuerst erzählt und neuerdings bestätigt wurde, als wahr an nehmen und können nicht umhin, schon jetzt einige oherstachliche Betrachtungen daran zu knüpfen.
1/ Wenn der Präsident Wirth von dem Gastwirth Baumann ein besonderes Empfangszimmer gemiethet gehabt hatte, so wäre doch jedenfalls Herr Wirth dem Herrn Baumann die Miethe schuldig und müßte dieselbe, wenn er geschaftöorkuungömäßig vom Staat deren Ersatz verlangen könnte, ebenso wie seine sonstige Vergütung direkt bei dem Di uiifiert um anfordern. Wie kommt es, daß er dies drei Jahre hiiiturch vergessen hat und nun eist es veranlaßt, daß der Staat seinen Hauswirth bezahlt? Was hat Herr Baumann mit dem Staate zu thun? Oder glaubt man etwa, daß die Bestimmungen der Ge- fchäftöorbnnng bei der Rechnung des Herrn Baumann nicht in Anwendung gebracht werden sonnten? Glaubt man, die Rechnungskammer werde so nachsichtig fein, ein Auge zuzuvrückeu? Wir glauben das noch nicht!
2) Es ist eine noiornche Tbafsaebc und kann in jedem Auzevvlick durm Berueymuiig alter P nomu, welche die Wohnung des Herrn Wirch betreten haben, namentlich auch Durch das Hauspersonat des Herrn Baumann und die Pedellen, welche in Dienstangelegenheiten in der Wohnlma des Herrn Wirth waren, fcstgestcllt werden, daß Herrn Wirth'» Wohnnng, ebenso wie die der meisten übrigen .R am merm 11 gl icbc r, lediglich auv einem Woon- unk zugleich Arbcitszimmer und Sabin et, also ans zwei Pn^en, bestand, und daß er w a h re »V seiner ganzen Präsidentschaft nie ein besonderes Empfang zi mmer tn nc batte, und daß ihm zu seiner Bedienung m Beiufsfaw n die iibtlstgen Kräfte von kein Staate zur Dispositiv i gestellt waren.
Wie konnte unter diesen Umständen Herr Baumann die fragliche Rechnung aufstell n uno w e Herr Wrell' deren Richtigkeit attcilucu und so ten Staat zur KBlMg von 1384 fl. 12 fr. veranlassen, die b rselbe nicht Nt entferntesten schuldig war?
Vor den Afsisen werden in jevem Quartal Sachen wt^en geringfügigeaer Objekte verhandelt uuv wir « er von unseren Gerichten gewohnt, rücksichtslos vaS (Gesetz gehandhabt zu sehen. Wir dürfen hoffen, daß we Sache nicht ununtersucht bleibe. „Ordnung muß sein!" sagt ja Herr Wirth und seine Parteigänger.
*t* AuS dem unteren Rheingau, 16. Mm. Sonntag, der 18. Mai, wird mit dem Mai feste aiir dem herrlichen Teufel- kaderich, einem der schönsten, zauberreichsten Punkte der Rpeingauer Höhe oberhalb des romantischen Boventvales, den Reigeu unsrer länglichen Ausflüge und Parthieeu eröffnen. Herr Gastwirth J. Iu u g von ASlnauusoausen wird sich bemühen, Pie frohen Waller angenehm daselbst zu erfrischen. Der Gesangverein RükesoeiiiPs wird sich auch daselbst eiu- fiiide». — Der tüchtige Prediger, Hr. Pfarrer Keil- m a iiII von Offenbach wird' am Sonntage Morgen den deutschkatholischen Gottesdienst zu Rüdesheim leiten. Es wäre überhaupt dieser Filialgemeine-e zu wünschen, daß sich öfters Prediger in ihr Hören liepen, wodurch daS gute Gedeihen derselben immer mehr be- forbert würde. Die grauen Redensarten und Prekigtm bot Missionäre im Gaue haben der guten Sache seyr genutzt. ,Waren auch viele schwache Gemüther und weibische Geister aofängltch von denselben bezaubert und zum Fanatismus huigeriffeu, so säugt eS doch allmählich an, auch tu den vetänblesten Köpfen zn tagen. Es ist nicht selten, daß man brave Winzer sagen hört: Wir sehen nicht, daß die Gebildeten uno Reichen Verehrung und Bewunderung den Missionäre« zollen, nur wir armen Teufel fallen vor ihnen nieder, es muß doch ganz anders um die Patres aussehen, als wir meinen und uns ausgebunken wird! — Mit dem BundeAJunfrauen-Verein geht es sehr rasch den Krebsgang, uuv der Jünglingsbund hat sich aUbcrtit^ in Geisenheim selbst schon aufgelöst. Daran ist noch hauptsächlich das Zerwürfniß schuld, in welchem der b-üTge Pfarrer und Frühmesser leben. Der letztere kann zum Heile der Mission nichts gut genug mache» und der erstere will durchaus die ganze Leitung ohne irgend einen Einspruch deS Anderen handhaben. Nicht lange wird es mehr währen und man wird im ganzen Gaue sagen: Gott sei Dank, der Wahn ist vorüber, er war freilich kurz, aber doch zu lang! — Großes Aufsehen erregt und begierig gelesen wird im unteren Rheingau jetzt die treffliche Ohrenbeicht von Heribert Rau. Sie wirkt sehr viel und hat Manch.m schon den Staar gestochen. An 200 Exemplare sind in wenigen Tagen verkauft gewesen und noch geschehen immer neue Bestellungen.
B Dillenburg, 16. Mai. Unsere Assiien, welche diesmal in die dritte Woche hinein dauerten, sind gestern geschlofsen worden. An oer Stelle des früheren Herrn Substituten Gieße fungirte zum erstemnal der hierzu neu ernannte Herr Justizamtssecretär Schröder für die Staatsbehörde. Seine Wahl ist eine glückliche. Sein Vortrag ist eben so klar als lebendig, namentlich hat er die wegen rechtlicher Streitfragen und thatsächlicher Verwickelung schwierige Anklage gegen den Briefträger Stahl wegen Unterschlagung mit anerkennens- werthem Geschick durchgesührl; als Vertheidiger trat, und zwar in dem eben genannten Falle, jum ersten Male Herr Procurator Verflassen von Limburg auf; es wäre zu wünschen, daß mehrere auswä tig« Anwälte seinem Beispiele folgten. Das Publikum zeigte im Ganzen die gewohnte Theilnahine, besonders aber bei den Anklagen gegen Joh. Dick wegen Todt- schlags und gegen Briefträger Stahl wegen Unter, fchlaguiigen. Ich gebe Ihnen nachfolgend ein Berzeichniß der Fälle und der Erkenntnisse:
1) Am 28. April, Karl Martin von Eisemroth, Justizamts Herborn, wegen Diebstahls, Schuldig: 2'/, Monat Corrcctionöhaus. Staatsanwalt: Lautz; Vertheidiger: Keller.
2) Am 29. April, Johannes Gotthardt von Fussingen, Justiz-Amts Hadamar, wegen Falschmünzerei und Mlinzfülschung. Schuldig: 2'/, Jahr Zuchthaus. Staatsaiiwakt: Lautz; Vertheidiger: Keller.
3) Am 30. April, Vormittags, Franz Heinrich Jung von Hoi, Justtz-Aints Marienberg, wegen Nothzucht. Schuldig: 3 Jahr Zuchthaus. Staatsanwalt: Lautz; Vertheidiger: Schenk.