Einzelbild herunterladen
 

Freie Ztilung.

âeihen und Ürc^t!u

^ 108.

»^JJ.'-^-U«» 11.'._|H J«_^ 1 Iwhm^MwwBmMMM^w« - -___

Wiesbaden Donnerstag 8. Nkai

1S31

DieFreie Zeitung" e>s»eint, mit Ausnahme deS Montags, täglich in einem Bogen. - Der AdonnemeniSprriS beträgt vierteljährlich hier in Wiesbaden ! fl 45 rr auswärts durch die Post bezogen mit verhâltmßmaßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei der großen Verbreitung derFreien Zeitung" stets von wirksamem Er­folge Die Jnserationsgedühren »betragen für die vierspaltige Petitzeile 3 kr.

Ein Zwiegespräch.

XDie Häupter der preußischen Reaktion sind toll geworden!" hörte ich vor einigen Tagen einen Mann äußern, den ich sonst als einen konservativen Politiker und Protestanten kenne.

Warum nicht gar? Die Gerlachiten meinen Sie doch? Nun, die wissen ganz genau, was sie wollen!""

Seit sie Luthers Urtheile über Fürsten, Höflinge und Pfaffen verboten haben, sage ich, sie sind von Sinnen!"

Hätten sie Luther nicht verboten, so stimmte ich Ihnen bei; doch diese rettende That gibt mir wieder Respekt vor den Leuten.""

Das sagen Sie?"

Durch das Verbot von Luthers Urtheilen be­weisen sie, daß sie diesen Mann kennen, daß sie wissen, er werde, 1851 noch am Lebe 1, zu Uhlich und den freien Gemeinden stehen, wie er 1517 zu den Auf­klärern und gegen die Dunkelmänner stand.""

Aber Gerlach nennt sich einen Protestanten!"

Und sogar einen orthodoren, was ihn jedoch nicht abhalten kann, daß er gegen Luther protestirt, wie dieser gegen den Papst.""

Wie reimt sich dies aber?"

Von Luther-s Standpunkte aus! In dem Re­formator sind zwei Weltanschauungen, welche bei seinen Lebzeiten in einander griffen, wie zwei große Ringe: die mittelalterliche und die modei ne. Aber eben weil sie unvermittelt in einander greifen, stehen sie in einer Cimeitigkeit da, von der man sowohl zum Cäsaro­papismus, wie zur Demokratie gelangen kann. Der Grundsatz Luthers: alle Obrigkeit ist von Gott einge- setzt, führt zu dem Absolutismus, den die deutschen protestantischen Staaten seit der Reformation dar­stellten und zu welchem die Gerlachiten zurückwollen. Wenn sie daher Luthers Schriften verbieten, so doku- mentirt das nur die Einsicht und den Wicken, daß ichnen nur der alleruuterihänigste miper aio oee rr^er erscheint.""

Aber sind denn die strafenden Urtheile des Re­formators unecht?"

Nicht doch! Ehe Luther konservativ wurde war er revolutionär, ehe er konstitutionell in Glaubens- sachen schrieb, war er Demokrat und Wühler im be­sten Sinne des Wo:tes. Der konstitutionelle Prote­stantismus, das Schriftgelehrtenthum, schloß sich an den gebrochenen Luther an lind fühlte zum Bruche der protestantischen Entwicklung mit bei radikalen Siite, welche in den Hintergrund gedrängt und nach und nach im Volke eingeschläfert wurde.""

Aber die Schriften des großen Reformators wa­ren doch geblieben?"

Eben deshalb blieb auch die Möglichkeit , an diesen Luther wieder anzuknüpfen, und^dies ist fort und fort versucht werden. An dieser frischen Quelle hat die

protestantische Wissenschaft immer wieder Leben geschöpft und Frische, bis die Zeit erschien, wo diese Seite von Neuem ins Volk hineintrat. Die Vorläufer dazu zeigten sich bereits im 18. Iahrhundrrt, ebenso schon die Kämpfe. Lessing knüpfte an diesen Luther an, um den Luther der Hamburger Dunkelmänner zu wi­derlegen , wie in unsern T-gen die protestantischen Freunde in Preußen an Lessings Luther anknüpften, um den Gerlach'schen Luther zu stürzen.""

Aber ist denn das nichts eine Tollheit, eine solche Spaltung im Volke hervorzurnfen, wie sie durch dieses Verbot erfolgen muß?"

Es wäre ein Fehler, der Männern, wie dem Rundschauer der Kreuzzeitung, nicht zu verzeihen wäre, wenn diese Achterklärung noch zu ver meiden gewesen wäre. Aber das eben ist das Ticfbcbeutsame dieser Maßregel, daß sie uns den Beweis liefert, wie klar die Gerla­chiten bereits über das Unvermeidliche einer solchen Spaltung sind. Sie treiben den Konflikt, da er nicht mehr zu vermeiden ist, gewaltsam zum Ausbruche, weil sie.sich jetzt die Gewalt zutrauen, ihn in ihrem Sinne durchzukampfen. tote verbieten den Luther der e sten Periode, um d n Luther der zweiten flott zu erhalten.

So arbeiten sie ja gerade den freien Gemeinden in die Händel"

Es scheint uns so; doch es scheint ihnen den­noch anders. Sie hoffen durch Terrorismus ihre Geg­ner zu Ertremen zu treiben, dieselben dann zu ertap­pen, nach den noch bestehenden Gesetzen zu richten und so nicht nur alle Schüchternen und Feigen, sondern zugleich alle besonnenen Elemente des Volkes gegen die freien Bestrebungen zu stimmen.""

Aber wird und kann ihnen das gelingen?"

Ist es nicht gelungen, die Hussiten, wie die An­hänger des Thomas Münzer inS Ertrem zu treiben? Ist es nicht gelungen, Luther zum Bruche mit sich selbst zu bringen, auö Furcht vor denSchwarm- gtlstern"?^ Sollte es ^ sich einschüchtern ließen und dann einleukten, oder zur lieber» stürzung getrieben würden, um sie dann einzukerknn oder außer Landes zu treiben? Halten Sie die Männer der jetzigen Bewegung für charakterfester als Luther und doch zugleich für "so besonnen, daß sie stets nur gerade so weit gehen, als das Volksbewußtsein gestaltet?""

Nicht alle!"

So geben Sie zu, daß die Gerlachiten so toll nicht verfahren, wie es Ichnen zuvor schien.""

Einem traue ich die Lösung dieser schwierigen Aufgabe denn doch zu,... ich meine Uhlich."

,,Darin stimme ich Ihnen bei, obwohl die bitteren Erfahrungen ter letzten Zeit nur zu häufig gelehrt ha­ben, daß Keinem vor seinem Tode unbedingt zu trauen sei. Diese Erfahrung ist es denn auch, aus welche die preußischen Kreuzritter rechnen und weshalb sie den MagdeburgerWüller" so besonders ins Auge fassen.""

Glauben Sie, daß Uhlich unter seine Mission herabsinken könne?"

Wir hatten zunächst.zu erörtern, ob die Feinde der freien Bewegung nicht Grund haben könnten, so zu glauben. Haben sie auf ihrem Standpunkte diesen Grund, so handeln sie nicht toll, wenn sie Luther ver­bieten und den Riß im Protestantismus zur Entschei­dung treiben. Um nun aber auch die Sache von der andern Seite zu beleuchten, so glaube auch ich allerdings, daß die preußischen Cäsaropapisten- denn so nur verstehe ich ihre ganze Taktik und das Geheimniß ihres Einflusses bei Hofe, wo man das russische Kir- chenwe^eu ms Deutsche übersetzen zu wollen scheint, um wieder eine Bases für den Ständestaat zu gewinnen

iahch operiren; doch nicht aus Inkonsequenz oder Verblendung, sondern aus Verbissenheit und deshalb aus Ueberstürtzung. Die Kreuzritter fühlen, daß die Zeit aus den Fugen ist, sie haben den Willen, sie wieder einzulenken, sie greifen auch zu den geeigneten Mitteln; aber sie stehen unter dem Fluche aller derer, welche gegen einen Strom anstreben, der bereits zu hoch angtschwollen ist. Statt die Bewegung abzulen­ken, treiben sie Alles in die Bewegung hinein, weil sie die Fluthen zu zeitheile» fürchten, sie deshalb stauen und nun gezwungen sind, immer Neues auf den Damm zu schleppen. Vor 1848 war es der Polizeistaat, den sie der Fluth entgegenstellten; der Polizeistaat ward verschlungen und was thaten sie nun? Sie schoben den Intelligeuzstaat nach: sie griffen zu den Mitteln der römischen Klerisei, sie opferten sogar Luthers Schrif­ten. Und wenn auch dieses noch nicht fruchtet?""

So werden sie geradezu katholisch! Scheinen sie doch schon un Einverständnisse mit den Jesuiten zu stehen."

Möglich, daß sie im Einverständnisse damit stehen; doch taun ich in Ihre Ansicht nicht unbedingt einstimmen. Sie werden dahin gedrängt werden, das allerdings; ich traue ihnen auch zu, daß sie dies merken; doch rischer als die Jesuiten zu sein und dieie benuyen, doch zuletzt in die katholische Kirche sechst ein Element brin­gen zu können, das nicht zur römischen Knechtschaft führe, sondern zur Erreichung ihres Zieles, jenes Cäsaropapismus, wo der Landessü st zugleich Ober­haupt der Landeskirche ist. Sie wollen eine Hochkirche, weil sie einen Staat wollen, der eener,Hochkirche noth­wendig bedarf.""

*S>e wollen also nach Rußland?"

.Manne wohl, andere >edoch wollen blos nach England. Sie wollen die fughutr Hochkirche und schmel- acin sich, daß, diese einmal erlangt, das Volksleben so viel Stätigkeit wieder g.wmnrn werde, um dann nach und nach dem ?>olke für die engere kirchl iche eine breitere politische Basis g den zu können. Zu dieser freisin­nigeren Richtung scheint sich der König und der Prinz von Preußen zu neigen, die deshalb keineswegs so unbe­dingte Gegrnprolcstanten sind, wie Andere der Partei.

Die Eröffnung der Industrieausstellung.

(Schluß )

In der Mitte des Krcuzschiffrs oder im so ge­nanntenTransept" war eine Plattform errichtet, worauf ein Thronsessel stand, mit Purpursammt aus- geschlagen und Rahmen und Gestell reich mit Gold verziert. Vor der Plattform warf die in prachlvollem Glas gearbeitete Fontaine ihren Wasserstrahl aus und erglänzte, von den vurchfallenven Sonnenstrahlen ge­troffen, in den bunten Farben des Regenbogens. Hin­ter der Plattform war eine grüne Wand aus den schönsten Gewächsen und Pflanzen gebildet, wovon die weltberühmten Treibhäuser des Herzogs von Devon­shire in dem nahen Chiswik die herrlichsten Eremplare geliefert hatten. Alles überragend erhob sich die in den Palast eingebaute Ulme des Parks und bildete wit ihrer im ersten Grün des Frühjahrs prangenden Krone ein natürliches Laubdach. Von den oberen Ga- leileen hingen Die kostbarsten Teppiche nieder, und wie t inf Fata Morgana glänzten uns in weiter Perspective rechts und links die Schätze der Welt entgegen.

Von dieser wohl noch nie dagewesenen Vereinigung gewaltiger Eindrücke mußte auch die schwächste Phan- taste hingerissen werden. Wenn man die Ausstellung ins Einzelne zergliedert, so ist sie unendlich materiell aoer m. dem Ensemble, worin sie uns jetzt vor Augen nal fiel aller schwere Stoff von ihr ab, und sie idea-

lisirte sich zu einer Poesie, welche kein Dichter noch Maler erreichen und der poUenoelste Kunstler nicht darsteUen konnte. Ich glaube, daß ein solches Schau­spiel wirklich einmal etwas Neues war und Niemand, wie viel er auch in der Welt gesehen, blasirt genug sein konnte, um davon nicht tief n griffen zu werden. Der Ausstellung, wie lange sie immer besteht, wird das Interesse gesichert bleiben; allein die Stimmung des Augenblicks der Eröstnung kann niemandem mit» getheilt werden, der nicht selbst zugegen war.

Ein donnerndes Hurrah begrünte Cie Königin bei ihrem Eintritt. Mit jener gutheizige» Anmuth, welche ihr eigen ist und mit dem wahrhaft königlichen Bewußt­sein, die Liebe und Achtung eines freien Volkes zu ge­nießen, schritt sie an der Seite ihres Gatten der Platt­form zu, nach allen Seiten grüßend und dankend. Sie war reich, aber ohne Ueberlaèung gekleidet und hatte überhaupt an dem Hofeerrmouiel, welches bei rem eng» lischen Feierlichkeiten streng emgrhalten iviid, mit klugem Tact bei dem gegenwärtigen Anlaß vielerlei gekürzt und vereinfacht. Prinz Albert trug Uniform und den Orten des HosenbandcS. Von den Kindern waren der Prinz von Wales, ein blühender bufbacfigcr Knabe mit nuoer- kennbar deutschem Ausdruck, und die älteste Prinzessin zuaegen. Von fürstlichen Familien auswärts wohnten der Prinz von Preußen nebst Gattin, Sohn und Tochter, der Prinz Heinrich der Rüter!, mde und der Pr.nz von Sachsen-Weimar der Festlichkeit bei.

Als die Königin sich gesetzt hatte, wurde unter Orgel- und Orchester-Begleimng die National-Hymne gesungen. Obgleich über 500 Sänger nutwirkten, ver­lor sich doch in dem ungeheuren Rauine der Klang fast spurlos. Nur die Tone der Orgeln, ein Meister­werk englischer Baukunst in diesem Fach und zur Aus­stellung gehörig, brausten durch und sollen bis am anderen Ende des Palastes wie eine Harmonica ge­klungen haben. Nach Beendigung des Geianges trat Prinz Albert als Vorstand ter englischen Kron-Com- müsion und nomineller Leiter des ganzen Unternehmens, begleitet von allen Mitgliedern, vor die Königin und las einen kurzen Bericht der seitherigen Verhandlungen. Die Königin erwiederte darauf in einer Rede, die ihr von dem Minister des Innern, Sir G. Grey, über­reicht worden war.. Sie las mit jener klaren, festen und zugleich lieblichen Stimme , die überall hin gut verstanden wird und ihr unwillkürlich die Herzen der Hörer zuwendet. Von ihr könnten manche Fürsten des Kontinents lernen, wie man sprechen muß, um sich beliebt zu machen; aber freilich, das politische Er- temporiren muß eim Königin on England bleiben lassen.

Nach der königlichen Rede hielt der Erzbischof von Canterbury das Gebet der Einweihung, worin er den Segen des Himmels auf diese friedliche Vereinigung der Völker erflehte. Sobald das Gebet vorüber war, erhob sich Ihre Majestät rae hielt einen feierlichen Umzug durch den ganzen Palast. Außer dem Hofstaate