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Freiheit »vd liecht!

M 105. Wiesbaden. Sonntag L. Mai I&31

DieFreie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. Der AbonnementSpreiS beträgt vierteljährlich hier in Wiesbaden I ff. 45 fr., auswärts durch dir Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Verbreitung derFreien Zeitung" stets von wirksamem ®r« folge Die JnserationSgcbühren betragen für die vierspaltige Petitzeile 3 fr.

Der Bundestag als Bußtag.

V Wer ist denn eigentlich zufrieden mit der Rück­kehr zum Bundestage? Die kleinen Staaten? Sie hätten allerdings die meiste Ursache dazu, denn ihre Haupt­noth war die Mediatisirung, welche ihnen bei jeder wirk­lichen Verbesserung oder selbst bei jeder bloßen Verände­rung der Bundesverfassung geblüht haben würde. Um sich vor Deutschland zu retten, als es Ernst mit dem­selben werden sollte, stürzten sie sich der Allianz in den Schooß, welche im Auslande von denen erneuert ward, welche wollen, daß das Herz Europas ein bloßer geo­graphischer Name bleibe; und als ihnen hier sogar dann ein gleiches Schicksal drohte, da ruderten sie zu- rack zur Eschenheimer Gasse. Sind sie dessen nun froh? Wer ihnen die Versicherung geben könnte, daß diese Rettung Bestand haben würde! Kann ihnen aber jemand auch nur vierundzwanzig Stunden Frist ga- rantiren?

Aber die Mittelstaaten, sind sie sroh? Nichts weniger als das! Wenn ein Parlament zu Stande gekommen wäre, so hätten diese Länder allerdings eine wichtige Rolle spielen können; doch der Bundestag und ein Volksinstitut, wie reimt sich das? Wenn der Plan ernstlich gemeint wäre, so bewiese er nur, daß die Furcht selbst routinirte Staatsmänner zu Utopisten zu machen im Stande ist.

Daß Oesterreich sich aus hundert Gründen un­gern zu dieser Wendung entschloß, ist bekannt. Schwar­zenbergs ganzes System ist vernichtet, wenn eS ihm nicht gelingt, die deutschen Bundesstaaten in jene straffe Centralisation hineinzuziehen, die er nach dem Muster des russischen Staates anstrebt. Deutsch­land muß von Oesterreich verschlungen und ^'"'rgt* firt werden, wie Polen vom Czarenreiche verschlungen wurde, oder dieses ist jedem Sturme Preis gegeben. Frei­lich gäbe es noch ein Drittes; aber dieses kann Oester­reich nicht wollen, ohne sich der Gefahr auszusetzen, in Ruß­land dereinst aufzugehen: nämlich wenn eS sich ganz von Deutschland loSriffe und sich vollkommen slavisirte. Die Czechenpartei ging bekanntlich aus dein Reichstage mit solchen Plänen schwanger.

Aber Preußen, es hat ja die Rückkehr zum alten Bundestage gewollt; doch mit frohcm Muthe? Hal nicht sogar dieKreuzzeitung" diese Wendung als eine verdiente Demüthigung und Buße für alle begangenen Narrheiten und Frevel" bezeichnet? Die Bundestag- fahrt eine Bußfahrt das ist das rechte Wort!

Ein F e st g e f ch e n k.

E 3u Feier der Vermählung des Herzogs wird heute Abend von der Bürgerschaft zu Wiesbaden ein Jest- ball veranstaltet. Was uns von den Anordnungen zur Feier dieses Ereignisses am meisten angesprochen hat, ist ein einfaches, sinniges Geschenk, das bei die­ser Gelegenheit der jungen Frau Herzogin überreicht werden wird. Es besteht dasselbe aus einer Art Etagere, durch welches die wichtigsten Landesprodukte als Re­präsentanten des von der Natur so reich gesegneten Nassauer Landes zur Anschauung gebracht werden sollen.

Auf kräftigen Beinen, aus Hirschhorn mit einge­legtem Elfenbein zierlich geschnitzt, erhebt sich eine Tischplatte, aus hellbräunlichem Marmor, wie ihn das Lahitthal erzeugt und die Diezer Fabrik verarbeitet. Aus der Mitte der Platte erhebt sich der Stamm, von 6 Tragarmen Kronleuchterartig umgeben, auf sei- ner Spitze steht eine Schale, aus der ein Blumen - G und Achrenstrauß hervorragt. Wir wollen die einzel­nen Abtheilungen etwas näher betrachten. Die biet Abtheilungen sind der Darstellung, zu Unterst der reich­haltigen Bergswerks-i Produktion, zu mittelst und zu Oberst des Land - und Garteubau'ü gewidmet. Die Marmorplatte ist bedeckt mit glänzenden Stufen, von Mineralien, wie sie unser Bergbau zu Tage fördert. Unter den Erzen glänzen hervor die Kupferkiese, die faserigen Malachites die Schwefelkiese und der seltene Kupfer - Jndig, die die Donsbacher und Nanzen- Gruben des Amts Dillenburg so reichhaltig füh­ren. Aus dem Holzappeler Revier und der Um­gegend von Diez sind die prächtigstfunkelnden Blei- alanze meist derb, aber auch in einigen krystallisieren (tremplarcn sowie die Zinkblende in der schön kry- stallisirten rothen Varietät ausgestellt. Daneben gewahrt man das seltene Grün-Bleierz von Ems, den biet» und silberhaltigen, tropssteinartig geformten Branneisen-

Zufrieden ist also Niemand im Lager der Reak­tion mit dieser Wendung; Heilsames und Ersprieß­liches erwartet kein Mensch davon; warum aber ge­schieht es denn doch trotz alledem und alledem? Die Contrerevolution wollte gegen Schicksals Schluß dahin, wohin sie kraft heiligster Eide und bitterster Erfahrun­gen nicht gedurft hätte; da rief der Weltgeist den deut­schen Diplomaten, welche aus den Staaten etwas An­deres, doch nichts wahrhaft Verbessertes machen woll­ten, zu:Sint ut sunt aut non sint! Die Bun­desstaaten sollen ganz so bleiben wie sie vor dem März 1848 waren! Doch die Wiederhersteller fühlen, daß da­mit nicht ihren Ideen und Planen Recht gegeben ist, sondern dem Rufe derer, welche die Staatsmänner der alten Zeit als die unverbesserlichen bezeichneten.

Als die Restauration in Frankreich radikal wurde, als sie offen und unverhüllt als politisch-kirchlicher Je­suitismus auftrat, war sie verloren. Doch noch ein­mal ward es ihr vergönnt, zu zeigen, ob sie etwas gelernt habe, noch einmal erwies sich das Gegentheil und dem Karl X. folgte Louis Philippe, wie beiden Louis Bonaparte folgen wird, wenn seine Zeit ge­kommen ist.

In Deutschland ist das ar-vers !" hören wir häufig erwidern. Ja, aber noch besser' In Deutschland hat man aus der französischen Geschichte das gelernt, daß es nicht auf die Firma, unter der die Restauration ihr Geschäft eröffnet, ankowmt: Charte Ludwigs XVlli.; Je­suitenregiment Karls X., Bürgerkönigthum LouiS Phi- lippes, und Präsidentschaft Louis Bonapartes kommen auf eins hinaus, wenn die Korruption, die Heuche­lei und der Egoismus dahinter steckt.

Der ganze Streit seit 1815 drehte sich darum, daß die Rechnungen des FeKlan.-s etwas Anders scheinen und etwas Anderes sein wollten. Diesen wird der Bundestag den Deutschen erweisen, daß mit seiner Auferstehung aller Schein verschwindet. Was der König von Preußen einst in feierlicher Stunde rief und was, wenn es zur Norm zwischen Fürsten und Völkern geworden, unsägliches Unheil und Wirrsal verhütet hatte, der Bundestag wird es aussprechen oder ihm als seinen Fatum verfallen:Zwfchen uns fei Wahrheit!"

Dies ist es, was die Diplomaten ahnen und wovor ihnen mit Recht grauet. Mit der Restauration des Bundestages schwindet der letzte Schein, daß zwischen der alten und neuen Weltvrd- nung ein Kompromiß möglich wäre. Nach

stemvon den Braubacher Gruben, deren berühmteste, der Friedrichs-Segen, auch das seltene, in zarten Strah­len krystallisirte Weiß-Bleierz geliefert hat. Die Berg- mrifterei Weilburg ist durch ihre weitbcrühmteüBraun­steine von Nieder-Tiefenbach, durch ihre so inctallreichen Rotheisensteine u. a. hinlänglich vertreten. Derbe Stücke dieses letzteren Minerals sind schon auf den Beinstollen des Tischchens angebracht und mit einer wohl nur in einer einzigen Kohlengrube unseres Westerwalds, Grube Nassau bei Marien b e r g, verkommenden wunderschönen Varietät der Braunkohle, der sogenannten Bastkohle, bedeckt. Auch an anderen Stellen des Tischchens machen sich diese Braunkohlen des Westerwalds bemerk­lich. Dazwischen recken die plumpen Quarzkrystalle des Amtes Usingen ihre sechsseitigen Nasen hervor, und die Schwerspathe von Nauroo bei Wiesbaden sind gleichfalls nicht vergessen. Eins der wichtigsten Ausfuhr-Producte des Landes, der Töpfer-Thon aus dem Amt Selters, kommt als Rohprodukt, aber auch in seiner Verarbeitung zu Krügen vor. Zwischen den Mineralien nämlich, von Moos eingefaßt, ragen in die Höhe eine Bierkanne, ein Sel leiser Wasjerkrug, von Silberdraht umsponnen und ein Nheiugauer Schop­pen, von Golddraht eingefaßt. Zierliche Elfenbein- figürchen, von Herrn Stcruttzki dahier gefertigt, zieren Deckel und Pfropfen. Auf dem Pfropfen der Flasche hüpft ein munterer Rheiugauer Winzer; die Heilkräfte unsrer Mineralwasser reprchentirt auf dem Pfropfen des Wasserkriigs eine Hygica mit Schlange und Schale; auf dem Deckel des Bierkrugs steht ein Bauer aus dem Kaiineiibäcker-Land, das Thonpfeifchen in der Hand, wie er eine Kietze voll irden Geschirr zu Markte trägt.

In der Mitte des Ganzen breiten sich nun vom Stamme des Etagere sechs Arme aus, welche, etwa in gleicher Höhe mit dem Auge des Beschauers, ebeiisovicle Körbchen tragen, in denen die Früchte unserer Obst- und Traubengelände

der Restauration gibt es also nur noch zwei Parteien: Bundestagöbekenner und Bundestagsgegner! Es wie­derholt sich demnach auf politischem Gebiete jetzt die Spaltung des 16. Jahrhunderts, doch trügen nicht alte Zeichen der Zeit, diesmal nicht zum Schaden des Volkes auf beiden Seiten, sondern zum Siege der vor drei- bundert Jahren nur halb und deshalb einseitig angestrebten politischen und religiösen Vereinigung und Befreiung der deutschen Nation. Wenn deshalb jemand mit dieser Wen­dung zufrieden sein kau», so dürfen es die Völker sein, wofern sie diese Zeit der ^Buße" als Rüsttag zu ihrer Besserung und zur Vorbereitung auf die große Zunkunft, die heranzieht, zu gebrauchen wissen.

Deutschland.

* Wiesbaden, 3. Mai. Graf Bernstorff hat am 25. April in Wien sein Abberufungsschreiben überreicht, Die Ankunft Arnims wird von der österreichischen Dip­lomatiemit Erwartung" entgegen gesehen, dennman weiß, daß er bei Hofe außerordentlich beliebt ist." Das sind schöne Gründe für Preußen, gerade diesen sehnsüchtig Erwarteten" hinzuschicken! Oesterreich hat laut dem WienerNeuigk.-Bur." auch vor, mit Preußen eine Volksvertretung beim Bunde zu beantragen, die in drei Kurien: 1) Ö. stereich, 5) Preußen und 3) die übrigen Staaten zerfallen, aus den Abgeordneten der Einzelkammern gebildet, doch nur den Charakter eines berathenden und nicht entscheidenden Organs an nehmen, also das fünfte Rab am Wogen, ober vielmehr et# Blitz­ableiter sein soll. Aber sollten die Staatsmänner ipirti* so kurzsichtig sein, daß sie sich einbildeten , dam t noch die öffentliche Meinung zu bestechen? Eine solcheVolks- vertreumg" am Bunde wird so wenig Anklang finden, als sie Bedeutung hat. Doch eben deshalb halten wir dies ganze Gerede auch vorlausig nur für einen neuen Pulsfühler oder für einen Thcatercoup, um den Bun- destag in etwas bei Wiedereröffnung seines Geschäfts­betriebs zu empfehlen. Graf Bismark-Schönhansen wird laut derN. Preuß. Ztg." seine Carriere als geh. Legationsrath" uuVerster Gesai dtschaftsratjch in Frankfurt beginnen. Delbrück soll nicht uittbeigeord- net werden, wie es gestern hieß. Herr von Rochow bleibt noch bis Mitte Mais in Berlin, vör dem 15. wird also die Eröffnung des Bundestags nicht erfolgen. Da Herr von Rochow seinen Posten in Rußland bei­de hält,so wird cs wohl zuweilen sich zritragcn, daß

und sonstige Erzeugnisse der Bodenkultur dargefiellt siiid. Auf dem einen Körbchen ruhen Flachs und Hans, in gesponnenen kleinen Strängen, bedeckt von einigen kräftigen Westerwälder Kartoffeln; gerade gegenüber trägt ein gleiches Körbchen die schönsten Stränge gelber und weißer Seide, über denen die Cocons aufgehäuft liegen, aus denen die Wiesbadener Filanda sie so ge­schickt darzustellen weiß. Die 4 Körbchen zwischen die­sen enthalten: das eine Trauben der schönsten Art, ein anderes saftige Birnen, das dritte verschiedene roth­backige Aepfelsorten und das vierte Pflaumen, Zivet- schen, Aprikosen und andere feinere Steinsbstarten. Alle diese Früchte sind von der kunstreichen Hans des Herrn van Beesten dahier aufs Täuschendste aus Wachs geformt und gewähren einen allerliebsten An­blick. Auf der Spitze des Ganzen prangt dann, in einer schön geformten, mit dem nasjaui'schen uno bei» säuischen Wappen aus Elfenbein gezierten Schale aus Hirschhorn, ein herrlicher Strauß künstlicher Blumen, pyramidaltsch aufgegipfelt, in den schönsten Farben unb Formen, über dem schwere goldene Kornähren nicken und auf sinnige Weise der bedeutsamsten Frucht des Ackerbaues ihre bedeutsamste Stelle anweisen. Das ganze Gebilde von den Füßen bis zu dem Blumen- forbcheu hinauf ist unten herum mit Eichenlaub, in der Mitte mit Epheu-, mit Broinbeer- und Traiibenranken auf's zierlichste und mannigfaltigste umsponnen; das gefammte Blumen- uno Blattwerk macht der Geschick­lichkeit der Vcrfertigerin, Frau R. dahier, alle Ehre.

Wir sind fest überzeugt/ daß das Ganze als Fest­geschenkgerade für diese Feier beim Eintritt einer jun­gen Fürstin in ein ihr bis dahi n fremdes Land, das fortan ihre Hklmath werden soll, nicht einfacher, sinni­ger und zweckentsprechender gewählt werden konnte, und daß es allerseits des befriedigendsten Eindrucks nicht verfehlen wird.