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M 102. Wiesbaden. Donners ag 1. Mai 6^31

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[ Der Pirat und die deutsch-asiatische Eisenbahn.

Montabaur, Ende April. Wenn Völker in ihren höchsten Interessen gekränkt, wenn niederge­drückt durch fremde Gewalt zur Abwehr endlich das Nationalgefühl erwachte, sahen wir öfters die Frauen diese Begeisterung theilen. Kein Opfer schien zu groß, was sie nicht dem Wohle des Vaterlandes gebracht hätten. Die Mutter gab dem Knaben den Schild zur helfenden Vertheidigung der theuersten Rechte; Jungfrauen selbst entäußerten sich des Geschmeides, um Mittel für mögliche Rettung zu schaffen. In der Geschichte aber steht es einzig, daß Frauen ^ich ihres Schmuckes beraubten, um eine Quelle zu schaffen, wor­aus nur materielles Wohl für ihre Mitbürger fließen sollte: in Deutschland geschah es!

Die zu schaffende deutsche Flotte hatte einen durch­aus friedlichen Zweck, nirgends war dadurch eine Na' tionalität in Gefahr; nun daß mit hohem Tugend­gefühl dergleichen Opfer in Menge gebracht wurden: sie müssen uns ein Wahrzeichen sein, wie nothwendig es ist, Wege zu suchen, auf welchen Handelsverbindun­gen das deutsche Volk in seinem Lebensnerv unterstützen, vielleicht erhalten sollen.

Unsere Industriellen haben früher schon, aber auf ganz gewöhnlichem Wege, die Nothwendigkeit neuer Handelsverbinr ungen Angesehen. Das vcrhängnißvolle jusqua la mèr! es hat langjährig unsere Di­plomaten in Athem erhalten; selbst England, weil die Frage holländisch! hat sich der gütlichen Auslegung angenommen: der Rheinschisser segelt ohne Verzollung ins Meer. Kaum aber will Deutschland vom freien Meere, von dieser Handelsstraße, einen freien Gebrauch machen, von einem Rechte, welches ihm, wie dem Chinesen, zusteht, so erklärt das seinen Institutionen nach ge­priesene England die kleine deutsche Flotte für Piraten­schiffe. Wahrlich, der Deutsche ist ein Bettler in der großen Welt!

Andere Völker reden von einem Comfort, von einem far niente der Bettler befindet sich wohl im Einer­lei, kennt keine andere Bequemlichkeit als Kartoffeln mit der Schale zu essen und klagt irgend Wer über viele Arbeit ohne Erfolg, rohen Genuß ohne Poesie: so machen die Meisten ein recht dum­mes Gesicht dazu. Kurz gesagt, cs liegt ein ungeheu­rer Widerspruch im Deutschen und noch in dem er wachten Deutschen.

Darum waren rasch die Mittel zur Errichtung einer deutschen Flotte gegeben, allein der Deutsche träumt be­reits wieder von freier Schiffahrt und seine Flotte frißt der Bohrwurm, wie die Särge, worin so manche getäuschte Hoffnung liegt, der Erdwurm.

Aus der Ferne liest man: die deutschen Schisse sol­len verpachtet, verkässt werden. Es ist keine rege Frage nach diesem Vermögen. Zuletzt wird es einer­

lei mit dem Kaufschillingsund weil eben so Viele keine Idee von einem Seeschiffe, von einem Handelswege haben, nur Joch, Pflug und Egge kennen, so nehmen sie den Piraten hin, wie ein Gotthelf.

Dem Volke ist das Capital aus der verbrauchten Flotte gleichgültig, wohl weil es keinen Umfang und keine außergewöhnliche Bestimmung desselben kennt. Ist dasselbe aber einmal verwendet, so geht es für irgend einen nationalen Zweck verloren; die große Idee, welche das Verlorne geschaffen, sie wird zur Erneuerung noch lange auf sich warten lassen müssen, wenigstens ist für den aufgefaßten, gediegenen, edlen, rein vaterländischen Zweck vor der Hand keine Aussicht mehr. Wir be­haupten als Ergänzung dieser Ansicht: daß ein ächter deutscher Bauer in seiner Indolenz, in seinem Egois­mus das größte Wunderthier in der Industrieausstel­lung zu London wäre. Seiner Natur nach mag das­selbe sein, wie es will, nur blind zugegriffen einem Eremplar aus der Menge in jener Oertlichkeit einen Papierschnitzel in Die Hand: selbst die Königin Victoria würde diesen wunderthätigen Gast begrüßen mit: God damn Caspar Hauser!

Man denke sich die Verlegenheit eines solchen Kerl­chens, welchem vor einigen Jahren noch von bürger­lichen Berühmtheiten Die Anrede zu Theil wurde: Lie­ber Herr Michel, erlauben Sie gütigst, darf ich Ihnen wohl eine Prise Tabak anbieten. Sollen nun diese Leute gegenwärtig nicht denken, sie wüßten oder wären wirklich Etwas!? was aber nach den bereits abgeleg­ten Proben alter Lauigkeit und Streitsucht sehr zweifelhaft wieder wird. Man bleibt gegenwär­tig in allen staatlichen Lebeusfragen die Antwort schuldig.

Die Deutschen sind nur einig in ihrer Verkehrtheit und die größte Errungenschaft ist Die: daß sie miteinan­der niesen. Engländer, Franzosen, Belgier, Holländer sagen in's Deutsche übersetz' wohl bekomm's, und wir verstehen nicht einmal Zu danken. Diese Na­tionen aber sind sich ihrer bewußt, darum befindet sich die Landwirthschaft mit der Industrie im Contacte. Unsere Nationalökonomen haben dagegen den Grund­satz festgestellt, und die Menge jodelt's nach: Wir, dieser kernhafte, seiner uncultivirten Fähigkeit nach herrliche Menschenschlag, wir durften nur Producenten sein. Allein, in dieser eilenden Zeit, wo, wer nicht gewinnt schon verliert; wp zwei Drittel der Landwirthe kaum das Jahresbrod erziehen und das Fehlende von unsern Beleibtheiten kaufen müssen! Wie können da unsere Producenten nur den Gedanken fassen: daß die Wohlfahrt des Vaterlandes sich auf ihre Kräfte allein stützen sollte.

Der Geringste unserer Industriellen dagegen gibt den Engländern etwas zu rathen auf. Diese sind es practisch gewohnt, jene Kräfte zu benutzen, hier schweigt ihre Verhöhnung, brutale Gewalt tritt ein, und unsere Schiffer mußten Piraten sein!

Die Stumpfheit unserer Bauersleute ist für Deutsch­

land in eUnglück. Ihrem Charakter nach lassen sie sich beim Schollen tödten aber zu einem gemeinsamen Bestreben, gleich andern Nationen, den Einfluß der ohnstreitig intelligentem Industriellen anzuerkennen, Mit­tel für sie zur allgemeinen Wohlfahrt des Vaterlandes zu produciren dazu können diese Erdkrebse sich nicht erheben. Ihrer anerzogenen Natur nach erwarten sie Alles von den constituirten Behörden und dort ist die Eroberung nur spärlich zu finden.

Nach Aufzählung dieser Genrebilder kehren wir noch einmal zu unsern Piratenschiffen zurück.

Die Behörde, unter deren Aegide die deutsche Flotte geschaffen wurde, ist nicht mehr; Die Glorie um die Gaben wird die Geschichte bewahren, ob- gleich durch politische Misgriffe der Hauptzweck verfehlt wurde. Aber andere Behörden sollten sich jetzt um dieses Capitel bekümmern, welches in Wahrheit nur den Stiftern gehört. Denn, wenn die Begeiferung im Volke erlischt, so sollten wenigstens die Behörden, wenn auch im kalten Pflichtgefühl, die, aus dem auf­geflammten Jmpul'e gegebenen national-ökonomischen Thatsachen zu erhalten wissen. Diese Stifter, welche für ihre edle Gesinnung den eigentlich nationalen Schimpf erdulden, sie legten die Summen auf den Altar des Vaterlandes. Man lege sie wieder dahin, lasse sie Zinsen tragen und wenn spätere Jahre kom­men, wo Die Nothwendigkeit zu Handelsverbindungen mehr als gegenwärtig erkannt; wenn Landwirthe uno Industrielle sich verständigten so sei dieses Capital die Grundlage für jenen Schienenweg, welchen wir bereits in einem der früheren Blätter: den Deutsch- Asiatifchen nannten.

Die Aeußerung Englands, daß die Farbe» einer deutschen Flotte das Zeichen eines Piraten sey, war ein Attentat an den größten Jntlweffen unseres Vater­landes. Leider steht uns keine Gewalt zu Gebot unser Recht geltend zu machen, darum aber erinnern wir an die Wirkung des früher ähnlicher Anmaßung ent­gegengestellten Continentalsystems und der Folgen aus dieser, wenn auch damals nicht richtig verstandenen Sperre gegen England für unsere Industrie.

Den Ausfluß jener Macht durch einen ähnlichen Impuls mittelst einer direkten Handelsverbindung mit uncultivirten Nationen zu paralysiern, muß jeden Deutschen ergreifen, wenn ihm der Umfang dieses Be­strebens klar werden kann. Denn wozu anders De. Fortschritt, wozu Die große Erfindung Der Eisenbahnen wenn wir diese Kraft zur Beförderung unseres Wohl­standes nicht ausbeuten wollen? Das Eisenbahnnetz innerhalb Deutschlauds vervielfältigte nur den Druck un­serer Industrie und manche Bürgerclasse verarmte, weil es dem größten Feinde unserer Industrie nur Mittel schaffte, seine Concurrenz zur Unterdrückung des Ar- dcitöeinkoMmcns fühlbarer zu machen.

Englifcye Charakteristiken.

Nach Macaulay'S Essays.

John Hampden.

(Fortsetzung. Siehe No. 96 derFr. 3.")

^ Noch im Laufe dieses wichtigen Jahres 1640 eröffnete der Hof eine Unterhandlung mit den Führern der Opposition. Der Graf von Bedford erhielt den Auftrag, eine Administration nach volksfreundlichen Grundsätzen zu bilden. St. John sollte Generalpro- kurator, Hollis Staatssekretär und Pym Schatzkanz- ler werden. Zu dem Posten eines Erziehers des Prin­zen von Wales war Hampden vorgeschlagen. Der Tod des Grafen von Bedford kam der Verwirklichung die Projektes zuvor, von dem es jedoch überhaupt zweifelhaft bleibt, ob es Dent Könige jemals mehr als nur momentan Ernst war, sich mit Männern des Volkes zu umgeben. Konnte Karl mit Ministern re­gieren, die er, wie er nun einmal war, stets hassen und fürchten mußte? Wenn der König indeß noch zu retten war, so vermochte nur dieser Weg ihn zu ret­ten. Clarendon gesteht zu, daß John Hampdens Nich- t mg im ersten Jahre des langen Parlaments mild und gemäßigt war, ja, daß er den Volksgeist mehr zu stillen als aufzuregen bestrebt gewesen sei, und daß er, wenn heftige und unvernünftige Anträge von feinen Partei- genossen gestellt wurden, vor Der Abstimmung das Haus zu verlassen pflegte, damit er jeden Schein ver­

meide, als ob er Der Ueberstürzung seine Stimme gebe. Denn seine ganze Natur neigte zur Mäßigung. Er liebte den Frieden von ganzem Herzen; auch fürch­tete er, daß eine zu hastige Bewegung eine Reaktion hervorrufen möchte. Die Ereignisse, welche in der nächsten Session erfolgten^ bewiesen allerdings, daß diese Frucht nicht ganz ohne allen Grund war.

Im Herbste 1841 vertagte sich das Parlament auf einige Wochen. Vor der Wiedereröffnung der Sitzun­gen wurde Hampden vom Hause Der Gemeinen nach Schottland geschickt, angeblich um als Kommissar Si­cherheit für eine von den Schotten während ihrer letz­ten Invasion kontrahirte Schuld zu erlangen, in Wahr­heit aber, um den König »n Ange zu behalten, Der nach Edinburg gegangen war, um zu Finanzzwecken eine Vereinbarung über die zwischen ihm und seinen nördlichen Unterthanen noch obschwebenden Streit­punkte anzubahnen. Hampdens Auftrag ging dahin, die Covenanters davon zu überzeugen, wie thöricht und gefährlich es sei, wenn sie mit dem Hofe einen Separatfrieden auf Kosten der Volkspartei in Eng­land zu schließen wagen würden.

Während der König in Schottland war, brach der irische Aufstand los. Der Umstand, daß diese Erplo- sion so plötzlich und heftig erfolgte, erregte schweren Verdacht im Volke. Die Königin Henriette war eine notorische eifrige Papistin. Der König und der Erz­bischof von Canterbury waren zwar nicht offenkundig in den Schoß derallein selig machenden Kirche" zu­

rückgekehrt, aber sie halten durch ihre blutigen Ver­folgungen gegen die Puritaner und durch die Verach­tung, mit der sie stets von dieser Sekte sprachen, der römischen Kirche und ihren Anhängern eine jeyr auf­fallende Vorliebe und Gefälligkeit erwiesen. Zum Hohn der durch eine Reihe von Parlamenten kundgegcbenen Wünsche und Erwartungen, waren Die protestantischen Separatisten die Opfer gesteigerter Graum »keit ge­worden. Gleichzeitig wurden aber trotz der Wünsche derselben Parlamente die Gesetze die allerdings un­gerechten schlechten Gesetze die gegen Die Papisten zu Recht bestanden, nicht in Vollzug gebracht. Die protestantischen Noncoilsvrmisten, welche in der harten Lebensschule noch keine Toleranz gelernt, waren über Die parteiische Milde der Regierung gegen dieGötzen- diener" entrüstet und schreiben nicht ohne Grund die­ses Verfahren, das bei einem Könige, wte Karl 1., und bei einem Prälaten, wie Land, unmöglich in der Humanität und Gewissensfreiheit begründet sein konnte, schlechten Motiven zu. Der blutdürstige Armiuiauis- mus des Erzbischofs, seine kindische Cermonienlieb- Haberei, seine abergläubische Ehrfurcht vor Allären, Chorhemden und gemalten Fensterscheiben, wie sein bigottes Eifern für das Institut und die Privilegien deS Episkopats und seine bekannten Ansichten in Be­treff des Cölibats hatten den Abscheu der Masse der Bevölkerung erregt, Die ohnehin mit jedem Jahre feind­seliger gegen Rom wurde und sich mehr und mehr den Glaubensartikeln und Der Kirchenordnung Der