„Dreiheit unb ilcrii!“
â lOO. Wiesbaden. Dienstag, 29. April ß^AK
©ie 'trete Bettung" erscheint, mit Ausnahme des MontagS, täglich in einem Bogen. — Der AbonnementSpreis beträgt vicrteliährlich hier in Wiesbaden I ü 45 fr., auswärts . Post bezogen mit verhältnismäßigem Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Verbreitung der „Freien Zeitung" stets von wirksamem Lr. folgj Die JnserationSgcbühren betragen für die vierspaltige Petitzcilc 3 fr.
Das Zeitalter der Polonius.
X Knalleffekte sind die Liebhaberei aller schlechten Poeten und Politiker von jeher gewesen. Das einzige, untrügliche Kennzeichen, wodurch sich das Genie in der Kunst, wie im Staatswesen vom Parvenu unterscheidet, ist der klare Blick in die Verhältnisse und Menschen und das Erreichen der angestrebten Zwecke durch die einfachsten Mittel. Ein Komödiant reißt Coulissen, ein Künstler erreicht die größte Wirkung oft mit einein Blicke oder einer Fingerbewegung; und ein Staatsmann spricht nur zu rechter Zeit und am rechten Orte; denn wenig reden und desto mehr handlen, sich niemals überraschen lassen, doch zu überraschen, sobald es nöthig, das ist seine Art. Dazu aber gehört ein feines Gefühl für die Zeitströmungen, ein erleuchtetes Bewußtsein von der öffentlichen Meinung in ihren feindseligen, wie befreundeten Elementen, weil es nur so möglich ist, den Silberblick zu treffen, wo die bezweckte Maßregel grade den Eindruck macht, den sie machen soll, und nur diesen. '
Staatsmänner in dieser Bedeutung des Wortes waren Washington und Sir Robert Peel: sie wußten ganz genau, was sie wollten, und thaten nie mehr noch weniger, als grade erforderlich war, um den Verhältnissen zu genügen und die Volksstimme zu befriedigen. Ein staatsmännisches Genie muß Heb-und Schenk- Amme zugleich sein: es muß die ausgetragenen Staats- ideen in die Welt zu befördern und zu Staatsinstitutionen heranzuzichen verstehen. Solche Genies sind weder Thiers noch Guizot, trotz ihrer eminenten historischen Gelehrsamkeit und ministeriellen Routine; denn sie haben immer nur eine Zeitlang Recht und zuletzt bet jeder Krisis Unrecht behalten. Solche -®MUuüriifr --finh. iwtb weniger Heinrich von Ga gern und Radowitz; denn jener verrechnete sich regelmäßig über das, was er konnte und mußte; und bei diesem fühlt alle Welt auf Schritten und Tritten, daß er ein Staatsmann nach englischem Begriffe sein möchte, ohne dazu das Zeug in sich zu haben. Radowitz laßt stets die Absicht merken und ve> stimmt daher unaufhörlich Freund und Feind, darin mit Thiers sowohl im Wirken als im Schicksale verwandt. ,
Als die Februarrevolution im Anzüge war und ein erfahrenes Auge aus hundert Anzeichen den nahen Sturm erspähen konnte, da befand sich Herr von 9t Lowitz zu Paris in einer geheimen Mission, von der wir jetzt so viel wißen, daß er besonders die Dicke des Eises über den Revolutionswogen messen sollte. Der kluge Späher kehrte im Februar nach Berlin zurück und prophezeihte der Julidynastie ein langes Leben; doch wenige Stunden darauf lief schon Louis Philippes
Bilder aus Newyork.
New-York, 20. März. (Weser-Ztg.) Die amerikanischen Zustände gewinnen für den Deutschen ein immer höheres Interesse, und man sollte daher keine Seite derselben unberührt und unbesprochen lassen. Da ich nun so oft Gelegenheit habe, die Lichtseite derselben in meinen Berichten hervortrctcn zu lass n, so mag auch von Zeit zu Zeit den Schattenseiten daS Recht der Besprechung werden, wenn die letztere — der Natur von Cvrrcspondenzberichten entspeckend — j deSmal auch nur eine fragmentarische und partielle sein kann. Für diesmal will ich daher nur Einiges Hervoihebe», welches einen Schlagschatten auf die sozialen Verhältniß' in unfern großen Städten wirft, und die Veranlassung dazu gibt mir die großartige Ausräumung vieler fashionablen Spielhöllen , welche der Polizeimarschall Tucken, vor einigen lagen in dem puritanisch-frommen Boston vorgenommen hat. Der Marschall ließ eine Menge dieser Häuser zugleich eines Abends durch seine Polizümaunschaft umstellen, drang dann hinein und ertappte bei dieser Gelegenheit über 100 Spieler in flagranti. Die feinen Herren wurden alle mit Handschellen versehen und mußten in gesonnen in das Leverett - Street - Gefängniß marschiren, während die sämmtlichen Spiel-Utensilien, Pharotische, Rouletten, Würfel u. s. w. in die Office des Herrn Marschalls transportirt und für Schaulustige ausgestellt wurden. Die löbliche Polizei selbst wunderte sich sehr über ihren sonderbaren Fang, noch mehr aber das Publikum, als die Hi ». Gefangenen am anderen Tage zum Verhöre vor den Polizeirichter geführt wurden. Eine buntere Gesellschaft, desselben Verbrechens angeklagt und überwiesen, sah man
Flucht ein! Der Trugprophet fiel bei seinem königlichen Gönner in Ungnade, denn das Dementi, das die Ereignisse seinen Zusicherungen ertheilten, war etwas sehr stark. Seitdem hat sich Herr von Radowitz noch so oft verrechnet, daß häufig seine Beurtheiler da bösen Willen sahen, wo nur beschränkter Blick die Ursache war. Man verstehe mich nicht falsch: ich erkenne seine glänzenden Eigenschaften als Gelehrter und Diplomat an; doch es fehlt ihm eins: er ist nicht cinge- taucht in die Zeitfluthen; er steht nicht in, noch über den Ereignissen, sondern neben denselben und weiß deshalb trefflich über sie zu reflektiren und zu orakeln, doch nicht sie zu beherrschen und dem Augenblicke den Stempel seines Geistes aufzudrücken. Radowitz ist unerschöpflich an Plänen, doch es fehlt ihm die Schöpferkraft. Deshalb zerkrümelt ihm Alles unter den Händen, selbst das Beste.
So lange der „große Magier" im Kabincte des Königs von Preußen seine Orakel spendete, verhielt Herr von Manteuffel sich mehr passiv, ich möchte sagen, wie jemand, der bei Allem den Kopf schüttelt und zu verstehen gibt: „Das ist nichts und wird nichts als vui Geschrei und wenig Wolle 1" Doch als der moderne Cagliostro nun gestürzt war, was that sein Nachfolger? „Wie er sich geräuspert und gespuckt, das hatt' er ihm glücklich abgeguckt!" Das war aber auch Alles. Dieselbe Raw- losigkeit, nur viel prosaischer; dieselben Fehler, nur ungleich unverzeihlicher; dieselbe Eitelkeit, nur ohne des Andern glänzende sonstige Talente; dieselbe Unfruchtbarkeit, mir hundertmal lächerlicher! Radowitz ist kein Faust, doch Manteuffel ihm gegenüber erinnert nur zu oft an Famulus Wagner oder, um mich eines andern Göthcfchcn Bild.s zu bedienen, an den Zauberlehrling. Die Spitze aller staatsmännischen Armseligkeit ss aber Manteuffels ewige GeKânsiherei ! W" oft hat er schon die komische Figur als Augur gespielt und immer wieder läßt er sich täuschen. Furchtlosigkeit ist ein Haupterforderniß eines Staatsmannes, Furcht die Angel, um welche sich die ganze Man- teuffelsche Politik dreht: Furcht vor Rußland, Furcht vor Oesterreich, Furcht vor den „Rothen", Furcht vorder neuen Revolution, der er, statt ihr vorzubengen, in die Hände arbeitet, wie keiner mehr. „Wann platzt die Bombe?" Das ist seine Frage beim Aufstehen und Schlafengehen. Da sie immer noch nicht platzen wollte, so meldet die „Köln. Ztg." heute: „Die Landräthe sollen eine neue Minissrial-Justruktiou erhalten haben, durch welche sie zu einer ganz besonderen Ueberwachung aller regierungsfeindlichen Tendenzen angewiesen werden, „weil es auper Zweifel läge, daß die Mitglieder der Umsturzpartei einen Plan vorbereiteten, um die europäischen Staaten aufs Rene in Revolution zu stürzen; im Juli dieses Jahres werde die Bombe auf dem Heerde dieser gräßlichen Bestre
wol)l selten beieinander, und von manchem Haupte enthob der Heiligenschein, ter es bis dahin umwoben hatte. Angesehene KaufleuNt, reiche Mäkler, Agenten für Bibel- und Trakiatgesellfchaften, eifrige Kirchgänger, Männer in Aemtern und Würden bildeten mit leichtfertigen Dandys. Schauspielern und Abenteuern aller Art die merkwürdige, von dem zahlreich versammelten Publikum mit großer Neugierde, mit Lachen und Hohn angestaunte Gruppe. Viele suchten falsche Namen anzugeben, allein ihre wohlbekannten Gesichter straften sie Lügen; andere hielten sich ihr Schnupftuch vor's Gesicht, als wenn sie an heftigen Zahnschmerzen litten; Alle aber waren gewiß herzlich froh, als sie nach Zahlung der nicht sehr bedeutenden Geldbuße aus den Händen der Polizei entlaßen wurden, um vielleicht zu Hause in die — Arme der ängstlich harrenden Ehehälfte zu fallen, denen sie sich am Abend vorher unter dem Vorwande entrissen hatten, ein Stündchen mit dem Nachbarn zu verplaudern. In den Hallen des Polizeigerichts zu Boston sollen aber lange nicht so viel Zeichen von Scham und Reue wnhrgenommen worden sein, als von dieser äußerst respektablen Gesellschaft an den Tag gelegt wurde, und auch der Polizei selbst soll mancher Fang unerwartet und nicht sehr angenehm gewesen sein. Zum Ueberfluß erschienen auch noch die angegebenen Namen der Spieler (gleichviel, ob wahre oder falsche) in fast allen Zeitungen der Union. Polizeimarschall Tuckey aber wurde verdientermaßen für seine Energie jehr gelobt. Der geehrte Leser mag sich nun den schwarzen Hintergrund zu dieser ergötzlichen Geschichte, welche einen tiefen Blick in das äußerlich so heilige und innerlich jo faule Treiben it:i= Jeter fashionablen Gesellschaft thun läßt, selbst aüsmalen.
bungen, in Frankreich, platzen." Also es liegt außer Zweifel!! An diesem zuversichtlichen Tone kennen wir unsere Pappenheimer!
Ein Staatsmann steht vor einer so furchtbaren Katastrophe, wie das preußische Ministerium sie verkündigt und also glaubt — und was thut er? — Alles was diese Katastrophe beschleunigen, verschlimmern kann! Fürwahr, die Nachwelt wird es nicht glauben wollen, daß 1851 noch einmal dieielbe Geschichte spielte, welche England im 17. Jahrhundert in den Bürgerkrieg trieb. Laud sind Strafford — Manteuffel und Schwarzenberg — wir gestehen, daß uns vor dem Vergleiche schaudert und daß wir doch, so oft wir in MacaulavS historischen Schriften blättern, unwillkuhrlich daran gemahnt werden.
Freiligrath hat im Jahre 1845 gesungen. „Deutschland ist Hamlet!" Daß unsere S aitSmanuer in der Rolle des Pokon ins sich mehr unV mehr verfangen, ist wenigstens nicht mehr abzuleugnen.
D e u t f eh l a n d
Mainz, 26. April. (Mzr. - Volksztg.) Es gibt hier Leuce, die glauben, daß dem Hirtenbriefe des Herrn Bischof Kettler das Piacehiin regium fehle, welches die Regierung den Hirtenbriefen zu ertheilen hat. Ob sich die Sache so verhalt, wissen wir nicht. Daß aber diese Frage eine höchst wichtige Frage ist, wird Jedermann einleuchte», dem das Nichterscheinen der Regiern ngskommissärc während der Kammervci- handlungen noch im Gedächtniß ist. Das „Mainzer Journal" mit seinen untrüglichen Quellen durfte hier am nächsten Aufschluß zu geben im Staude sein!?
Gießen, 25. April. (Hess. Zuschi) Es bestätigt sich, daß Prof. W ppermann wegen des Briefes an den Steuelerheber Mändl zu 3 Monaten Correktions- Haus veru-theilt worden ist. — Wir halten es für Pflicht, eines Ge.ühteS zu erwähnen, das sich nun schon seit 3 Wochen mit großer Hartnäckigkeit im Weichbilde dieser Stadt erhalten und durch vre neuliche Anwesenheit des P.inzenCarl und des Finanzministers v. Schenck neue Nahrung erhalten hat. Es heißt nämlich hier allgemein, der Kurfürst, oder vielmehr Haßenpflug, von Geldverleg nheiter gepeinigt, wolle die mißliebige Universität Marburg an Hessen-Darmstadt — verkaufe u. Daß ein Projekt der Vereinigung der Universitäten Marburg und Gießen schon seit lange besteht, ist bekannt, und daß dieser Plan neuerdings wieder aufgegriffen worden , wäre möglich. Daß sich Hassenpsiug in großen Geldverlegenheiten befindet, beweisen auch die außerordentlichen Holzfällungen, die er vornehmen läßt.
Wenn er aber glaubt, daß blos die Puritanerstadt (Boston) ein Sodom und Gomorrha wäre, so ist er im Irrthum. Dasselbe Treibe i wiederholt sich in allen unseren größeren Städten; überall wird ungestraft und beinahe öffentlich den Gesetzen in dieser, wie in so mancher anderen Beziehung Hohn gesprochen, nirgends aber toller und schlimmer, als — hier in Newyork! Neulich hat man zwar einen armen Teufel wegen verbotenen Glücksspiels verhaftet, welcher auf der Straße die Knaben um einen Cent nach der Scheibe schießen ließ; allein die achthundert Spiel Häuser, welche in den fashionabelften Theilen unserer guten Stadt liegen und von den hervorragendsten Mitgliedern unserer sogenannten „gebildeten" Gesell chast besucht wer den, welche ihr Wesen beinahe öffentlich tieiben, — diese hat man bisher unangetastet gelassen. Gewiß hat die Polizei ihre wohlerwogenen Grüner bei diesem Gewährenlassen einer offenbaren Gesetzesverböhnung; sicherlich wallen sehr zarte Rücksichten dabei ob, denn bei uns steht die Sache ganz anders, als in dem m hr isolirten Boston. Hier ist die Aufgabe für die Polizei weit schwieriger und delikater; denn auch in diesem Industriezweige, wie in so vielen andern, weiß Newyork seinen Charakter als Metropolis geltend zu machen. Philadelphia, Hartford und Providence, Baltimore, Washington und A'bany, sogar Boston selbst (von den düs minörtnn gentuim zu geschweige») sind ihr tributbar und liefern ihr Kontingent zu den brillanten Spiel-- Sckreen. Tag und Nacht, o^ne Unterbrechung, klingt hier das Geld und wandert von einer Hand in die andere; zur Zeit der Co- greßsißungen gehen die Geschäfte ein wenig flauer; allein sobald dieselben geschlossen sind, strömen Politiker aller Farben, Senats-