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„âeiheit nnb Ucc^t!“
9M» Wiesbaden DienStag. 22. April 1881
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Zur Eiseubahnfrage.
□ Montabaur. In öffentlichen Blättern, wie in Groß- und KleiN'Städten, wurde die Frage über die Anlage einer Eisenbahn durch's Nassauische sehr lebhaft besprochen; alle Classen der Gesellschaft betheiligten sich in dieser Weise; Pläne wurden bereits vorgelegt; der richtige Takt der Industriellen des Landes liebte die öffentliche Meinung nach dem Gewinne materieller Mittel znr Beförderung der Arbeitskraft und ihres Einkommens Die Ansicht sprach sich dagegen aus: die Bevölkerung im Nassauischen sey mehr producirend, darum, durch erleichterte Transportmittel die Concurrenz zu fürchten und die Landwirthe nebst den Kleinkrämern führten einen energischen Streit. — Zeit und Umstande, nicht die Producenten haben für ihr vermeintliches Interesse den Platz behauptet. Von unserer Eisenbahn, ob über Coblenz oder den Westerwald, ist kaum eine Rede mehr. — Wir wollen nun einige Gedanken an das Verlöschende knüpfen — nicht, als entstünde dadurch die Möglichkeit den Streit von Neuem zu erheben; die Zeit wird das Bedürfniß und eine Nothwendigkeit gebären, daß auf diese frühern Pläne zurückgcgriffeu wird, obgleich sie nur ein Sonderinteresse zu begünstigen scheinen. Aus jden Eisenbahnzügen vielmehr muß im Allgemeinen ein cosmopolitischer Vortheil gewonnen werden können, dahin ist die Richtung zu nehmen und wollen wir diese Ansicht mittelst Zusammenstellung mehrerer Thatsachen, als richtig begründen.
Die Industrie in Deutschland bedarf einer sorgfältigen Pflege, denn ohne ibr Arbeitseinkommen sind die Producenten gelähmt. Dieser Satz bedarf für seine Geltung keiner weitern Ausführung! Aber die Ausbeute der Industrie wie des Ackerbaues bedürfen eines größern Marktes um ihren Zweck nicht zu verfehlen: denn die Masse von Gegenständen, welche die Industrie zur Befriedigung, selbst menschlicher Launen schafft, findet, bei immermehr steigender Fabrikation überallhin häufige Concurrenten und das schönst gefüllte, durch Gas beleuchtete Waarenlager, ist zuletzt nichts Anderes, als ein Fruchtmarkt, wo der Weizen in geringem Preise steht — daher für Alle Auswege nothwendig sind.
Wie kann aber unser Absatz Producenten und Fabrikanten ermuntern, wenn über der nahen Grenze schon Concurrenten jeder Art den Markt besetzen? Darum müssen wohl entferntere Absatzplätze aufgesucht und Mittel, um sie besuchen zu können, geschaffen werden. Das Eisenbahnnetz über deutschem Boden allein, drückte nur auf Viele der Unsrigen; selbst unsere Krämermärkte würden zuletzt mit Artikeln bis zur Mäusefalle herab überfüllt — welche der Slowake fertigt.
Es ist gar nicht lange her, als die Flußschifffahrt ihre lOOjährig angelegten Capitale durch Dampfschiffahrt gedrückt'sah.' Wenige Deceunien — und letztere
Englische Charakteristiken.
Nach M a c a u l a y'S Essay s.
John Hampden.
(Fortsetzung)
$< Gegen Ende des Jahres 1636 kam dieser wichtige Prozeß in der Schatzkammer vor den Richtern Englands zur Verhandlung. Hauptsachwalter gegen das Ausschreiben der Krone war der berühmte Olivier St John, ein Mann von melancholischer Gemüthsart und zurückhaltendem Wesen, der dazumal in Westminster-Hall noch wenig bekannt war, doch dessen eminentes Talent von Hampdens Scharfblick sogleich erkannt worden war. Der General fiskal und der General- prokurator traten für die Krone auf. Die Beweisführung der Vertheidigung nahm mehre Tage in Anspruch; die Schatzkammer gebrauchte gleichfalls beträchtliche Zeit zur Berathung. Die Stimmen der Bank warm getheilt; denn so klar sprach das Gesetz für Hampden, daß, obwohl die Stellen der Richter einzig und allein vom bon plaisir des Königs abhingen, die Majorität gegen ihn doch mir die allerkleinste war. Vier von zwölf Richtern entschiede» unbedingt gegen das Recht der Krone, ein fünfter schlug einen Mittelweg ein, woraus die übrigen sieben sich mühsam zu G mstrn der Krone vereinigten. Der einzige Erfolg dieser Entscheidung sur den König war, daß der Un
sieht einen ungeahndeten Concurrenten in den Eisenbahnen.
England, dieses Land der Arbeit, sendet allerdings darum mit größerer Leichtigkeit, viele seiner Fabrikate nach dem Conlinente — in jedem Dörfchen spinnt, näht und strickt die Bäuerin mit englischein Handwerk- zeuge — aber die meisten seiner Fabrikate werden zu wenigen cultivirten Völkern geführt — zu Völkern, welche unsern Fabrikanten nicht zugänglich sind. In der Aeußerung Englands, die inzwischen verloren gegangene deutsche Flotte, auf dem Meere wie Piratenschiffe zu behandeln — dieser dumpfe Schrei zeigt die verwundbare Stelle — auf dem Wege, wo England mit rohen Völkern ganz ehrlichen Handel treibt, dahin dürfen Deutsche nicht zum Markte ziehen.
Wahrend wir aber gesehen haben, wie Flußschifffahrt durch Dampfschifffahrt und beide durch die Eisenbahnen unterlagen, ist es für den Coutinent das einzige Mittel, die Macht der englische» Flotte zu para- lysiren, durch Schienenwege. Freilich würden Shrap- nells der englischen Diplomatie den genialen Kopf treffen, welcher die Mittel erfaßte, um eine Eisenbahn aus dem Innern von Deutschland am linken Donau- ufer hinab, anzulegeii, darüber weiter fort asiatischen Völkern unsern industriellen Austrag zuzuführen — Völkern, deren Regicrungsformen noch weniger als die unsrigen geeignet sind die Industrie zu beleben. Diese Völker blieben noch Jahrhunderte zurück um dann Concurrenten nach eignem Bedürfniß zu seyn — und hier ist für uns der Markt zu suchen und fest zu begründen.
Die Ausführung einer solchen Continental-Eisenbahn, wäre allerdings ein Riesenwerk und für eine Pygmäenraee kaum möglich — allein, es war eine Zeit, da warf König Georg von der englischen Küste aus über den Canal Napoleon eine große Runkelrübe an den Kopf, mit dem Ausrufe: da, mach dir Zucker daraus! und alle Welt lachte über jene Carri- catur. Aber jetzt sind durch des einen Mannes Genialität und sein Beginne» nebst geweckter Beharrlichkeit die Schwierigkeiten durch die fortgeschrittene Wissenschaft dermaaßen beseitigt, daß tm Jahr 1849 im Nord-Departement, 152 Fabriken 21 930,000 Kilogr. Runkelrüben-Zucker verfertigten. Also der Geist Napoleons arbeitete fort und die Wirkung der Industrie auf den Ackerbau ist in ihren Folgen unermeßlich; es werden sich noch andere Zweige diesem Beginnen nach- bilden lassen; dahin aber verdorrte ein wichtiger Zweig der englischen Colonial-Oeconomie und ergrünte und als Lorbere!
9 hm — wir möchten den angemucheten (Schimpf unserer Flotte gerächt sehen; wir möchten das Bestreben der deutschen Industriellen, dahin gereift sehen: daß das Wesen ihrer Köpfe All, den Ausdruck des Geistes jenes großen Mannes erreichte — daß deutsche Ausdauer, von Nation zu Nation Eisenbahnköpfe (anstatt Brückenköpfe aufführte, m t Muth gegen brausche Angebühr ver
wille des Volkes nur desto heftiger und tiefer wurde. „Das Urtheil", äußert Clarendon, „zeugte mehr zu Gunsten des verurtheilten Edelmannes, denn zu dem des Dienstes des Königs." Der Mut), den Hampden in dieser Sache gezeigt, „hob seinen Ruf auf die höchste Höhe überall im ganzen Königreiche", wie derselbe zeitgenössische Historiker bemerkt. Sogar die Höflinge und Kronjuristen sprachen mit Achtung und Scheu von ihm. „Sein Verfahren während dieser Agitation", schreibt Clarendon, „war so ruhig und gemäßigt, daß diejenigen, welche ihn au merksam beobachteten , . um gegen seine Person irgend einen Anhalspunkt zu finden, wie sie ihn minder entschlossen in der Sache machen möchten, nicht umhin konnten, ihm ein gerechtes Zeugniß zu geben." — Aber während seine Haltung den Lord Falkland mit der tiefsten Achtung erfüllte und die Angriffe des Generâlprokurators Hebert lahmten, versetzte sie den tödlichen Haß Lord Straffords desto mehr in Feuer und Flammen. In seinen Briefen an Laud tobt er über die Milde, mit der gegen HaMpkem verfahren worden. „Meiner Treu', ruft er, „um solche Männer recht zu bchand- len, sollten ihre RechtSwitze eingeblänet werden " Hub ein ander Mal sch eibt er: „Ich wünschte sehr, dnß Herr Hampden und Andere seines Gelichters für ihre Rcchtsbegriffe ausgepeitscht würden. Und wenn die Ruthe so verbraucht wäre, daß sie keine Schmerzen mehi machte, so könnte ich das nur bedauern!"
theidigte und erst deutsche Glaspe len, dann teutsche Biederkeit eingeführt würde, in Gegend n, deren Völker von Treu und Glauben nichts wissen.
Der Deutsche ist redlich und nährt sich in jedem Lande. Aus dieser noch frischen Träumerei erwacht für barbarische Völker bas deutsche Element — das einzig gute für einen Volkscharakter. Demnächst mit einer heute in Glasbach gegossenen Scheere verschneiden wir schon nach acht Tagen einen seidenen Strang in Persien, woran ein braver Mann gehangen werden sollte und bekominen zum Lohne einen Sivahl, dessen Gewebe und Farbespiel wir bewundern — der Austausch ist rasch, das Leben neu; der Markt ist groß, die Scheelsucht am Ende und Alles leicht zu gewinnen durch unsere Industriellen, welche jene Beharrlichkeit besitzen die zu Großthaten nothwendig ist.
Die Mârzluft von 1848 hat das Blut in unserem ^Slaalsbürgrr" stocken gemacht; klopft einmal das Herz mächtiger, so kommt es wieder in Cirkulation und Die Eisenbahnwünsche werden ssch erneuern — allein unverkennbar muß dem Neye, von dessen Grundlage in Deutsch- land bereits Vieles gesprochen wurde, auch eine Orffnuna in's Weite — besprochen werden, oder es verkauft eben ein Fabrikant an den andern, ein Produkt ziehe uw Vortheil , wenn ein Mißjahr den andern getroffen hat; daraus folgt aber kein Wohlstand und kein Zinn für das, i» dem Eisenbahnnetze ruhende, träum, nüd Capitale. Mit einem Auswege würde der Erwerb für das gebildete Deutschland so lange steigen, bis entfernt wohnende, fremde Völker, welche wir aufsuchen, mit uns, auf gleiche Stufe der Civilisation kommen, gleichen Ausdruck dafür in der Industrie finden. Und, wer wagte es zu widersprechen: daß auf diesem Strome nicht deutsche Brüder ein Vaterland suchen, mit welchem die Zurückgebliebenen in Verbindung stehen!? Die Auswanderer nach Amerika sind freundlos, rath- los , mittellos — sie verkümmern in Menge. Was so sehr herzt: deutsche Bruderhülfe, sie kann ihnen nicht gereicht werden, denn unsere eigenen Schisse — sie würden ja von Piraten geführt, würden von englischen Kreuzer-Schissen in Grund gebohrt! Alle freie Verbindung ist abgeschnitten — eine deutsche Flotte ist weniger möglich als eine Eisenbahn nach Asien, weil deutscher Muth sie von Station zu Station vertheidigen würde.
Wohl mag eS gegenwärtig an einem Jinpuls fehlen — aber, wäre derselbe darum weniger nothwendig!? Nehmen wir Cen Piraten hm wie die Franzosen die englische Rummel — und der Erfolg steht uns sicher!
D e u t s d> f ü » d.
-j- Aus dem Lorsbacher Thal. Was man in der Nähe hat, soll man nicht in der Ferne suchen", ist ein alter Satz und ebenso erprobt, als alter Rheinwein, der mit den Jahren an Kraft und
Hampdrn's Person war für diesmal indeß unantastbar. Durch die Klugheit und Vorsicht hatte er denen, die gar zu gern einen Vorwand gefunden hätten, um ihn zu Eliot in den Tower zu schicken, die Hände gebunden. Aber er wußte, daß das Auge eines Tyrannen auf ihn gerichtet war.
Im Jahre 1637 erreichte die Misregierung den Gipfelpunkt. Acht Jahre waren ohne Parlamenl vergangen. Die Entscheidung der Schatzkammer gegur Hampden hatte der Krone das Hab und Güt des eng- lischen Volkes zu willkürlicher Verfügilng überantwortet. Um dieselbe Zeit, wo jene Entscheidung erfolgte, wurden Prynne, Bastwick und Burton auf Urtheilsspruch der Steritkammer verstümmelt und zum Vermodern in Kerker geworfen, wo sie weder Sonne noch Mond beschien. Vermögen, Leib und Leben jedes Mannes, der dem Hofe irgendwie Opposition gemacht, war dem bon plaisir desselben schutzlos verfallen. Da beschloß auch Hamden, England zu verlassen. Jenseits des atlantischen Oceans halten einige verfolgte Puritaner in den Wildnissen von Connectikut eine Niederlassung gegründet, die ra ch zu einem blühenden Gemeinwesen gedieh und welche in unsern Tagen trotz der seitdem verflossenen zwei Jahrhunderte und des Wechsels in der Negierungsforin noch manche Spuren von dem Stempel trägt, den ihre ersten Gründer ihr aufdrückten. Lord Say und Lo:d 3 ooke waren die eigentlichen Urheber dieses Aus