„Freiheit ob Recht!"
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OS. Wiesbaden. Sonntags 20. April 1831.
Die „Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. — Der Abonnementspreis beträgt vierteljährlich hier in Wiesbaden 1 ff. 45 fr., auswärts durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. — Zuserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Verbreitung der »Freien Zeitung" stets von wirksamem Erfolge. — Die JuserationSgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile 3 kr.
ELn Zwiegespräch.
X „Am 28. Juli dieses Jahres wird Jn ganz Deutschland eine totale Sounenfinsterniß sichtbar. Schade, daß das. Osterfest nicht mit dieser interaffantm Himmelserscheinung zusammenfällt, eine totale Sonnenfinsterniß würde der Stimmung, welche jeden deutschen Patrioten am Auferstehungsfeste greller als jemals überkommt, am Passendsten sekunviren!"
So hörte ich von einem Manne klagen, den ich im Frühjahr 1848 als politischen Sanguiniker vom reinsten Wasser kennen lernte.
„„Also so finster erscheint den Herren Vereinbarern jetzt der Horizont? Damals lachten Sie über unsere Zweifel!""
„Mit Ihrer Schwarzseherei hat Ihre Partei auch nicht wenig zu dem Eintreffen Ihrer bösen Träume mitgewirkt. Hätte die Linke in der Paulskirche mehr Vertrauen bewiesen!"
„„Vertrauen? Worauf? Auf den guten Willen Derer, aus deren gezwungenem Lächeln jeder Menschenkenner schließen mußte, daß sie nur gute Miene machten zum bösen Spiele? Es ist gekommen, wie es vor- herzusehen war, denn die Verhältnisse sind stärker als die Menschen!!""
„Das sagen Sie? Die Reaktionäre sagen ja dasselbe zu ihrer Entschuldigung."
„„Ganz Recht! Oder glauben Sie wirklich, daß die Contrerevolution solche Erfolge gehabt haben würde, wenn die Revolutionschefs ihr nicht so treflich vorgearbeitet hatten? Ich verdenke es Schwarzenberg nicht, daß er die fabelhaften Fehler ausbentet, welche Heinrich von Gagern und die Rechte der Pantskirche gemacht haben, wenn sie nicht etwa von vorn herein Verräther an der Volkssache waren.""
„Halten Sie Heinrich von Gagern des Verraths fähig? Nein, er hat sich geirrt, und büßt ichwer dafür. Ich möchte lieber der Kinkel im Spandauer Znchthause als der Einsiedler in Monsheim sein."
„„Allerdings! Auch ich halte den „Edlen" für keinen Verräther. Dazu gehört Verstand und Konsequenz, die seine starke Seite nicht sind. Doch es giebt Fehler, die so strengen Tadel verdienen als wirkliche Verbrechen. Unter diese zähle ich es, wenn jemand sich an die Spitze einer Bewegung stellt, ohne die schwere Verantwortung zu bedenken, die er auf sich ladet, wenn er von der Idee, welche derselben zu Grunde liegt, abfällt. Die Märzbewegung war eine Illusion; doch
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Englische Charakteristiken.
Nach Macaulays Essays.
John Hampden.
(Fortsetzung. — Siehe No, 88 der „Fr. 3.")
A< John Hampden kehrte zu seinen ländlichen Bc- schäftignngen und häuslichen Freuden zurück. Während der 11 Jahre nach der Auflösung des Parlaments von 1628 wohnte er auf seinem Landsitze in einer der schönsten Gegenden der Grafschaft Buckingham. Seine Behausung, die seit der Zeit bedeutend vestsndert und jetzt leider ganz vernachlässigt und verfallen ist, war ein altes englisches Gebäude aus den Tagen der Plantagenets und Tudors. Es stand auf dem Scheitel eines Hügels, mit der Aussicht in ein enges Thal. Die großen Waldungen, welche es umgaben, waren von langen Zugängen durchschnitten. Einen derselben ließ der Großvater unseres Helden zum Besuche der Königin Elisabeth schlagen. Diese Lichtung, die noch in jetziger Zeit meilenweit sichtbar wird, hat den Namen: i the Oueen’s Gab behalten. In diesem freundlichen - Asyle verlebte Hampden eine Reihe von Jahren mit ! rastloser Toätigkeit, allen Obliegenheiten eines Guts- besitzers und einer Magistratsperson genügend und mit Büchern und Jagdlust die Musestunden würzend. Uthxigens erkaltete in dieser stillen Zurückgezogenheit keineswegs seine wärmste Theilnahme am Schicksale seiner verfolgten Freunde. Besonders mit Sir John Eliot, der im Tower in Haft saß, führte er einen lebhaften Briefwechsel. Lord Nugent hat mehrere dieser Reliquien veröffentlicht, welche herrliche Belege zu der Schilderung sind, die Clarendon von Hampdens Charakter gibt. Ein Theil des Briefwechsels bezieht sich auf Sir John Eliots zwei Söhne, die wilde und uu- stäte Bursche waren und ihrem Vater, der in seiner Haft sie nicht scharf genug im Auge behalten konnte, viel Sorge machten. Zuletzt entschloß er sich, den einen
ein politisch gereister Mann mußte sie entweder als eine solche bezeichnen oder, wenn er sich auf sie einließ, sie zur Wirklichkeit zu gestalten wissen: er mußte aus dreißig Erneuten eine Revolution machen. Nur so war es möglich, die Idee der deutschen Einheit zu verwirklichen und auf dem so gewonnen Felde die Saat der Freiheit auszuftreuen.""
„Das ist viel verlangt".
„„Nicht mehr, als das Allernöthigste für eine solche Situation.""
„Aber war denn das möglich?"
„„War es nicht möglich, so haben die Männer vom Vo Parlament schwerer gefrevelt, als die der badischen Aufstände vom ersten bis zum letzten. Und das ist es eben, was ich behaupte. Die Marzbewegung kam entweder zu früh, wenn sie eine Revolution bedeuten sollte, wofür die meisten Politiker sie nahmen; oder zu spät, wenn sie blos „Errungenschaften" bringen sollte. Im Jahre 1840 würde dies möglich gewesen sein; acht Jahre nachher war das Volk zu gereift dazu.""
„Aber ist es denn jetzt schon reif genug, um die „Errungenschaften" nur zu behaupten?"
„„Es ist wenigstens so reif, um eiuzusehcu, daß es durch die Verblendung der vormärzlichen Staatsmänner und durch die Fehler der uachmärzlicheu Vertrauensschwinc- ler dahin gekommen ist, daß entweder Alles gewonnen oder Alles verloren werden muß. Die Uebergaugö- stufe vom Polizeistaate zur Selbstregierung ist eben durch die Fehler der Revolutions- wie Conteerevolu- tionschefs in Zeit von neun Monaten verbraucht worden; beide haben so gewirthschaftet, daß in Tagen ein Kapital verschleudert ward, was eben so viel Jahre hätte vorhalten können.""
„Aber hat denn das Volk gar keine Schuld daran?"
„„Allerdings; doch nicht die, welche man ihm gewöhnlich aufzubürden beliebt. Das Volk war im Frühling 1848 zu sanguinisch , wie es im Lenz 1851 zu melancholisch ist. Damals, wo Dummheiten auf Dummheiten folgten, wäre es an der Zeit gewesen, zu weinen; doch jetzt?! Halten Sie diesen Gang der Restauration für haltbar? Doch warum fragen; nein, Sie find Demokrat geworden durch die Absolutisten und alle ehrlichen Männer Ihrer ehemaligen Partei desgleichen.""
„Bleibt uns die Walli?"
„„Auch den Absolutisten blieb keine Wahl! Die Zeit der Parteipolitik bat ansgehört, die Politik der Prinzipien hat begonnen. Wer nicht mit uns, der ist
nach Frankreich, den andern zur Campagne in die Niederlande zu schicken. Hampdens Briefe zeigen, daß er, der so streng gegen sich selber, keineswegs rigonstssch gegen Andere war, sondern daß sein Puritanismus sich vortrefflich mit den Gefühlen und Rücksichten des Mannes von Stand und Bildung vertrug. Clarendon sagt daher mit Recht von ihm: „Er besaß die seltene Leutseligkeit und Ruhe und die scheinbare Einfalt und Unterwürfigkeit des Urtheils, als ob er gar keine eigene Meinung mitgebracht hätte, sondern allein den Wunsch, sich aufzuklären und zu belehren. Aber er hatte eine so feine Art zu fragen und wußte unter leisen Zweifeln seine Einwürfe so vortrefflich anzudringen, daß er seine eigene Ansicht denen einflößte, von denen er nur zu lernen und anznneymen schien."
Sir John Eliot schrieb während seiner Gefangenschaft eine Abhandlung über das Staatswesen, die er seinem Freunde mittheilte. Hampdens Kritik ist für ihn sehr charakteristisch. Die Einwürfe, die er macht, sind so delikat gestellt, daß der empfindlichste Autor sie nicht übel deuten könnte. Wir ersehen daraus zugleich, daß er bei Andern vorzüglich auf Klarheit und Faßlichkeit dringt, die zu den schönsten Vorzügen seiner eigenen Reden gehörten. Doch er schrieb nicht blos wie ein Mann von gesundem Verstände, Takt und Geschmack, sondern zugleich als ein Mann von litera- ■ rischer Fertigkeit. Von Hampdens gelehrten Studien ist wenig bekannt; aber da es eine Zeit lang im Plane war, ihm das Amt eines Erziehers des Prinzen von Wales zu übertragen, so ist es außer Zweifel, daß seine wissenschaftlichen Kenntnisse bedeutend gewesen sein müssen. Davila soll einer seiner Lieblingsschriftsteller gewesen sein. Die Mäßigung in Davilas Grundsätzen wie dessen klarer, männlicher Styl können ihn einem so gebildeten L ser nicht allein empfohlen haben; doch es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Paraletle zwischen Frankreich und England, zwischen Hugenotieii und Puritanern Hampdens Geist fesselte und er in sich
wider lins! Es gibt in Deutschland, nur noch zwei politische Parteien, wie es nur noch zwei religiöse gibt. Autorität oder Selbstbestimmung, blinder Gehorsam oder unbedingte Unterwerfung unter die Regeln der gesunden Vernuuft, unter die Erfahrungen der Wissenschaften , unter die Gesetze des Denkens... Mittelalter oder Neuzeit! Ein Drittes gibt es seit der Zerreibung des politischen, wissenschaftlichen und religiösen Doktrinarismus nicht mehr.""
„Leider!"
„„Sagen wir lieber Gottlob! Denn dadurch si id die Verhältnisse ungleich einfacher geworden. Die rasche Lösung der Zeiträthsel ward nur so ermöglicht. Die Illusionen und Verwirrungen der Begriffe und G fühle hören auf. II» kann einen konsequenten Absolutlsten nicht lieben, aber anerkennen, weil ich seinen Standpunkt erkenne; bei den Revolutionschefs deS März 1848 war ich stets zwischen Mitleid und Ekel grtbcilr.""
„Aber diese Konsequenz kostet dem Volke ungeheure Opfer."
„„Haben Sie je gehört, daß die theuersten Güter der Menschheit durch Klenigkciten erkauft worden wären ? Damit das Cyrtstenshum die neue W ütordnung anbahne, mußte die ganze alte 'Weit in Trümmern gehen. Und welche Opfer wögen die wunderbaren Fortschritte auf, welche ein praktisches Erkennen der Zeitbedürfulssen und der wachsende Muth, dem erkannten Recht und der errungenen Wahrheit einen Tempel in seinem Herzen, feinem Hause und seinem Kreise zu gründen, werth sind! Die Entwicklung der Nation ist aus dem Treibhausleben heraus. I gehoben und in die rauhe Luft der unerbittlichen Gesetze der Welteutwicklung gesetzt worden: wir leben wieder Geschichte, bald werden wir auch wieder Geschichte machen; oder vielmehr wir sind schon daran. Nicht, daß ich auf bei baldigen Ausbruch einer Re- volution rechnete — nein, die Revolution, in welcher I jeder Geist seit drei Jahren sich befindet, gilt mir ' mehr und berechtigt mich zu größeren Hoffnungen, als ein momentaner Sieg des Volkes, wenn es noch unter der Bedeutung desselben stände. Denn nur die i Erfolge-, die mau ganz begreift, kann man voUstän- j big benutzen. So war es 1848 noch nicht und darum blieb i so Vieles — Illusion. Der Ernst der rauhen Zeit hat Wunder gethan, und darum, weil ich dies Wachsen und Gedeihen der Gemüther ringsum sehe, weil ich mich mehr und mehr von der Tiefe der jetzigen Entwicklung überzeuge, darum blicke ich heute freudig hinaus in die reiche, Lustige Frühlingswelt. Diese grünen Ostern sind mir
selbst Beruf zu einer ähnlichen hohen Rolle fühlte, wi- die Coligui's war.
Sein gemüthliches Stillleben im hälisiitche» Kreise wurde im Sommer 1634 durch den Tod seines geliebten Weibes, das ihm 9 Kinder geboren hatte, zerstört. Die treffliche Frau liegt in der Pfarrkirche von Hampden unweit des Edelhauses, wo die zärtliche und kräftige Sprache ihrer Grabschrift noch bis auf diesen Tag von ihres Mannes schwerem Herzeleid über ihren Tod unb von dem Troste, den er im festen Glanben an die Unsterblichkeit fand, Zeugniß ablegt. Zu der. selben Zeit wurde auch sein politischer Horizont trü 'er und trüber. Seines Freundes Eliot Gesundheit war durch die ungerechte Kerkerhaft, die nun schon fünf Jahre währte, vollständig untergraben worden. Obwohl Freizeit ihm Leben wir, verschmähte der tapfere Dulder es dennoch hartnäckig, durch Anerkennung der Autorität, die ihn widerrechtlich c.ngekerkert hatte, die Freiheit zu gelangen. Auf energische Vorstellungen d er Aerzte wurde seine Haft minder streng, als es bereits zu spät war. Sir John Eliot siechte hin und starb für die gute Sache, für die sein Freund Hampden einen glänzenderen Tod erleiden sollte.
Alle Zusagen des Königs wurden ohne Scham und Scheu gebrochen, die heiligsten Rechte des Volkes mit ' Füßen getreten. D e Bitte um Recht, der Karl in der Geldklemme für große Summen seine feierliche Bk- stätignng ertheilt, ward als gar nicht vorhanden betrachtet. Aus königlicher Machtvollkommenheit wurden Steuern erhoben, Patente zu Monopolen verliehen und die alten Misbräuche der Feudalzeiten wieder hervorgeholt und als Rechtstitel zu Erpressungen benutzt, von denen das Volk seit vielen Jährest nichts gewußt v hatte. Die Puritaner wurden mit einer Grausamkeit verfolgt, die der spänifchen Inquisition wü dig wär: sie wurden theils aus dem Lande gejagt, theils ein- gekerkert und von Henkershand gestäupt, ihnen die Ohren gekürzt, die Nasenlöcher anfgeschlitzt und