M 88.
Wiesbaden Dien st« q, 8. April
1851.
Die „Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme dcâ Montags, täglich in einem Sogen. — Der Abonnementspreis beträgt vierteljährlich hier in Wiesbaden 1 ff. 45 fr., auüwärj durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen uud find bei der großen Verbreitung der „Freien Zeitung" stets von wirksamem Sri folge — Die Jnscrationögebührcn betragen für die vierspaltige Pctitzrile 3 kr.
Wie gewonnen, so zerronnen!
X Die reaktionäre Presse, voran das holdselige „Drcsd. Jonni.", das halbamtliche Blatt der sächsischen Regierung, gibt sich die größte Mühe, den außerordentlich unbequem gewordenen „ hannöverischen " Sonnen- korrespondenten der „Dtschen. Allg. Ztg." als unzuverlässig zu verdächtigen; doch wird, dies Manöver gerade so viel helfen, wie das Verbot der „Dresdener Con- fercnzen" oder der Kriminalprozeß, womit der Verleger derselben, Buchhändler Veit, Abgeordneter der ersten Kammer in Berlin, jetzt gar pfiffig bedroht wird. Da Veit dem Polneipräsioium nämlich den Verfasser namhaft zu machen verweigert, w ist ihm bedeutet worden, daß jener unbekannte Verfasser mirj durch den Weg des Diebstahls tu oca Besitz der ui der Schrift verkommenden Documente gelangt sein könne, und daß, wenn Dr. Veit jede Beteiligung von sich iiniühvcqeu wolle, er den Verfasser auzugeben habe. Herr Veit antwortete nochmals, daß die betreffende t£r= Mittelung Sache der Untersuchung sei. Es ward dem« selben im weitern Verlaufe angedeutet, daß es sich cven- tualiter Mi die Entziehung der Gewerbeeonzession handele. Eine Abschrift des Protokolls wurde verweigert. Soll gegen Veit eingeschritten werden, so hat die erste Kammer, deren Mitglied er ist, zunächst über die Zulässigkeit der Untersuchung zu entscheiden und wir haben das Schauspiel interessanter Verhandlungen zu erwarten. Schwarzenberg hat den Dresdener Herren eine derbe Strafpredigt über ' Diese Veröffentlichung ertheilt nuD der Schritt dadurch ein bedeutendes Gewicht gegeben. Ueber- Haupt merkt man den Diplomaten den gelben Aerger über das Zerrinnen ihrer Utopien sehr deutlich an, tun neuer Beweis, daß die Diplomatie die alte nicht meor ist. Die Revolution hat Ailes zerfressen, sogar die Schweigsamkeit der Diplomaten. Die Herren sind geschwätzig wie die Spatzen — es ist ein Jammer!
Odèr ist es nicht schauderhaft, daß noch vor Schwarzenbergs Antwort bereits das ganze deutsche Publikum von seiner Verlegenheit unterrichtet ist und die Schritte kennt, die der hingehende Herr von Manteuffel zur Beschickung des Frankfurter „Klubs" vorbereitete? Ist es nicht unerhört, daß sogar dieser gottvergessene Pseudo-Hannoveraner der „D. Allg. Ztg." kecklich den prinzipiellen Abschluß der deutschen Frage bereits am 2. April meldet, während man doch die Sache noch lange hängen lassen wollte? Und wie schreibt dieser Störenfried so zuversichtlich; hört nur: „Die Dresdener Konferenzen sind gescheitert; gescheitert, indem man etwas hervorbringen wollte. Man hat sich in Berlin besonnen und mit der Revolution „wirklich" und vollständig gebrochen, d h. nicht nur mit dem Liberalismus, sondern auch mit allen Neuerungsideen, die in Folge der Revolution verwirklicht werden sollten. Führte man doch schon bei der Etablirung der Union einen direkten
Krieg gegen dieselbe und trat gegen seine eigenen Vorschläge am entschiedensten auf. Und so hat man eö denn auch jetzt mit den Dresdener Conferenzen gemacht, und, nachdem man für diese freie Vereinbarungsidee als Gegensatz zum alten Bundestag die ganze bewaffnete Kriegsmacht Preußens aufgeboten, gerade wie man für die Unionsidee die ganze parlamentarische Frievensmacht aufbot, hat man unterm 27. März eine Note an sämmtliche Regierungen erlassen, worin die Aufforderung ergeht, so schnell als möglich einen Bundestagsbevollmächtigten zu ernennen, welcher sich in Frankfurt a. M. im Thurn und Taris'schen Palais in der Eschenheimergasse cinzufinden habe. Es wird in dieser Nöte entwickelt, daß die äußeren wie die inneren Zustände es nothwendig machten, so schnell als möglich ein Centralorgan für Deutschland herzu- stellen, ohne dadurch die Dresdener Conferenzen zu alteriren; diese sollten ihre Wirksamkeit unbehindert fortsetzen, um die dort hervorgehenden Entwürfe benutzen zu können. Somit sind wir denn glücklich beim alten Bundestage angelangt." — Aber der Eintritt Gesammtösterreichs? Davon wird Schwarzenberg sich doch schwerlich etwas abdingen lassen? Er fürchtet ja Palmerston nicht, den „Nachtreter" Frankreich, und dieser, wie ward es laut den Versicherungen der Wiener Blätter auf seine erste Note abgetrumpft! Freilich traf eine zweite und dritte Note ein, freilich ist Stanley immer noch nicht Minister, sondern Palmer- ston, der heillose Störenfried. Und so meldet denn der Hannöverische Corresp.der „D. Allg. Z." kühn: „Das ganze Project des Eintritts der österreichischen Gesammtmonarchie in den deutschen Bund ist gescheitert, total gescheitert an den entschiedenenen Erklärungen Englands und Frankreichs, und wir halten es nicht einmal ferner mehr der Muhe werth, über dieses Project noch etwas zu sagen, denn es war eine todtgeborene Idee. Schon jetzt freuen wir uns auf die Klagelieder, die in allen Tonarten von der österreichischen und sonst offiziellen Presse angestimmt' werden. Etwanige Dementis werden wir mit Stillschweigen übergehen und bemerken schon jetzt, daß unsere Nachricht als eine unzweifelhaft wahre zu betrachten ist. Alle etwanigen Versuche, die noch gemacht werden könnten, sind zum Schein und zur Deckung des Rückzugs. In Dresden wird noch zum Schein des Gerechten fortgearbeitet werden, um, wie es heißt, die dortigen Gesetze für die Reorganisation des Bundestages benutzen zu können „Die Revolutionen endigen da, wo sie angefangen, „sagte Herr Charles Maurice de Tallcyrand, und für dußmal hatte er Recht."
Nun, die Präludien und Dementis haben bereits begonnen; die „O.-P.-Ä.-Ztg." bemerkt hierzu nur, „daß in letzter Zeit ter hannöversche Correspondent der „Dtsch. Allg. Ztg." einigermaßen in den Geruch der i Unzuverlässigkeit gekommen ist." Aber die „O.P.A Z." i ist „im Geruch" der Zuverlässigkeit?! Doch immerhin i wir haben schon so lange gewartet, warum sollten wir
nicht diesmal abwarten, ob die „D. Allg. Z." Recht hat? Die Wahrscheinlichkeit ist wenigstens durchaus für den „Hannöverschen". Und ganz davon abgesehen, so viel liegt auf der Hand: so glänzend die diploma- tischen Herbftmanöver Schwarzenbergs waren, die Triumpfe erweisen sich mehr und mehr als Scheinsiege; oder ist es dem österreichischen Finanzminister trotz alledem und alledem gelungen, tas Haus Rothschild zu einer Anleihe zu bewegen? An Geld fehlt es nicht, aber an Kredit und ehe Oesterreich die Börsenbarone nicht zu einem Vertrauensvotum von so und so vielen hundert Millionen bewegt, sind alle seine Resultate keinen Kreuzer werth. Und während derselben Zeit geht die Mazzinische Anleihe glänzend voran, obgleich Standrecht und Haselstock Die Theilnehmer bedrohen , und Rothschild hat das sardinische Anlehen übernommen trotz der Anathema Roms und der drohenden k. k. Heeressäulen! Es ist bitter — selbst Rothschild macht Geschäfte mit der Revolution!
Deutschland.
* Wiesbaden, 7. April. Wer ist der.Verfasser derhBro- schüre: „Die Dresdener Conferenzen"? Die „Weser- Zeitnng" meint, Herr Liebe könne es nicht sein, da die Schrift in grammatischer Beziehung so manches zu wünschen übrig lasse. Die „Württembergische Ztg." vermuthet einen preußischen Verfasser: „Man hat", meint sie, „früher Hrn. Liebe, den Braunschweiger, für den Urheber der Schrift gehalten. Dieser Ansicht ist in preußischen Blättern entschieden entgegengetreten worden. Daß er die Brochüre nicht geschrieben habe, wird jeder glauben, welcher den Hrn. v. Radowitz sprechen gehört oder Schriftcu dieses Staatsmannes gelesen hat. Irren wir uns, so ist jedenfalls die Nachahmung so gelungen, daß derjenige, welchen wir im Auge haben, selbst dadurch getäuscht werden und darüber in Zweifel gerathen kann, ob er wirklich nicht der Verfasser sei." Römer, von dem diese Notiz herzurühren scheint, hat freilich Gelegenheit gehabt, Herrn v. Radowitz besonders genau zu studiren. Dic^ „Angsb. Allg. Ztg." äußert: „Ist cs nun wahr, daß sich ein diplomatischer Angestellter aus Den Kleinstaaten zur Milabfassung dieser Schrift und zur Publikation derselben hat gebrauchen lassen, so kann man sich der Ansicht nicht erwehren, daß Die Gesinnung aus der dieß hervorging, keine vereinzelte seyn möchte. Das in Frage stehende In- DiviDuiim ist eben von seinem Staat zu einer höhern Stelle befördert worden. Diese Leute helfen selber dazu mit und entwickeln einen gew ssen Enthufiasiiius bei allen Planen, welche dazu dienen, ihre Staaten zu bloßen Nullen zu machen, gänzlich in Preußen anfm» gehen und unter dem Pochen auf ihre Souveräne.ät selbst allen Schein der Selbstständigkeit zu verlieren. Hr. v. Radowitz ist der Verfasser gewiß nicht, sourcen viel wahrscheinlicher gehört derselbe jener Fraction an, deren Leiter Hr. v. A. ist, welche bekanntlich jetzt mit
Gold- und Silbcrgeschichten.
(Wes.-Ztg.)
3. Eine Historie v o in R ü b e z a h l bei S o m b r e r e t c.
Unter den neueren Touristen, welche von Europa aus fremde Erdthcile durchstreifen und in flüchtigen Skizzen ihre Reiseeindrücke mitthcilen, hat mir der Eng- lä wer Burton gefallen. Seine Adventures in Mexico and the Rocky Mountains, die 1848 bei Murray in London erschienen, sind der Betriebsamkeit unserer deutschen Uebersetzer entgangen, und doch hätten sic des lehrreichen Inhalts und der frischen Darstellung wegen eher eine Uebertragung verdient, als die englischen Dutzend- und Gouvernantenromane, welche in Massen auf den Leipziger Büchermarkt geworfen werden. Leider wird kein neues Werk von Norton mehr erscheinen. Ich fand in einer amerikanischen Zeitung die Nachricht, daß 1849 die Cholera ihn zu St. Louis hinweggerafft hätte. Die merican-ischen Räuber und die wilden Apasches hatten ihn verschont, und doch hatte er theils allein, theils nur von einem einzigen Diener begleitet, das große Merico von Veracruz bis Mazatlan, und von dort über den Bolson de Mapimi nach Chihnaema durchzogen, war dann nach Santa Fe und durch die Prairien nach Missouri geritten. Er ist kaum dreißig Jahre alt geworden.
Auf seiner Rückkehr von Mapimi über Guajoquilla und Santa Rosalia kehrte er in Los SaucRos ein, einem Indianerdorfe am Conchos, dessen Bewohner sich nur mit Bergbau beschäftigen. Unter ihnen befinden sich viele G ambucinos oder freie, unabhängige Bergleute, welche auf eigene Faust den Boden durchwühlen, um eine Silberader, oder wie sie sagen uua bonanza, nämlich gut Glück zu finden. Und ob sie auch Jahr nach Jahr vergeblich suchen, sie hoffen und hoffen immer wieder, und lassen sich zu keiner anderen stetigen Arbeit vermögen; hin und wieder h ben sie allerdings gut Glück, und dann verkaufen sie ihre Erze oder auch das reine Metall gegen geprägtes Geld, das oft nur halb so viel werth ist.
Rurion sprach in Los Saucillos in einem alten ziemlich verfallenen Hause vor, in dessen größtem Ziinmer er einen alten Indianer traf, der, im Urbrigen nackt, einen Lederschurz um die Hüften trug, und in einem Ofen Metall schmolz. In demselben Zimmer hatte' der Reisende seine Pferde und Maulthiere untergebracht, sich in einer Ecke einen Ruheplatz bereitet, und sah dem Treiben dxS Indianers zu, Der sich mit dem Gaste dann erst mehr zu schaffen machte, als dieser sich aiischickte seine Mahlzeit kliizunehmen. Bald hatte sich eine Unterredung angesponnen, der alte Indianer wurde gesprächig, und erzählte mit großer Lebhaftigkeit, wie er wohl hundertmal daran gewesen sei, ganz ungeheuer mächtige Bonanzas zu finden; denn er sei ein
' ganz kluger Bergmann und wisse auf den ersten Blick, ; wie viel eine Ader enthalte, und verstehe sich überhaupt I auf alles „was dazu gehöre", habe es doch Zeiten gegeben, wo er wohl zwei bis drei Piaster täglich herausgepocht habe. Aber nun sei das ganze Gebirge voll von bösen Geistern, die Dem Bergmann alles gute Metall vor ter Na,e Wegnahmen. Wisse er doch einen Berg, wo einst auf jeden Schlag eine Handvoll gediegenen Silbers lossprang; aber dort Hanse jetzt ein Teufel mit einem Herzen so hatt wie Granit, und wenn ein Gambucino seine Arbeit beginne, so verwandle er das Silber in Blei. Auch wollte er von weit abgelegenen Gebirgen wissen, in denen er als Knabe mit seinem Vater gearbeitet habe. Aber dorthin kamen ungläubige Indianer, schlugen viele Bergleute todt und jagten Die andern fort aus der tierra muy rica, y Ullena de plata, aus dem Lande das sehr reich und voll Silbers war. In seinen jungen Jahren hatte er auch in Sombrerete gearbeitet und in Der weltberühmten schwarzen Aker, Der Veta negra, manchen hübschen Piaster verdient. Aber plötzlich gab die schwarze Ader fein Silber mehr. Und das kam so, wie er in dein alten russigen Gemach dem Reisenden erzählte.
Ja, ja! dainals gab es noch Gold und Silber die Menge! Pero ya se acabö todo eso, d. h. nun ist aber daS langst Atles vorbei! Jetzt findet man kein Gold und kein Silber mehr; kaum einmal ein erbarm-