Einzelbild herunterladen
 

Freie Zeitung.

âerheit und Llecht!"

â 7^. Wiesbaden. Freitag, 28. März <851.

inar-am.^.»^ .ll .1 wie. liSLi^U^i^U-i^« .................. .. ............ruaf.....rr.jri«i'im«aii'li.i h».^ r irrn -^r n t , "ssi ^.Hiu-iiW^^

Einladung zum Abonnement.

Mit dem 1. April beginnt ein neues Abonnement auf dieFreie Zeitung". Tendenz und Haltung unserer Zeitung sind bekannt. Die stets zunehmende Erweiterung ihres Leserkreises ist ihr eine Anregung zu fortwährender Steigerung ihrer Kräfte. Wie bisher wird sie täg­lich in Leit- und Uebersichtsartikeln, in Berichten über die Ständesitzungen, Assisen und sonstigen in den freien Institutionen begründeten Ver­handlungen die politischen uud sozialen Angelegenheiten des Zn- und Auslandes erörtern. Daß sie darin von Mitarbeitern und Korrespondenten lebhaft unterstützt werde, ist Sorge getragen. Auch wird sie ein möglichst reichhaltiges und unterhaltendes Feuilleton bringen.

Bestellungen auf die mit Ausnahme des Sonntags täglich erscheinendeFreie Zeitung" wolle man baldigst machen, in Wiesbaden bei der Erpedition (H. W. Ritter'sche Buchhandlung), auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern. Der Abonnementspreis ist vierteljährig hier in Wies* baden 1 fl. 45 fr., durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. Zuserationsgebühren: die vierspaltige Petitzeile 3 fr.

Joinvèlles Kandidatur.

XKanu man auch Feigen lesen von den Disteln und Trauben von den Dornen ?"

Wie oft sind wir bei Beobachtung des Ganges der europäischen Coutrerevolution an diesen schlagen­den Ausspruch des größten Menschenkenners, den die Erde trug, erinnert worden! Es war so leicht, der noch von den Erdstößen der Februar- und Märztage erschreckten Bourgeoisie ein Genüge zu tun und sie für Jahrzehnte, wo nicht für Jahrhunderte ins monar­chische Interesse zu ziehen; es war so leicht, einer neuen Erplosion der Staatsmaschine durch Sicherheits­ventile vorzubeugen; es lag so nahe, sich die Lehre zu ziehen, wohin es führe, wenn eine Regierung die ersten geistigen Bedürfnisse der modernen Menschheit ver­kümmert oder ganz entzieht. Die wahnwitzige religiöse Verfolgung trieb die Niederlande zum Kampf auf Leben und Tod gegen das durch Uebermacht übermüthig ge­wordene Spanien; die systematische Wortbrüchigkeit und Hiuterlistigkcit der Stuarts rief die große Rebellion und dann die Whigrevolution hervor, welche mit dec definitiven Vertreibung ter bigotten, doch gottvergessenen Nachkommen der Maria Stuart endigte; Ministeryoch- muth und Machtwahn trieb die nordamerikauischen Kolonisten zum Unabhängigkeitskriege und zur Gründung der gewaltigen Union, die schon in der Wiege mit Herkulesfanst die Schlangen der Reaktion erdrückte; die schamlose Jesuiten- und Maitressen«, Hofschrauzen- uno Finanzcharlatans-Wirthschaft des vierzehnten und fünfzehnten Louis impfte dem franko filmen Volke die Revolution ein, und die Fürsten - Koalition^trieb die Bewegung zur Republik, obgleich noch alle Sitten und Anschauungen der Massen monarchisch waren; Napoleons egoistischer Abfall von den Volksnueres- fcii und Uebergang zur Eroberungspolitik deS ab olu- tistischen Richelieu und Ludwigs XIV, endete mit £er Erhebung der Nationen und mit dem Eril auf St. Helena; die Emigranten- und Jesuiteufrechhnt der Restauration war reif zum Sturze, als die Jnliordon- uanzen erschienen; die Faseleien des alten Lafayette, und der Vertrauensschwindel Lafittes machten den ver­schmitzten Herzog von Orleans zum Könige der Fran­zosen; doch kaum saß derFreund des Volke^" auf dem Throne, als er sich mit den geschworenen Feinden der Volksfreiheit in Konspirationen cinlicß, durch die Septembergesetze Karl X. überbot und so dummschlau operirte, daß jeder Schulknabe das Erbeben kommen

sah, nur nicht derweise" Louis Philippe und der gelehrte Herr von Radowitz.

Und wiederum steht die europäische Menschheit vor einer furchtbaren Katastrophe! Die Fürsten fürch­ten sie und lassen dennoch Alles geschehen,was sie beschleuni­gen, greifen zu Allem, was sie verschlimmern, und unterlassen Alles, was sie lindern kaun; und die Völ­ker starren entsetzt in die schwarzen Wetterwolken, die heranziehen, wohl wissend, daß siebleiben, daß ihnen dies Austoben der Elemente frischere Saaten, reinere Lüfte bringen werde, und dennoch schaudernd vor dem Entsetzlichen, das jede Katastrophe begleitet; und die Poeten und Redner und Schriftsteller erheben ihren Warnungsruf und das Volk höret sie und ruft mit ihnen: O habt Erbarmen mit euch selber, ihr Ver­blendeten; glaubt ihnen, folgt ihrem Zuruf; laßt euch warnen, retten; um der Menschlichkeit willen rufen wir laßt euch zurückreißen vom Abgrunde, der vor euren Füßen klafft!

Doch sie hören nur, um die Propheten zu steini­gen und die erbarmungsvollen Völker mit Kolben­stößen zum Schweigen zu bringen. Ist das nicht sinn­beraubend, herzbethörend?

Frankreich proklamirte die Republik, ohne repu­blikanisch zu sein; doch was ist erfolgt? Hat die Monarchie weise die überaus günstigen Chancen, die sie bald wieder hatte, benutzt? Die Roalisten des Ju- und Auslandes haben Alles, Alles, Alles gethan, um dein Volke den tiefsten Eckel gegen eine Staatsform einzuflößen, die solche niedere Leidenschaften, solche bonirte Köpfe bildet, die mehr und mehr zeigt, daß sie nicht mit den Völkern auf den Höhen dec Mensch­heit zu wandeln, sondern die Völker nur in den Sumpf der Korruption und dec Verthiertheit herabzuziehen versteht.

Es war eine Rückkehr zur Monarchie, als neun Millionen Stimmen denPrinz" Louis Bonaparte zum Präsidenten wählten; es war der letzte Versuch einer oft erschreckten, doch immer noch nicht gänzlich abgeschreckten Nation mit dem Königthum. Aber wie ist derselbe ausgefallen? Hatte die europaßche Contre- revolution ihr Handwerk verstanden, sie wurde den Na- poleoniden auf jede Weise unterstützt haben, um Wurzel zu fassen im Geiste und Gemüthe des Volkes: hat sie das gethan? Lonis Bonaparte ist zu leiten, doch was geschah? Er wurde systematisch verleitet, um ihn der Nation zu verleiden: war das klug im monarchi­schen Juteresse ? Doch die Contrerevolunon sorgte nicht

für den Quasilegitimen, sie spekulirte auf den legitimen Heinrich V. Aber hat dieser eine Zukunft? Lest die neuesten Blätter und schaut zurück auf die Geschichte Frankreichs: man muß sehr wenig Geschichte verstehen oder an Mirakel glauben, wenn man jetzt eine Restau­ration hofft, vie langer als 100 Tage dauern soll.

Aber was soll da tperden? Wird Louis Bona­parte wieder gewählt? Schwerlich; doch nicht ganz unmöglich, denn das Volk scheut sich jetzt vor jeder Krisis, die vielleicht noch keine radikale würde. Oder wird Eavaiguac Präsident? Kaum; denn auf ihm ruht eine Blutschuld, vie schwer zu sühnen ist. Oder wird Joinville den Wahlkampf wagen und als Sieger daraus hervorgehen? Joinville ist ein bis jetzt durchaus reiner, gesunder Charakter: er war populär, nicht weil, sondern obgleich er Prinz. Aber hat dw Nation nicht des Eckels am Prinzenwesen durch Lou - Bonaparte schon zu viel eingeschluckt? lind ist Join­ville Charakter und Genie genug, um die inneren Schwierigkeiten zu übe. winden und den äußern, fall# er ein Volks Präsident würde, zu trotzen? Möglich, vielleicht sogar wahrscheinlich; doch niemand ver­dient vor der Probe Vertrauen! Die Völker sind zu oft getäuscht: Mißtrauen beherrscht dieGcgen- wart!

Die Geschichte kennt wenige edle republikanische Größen, wenige Männer, welche es verstanden, auS einer Revolution die Völker mit hellem Blick und fester Hand einer ruhigen reformatorischen Organisation zuzuführen. Das HauS Oranien hat der Weltgeschichte zwei Prinzen gegeben, welche trotz alledem große Män­ner im eminenten Sinne des Worts waren: Wilhelm den Schweigsamen und jenen so energischen wie weisen Staatsmann, der als Wilhelm 111. in England Crom­wells Werk zu vollenden wagte und wußte. Joinville, diesen Männern ähnlich, er würde der Wohlthäter seiner Nation werden. Seit sechzig Jahren seufzt Frankreich:Ist kein Oranier da?" Ja, Napoleon hatte Altes in sich, um Cromwell und Wilhelm HL zugleich zu werden; doch ihm fehlte die Hingebung; Louis Philippe befaß große Klugheit, doch nicht Wilhelms Weisheit, welche die Frucht der Erfahrung und des Charakters ist; Louis Bonaparte ist der Affe seines Oaeims; ist Joinville nicht mehr als eine etwas versessene Austage seines Vaters, so ist er unzureichend für die Mission, welche eines ganzen Mannes bedarf.

Die projektirte Gründung eines nassaui­schen ärztliche» Vereines nebst Vereins- blattcs und die Fortsetzung der medizini­schen Jahrbücher.

*|I* Beide Gegenstände bieten so viel unter sich Gemeinschaftliches wie auch auf der andern Seite Wiedersprechcudes, daß ihre gleichzeitige vergleichende Bearbeitung keine einleitende Rechtfertigung bedarf, nicht weniger bedarf es der Rechtfertigung, wenn wir es im Folgenden unternehmen, einen anscheinend spezifischen Saehgegenstand vor das Forum der Oeffeutlichkeit zu bringen, kenn sowohl ist bereits die öffentliche Diecus- sion hierüber begonnen, als auch der Gegenstand selbst einer öffentlichen Behandlung werth. Um jedoch daS Material, welches uns die obenstehende Rubrik öffnet, zu ordnen, werde ich dasselbe in einigen besonderen Unterabteilungen besprechen und zwar habe ich mir hierzu folgende Fragen zur Beantwortung vorgelegt:

1) Repräsentiren die angestellten Aerzte Nassau's be­reits einen ärztlichen Verein und ist das Mediciual- eolleg als ein Vorstand dieses Vereins zu betrachten?

2) Wenn diese Frage bejaht oder verneint werden sollte, ist es ferner Bedürfniß, innerhalb jener sta at I, d; e n Corporation nach dem Vorichlag von Dr. Spengler (Nass. Allg. Ztg. Nro. 23) einen zweiten Verein durch freiwilligen Beitritt zu bilden?

3) War und ist die Herausgabe resp. Fortsetzung der medieinischen Jahrbücher Nagau's ein Bedürfniß für den Staat und unsre ärztliche Staatscorporation?

4) Ist es Bedürfniß nach dem Vorschlag von Speng­ler als Organ für den zu gründenden ärztlichen Ver­ein gleichzeitig auch ein medielnisches Correspoudeuzblatt zu gründen/ das neben allgemein wisseuschafllichen Gegenständen zugleich auch das Reformwesen in den Kreis seiner Besp echung ziehen soll?,

Da die theilweise Uebereittstimmung des Gegen­standes der ersten und zweiten Frage, sowie der dritten und vierten, ferner der ersten und dritten und der zwei­ten und vierten jedem Leser klar ist, so wird man eS auch für nicht unnütz halten^, die erste Frage, obgleich ganz untergeordneten Jnleressens, zu Befprrchnng un­sers Themas angezogen zu haben, zumal da sowohl früher als jetzt Stimmen laut werden, die sich für Bejahung der ersten Frage ausspreche» und hieraus auch die Verneinung der zweiten und vierten betucircn wollen.

Ad I. Daß nun in Betreff der ersten Frage die Genossenschaft de r a ngest eiten Aerzt e N as- sau's keinen ärztlichen Verein re präseuti rt, wenigstens nicht in dem Sinn, zu den Zwecken und mit den Mitteln, wie ihn Dr. Spengler vorschlägt, bedarf kaum einer Ausführung. Begränzon wir näm­lich den Begriff des Vereins dahin, daß er durch freiwilligen Beitritt und zwar zu Zwecken

der Verein smitglietcr gebildet und durch ) i ch selbstverwaltet und regiert w i r d, so kann gewiß unsre StaatSgenossenschaft auf die Bezeich­nung Verein feinen Anspruch machen; denn unsre Genossenschaft ist ein Zwangsinstitut, in welches der angehende Arzt sich nur fluchtet, weil er hierin und nicht außer ihm seine Subsistenz gegründet weiß, we» nigstens zu gründen hofft; ferner ist sie kein Verein, weil jedes Mitglied nicht Zwecke ber, Genossenschaft, sondern Zwecke außerhalb der Genossenschaft, d. h. Zweck des Staates nach Maßgabe der Medicinal- Jnstructioneu zu erfüllen hat; zum dritten ist sie kein Verein, weil sie sich nicht selbst regiert, sondern durch daS Hochlöbliche Medicin aleolieg regiert wird.. Ist aber hiernach unser StaatSgenossenschaft kein Verein, so kaun das MedicinalcoI l eg auch kein Ver- ci nSvor stand sein; wäre aber unsre Genossenschaft ein Verein, also kein staatliches Zwangsinstitut, so möchten wir bezweifeln, daß die jetzigen Mitglieder des Medicinalcollegs auch gewählte Vorstandsmitglieder des ärztlichen Vereins wären. Da aber ferner ein ärztlicher Vereiusvorstand nur in wissenschaftlich-tech­nischer und in administrativ-socialer Hinsicht die Ver- eiliszwecke und Vereinsintereffen zu vertreten hat, so erwarten wir am wenigsten von den Mitgliedern deS Medicinalcollegs die Behauptung, daß bereits in Nassau ein ärztlicher Verein bestehe und daß sie der Vorstand desselben seien.