Freit Zeitung.
„âeitzert und Necht!"
JVs. 73» Wiesbaden Donnerstag 27. März 1851.
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Briefe aus dem Gebirge.
XL
H Herr Unzicker und ich nähern uns. In seinem letzten Aufsatze, überschrieben „Ueber Einführung der Schiedsgerichte", anerkennt Herr Unzicker mit änerken- nenswerther Offenheit, daß sein Antrag an Mängeln kaborire: er ist auch eventuell wenigstens, für die Einführung der Schiedsgerichte durch Privatthätigkeit; er will auch, falls es sich als nöthig erweisen sollte, den Antrag auf Einführung eines deutschgeschriebenen Civil- gesetzbuchs stellen.
Hiermit nimmt Herr Unzicker selbst die Hauptursachen, aus welchen ich seinem Antrag entgegentrat, hinweg, und ich werde mich hinfüro bescheiden, in Demuth die Erfolge abzuwarten. Uebrigens darf ich nicht verschweigen, es dünke mir, ein Volksvertreter solle die Anträge und Gesetzesvorlagen, die er einbringen will, vor ihrem Einbringen reiflich, reiflich und aber- mals reiflich nach allen Seiten hin einer Prüfung unterziehen.
Was mich betrifft , so würde ich unter keiner Bedingung jemals einen Gesetzentwurf, zumal wenn er belangreiche Interessen berührte und von dem bisher eingehaltenen Verfahren bedeutende Abweichungen vorschlüge, einem gesetzgebenden Körper vorlegen, wenn ich denselbeu nur „flüchtig zu Papier gebracht" hätte.
Auch muß ich darauf aufmerksam machen, daß es mit der Logik überall, besonders aber bei einem Volksvertreter, eine sehr schöne Sache sei.
Herr Unzicker sagt am Schluffe seines Artikels wörtlich:? „Der Herr Verfasser des Briefs Vlll. macht am Schluffe sehr entschiedene Reformvorschläge; indessen wird mir derselbe selbst zugestehen müssen, daß dieses bei den trüben Aussichten für die nächste Zukunft eben nur Ideen find."
Das sagt aber derselbe Herr Antragsteller, der wenige Zeilen weiter oben wörtlich erklärt hatte: „Bedarf es aber desselben (nämlich des deutschgeschriebenen Civilgesetzbuchs) so ist ein Leichtes, ein solches, etwa das österreichische, zu adoptiren, und ich würde, falls mein Antrag noch in meiner Gegenwart zur Verhandlung kommen sollte, einen weiter dahin zielenden Antrag stellen." . ,
Da nun gerade die Einführung eines deutschge- schricbenen Gesetzbuchs einer der wesentlichsten „Reform- Vorschläge" am Schlüsse des Briefes 8 ist; und da deßhalb Herr Unzicker, in einem Athem so zu sagen,
eine Sache bei den „trüben Aussichten für die nächste Zukunft" für eine „Idee", d. h. in diesem Sinne für eine Unmöglichkeit erklärt, von der er nicht minder behauptet, eö sei ein „Leichtes", sic der Reali- sirung entgegen zu führen, von der er behauptet, er sel bst wolle die Realisirung durch Stellung bezüglicher Anträge betreiben, — so macht derselbe sich eines Fehlers der Logik schuldig, was überall, besonders aber bei einem Gesetzgeber bemerkenswerth ist, und angemerkt werden muß.
Dem Herrn 0 von Wiesbaden, welcher in Nro. 63 der „Nass. Allg. Ztg.", welche Nummer ich wol niemals erblickt haben würde, wenn sie mir nicht erpreß von einem Freunde zugesendet worden wäre, da die lahme „Nay. Allg. Ztg." auf ihren neuerdings beschafften sehr theuren Aktien-Krücken nicht vermag, aus dem dumpfen und dampfenden Wiesbaden in unsere freien Berge heraufzuhinken, — meinen Brief VJL eine „wahrhaft böse Sieben", ein „Stück Carneval" und ein „hohles und frivoles Geschreibsel" und „langweilig bis zum Einschlafen" — — ohne alle weitere Gründe, schlechtweg genannt und damit eine große Geistesverwandtschaft mit der Käthchen, der bösen Sieben, welche der Meister Sheakspeare in seinem Lustspiel ,ber Widerspenstigen Bezähmung" — an den Tag gelegt hatte, möchte es freilich wieder ebenso hohl als frivol dünken, einen Volksabgeordneten so schlechthin mit der allgemein gültiger: Logik zu messen. Das wird mir zwar leid thun; aber ,ch werde den Zorn zu ertragen wissen. Die schlichten Leute hier im Gebirge, welche weder so eitel, noch so sauer sind als die großen Staatsmänner, welche Wiesbadens Mauern umschließt, meinen, die Pfeile, welche gegen die Nassauische Kammer von 1848 her abgedrückt wurden, könnten nicht scharf genug zugespitzt sein. Und ich pflichte diesen Bürgern aus voller Seele bei.
Die Kammer ist 1848 gewählt, und lebt heute noch: in diesem Satze liegt die Thatsache, daß die nassauische Kammer an Gesinnungstüchtigkeit das Unerreichbare erreicht haben muß. Auch ist es im ganzen Lande kein Geheimniß, daß die nassauische Kammer nur sehr wenige Kapacitäten in ihrem Schooße birgt, und daß einige von den Herrn Volksvertretern in eine gewaltige Verlegenheit kommen würden, wenn sie ohne alle Beihülfe, ein Eramen in Concipiern von orthographisch und gramatisch richtigen Aufsätzen, bestehen sollten. —
Dieß alles hätte vielleicht schon viel früher und
ohne alle Rücksicht, gesagt werden müssen. Denn überaus verwerflich ist die Meinung eine Kammer habe als solche, wenn sie sich auch der Reaktion und der Prinzip!osigkeit in die Arme wirft, gleichwol größeren Anspruch auf Schonung und das Recht auf eine zärtere Behandlung, als eine dem Rückschritt angetraute Regierung. —
Die französische National - Versammlung und die Gothaer in Deutschland, haben die Revolution verrathen, nicht die Wrangel und die Windischgrätz, und alle jene Absolutisten, die oft mit zitternden Händen, dem Moloch der feudalen Barbarei heute die letzten Opfer bringen, die thun, was sie nicht lassen können, die unrettbar und unaufhaltsam ihrem Schicksale auf den Fittigen des Sturms entgegen jagen, die von Gott geblendet, die Morgenröthe eines neuen Tag's nicht sahen, und von Gott betäubt, die unheimliche schreckhafte Stille, die vor dem Gewittei ein- tritt, nicht wahrnehmend.
Zwischen ihnen und der Demokratie „ist kein Friedensschluß"; die Demokratie wundert sich nicht darüber, wenn sich die alten Herren ihrer Haut zu wehren suchen, und sie muß offen das Bekenntniß ablegen, wenn sie eines Tages, da ihr Jupiter tonans das Scepter wieder in die Hand gedrückt haben wird, das strahlende, flammende, Blitze ausströmende, so lange zögerir sollte, die Freiheit zu oktroyiren, als einige Absolutisten in einigen deutschen Staaten gezögert und gezaudert haben, die ganze und volle Knechtschaft nach Manteuffel'schem Vorbild zu oktroyiren, — io verdiente sie wieder als zahmer Zugstier vor den Triumpf- ,vagen einer zahmen Linken gespannt zu werden, so verdiente sie wieder als gebändigter Atlas die sechs Fuß hohe Größe eines Heinrich von Gagern auf ihren breiten Schultern zu tragen. Die Kammer ist so gut eine konstitutionell - monarchische Institution, als das konstitutionelle StaatSmiiiisterium; beide, Kammer und Regierung schwimmen mit dem große» Strome unserer Tage, und halten die Richtung ein, die die wackern Piloten Schwarzenberg, Metternich und Manteuffel vorgezeichnet haben.
Aber die Karnmermehrheit, die die Beschlüsse faßt, ist noch dazu viel ärmer an Kenntnissen, als die Regierung, dw doch selbst ihre Weisheit so oft von andern Ländern, von Baden, und namentlich dem blinden Hessen geborgt hat. Das muß man oyen und ehrlich verkünden; — dann beherzigt man des Pfaffe» Mauritius Mahnung, wenn er uns zuruft:
Kirchenbau zu Wiesbaden.
:=: Veranlaßt durch die in der letzten Zeit erschienenen Artikel, die Wahl eines Kirchenbauplatzes betreffend, möge Folgendes dazu bienen, eine richtige Würdigung der fraglichen Bauplätze abzugeben.
Viele alte Wiesbadener halten aus Pietät an dem alten Kirchenplatz fest und bauen sich auf der Brandstätte in ihrem Geiste ein neues Gotteshaus. Betrachten wir nun diesen Ort näher, so finden wir ihn zu klein für eine Kirche wie Wiesbaden dieselbe jetzt fordert. Diesen Bauplatz zu vergrößern durch Ankauf der umliegenden Gebäude ist aber der gesammelten Bausumme nicht angemessen. Wäre auch Geld genug da, so stellt sich jetzt die Frage auf: Welchen Eindruck wird die Kirche an diesem Ort^auf das Gemüth ma. chen und welchen Schmuck der Stadt geben? — Diese Frage stellt Jeder auf und man ist einig, eine Kirche zu erbauen, welche durch ihr Aeußeres schon den erhabenen Zweck schöner kundgibt, als^ dieses bei der uiedergebrannten der Fall war. Fragen wir uns nun was an einem Gotteshaus, welches wir schön nennen, uns erhebend anspricht, so finden wir, daß dieses nicht die einzelnen für sich betrachteten Theile sind, sondern daß eine solche Wirkung nur durch den Totaleindruck des ganzen Baues hervorgebracht wird. An dem allen Kirchenplatze aber geh't gerade Meter Totaleinvruck verloren. Es ist leine Stelle in der
Umgebung dieses Ortes zu finden, von der aus die Kirche ein Bild gäbe, oder dieselbe ganz zu überschauen sey. Eine dlose Aufhäufung todter Massen ohne geistigen Ausdruck könnte hier ungestört stehen; wollen wir aber ein Kunstwerk haben, was doch eine Kirche seyn soll, so ist dieses an diesem Platz zwecklos, denn die Idee, welche im Gebäude versinnlicht ist, bleibt ungesehen und somit unverstanden für den Anschauenden.
Dieses Letztere ist freilich dem Bauplatz dem Herzoglichen Schloß gegenüber nicht vorzuwerfen, wohl' aber schrecken uns hier die Kosten zurück. Wie viel alte Wiesbadener erinnern sich, daß jedes Gebäude an diesem Ort auf einem Rost ruht und haben erfahre», daß diese Fnndamcntirimgs- weise so sehr vertheuert und wie viel mehr einen Kir- chenbau. Dazu kommt.noch die höchst ungünstige tiefe Lage dieses Ortes, welche einen bedeutenden Unterbau der Kirche nothwendig macht. Dann ist für einen archi- tectonisch malerischen Sinn auch leicht verständlich, daß hier der Charakter einer protestantischen Kirche sich nicht in großen Maffenverhältniffen auSprücken darf, dem herzoglichen Schloß gegenüber, sondern die Architektur zierlich, decorativ und dadurch kostenerhöhenv gehen muß und daß die Thürme, durch die Lage bestimmt, reich und hoch geführt werden müssen. Mit den vorhandenen Mittel» ist es unmöglich, hier eine Kirche, in Harmonie mit den umliegenden Gebäuden, hinzustellen. Wir fommen auf diesem Platze in den Fall, ein Bau
werk unvollendet stehen lassen zu müssen, wenn wir nicht, wovor uns jedoch ein nicht fernes Beispiel warnt, die eine Facade mit Pracht ausschmücken und die andere auf stiefmütterliche Weise vernachläßigt, nact stehen lassen wollen. — Unsere Baumittel find nicht bedeutend, aber für unsere Kirche beanspruchen wir auch keine zierliche Pracht. Bei wenig Mitteln kommt man zur Einfachheit und in dieser grade liegt die wahre Schönheit und nicht in den sinnevenvirrenoen gaucklichen Formen. Zuweilen tritt die Natur zu Hülfe und verlangt sogar die Einfachheit, um Schönheit zu erziele» utib macht Formenspitlerel unnütz. Eine solche Stelle müssen wir für unsere Kirche suchen, und finden sie in dem Garten des SchützenhofeS. Die Kaufsumme des Schützen ho:es mit der Verwerthung der zur Kirche unnötoigen Theile, stellt sich bei weitem günstiger für unser Kirchencapital heraus als die der beiden andern B inplätze. Es ist nicht wie man häufig hört das Zusammenreißen des halben Schützenhofsund Errichtungvo» Neubauten fürHofgerich und Assiienlokalitaten nöthig. Es dürfte nur nothwendig werden einen Durchstich zu inanen, um einen freieren Anblick auf die Kirche und eine bequemere Verbindung mit der Langgasse, der belebtesten Straße der Stadt herzustellen. Der Durchbruch um die Kirche derLanz- gaffe zu eröff.ic», wehrt lücht ; daß Affisensaal mit den nöthigen Räumen, Hofgericht und Badha is, und eine große Privatwohnung bleiben, welche alsdcun der Kirche zinsbar sind; sogar ist noch ein gro^o