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Freit Zeitung.

âeitzert und Necht!"

JVs. 73» Wiesbaden Donnerstag 27. März 1851.

Ginladung zum Abonnement.

Mit dem 1. April beginnt ein neues Abonnement auf dieFreie Zeitung". Tendenz und Haltung unserer Zertung sind bekannt. Die stets zunehmende Erweiterung ihres Leserkreises ist ihr eine Anregung zu fortwährender Steigerung ihrer Kräfte. Wie bisher wird sie täg­lich in Leit- und Ueberstchtsartikeln, in Berichten über die Ständesitzungen, Assisen und sonstigen in den freien Institutionen begründeten Ver­handlungen die politischen und sozialen Angelegenheiten des In- und Auslandes erörtern. Daß sie darin von Mitarbeitern und Korrespondenten lebhaft unterstützt werde, ist Sorge getragen. Auch wird sie ein möglichst reichhaltiges und unterhaltendes Feuilleton bringen.

Bestellnngen auf die mit Ausnahme des Sonntags täglich erscheinendeFreieZeitung" wolle man baldigst machen, in Wiesbaden bei der Expedition (H. W. Ritter'sche Buchhandlung), auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern. Der Abonnementspreis ist vierteljährig hier in Wies­baden 1 fl. 45 kr., durch die Poft bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. Jnserationsgebühren: die vierspaltige Petitzeile 3 kr.

Briefe aus dem Gebirge.

XL

H Herr Unzicker und ich nähern uns. In seinem letzten Aufsatze, überschriebenUeber Einführung der Schiedsgerichte", anerkennt Herr Unzicker mit änerken- nenswerther Offenheit, daß sein Antrag an Mängeln kaborire: er ist auch eventuell wenigstens, für die Ein­führung der Schiedsgerichte durch Privatthätigkeit; er will auch, falls es sich als nöthig erweisen sollte, den Antrag auf Einführung eines deutschgeschriebenen Civil- gesetzbuchs stellen.

Hiermit nimmt Herr Unzicker selbst die Haupt­ursachen, aus welchen ich seinem Antrag entgegentrat, hinweg, und ich werde mich hinfüro bescheiden, in De­muth die Erfolge abzuwarten. Uebrigens darf ich nicht verschweigen, es dünke mir, ein Volksvertreter solle die Anträge und Gesetzesvorlagen, die er einbringen will, vor ihrem Einbringen reiflich, reiflich und aber- mals reiflich nach allen Seiten hin einer Prüfung unterziehen.

Was mich betrifft , so würde ich unter keiner Be­dingung jemals einen Gesetzentwurf, zumal wenn er belangreiche Interessen berührte und von dem bisher eingehaltenen Verfahren bedeutende Abweichungen vor­schlüge, einem gesetzgebenden Körper vorlegen, wenn ich denselbeu nurflüchtig zu Papier gebracht" hätte.

Auch muß ich darauf aufmerksam machen, daß es mit der Logik überall, besonders aber bei einem Volks­vertreter, eine sehr schöne Sache sei.

Herr Unzicker sagt am Schluffe seines Artikels wörtlich:?Der Herr Verfasser des Briefs Vlll. macht am Schluffe sehr entschiedene Reformvorschläge; in­dessen wird mir derselbe selbst zugestehen müssen, daß dieses bei den trüben Aussichten für die nächste Zukunft eben nur Ideen find."

Das sagt aber derselbe Herr Antragsteller, der wenige Zeilen weiter oben wörtlich erklärt hatte:Be­darf es aber desselben (nämlich des deutschgeschriebenen Civilgesetzbuchs) so ist ein Leichtes, ein solches, etwa das österreichische, zu adoptiren, und ich würde, falls mein Antrag noch in meiner Gegenwart zur Verhand­lung kommen sollte, einen weiter dahin zielenden Antrag stellen." . ,

Da nun gerade die Einführung eines deutschge- schricbenen Gesetzbuchs einer der wesentlichstenReform- Vorschläge" am Schlüsse des Briefes 8 ist; und da deßhalb Herr Unzicker, in einem Athem so zu sagen,

eine Sache bei dentrüben Aussichten für die nächste Zukunft" für eineIdee", d. h. in diesem Sinne für eine Unmöglichkeit erklärt, von der er nicht min­der behauptet, sei einLeichtes", sic der Reali- sirung entgegen zu führen, von der er behauptet, er sel bst wolle die Realisirung durch Stellung bezüglicher Anträge betreiben, so macht derselbe sich eines Fehlers der Logik schuldig, was überall, besonders aber bei einem Gesetzgeber bemerkenswerth ist, und ange­merkt werden muß.

Dem Herrn 0 von Wiesbaden, welcher in Nro. 63 derNass. Allg. Ztg.", welche Nummer ich wol niemals erblickt haben würde, wenn sie mir nicht er­preß von einem Freunde zugesendet worden wäre, da die lahmeNay. Allg. Ztg." auf ihren neuerdings be­schafften sehr theuren Aktien-Krücken nicht vermag, aus dem dumpfen und dampfenden Wiesbaden in unsere freien Berge heraufzuhinken, meinen Brief VJL eine wahrhaft böse Sieben", einStück Carneval" und einhohles und frivoles Geschreibsel" undlangweilig bis zum Einschlafen" ohne alle weitere Gründe, schlechtweg genannt und damit eine große Geistesverwandtschaft mit der Käthchen, der bösen Sieben, welche der Meister Sheakspeare in seinem Lust­spiel ,ber Widerspenstigen Bezähmung" an den Tag gelegt hatte, möchte es freilich wieder ebenso hohl als frivol dünken, einen Volksabgeordneten so schlecht­hin mit der allgemein gültiger: Logik zu messen. Das wird mir zwar leid thun; aber ,ch werde den Zorn zu ertragen wissen. Die schlichten Leute hier im Ge­birge, welche weder so eitel, noch so sauer sind als die großen Staatsmänner, welche Wiesbadens Mauern umschließt, meinen, die Pfeile, welche gegen die Nas­sauische Kammer von 1848 her abgedrückt wurden, könnten nicht scharf genug zugespitzt sein. Und ich pflichte diesen Bürgern aus voller Seele bei.

Die Kammer ist 1848 gewählt, und lebt heute noch: in diesem Satze liegt die Thatsache, daß die nassauische Kammer an Gesinnungstüchtigkeit das Un­erreichbare erreicht haben muß. Auch ist es im ganzen Lande kein Geheimniß, daß die nassauische Kammer nur sehr wenige Kapacitäten in ihrem Schooße birgt, und daß einige von den Herrn Volksvertretern in eine gewaltige Verlegenheit kommen würden, wenn sie ohne alle Beihülfe, ein Eramen in Concipiern von ortho­graphisch und gramatisch richtigen Aufsätzen, bestehen sollten.

Dieß alles hätte vielleicht schon viel früher und

ohne alle Rücksicht, gesagt werden müssen. Denn über­aus verwerflich ist die Meinung eine Kammer habe als solche, wenn sie sich auch der Reaktion und der Prinzip!osigkeit in die Arme wirft, gleichwol größeren Anspruch auf Schonung und das Recht auf eine zärtere Behandlung, als eine dem Rückschritt angetraute Re­gierung.

Die französische National - Versammlung und die Gothaer in Deutschland, haben die Revolution ver­rathen, nicht die Wrangel und die Windischgrätz, und alle jene Absolutisten, die oft mit zitternden Hän­den, dem Moloch der feudalen Barbarei heute die letzten Opfer bringen, die thun, was sie nicht lassen können, die unrettbar und unaufhaltsam ihrem Schick­sale auf den Fittigen des Sturms entgegen jagen, die von Gott geblendet, die Morgenröthe eines neuen Tag's nicht sahen, und von Gott betäubt, die un­heimliche schreckhafte Stille, die vor dem Gewittei ein- tritt, nicht wahrnehmend.

Zwischen ihnen und der Demokratieist kein Frie­densschluß"; die Demokratie wundert sich nicht darüber, wenn sich die alten Herren ihrer Haut zu wehren su­chen, und sie muß offen das Bekenntniß ablegen, wenn sie eines Tages, da ihr Jupiter tonans das Scepter wieder in die Hand gedrückt haben wird, das strah­lende, flammende, Blitze ausströmende, so lange zögerir sollte, die Freiheit zu oktroyiren, als einige Absolu­tisten in einigen deutschen Staaten gezögert und gezau­dert haben, die ganze und volle Knechtschaft nach Manteuffel'schem Vorbild zu oktroyiren, io ver­diente sie wieder als zahmer Zugstier vor den Triumpf- ,vagen einer zahmen Linken gespannt zu werden, so verdiente sie wieder als gebändigter Atlas die sechs Fuß hohe Größe eines Heinrich von Gagern auf ihren breiten Schultern zu tragen. Die Kammer ist so gut eine konstitutionell - monarchische Institution, als das konstitutionelle StaatSmiiiisterium; beide, Kammer und Regierung schwimmen mit dem große» Strome unserer Tage, und halten die Richtung ein, die die wackern Piloten Schwarzenberg, Metternich und Manteuffel vorgezeichnet haben.

Aber die Karnmermehrheit, die die Beschlüsse faßt, ist noch dazu viel ärmer an Kenntnissen, als die Re­gierung, dw doch selbst ihre Weisheit so oft von an­dern Ländern, von Baden, und namentlich dem blin­den Hessen geborgt hat. Das muß man oyen und ehrlich verkünden; dann beherzigt man des Pfaffe» Mauritius Mahnung, wenn er uns zuruft:

Kirchenbau zu Wiesbaden.

:=: Veranlaßt durch die in der letzten Zeit erschie­nenen Artikel, die Wahl eines Kirchenbauplatzes betref­fend, möge Folgendes dazu bienen, eine richtige Wür­digung der fraglichen Bauplätze abzugeben.

Viele alte Wiesbadener halten aus Pietät an dem alten Kirchenplatz fest und bauen sich auf der Brand­stätte in ihrem Geiste ein neues Gotteshaus. Betrach­ten wir nun diesen Ort näher, so finden wir ihn zu klein für eine Kirche wie Wiesbaden dieselbe jetzt for­dert. Diesen Bauplatz zu vergrößern durch Ankauf der umliegenden Gebäude ist aber der gesammelten Bausumme nicht angemessen. Wäre auch Geld genug da, so stellt sich jetzt die Frage auf: Welchen Eindruck wird die Kirche an diesem Ort^auf das Gemüth ma. chen und welchen Schmuck der Stadt geben? Diese Frage stellt Jeder auf und man ist einig, eine Kirche zu erbauen, welche durch ihr Aeußeres schon den erha­benen Zweck schöner kundgibt, als^ dieses bei der uiedergebrannten der Fall war. Fragen wir uns nun was an einem Gotteshaus, welches wir schön nennen, uns erhebend anspricht, so finden wir, daß dieses nicht die einzelnen für sich betrachteten Theile sind, sondern daß eine solche Wirkung nur durch den Totaleindruck des ganzen Baues hervorgebracht wird. An dem allen Kirchenplatze aber geh't gerade Meter Totaleinvruck verloren. Es ist leine Stelle in der

Umgebung dieses Ortes zu finden, von der aus die Kirche ein Bild gäbe, oder dieselbe ganz zu überschauen sey. Eine dlose Aufhäufung todter Massen ohne geistigen Ausdruck könnte hier ungestört stehen; wollen wir aber ein Kunstwerk haben, was doch eine Kirche seyn soll, so ist dieses an diesem Platz zwecklos, denn die Idee, welche im Gebäude versinnlicht ist, bleibt ungesehen und somit unverstanden für den Anschauenden.

Dieses Letztere ist freilich dem Bauplatz dem Herzoglichen Schloß gegenüber nicht vorzuwerfen, wohl' aber schrecken uns hier die Kosten zurück. Wie viel alte Wiesbadener erinnern sich, daß jedes Gebäude an diesem Ort auf einem Rost ruht und haben erfahre», daß diese Fnndamcntirimgs- weise so sehr vertheuert und wie viel mehr einen Kir- chenbau. Dazu kommt.noch die höchst ungünstige tiefe Lage dieses Ortes, welche einen bedeutenden Unterbau der Kirche nothwendig macht. Dann ist für einen archi- tectonisch malerischen Sinn auch leicht verständlich, daß hier der Charakter einer protestantischen Kirche sich nicht in großen Maffenverhältniffen auSprücken darf, dem herzoglichen Schloß gegenüber, sondern die Architektur zierlich, decorativ und dadurch kostenerhöhenv gehen muß und daß die Thürme, durch die Lage bestimmt, reich und hoch geführt werden müssen. Mit den vor­handenen Mittel» ist es unmöglich, hier eine Kirche, in Harmonie mit den umliegenden Gebäuden, hinzustellen. Wir fommen auf diesem Platze in den Fall, ein Bau­

werk unvollendet stehen lassen zu müssen, wenn wir nicht, wovor uns jedoch ein nicht fernes Beispiel warnt, die eine Facade mit Pracht ausschmücken und die andere auf stiefmütterliche Weise vernachläßigt, nact stehen lassen wollen. Unsere Baumittel find nicht bedeutend, aber für unsere Kirche beanspruchen wir auch keine zierliche Pracht. Bei wenig Mitteln kommt man zur Einfachheit und in dieser grade liegt die wahre Schönheit und nicht in den sinnevenvirrenoen gaucklichen Formen. Zuweilen tritt die Natur zu Hülfe und verlangt sogar die Einfachheit, um Schönheit zu erziele» utib macht Formenspitlerel unnütz. Eine solche Stelle müssen wir für unsere Kirche suchen, und finden sie in dem Garten des SchützenhofeS. Die Kaufsumme des Schützen ho:es mit der Verwerthung der zur Kirche unnötoigen Theile, stellt sich bei weitem günstiger für unser Kirchencapital heraus als die der beiden andern B inplätze. Es ist nicht wie man häufig hört das Zusammenreißen des halben Schützenhofsund Errichtungvo» Neubauten fürHofgerich und Assiienlokalitaten nöthig. Es dürfte nur nothwendig werden einen Durchstich zu inanen, um einen freieren Anblick auf die Kirche und eine bequemere Verbindung mit der Langgasse, der belebtesten Straße der Stadt herzustellen. Der Durchbruch um die Kirche derLanz- gaffe zu eröff.ic», wehrt lücht ; daß Affisensaal mit den nöthigen Räumen, Hofgericht und Badha is, und eine große Privatwohnung bleiben, welche alsdcun der Kirche zinsbar sind; sogar ist noch ein gro^o