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Fmt Zeitung.

âeiheit und Recht!^

â 70. Wiesbaden. SvAnttt^, 23 März ISdl.

Norddeutsche März stimmen.

* Obwohl es uns heute an Raum gebricht, auS den norddeutschen Blättern so umfassende Auszüge zu geben, wie es die Bedeutung der Erscheinung verdiente, so wollen wir doch zur Orientirung unserer Leser we­nigstens einige Zeugnisse vorlegen, welche beweisen, wie selbst in sehr gemäßigten Kreisen über die heutige Siegespolitik" der Contrerevolution gedacht wird. Die konstitutionelleWeser-Ztg." bringt einen Leitartikel: Ein Jahrestag", welcher mit den Worten beginnt: Die Londoner Zeitungen erzählen uns von einem Fest­mahle, welches am vorigen Donnerstag in der Frei­maurerloge an der Themse gehalten worden ist. Die versprengten Reste der deutschen Revolutionspartei hatten sich vereinigt, um sich in ihrem Elende mit der Er­innerung an den Sturz Metternichs, zu erbauen. Die Marseillaise ward gespielt, die rothen Fahnen wehten, große Reden ertönten; man hätte glauben können, cs gelte, einen Sieg zu feiern. Und doch ging das Fest von einer PaNei aus, welche in diesem Augenblicke tiefer gedchmüthigt ist, als irgend eine andere, deren Führer theils hinter Schloß und Riegel sitzen, theils in fremden Ländern ein unstätes und zweckloses Emi­grantenleben führen, theils der alten Welt ganz den Rücken gekehrt haben und auf irgend einer entlegenen Farm im fernen Missisippithale Waldland klären oder in Ncw-Z)ork Töchterschulen und Agenturen eröffnet Haben. Aus den Standesälen ausgetrieben, ihrer Organe in der Tagespreise fast überall beraubt, scheint die Partei auf lange Jahre hinaus zu einem politischen Scheintote verdammt. Und doch hält sie Festschmäuse und klingt mit den Gläsern und singt ihre Barrikaden- lieder und behängt ihren Saal mit triumphirendem Scharlach. Freilich auf fremder Erde, aus dem neu­tralen Boden Englands. Allein man kann gewiß sein, daß es in jeder deutschen Stadt von Memel bis Trier genau ebenso hergehen würde, wenn eine löbliche Polizei einmal auf vierundzwanzig Stunden zur Probe ihre Funktionen einstellen wollte! Die Partei, welche in Hecker ihren Helden, in Ruge ihren Phüosphen, in Robert Blum ihren Märtyrer verehrt, ist überall, wenn sie sich auch für den Augenblick mäuschenstill verhält, zahlreicher als je, und die Politik unserer Regierungen, die rettenden Thaten Preußens, die Hazardspicle des österreichischen Cabinets, die Dragonaden in Kurheffen, die Pacification der Herzogthüiner, sorgen dafür, ihr uu5 den Reihen der gemäßigten Opposition täglich neue Rekruten zuzuführen. In Frankreich, in Italien, in Ungarn, in den slawischen Provinzen Oesterreichs, über­all ist es ebenso. Die Fehler der sogenannten Conser- vativen, die Gewaltthätigkeiten und Rechtsverhöhnungen der Absolutisten tragen mit vollen Eimern Wässer in jenesrothe Meer", durch welches, wie es scheint, die europäische Gesellschaft hindurchwaten soll, ehe sie das gelobte Kanaan der gesetzlichen Freiheit betreten kann. An diese Erinnerungsfeste der Revolution, an die ge- Halteuen wie an die verhaltenen, knüpfen sich von selbst die ernstesten Betrachtungen. Auch der heutige Tag ist im Kalender der Geschichte bluthroth gezeichnet. Heute vor 3

Jahren wüthete in den Straßen Berlins jener unglaub­liche mörderische Kampf, dessen Ende zu einer erschüt­ternden Demüthigung des Königthums vor der ent­fesselten Volkskraft führte. Der Aufstand am 18. März 1848 ist von den verschiedensten Seiten und in den verschiedensten Farben geschildert, er ist bald als ein Sieg des Volkes über die Werkzeuge der Tyrannei verherrlicht, bald als das Werk einer ausländischen Propaganda und eines entarteten Pöbels geschmäht, bald als eine Demüthigung des alten MilitärstaateS begrüßt, bald wieder als Folge einer unseligen Schwache von Seiten der Regierung bejainmer worden. In einem Augenblicke, wo alles uns einem neuen 18. März ent­gegentreibt, wenn nicht eine höhere Macht ein so un­sägliches Unglück von unserm Vaterlande abwendet, in einem Augenblicke, wo der Boden des ganzen Welt- theils unter jedem Schritte hohl, wie vor dem Einsturz erdröhnt, wo man, ganz wie im Jahre 1847, die kommende Revolution in jedem Windhauche riecht, in jedem Pulsschlage fühlt, ist es wohl angebracht zu prüfen, was Wahres, was Falsches in jenen Beur­theilungen des Berliner Aufstandes ist." Das End- Ergebniß der Deduktion in derWeser-Zeitung" lautet: Der Aufstand siegte, nicht weil, sondern obgleich seine nächste Quelle eine unlautere war; er siegle, weil die ungeheure Majorität der Bevölkerung gar kein Jnterresse fühlte für die Aufrechterhaltung der alten Jnstutionen; er siegte, weil das re gierende System sich durch hundert und aber hundert Maßregeln der Bedrückung, des Glaubens­zwanges, der Rechtsbeugung, der politischen Quälerei die besten Sympathien der Ration entfremdet hatte. Und auf ähnliche Weise ist es ergangen und wird es ergehen bei allen gewaltsamen StaatSerschütterungen. Langsam und unmerklich wird die Bewegung in den Gemüthern vorbereitet; allgemach und schwer erwacht im Volke das Gefühl des Unrech­tes, welches es erleidet, die Sehnsucht nach dem besseren Zustande, welchen es durch Vergleiche mit anderen Ländern kennen lernt. Vorsichtig und sorgsam pflügt die Revolution ihren Acker für die Drachensaat; jede neue Gewaltthat der Mächtigen, jede Kränkung des Rechtssinnes, jede Verhöhnung des Rationalgefühles kommt ihrem Werke zu Hülfe; nach und nach gerathen die Gemüther in einen Zustand so feindseliger und blinder Verbitterung, daß alles, was die Machthaber thun, selbst das Gute, das Nützliche, das Versöhnliche, mit Gespött und Haß aufgenommen wird, und dann, wenn die Dinge so weit gereift sind, wenn alle Herzen voll Galle, alle Fäuste geballt, wenn Vertrauen, Treue, Ehrfurcht geflohen sind, dann kommt irgend ein Sturm von Außen, ein Zufall, ein Mißverständniss eine aus Irrthum abgeschossene Flinte, und das Signal zur Empörung ist gegeben; der Kampf entbrennt; eie wil­desten Horden der Gesellschaft stürzen sich auf ihre Beute; die Bürger jubeln ihnen Beifall; der Wider­stand der Soldaten erlahmt vor dem furchtbaren Auf­schrei der ganzen Ration, und in einer Rächt stürzt der stolze Bau von Jahrhunderten zusammen!"

DieRät.-Zlg." bringt einen Artikel, der mit fol­gender Betrachtung anfängt:Wenn wir einen Blick

auf die heute mehr als je zerklüfteten Zustände Mittel- Europa's werfen, wenn wir die Künste der Diplomatie geschäftig sehen, zusammen zu schmieden, was Natur und Geschichte getrennt haben, zu lösen, was durch unverrückbare innere Gesetze auf einen organischen Ver­band hingewiesen wird, und so in doppelter Richtung die Saat neuer Verwickelungen auszustreuen, so wird cs mehr als je nothwendig, daran zu erinnern, wie aller dieser Zwist schon einmal in seinem tiefsten Grunde geschlichtet war, und sein neues Hervorziehen im inner­sten Kerne des Völkerlebens keinen Anhalt mehr findet. Der enge Zusammenhang des 13. März in Wien und des 18. in Berlin ist noch Jedermanu in frischem Ge­dächtniß. Die Kluft zwischen dem deutschen Norden und Süden schien in der Begeisterung jener Tage für immer ausgefüllt, die macchiaveUistische Politik für im­mer gerichtet, Vie ihre Erfolge auf ein System der Ueberlistung und Bevortheilung gründete. In dem Bewußtsein der gleichen Interessen der Freiheit und Humanität wie der materiellen Wohlfahrt vollzog sich eine Annäherung der Geister, welche ein großes orga­nisches Jneinanderwirke» der bisher heillos zersplitterten Kräfte unfehlbar zu verkünden schien. Neue heilloir Zerspaltungen, und endlich das Herbeiziehen eines rus­sischen Schiedsrichteramtes es wäre das damals wie der Traum eines Thoren erschienen.

Freilich sind wir jetzt weit abgelenkt von den Idealen jener Zeit, und es scheint vielmehr jetzt das lange ver­geblich gepredigte Evangelium von der Verbrüderung der Völker, welches damals einen Augenblick zur Wirk­lichkeit wurde, eine Thorheit. Aber das Bewußtsein jenes Zieles muß immer festgehalten werden, und die Nothwendigkeit der geschichtlichen Entwickelung wirs uns zuletzt demselben koch wieder zutreiben.

Die Restaurationspolitik hat freilich die alten Ten­denzen der Sonderung wieder aufnehmen müssen. Selbst da wo sie scheinbar die Beseitigung der früheren Schranken erstrebte, wo sie Berufung einlegte an daS Einheitsbedürfniß der Ration, hatte sie nur eine Er­weiterung der eigenen Macht im Auge, deren Grund­bedingung die Verkümmerung der Interessen Anderer war. Daher jene ganze Reihe trostloser Verwickelungen, die endlich in Dresden ihren Gipfelpunkt erreicht hat. Die erste Rolle in den neuesten diplomatischen Kampf­spielen ist endlich der Wiener Staatskanzlei zugefallen, welche das ganze Rüstzeug ihrer jesuitisch - spanischen Ueberlieferungen wieder hervorgesucht, und, ba d mit den Volksintereffen liebäugelnd, bald sich als unbeug­same Verfechterin des legitimen HerrscherrechtS g bahr« denk, bald biegsam und einschmeichelnd, bald über­müthig und gewaltthätig, mit ihren Retzen nach und nach ganz Deutschland umstrickt hat.

Diese Politik hat sich nicht gescheut, die Entscheidung über unsere Zukunft nach Warschau und Petersburg zu verlegen; in dem Uebermuthe, mit welchem die nur von fremder Macht getragene Ohnmacht sich anfblähte, drängte sie fast zu einem Kriege, zu dem verabscheuungs­würdigsten Kriege, der je geführt worden wäre, und der doch von der andern Seite nur durch Opfer ver­mieden werden konnte, die nicht weniger traurige Folgen als jener drohende Krieg zu hinterlassen drohen.

Ueber den Kirchenbau zu Wiesbaden.

ff Wie wir von der Kanzel herunter vernommen Haben, hat der Kirchenvorstand in Betreff deö neuen Kirchenbanplatzes sich entschieden. Seine Wahl traf den alten Controllhof. Es sollen hier das ehemalige Justizamtsgebäude und die Zehntscheuer niedergeriyen, ferner die zum Schlosse gehörigen Bauten da,elbst er­worben werden, um dann an diesen tiefsten Theil der Stadt eine Kirche stellen zu können.

Was in architektonischer Rücksicht für und gegen diesen Bauplatz spricht, müssen wir dem Urtheil der Sachverständigen überlassen, nicht aber einem einseitigen Zeitungsartikel, dessen leichterkenntlicher Autor allein durch Privatinteressen und Persönlichkeiten sich leiten läßt. Was aber die gemeinsamen Jnterressen der Stadt betrifft, dazu seine Ansicht auözusprcchen, ist jeder Wiesbadener befugt.

Wiesbaden thut es noth, eine Kirche so zu stelle», daß sie gesehen werde. Unserer Stadt fehlt die äußere Herde einer Kirche. Wiesbaden, als Badeort ersten Ranges, muß Alles aufsuchen und aufbieten, den aus ganz'Europa zuströmenden Fremden die Genüsse e ..es Aufenthalts zu erhöhen. Wiesbaden muß nach dder Brrschönerung trachten, selbst mit Opfern müßte sie es, denn jeder Aufwand eines Badeorts für seine VcryHöne- rung ist ein Capital, das reiche Zinsen trägt.

Betrachten wir Wiesbaden von jeglicher Seite, immer fehlt uns die Hauptzierde, Tpürme. Von jeder Seite aber bietet sich uns der graue Schützenhofwein- berg mahnend, keine andere Stelle für eine Kirche zu suchen.

Nehmen wir von Osten her die Stadt ins Auge, und suchen den Platz dem Schlosse gegenüber, so sehen wir leicht, daß die ganze Kirche da hinter Häusern versteckt liegen würde, und höchstens einen Thurm, zum Zeigen ihres Daseins über die Dächer recken konnte. Wie sich eine Kirche an diesem Platz von Süden her präseutiren würde, lehrt uns der ichon weit höher stehende Uhrthurm, von welchem man von der Biehricher Chauffe ans nur das Dach finden kann. Eine Kirche aber auf der Höhe hinter dem Schützen- Hof wurde von allen Seiten unserer Stadt zur herr­lichsten Zierde gereichen.

Noch andere tiefere Gründe sollten uns bewegen, ein Gotteshaus an dem höchsten Punkt der Stadt zu errichten. Gehen wir zurück in der Geschichte der Gottverehrung, so füllten wir bei allen Völkern und in allen Religionen das gleiche Bestreben) dem höchsten Wesen die Opfer auf einem Berge darzubringen. Allenthalben sehen wir die Tempel auf Hügeln und Bergen erbaut, und wo die Natur einer Stadt eine solche Lage versagte, da sehen wir durch die begeisterte Knnft Hügel und Terrassen erstanden, um dem höchsten

Gemeinzweck eine Stätte zu gewähren hoch erhaben über das alltägliche Marktgerreibe der Stadt.

Dieses in der Tiefe des menschlichen Gemüths be­gründete Stieben verschaffte sich Anerkennung in seiner Verwirklichung durch alle Zeiten. In allen Städten, welche cs nur irgend ermöglichen konnten, sehen wir die Kirchen mit ihrer ganzen Pracht über die Häuier- mafsen sich erheben, und finden in diesen Gotteshäusern die Vereinigung der Gemeinde zur Verehrung des Höchsten versinnlich t.

Was erhebt des Menschen Gemüth mehr über die Alltäglichkeit als ein Blick in die freie Natur? Suchen wir nicht zur Erholung von Arbeit und Kummer bei jeder Gelegenheck der Stadt zu entfliehen, um uns ans den umliegenden Bergen eines freieren Blickes über unser schönes Thal zu erfreuen, während doch ein gleich schöner Punkt sich mitten in der Stadt erhebt, schon geschmückt mit den reichsten Banmgrnppen unsere < ehrwürdigen, allzuweiiig zugänglichen alten Friedhofs.

Laßt uns neben diesem friedlichen Hain eine Kirche erbauen. Eine solche Kirche wird gern gesucht, und nicht leicht unvorbereitet betreten werden. Hier wird der Kirchengänger mit einem Blick in die Ferne den beengenden Staub der Geschäfte abschütteln, iciii Ge­müth höheren Spenden würdiger erschließen, bevor er dem Worte des Herrn lauscht.