Freit Zeitung.
„Freiheit und Hec§t!u
â' OS. Wiesbaden. Freitag, 21. März 1851.
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Mit dem 1. April beginnt ein neues Abonnement auf die „Freie Zeitung". Tendenz und Haltung unserer Zettung sind bekannt. Die stets zunehmende Erweiterung ihres Leserkreises ist ihr eine Anregung zu fortwährender Steigerung ihrer Kräfte. Wie bisher wird fie täglich in Leit- und Uebersichtsartikeln, in Berichten über die Ständesitzungen, Assisen und sonstigen in den freien Institutionen begründeten Verhandlungen die politischen uud sozialen Angelegenheiten des In- und Auslandes erörtern. Daß sie darin von Mitarbeitern und Korrespondenten lebhaft unterstützt werde, ist Sorge getragen. Auch wird sie ein möglichst reichhaltiges und unterhaltendes Feuilleton bringen.
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Entweder — oder.
}/ Endlich scheint die deutsche Frage durchgefragt, d. h. die Sache ist nach langer Verhandlung bei ihrem Anfänge angelangt. Wir waren bei Beginn der Dresdener Conferenzen der Meinung, die ganze Verhandlung sei blos GomoDte, indem man voraus von der Unmöglichkeit einer Neugestaltung Deutschlands durch Diplomatie überzeugt sei, erachte aber die Comödie für nöthig, die noch vorhandene Spannkraft des Volkes abzuspannen, um es ordentlich verhandeln zu können, wobei -die Akteurs noch ein schönes Sümmchen für ihr Spiel durch das Engagement in Dresden verdienten. Doch glaubten wir dabei, es könnte leicht bei dem Scheingefecht eine Verletzung Vorfällen; denn die Diplomatie ist nur in dem Punkte einig: die Kraft und der Wohlstand des Volkes müssen niedergehalten werden.
Das Wesen der Diplomatie aber besteht in der Kunst, sich in freundschaftlichem Einverständniß gegenseitig zu dupiren, d. h. zu hintergehen. Der Diplomat hat nach Talleyrand die Sprache blos dazu, seine Absichten und Gedanken verbergen zu können. Man schließt Verträge ab, nm in denselben später eine Fundgrube zu Intriguen zu haben, sie jedenfalls mit Berufung auf dieselben $u brechen, — niemals, um sie zu halten, cs sei dann, daß man zu schwach sei, sie ungestraft verletzen zu können.
Nur den Türken gebührt der Ruhm, daß sie nicht nur jetzt, als die Schwächeren, ihre Verträge halten, sondern sie hielten solche auch ehrlich, als sie die^Star- seit waren, während die Christen selbst, als die Schwächer», nie de» Türken ihre Schwüre und Verträge hielten.
Dieser Charakter der christlichen Diplomatie und be Furcht vor der Volkskraft und deßgemäße Absicht, diese zu unterdrücken, bestimmten den Gang der Dresdener Conferenzen. Wenn auch einig, das alte Bedrückungssystem wieder einzuführen, sah man doch dessen Unzulänglichkeit ein, auch selbst in dem Falle noch, wenn man die Druckmaschine verstärkte. Es mußten also neue Erfindungen gemacht werden, -- und dieses war unmöglich; denn Jeder wollte bei einer Veränderung gewinnen, Keiner verlieren; woher nun den Gewinnst nehmen? Im Jahr 1811 war man in einer günstigen Lage, man machte aus den geistlichen Territorien eine Concursmasse. Diese fehlt jetzt — und daran scheitert Alles. Wollte man die „Kleinen" mediatisi- ren, so hingen sich diese an einen Großen gegen den Anderen. DieMittelstaaten, diese „kleinen Gerngroße", schienen dazu geneigt, einen Zuwachs von einigen hun
dert Stück neuer Unterthanen hatte man ihnen angemerkt. Für Oestreich aber galt der Spruch: „Was habe ich, wenn ich nicht Alles habe!" Es hätte sich nur durch Baiern vergrößern können, — und das mußte man als Schattengänger bei sich führen.
Wenn es im Allgemeinen dem deutsche» Volke auch einerlei ist, welchem Herrn es einstweilen verhandelt wird, so macht doch Oesterreich eine Ausnahme, weil sich vor seinem Namen der aufgeklärte Theil aller Partheien entsetzt, besonders aber die Bourgeoisie. Seine Herrschaft über Deutschland brächte vorerst die russische Einheit, ähnlich der Einheit, welche ein Bündel Holz mittelst der Binde bildet, aber nach dem Platzen des Reifs am sichersten — die Freiheit.
Oestreich konnte nur seinen früheren Einfluß mittelst Bund,Stag — und eine bessere Aussaugung Deutschlands mittelst Zollverein wünschen. Dieses zu erreichen, galt es „bange machen" mit der Revolution. Aber auch Preußen spielte Gespeusterches. Man wollte Oestreichs Uebergewicht schwächen mittelst moralischen Einflusses, Vertretung beim Bunde, wechselndes Präsidium!
Ersteres Projekt ging von den „halbwüchsigen" Königreichen, letzteres vom „starken" Preuße» aus. Solchen Plänen gegenüber hatte Schwarzèuberg gewonnenes Spiel; denn diese Projekte sind zu utopisch, ihre Erfinder find ächte Ideologe». Was soll eine Vertretung beim Bunde, wenn kein Bundesstaat sein soll? Soll die Vertretung Gesetze vereinbaren, so ist der Bund die oberste Regierung, die Vertretung, der Ausdruck des gesammten VolkswillenS; mithin sind die Einzelnstaaten nur Unterabtheilungen im Staate, wie die Gemeinden in den Einzelnstaaten — aber keine selbstständige Staaten mehr. Die souveränen Herrscher aber wären so zu erblichen Präfekten geworden!
Ein wechselndes Präsidium bedeutet wechselnder Einfluß auf Gesammtdeutschlaud. Würde der Wechsel rasch stattsiuden, verwirrten sich die Verhältnisse bis zur Auflösung, wäre die Periode eine längere und das Präsidium kräftig, so würde das folgende ohnmächtig sein, diesen gewordenen Einfluß zu brechen, es müßte dem Gegner dienen. Sind die Grundsätze der Präfi- direnden gleich, so ist der Wechsel nur ein Personenwechsel , also zwecklos für das Ganze; sind die Grundsätze aber verschieden, so zerfleische» diese den Bund.
Wenn Fürst Schwarzenberg die Deutschthümler so wie die angegebenen Projekte als ideologisch verhöhnte, so glaubten wir, er trete in die Fußstapfen Metternichs und mußten ihm den Ruhm der Consequenz mit praktischem Blick lassen. Auf einmal aber erscheint er selbst als Ideolog.
Der österreichische Deutschkaiser ist eben so ein Unding, wie der preußisch protestantische. Der Kaiser
war die Spitze der mittelalterlichen Entwicklung, setzt Einheit der Kirche und des Staates, das volle Papstthum voraus; doch dieses ist überwunden. Ein neues Kaiserthum könnte nur wie Czarenthum, Papst und Kaiser in einer Person, sein. Diese Idee lebt im Slaventhum; darauf Hinaussteuern, hieße Deutschland zur russischen Provinz in aller Form machen. Der Eintritt Gesammtöstreichs in den deutschen Bund müßte Deutschland slavesiren — also für den Czaren erobern. Nur zwischen zwei Zuständen bleibt die Wahl. Entfesseln -g der Volkskraft, Betreten des Wegs der Entwicklung — oder Rückkehr zum System Metternichs! Setzt man einmal das Volk auf Seite, oder vielmehr betrachtet man cs als Eigenthum der Dynastien, so ist Deutschland wie Jta- lie» ein bloßer geographischer Name, es kann von keinem Deutschland, sondern nur von Besitzungen gewisser Häuser die Rede sein, die sich gegenseitig ihren Besitz garantiren. Lon Volksvertretung, von Entwicklung, von Gedankenfreiheit kann dann keine Rede mehr sein: das Alles ist so nicht ausführbar. Es gibt daher nur zwei konsequente Partheien: Die Demokratie und das System Metternichs. Ob letzteres noch haltbar, ob es selbst in seiner Konsequenz nicht dem Czaren oder der Demokratie verfällt, ist eine andere Frage, die wir später einmal beantworte» wollen.
Deutfehlartd.
M. Dom Lande, 19. März. Wie bekannt, sind in der evangelischen Kirche Rassau's seit 34 Jahren alle Accidentien gesetzlich abgeschaffl. Dennoch hat sich schon seit langer Zeit die Unsitte eingeschilchen, daß die Kinder dem Geistlichen, von welchem sie confirmirt werden, ein Geschenk überreichen, daS nicht selten über 100 fl. kostet. Dergleichen Confirmatiosgt schenke bestehen z. B. in prachtvollen Standuhren und Sophas, in schönen Silbergeralhschasten, oder in kostbarem Service von Porcellan, das man sogar von Berlin komme» läßt, u. s. w. Wir würden diese Unsitte mit Stillschweigen übergehen, wenn die Geschenke blos von den Kindern der vermögenden oder reichen Eltern gc- geben würden, allein cs betheiligen sich daran, wie die Herren Geistlichen recht gut wissen, auch gering bemittelte, ja ganz arme Leute, weil sie in diesem Punkte nicht gern zurückstehen wollen. Daß besonders den letzter» dieser Gebrauch sehr lästig und drückend ist, läßt sich leicht denken. Indessen das genirt nicht die Herren Pastoren, so werthvolle Geschenke zu nehmen und damit ihre Wohnungen auszuschmücken. Bedenkt man aber, daß manche Geistliche, welche zur Elite des
Concert zu Wiesbaden.
E Zum Besten der hiesigen Klein kindcr - Be - wahranstalt fand am Montag Abend im Saale des „Adlers" ein großes Concert statt, zu dessen Ausführung sich einzelne Mitglieder des Orchesters und des Opernpersonals sowie einige andere musikalische Talente mit der hiesigen Militärmusik unter Leitung ihres erprobten Dirigenten, deö Herrn Stadtfeld, vereinigt hatten. — Die zur Ouvertüre gewählte „Belagerung von La Rochelle", von Balfe, konnte einzelner melodienreicher Motive ungeachtet als Ganzes nicht ansprechen, da die Composition, wenigstens für das einmalige Anhörcn, ein kräftiges Zusammenwirken der Tonmassen zu einer einheitlichen Darstellung nicht wahrnehmen läßt; vielleicht ist aber auch ein deutsches Ohr, das „die Schlacht von Vittoria" einmal hat an sich vorüberziehen hören, etwas allzu anspruchvoll; genug: der Eindruck der Ouvertüre war nicht recht befriedigend, obgleich die präcise Ausführung derselben nur lobend erwähnt werden kann. Eine andere Wahl des Gegenstands hätten wir auch bei der Fantasie für Violoncelle, von Batta, gewünscht, denen Motive
auS Halevys Oper: „die Jüdin" zum Gründe lagen. Bei einem Instrumente, dessen seelenvolle Klänge unter geschickter Behandlung die zartesten Saiten des Ge- müths zu treffen und zu rühren geeignet find, würde ein Adagio von Beethoven, von der Meisterhand eines Herrn C. Grimm vorgetragen, sicherlich einen befrie- digenveren Erfolg gehabt haben, als alle Halevy'ichen Motive zusammengenommen. Unter den Justrumen- talstücken gebührt wohl dem Q u i u t e t t v von Beethoven der erste Preiß. Dasselbe wurde ausgeführt im Piano von Frl I. Rummel, Oboe von Hrn. Musikdirektor Fore ich, Clarinette von Hrn. Concert- meister Schmidt, Fagott von Hrn. Meyer und Horn von Hrn. Ch. Grimm. Sämmtliche Mit- nürkende haben durch frühere Leist mgen sich einen solchen Ruf in Beziehung auf meisterhafte Handhabung ihrer einzelnen Instrumente begründet, daß die Versicherung genügt, daß sie auch diesmal diesen Ruf nach Kräften bewährt haben. Durch inniges Znsammen- schmelzen der einzelnen Stimmen war besonders der zweite Satz des Quintetts wahrhaft ausgezeichnet. — Im Cünzel-Pianospiel erfreute uns Frl. J. Rummel durch seine mit Sicherheit und Geschmack ansgeführte sehr ansprechende Fantasie von Thalberg. Nur
möchten wir die Anordnung des Programms nicht gut heißen, wonach eine und dieselbe Person, und zumal eine Dame, zweimal fast ohne erhebliche Pause hinter einander aufzutreten hatte. Die Herren Musiker mögen sich selbst sagen, was für ein Aufwand von geistiger und körperlicher Kraft dazu gehört, hinter einem Beethovcn'schen Quintett nach kurzer Unterbrechung gleich wieder eine Thal bepg'sche Fantasie, und zwar in einem Concert , vorzutragen. Auch die beste K aft muß sich dabei erschöpfe»; nicht alle Zuhörer pflegen auf dergleichen Berbäbtnisse zu achten und cs wird eine etwaige Mangelhaftigkeit der Darstellung dann in der Regel doch nur dem darstellenden Künstler zur Vajt gelegt. Frl. R u m M e l hat diese Schwierigkeit glücklich überwunden; für die Folge aber sollte man auch auf solche Dinge bei Aufstellung des Programms billige Rücksicht nehmen.
An Vocal-Musik wurden uns durch die Gefälligkeit zweier Damen, Frl. v. B rächt dahier und Frt. G r ä c in a n n aus Frankfurt einige angenehme Abwechslungen geboten. Ueber die letztere Sängerin, die hier wenigstens noch ganz unbekannt nnd augeirscheinlich überhaupt noch wenig aufgetreten ist, wollen wir uns, da ihre Stimme merklich angegriffen war, irgend eines