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^reihert uub Nechi!"

â ßl. Wiesbaden. Donnerstag, 13 März 1^51

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Briefe aus dem Gebirge.

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A Ach, so naht also der Tag, der das Erblassen des nassauischen Landtags von 1848 sehen wird!

Denn wie man auch über die Competenz und das Recht zum Leben des in das Jahr 1851 hiueintagenden Landtags immerhin denken mag: das Eine wird wohl von allen Seiten zugegeben werden, daß mit dem Ende des März der Lebeusfaden des Landtags ablaufen muß.

Dreimal ist der Landtag eröffnet worden, und nun heißt es klar in unsern Gesetzen: zwischen dem l. Ja­nuar und dem 1. April muß in einem jeden Jahre der Landtag eröffnet werden; vor Ablauf des Marz muß also entweder ein neuer Landtag oder gar kei­ner eröffnet werden. Der jetzige kann aber sicher nicht abermalseröffnet" werden, da ja in diesem Falle unzweifelhaft mit der Eröffnung eine 4jährige Periode während sie bekanntlich nur3jährig ist vom Landtage usurpirt würde, und wenn die Abgeordne­ten etwa auf Wunsch oder im Einklang mit der Regierung ohne alle weitere Eröffnung über den 1. April hinaus in der Kammer zu Wiesbaden bleiben wollten, so bil­ligten sie damit das gouvernementale Vergessen des 8. 58 der nassauischen Codisikatiou, und machten sich selbst einer Kontravention gegen diesen Paragraph, der in seinem ersten, nur hierher gehörigen Absatz wörtlich lautet:Der Landtag wird jährlich zwilchen dem 1. Januar und 1. April und sonst im Laufe des Jah­res, so oft cs erforderlich scheint, außerordentlich zu- sammenberufen", schuldig.

Der Landtag, von dessen hohem Alter eine Corre- spondenz, Montabaur, in No. 49 JhreS Blattes spricht, wird sich selbst gewiß sehr nach Ruhe sehnen, und den Tag als einen glücklichen preisen, der ihm verstattet, das müde, welke Haupt zur kühlen Erve zu senken. , , u ,

Ach! es wird rührend sein, wenn der gestorbene Landtag zur Grube getragen wird!

Wunderlich und zum Theil grau,cuhafter Art wird der der Leiche folgende Leichenkondukt beschaffen sein. 'M Gleich hinter dem Trauerwagen werden viele weib­liche Gestalten erscheinen, die gespenstisch rasch vorüber- qleiten; diese werden alle dadurch sich auszeichnen, daß sie an dem bloßen, nackten Hals einen blutrothen Strich zeigen, auf dem der Kopf sich wackelnd hin uno her- bewegt. _

Es sind die vielen deutschen Schwestern des naffan- schen Landtags von 1848, die vielen deutschen Kam­mern, welche in den Jahren 1848, 49 und 50 das Licht per Welt erblickten und eines gewaltsamen To­des durch dieAuflösung", hinter der die Bajo­nette der wackern Baterlaudsverthtidiger lauerten und durch dieSprengung", in der diehaarscharfen" Säbel gezückt wurden, dahin welkten.

Allen voran stumm, ernst, bleich schwankt das deutsche Parlament, von des Römers Hand ködtlich getroffen.

Und nach den Schwestern kommen im ernsten Zug die ruhelose» Seelen der Kinder, welche vor dem Land­tag starben: Das Gesetz über die Besteuerung der Capitale, das über die Besteuerung der Einkommen, das Bürgerwehrgesetz.

An diese unheimlichen Abgeordneten des Pades reihen sich die lebendigen Kinder, die Gesetze alle, welche dem Landtage das Dasein verdanken; einige von ihnen sind hinfällig und nicht für eine lange Reise gebaut; andre sind frisch und mit kirschrothen Wangen aber über ihnen hängt an einem dürren Haare das dro­hende Schwert der Dresdener Eonferenz.

Nach ihnen schreiten ernst einher einige bekannte Hansthiere der Veziere des Reichs, welche letztre zum Dank für die ausgezeichnete enteilte eordiale und um ,licht selbst zu kommen, diese Thiere als Beileidsbezeu­gung senden werden.

In weiter Ferne folgt, ties verschleiert und in Thränen gebadet, die Hoffnung deS Volks; - die Liebe des Volks wird zwar eingelaven wer- ven, aber nicht erscheinen.

Wenn der Zug am Grabe angekommeu sein wird, so wird ein Theologe, dessen dvnuerähnliche, Bânmc entwurzelnde, gigantische, titanenhafte Stimme wir oft mit Beben in unseren fernen Gebirgen gehört haben - ssch erheben und den Mund aufsperren zu einer Leichen­rede. . _ ...

Dann aber plötzlich wird ein Donner ertönen, her des Theologen Stimme verstummen macht und auf einer Wolke werden drei erhabene, reine Frauengestal­

ten sich bis an die Schwelle des Grabs herab enken. Und die erste, die mit den dunkelen üppigen Locken, mit den Blitze schleudernden Augen, mit dem herrlichen Busen, wird sprechen:Ich bin die Revolution von 1848; ich bin deine Mutter, und du Landtag! hast mich, mit Ausnahme von wenigen wackeren Treuen, die ich der Liebe des Volks empfehle, verleugnet, und du hast deiner Mutter Andenken vergessen, als du diese deine rechtmäßige Gattin (sie wird dabei auf das Weib in der Mitte mit den lieben treuen deutschen Augen zeigen), als du diese, die deutsche ReichS- Verfaffung, die meine Tochter, wie du mein Sohn, verstoßen und dich an die Berliner Hetäre, die U n k o n s« verfass«ng gehängt hast. Deine Wage wird sinken, wenn du vor diej strengen Richter Rhada- manthus, Aeakus und Minos trittst."

Drauf wird die Dritte, .die mit den blonden Locken, mit reu zarten Formen, und den Reben im Haar, beginnen:Ich bin die nassauische Con­stitution ; du Haft dein legitimes Kind nicht aner­kannt, und ftatt meiner einen Wechselbalg die Co- difikation untergeschoben: Du wirst keine Gnade finden vor dem unpartheiischen Richterstuhl der Nach­welt."

Damit werden die Frauen verschwinden, wie sie gekommen. Die Menschen aber werden von dem gan­zen Zuge nichts sehen, als die bekannten Hausthiere der Veziere; sie werden nicht vernehmen die Reden der Revolution und der Constitution.

Diese armen Sterblichen, die im Dunkeln wandeln, denen der Spruch der Zukunft verborgen, und vor denen nicht aufgeschlagen liegt das heilige Buch der Geschichte, werden rufen:

Der Landtag ist todt!

Es leben die Lebendigen!

Es leben die wieder einfache Menschen­kinder geworden sind und die eben noch Glieder des todten Landtags waren!

Und wenn dann ein Theil dieser einfachen Men­schenkinder, dessen Uneigennützigkeit das Volk genügsam kennt, den Wanderstab in die Hände nehmen wird, unter Absinguug des folgenden Liedes:

Bemooöte Bursche ziehen wir ans! Ade!

Behüt' dich Gott, o Ständehans! Ade!

Den Hammer zieh'» wir jetzt uns ein,

Jetzt heißt es: Selber Amboß sein!

Ave! Ade! Ade!

DaS Scheiden von den Diäten thut weh!"

So werden sie in allen Orten, wo der Sterblichen Feuerheerde rauchen, mit Hallelujah! mit Lobgesängen und Palmen, und Hosianah! und Gelobt sei der da kommt empfangen werden.

Vielen der früheren Abgeordneten aber werden feierliche Deputationen, aus ehrwürdigen G.eisen, herr­lich strahlenden weißgekleideten Jungfrauen, ernsten klaren Männern und schöngelockteu Knäblein mW Mäg­delein bestehend, werthvolle Geschenke nach der Metro­pole des Reichs überbringen.

Da einige vorlaute Mädchen, die vor mir keine Geheimnisse haben, mir einstweilen die Geschenke für mehre dieser Glücklichen ausgeplaudert haben, so will ich, auf die Gefahr hin, mich einer kleinen Indiskretion schuldig zu machen, einige dieser Geschenke namhaft machen, und das Herz der Betreffeudenden wird höher schlagen, wenn sie die himmlischen Freuden vernehmen, die ihrer warten:

Jost Schmidt von Hömberg wird eine schöne güldene Krone erhalten, die man, weil ihre Decke durch­löchert ist, auch als Sieb gebrauchen samt, und auf deren Reif die schönen Buchstaben eingegraben stehen:

Consequentiae ac persevèrentiae coronam!

Carl Tripp von Hundsangen: einen gött­lichen saftigen Schinken, der die von Westphalia alle überstrahlen wird, mit einer rosafarbenen Schleife, auf die die Worte eingestickt sind:

Dem Manne, der durch seine Billigung des An­schlusses an die Union die Viehzucht des Westerwaldcs, welche hauptsächlich nach Preußen iyren Absatz hat, gerettet hat."

Johann Philipp Heyl von Weyer: eine große dicke Bretzel, die keine Schleife hat, und taub- stninnr ist.

Franz Bertram von Wiesbaden: einen alt­deutschen Patrizierrock; dazu eine goldue MagistratSkette.

Wenn Herrn Bertram dieses Gewand überbracht wird, so werden Pro fe ssor Fresenius (welcher ein herrliches Schwert erhält, weil er als tapferer Kämpfe daS WörtchenGottesgnaden" mit Enthusiasmus zer­hauen und zerstochen hat,) und Philipp Müller

von Eschborn, dem eine Petition zugedacht, welche für ihn die erbliche Paine bei der Erekutive beantragt, die Schleppe desselben tragen.

Weil Herr Bertram ein großer Freund der Preß­freiheit ist, gleichwohl aber ebensowenig, wie die eben» genannten Bürger, die frechen Ercesse der Presse gut­heißen kann, so werken ihm außerdem die Setzer und Drucker von Wiesbaden einen solennen Fackelzug mit bengalischen Flammen bringen.

Ober!Leutnant von Gödecke erhält einen le­bendigen Delphin, der so stumm ist, wie ein Fisch, und außerdem noch einen Januskopf von Gold, der in die Vergangenheit und in die Zukunft schaut.

Soweit haben mir die schwatzhaften Fräulein ge­beichtet; wenn sie noch mehr erzählen, werde ich nicht verfehlen, weitern Bericht abzustatten.

Zur deutschen Frage.

X Langweilig bis zum Einschlafen ist die Arbeit, den Krümmungen der Diplomatie zu folgen, welche den Stein des Sisyphus wälzt; aber es wäre thörigt, wenn die Völker diesem Steinwälzen der Bundesreftau- ratoren nicht mit wachen Augen auf Schritt und Tritt folgen wollten. Es läßt sich gar viel aus diesem Schauspiele lernen und deshalb müssen wir immer wieder darauf Hinweise». Die Dresdener Konferenzen werden auch in Fraukfu.t als beendet betrachtet. Auch Schwarzenberg will jetzt im schlimmsten Falle zum Bundestage zurückkehreu, doch .soll Preußendie Gesell­schaft in der Eschenheimer Gasse" als Bundesversamm­lung anerkennen, während Manteuffel den Bundestag als ein neues Institutaus dem übereinstimmenden Willen beider Großmächte resultiren" und den Eschen­heimer Club links liegen lassen will. Die Verhand­lungen sind also da wieder angelangt, von wo sie auSgingen. Nach Mittheilungen aus Berlin stände die Sache jetzt so, daß jetzt nicht sowohl das Alternat (daS Wechseln) daö Präsidiums diskutirt würde, sondern eine Art gemeinschaftlicher Ausübung der Präüdi iliunk- tionen. Darnach wäre Schwarzenberg jetzt auch gleich Manteuffel bei der dürrenEhre" angelangt. Ein bloßes Ehrenpräsidium bliebe Oesterreich, währeud alles Geschäftliche von den beiden zu kreirenden Präsidenten unterzeichnet und erlassen würde. Hinsicht­lich der Stimmen bliebe es bei den l 7, jedoch in folgender Lertheilung: Oesterreich und Preußen jedes 3, Baiern 2, jedes der kleineren Königreiche eine, Baden eine, die beiden Hessen zusammen eine, 4 für die andern kleinen Staaten und diese als Kurialstinimen organisirt. Hier­mit wäre Badens Verlangen, gleich Württemberg eine Virilstimme zu erhalten, befriedigt und Preußen er­hielte dadurch allerdings eine etwas bessere Stellung. Oesterreich windet und dreht sich wieder und steckt sich hinter seine Verbündeten die es erst konsultiren müsse. So zuversichtlich sich Schwarzenberg früher zeigte, so erhellt doch aus der von derN. Pr. Ztg." veröffent­lichten Drohnote gegen dieKleinen", daß am 23. Februar kein Votum in Dresden erfolgte: wäre zu­letzt nicht die Zustimmung Aller vorbehalten worden, wozu dann jene Drohungen? Diese Circularnote ist ein diplomatischer Fehler, da ohne alles Ehrgefühl aufzugeben, dieKleinen" sich solchen Fußtritten un­möglich willfährig zeigen können. Ihre Veröffent­lichung durch dieKreuzzeitung" aber zeigt, daß zwischen Schwarzenberg und der preußischen Cama- rilla nicht mehr die früheren Rücksichten verrschen. Eine nicht minder großen Taktlosigkeit, als jene Droh­note, war von Seiten der österreichischen Partei die höhnische Sprache derAugsb. Allg. Ztg", deren Dresdener Berichterstatter gegen die protestireuden Staa­ten sich in Ausdrücken erging, die tief in's Fleisch schneiden mußten. Es ist allerdings arg, in dein leitenden Organe der deutschen Diplomatie Baden einenTaschen staat" genannt zu scheu,in wel­chem Revolution gespielt werde und der nicht einmal seine eigene Reichsfrstung selbst besetzen könne!" Daß Baden seine ReichSfestung nicht allein besetzen kann, antwortet man auS Karlsruhe sehr richtig, ist doch wohl sehr natürlich, denn wie wäre denn sonst die Festung Rastatt eine ReichSfestung? Und ferner: Wenn Baden dann weiter verübelt, daß cs die un­erhörte Kühnheit hatte, sich mit Sachsen, Württem­berg und Hannover auf eine Linie stellen zu wollen, so fragen wir, wo denn hierin die Kühnheit liegt? In Hinsicht der Volkszahl steht es bietenGroßstaa- tcn' fast gänzlich, in materieller Beziehung aber voll­kommen gleich, wenn eS ihnen nicht gar überlegen ist.