„Freiheit und Recht!"
M ÄÄ. Wiesbaden Donnerstag, 6 März INZL
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Briefe aus dem Gebirge'
V.
5 Ein sentimentaler Held der Reaktion hat in der edlen „Karlsruher Zeitung", welche nach Hetärenart stets dem sich hingibt, der ihr am meisten zahlt und am mächtigsten dünkt, mit schwärmerisch verzücktem Angesicht ausgerufen: „Auch Stickereien, Gebilve von zarten Frauenhänden, werden in der Londoner Ausstellung ihre Stelle finden."
O edler Ritter von Karlsruhe, du dachtest wohl an die feinen, marttEnen Hände, die sich nie mit harter Arbeit beschmutzten und die zur Arbeit nur wie zu einer Spielerei, einem Vergnügen schreiten! Du hast also nicht gewußt, wie viele zitternde, unglückliche, bald von Kummer, Entbehrung und Noth abgezehrte, bald von der Härte und Strenge der Arbeit schwielige „Frauenhände" an den Produkten, welche in dem Glaspalast ausgelegt werden sollen, gearbeitet haben mögen ? _
Oder wußtest du, daß außer den „Stickereien" auch bei vielen andern „Gewerbserzeugnissen" noch viele Frauenhände thätig waren, und du vermiedest es, das dunkle Bild deS Elends, auf dem die weinende Mutter, die verlassene Gattin, und die früh dem Unheil in die Arme geführte Tochter des Proletariats die ergreifendsten Rollen behaupten, aufzurolleu, — und du vermiedest es, unangenehme Empfindungen in den Frauen mit den „durchsichtigen reinen Händen", welche die schmutzigen Reaktionsblätter vorzüglich lieben, hervorzurufen, — du vermiedest es, die „schönen" Augen, welche vom Spiegel auf den Roman,, vom Putztisch auf die edle Karlsruheritt, von dem Pariser Modejournal auf den feurigen Lieutenant mit der feurigen Uniform in ewigem Kreislauf zu schweifen pfle- $fu _ mit der Eringernug an das unglückliche Weib der Armuth und das noch unsäglich ungliicklichere der Schande zu betrüben?
Zartinniger Mann der zartinnigsten Rücksicht, grolle mir nicht, aber deine blasirte Phrase hat einen tiefen Groll aus meinem Herzen heraufbeschworen. Ich zählte im Geiste die Thränen, welche die englischen feinen Gebilde aus manchem matten Frauenauge benetzt haben mögen; ich zählte die Verwünschungen der englischen Mädchen, die, weil sie beim Nahen verhungern oder bald verkrüppeln, oder frühzeitig sterben müssen, der Sirenenstimme der Verführung Gehör schenkten, und, anfangs im Sinnenrausche dahin taumelnd, sehr bald in unerträglichen Oualen des Körpers und des Geistes sich verzehren; ich zählte auch die Seufzer der englischen Mütter, die bis zu dem Tag v o r ihrer Geburt, uns gleich au dem Tage nach der Geburt, in der Fabrik schaffen, schaffen, schaffen müssen, damit sie nicht mit ihren Kindkein die Beute des Hungers werden. Zarte Frauenhände haben auch Stickereien geliefert!
In Paris allein sind es folgende Arbeiten, in welchen Frauenhände, die freilich anfangs auch so zart und weiß und schön waren, wie die der Salondamen nur immer sein mögen, beghästigt sind: Waschen, Schuhbesetzen, Sticken, Metall - Brunnen , Porcellan- Poliren, Pappenmachen, Coloriren, Mützen-Nähen, Stricken, Lichtziehen, Bogenschneiden in den Druckereien, Strohhut-Nähen, Kleider-Nähen, Bettdecken-Steppen, Abschneiden in Schlcierfabnken, Holzvergolden, Blu- menmachen, Knopfmachen, Arbeiten bei einem Goldschläger, Handschuh-Nähen, Halsbinden-Nähen, Weiß- Nähen, Silber- und Email-Poliren, Nahen und Schneiden von Mode- und Putzsachen, LaumwvUenspinnen, Federnmachen, Sti'efelpflöckemachen, Goldtressespinnen, Wollespinnen , Plätten, Nudelmachen, Tapetendrucken. Und waS ist der Lohn dieser Arbeiterinnen?
Nur die Wäscherinnen, Goldkressenspinnerinnen, Tapetendruckerinnen , MetallbrÜnirAinnen, Strohhut- näherinnen und Silber-Polirerinnen erhalten täglich bei der unausgesetzten Arbeit einige Centimes mehr als zwei Francs; der tägliche Verdienst aller Arbeiterinen in den übrigen genannten Zweigen schwankt zwischen 60 Centimes und 1 Franc und einigen Centimes.
Dazu kommt, daß nur im Stricken, im Bogenschneiden in den Druckereien, im Weißnähen und Tapeten- drucken das ganze Jahr hindurch Verdienst möglich ist; von den übrigen eben genannten Beschäftigungen, bieten den verlangenden Frauenhänden nur 7 auf 6 Monate; nur 3 auf 5 Monate; nur 11 auf 4 Monate; und endlich nur 7 auf 3 Monate — vollen Verdienst.
Der Karlsruher mit seiner romantischen Frauenhand erinnerte mich auch an die unglücklichen Berliner
Näherinen, die, weil ihnen die Herren Berliner Schneidermeister unter der Aegire des Zünftlers und Schutzzöllners v. d. Heidt, das Nahen, das ehrliche Gewerbe untersagt haben, nur die schauverrolle Alternative zwischen Hunger und Prostitution haben.
Auch dachte ich an die feinen und zarten Hände der bejammernswerthen Kinder, welche in zarter Jugend an dem Altar der Industrie von der Barbarei unserer modernen Gesetze und unserer socialen Einrichtungen geschlachtet werden.
„Geht nur, so hieß es vor einigen Jahren in einer Petition von Menschenfreunden zu Mühlhausen, an die französischen Kammern, — — „geht nur um 5 Uhr Morgens durch eine Fabrikstadt und seht, wie sich die Bevölkerung an den Thüren der Spinnereien drängt. Ihr werdet unglückliche Kinder sehen, die bleich, hinfällig, verkümmert sind, blöde Augen und fahle Wangen haben, kaum athmen können und gleich den Greifen mit gekrümmtem Rücken gehen. Hört nur die Unterhaltung dieser Kinder an: ihre Stimme ist rauh, heiser, und gleichsam verschleiert durch die unreinen Miasmen, welche sie in den Spinnereien einathmen."
Und hier habt ihr auch einige Angaben über die Zahl der in den Fabriken beschäftigten Kinder:
Nach Djuipetiaux, „de la condition physique et morale des jeuns ouvriers, et des moyens de Laméliorer Brux: 1843“ waren in den britischen Fabriken 1835, (ohne die Handweber, Drucker, Färber, Bleicher) Arbeiter in den Wolle-, Flachs-, Seide- und Baumwollen-Fabriken beschäftigt:
Von 8 — 12 Jahren 20,588 oder 3,8 pCt.
„ 12-13 „ 35,867 „ 10/ „
„ 13 — 18 „ 108,208 „ 30/ „
„ 18 u. mehr „ 190,710 „ 53/ „
Summa: 355,373 od. 100 pCt.
Nach einer Schrift des Grafen Petitti di Roreto, vom Jahre 1841 zählt mau in den sardimsche» Landestheilen auf dem Festlande 964 Fabriken in Seide, Baumwolle und Wolle, (ohne die Seideuhaspelungen) mit 37,200 Arbeitern, worunter 7186 Kinder oder über 19 Procent. Von diese» Kindern gehen nur 1493 in die Schule, 829 sind durch die Arbeit gebrechlich oder kränklich geworden, rhachi tisch oder skrophulös. Auch das englische Gesetz vom 29 August 1833, gemeinhin Factoryact genannt, läßt immer noch Kinder vom 9. Jahr an zu und setzt nur uamcntlid) fest, daß Kinder, welche noch nicht das 13. Jahr zurückgelegt haben, nie mehr als 9 Stunden täglich arbeiten sollen; und auch selbst diese mageren Bestimmungen des Gesetzes von 1833 sind ganz unzureichend, weil die armen Kleinen sich für älter ausgeben als sie wirklich sind.
Jemehr die Reaktion sich heute bemüht, die Meinung zu verbreiten: als sei Alles recht ichon und gut gemacht; und die EMhlungen von des arbeitenden Volks Jammer und Elend seien nur grausenhafte Uebertreibungen, welche von ehrgeizigen und ränkesuchugen Demagogen ausgebautet würden, desto heiligere Pflicht ist es für die, welche sich gelobt, bis zum letzten Athemzuge auf Seite des niedergedrückten Volks zu stehen, dieses Volkes, seiner Arbeiten, seiner Entbehrungen, seiner sog. Belohnungen zu gedenken, und der Wahrheit Spiegel, welchen die Reaktion mit Bergen bedecken möchte, klar und hell hervorzuholen.
Wer — frage ich Euch — wer ist der Schöpfer des Wunderpalasts und der in ihm geborgenen Schatze?
Blickt auf den gebeugten wilden Hindu, den schwarzen Sohn Afrikas, der fern vom Mutterland im Joch der Sklaverei keucht; blickt auf eure christlichen Mtt- brüder, die Arbeiter Europas, die Proletarier, diese Sklaven der JndustrieorganisaNvn, diese Leibelgenen des Capitals, diese Ausgebeuteten, mit deren Fleiß und Geschick sich die Säcke der englischen Bourgeoisie ge- gefüllt haben!
Auf sie fällt nicht der leiseste Abglanz deS Ruhms, den das Capital allein für sich vmdizirt: »»gekannt, ungenannt, schleppen sie, der Menjchheit Lastthiere, ihr Leben dahin, ein Leben, das mehr ein fortgesetztes Sterben als Leben ist.
Doch verzagt nicht — ihr Bedrückten! Langsam entwickeln sich die neuen Epochen und schmerzlich, überaus schmerzlich! Verzagt nicht, ihr betrübten Mütter, ihr trauernden Väter, ihr verlassenen Mädchen und ihr gemißhandelten zarten Kindlein, kommen wird der Tag, der der Arbeitsrente ihr Recht bringt!
Die Vernichtuag der Orleanisten als Partei
5 Paris, 2. März. Die Presse ist heute außerordentlich lebhaft mit der Beerdigung des Creton'scheü Antrages beschäftigt. Die Stellung der Parteien tritt klarer als jemals dabei hervor. Zunächst erhebt sich die Frage, ob die „Fusion" zwischen den beiden Dynastien erfolgt ist? Zwischen den Dynastien — nein; wohl aber zwischen einem Theile der Orteanisieu und Legitimisten. Die orleanistischen Aktien, die einzigen- welche noch Aussicht hatten, unter gewissen Verhältnissen wieder Cours zu erhalten, haben durch die gestrige Abstimmung einen Stoß erlitten, der den vor drei Jahren erlittenen vollendet. — Es unterliegt heute keinem Zweifel mehr, daß die Orleanisten keine Chancen mehr haben, ja kaum kann fortan noch von einer Or- leanistenpartei ernstlich die Rede sein^, Guizot und Duchatel nebst mehreren andern groM 'Namen dieser Partei sind offen ins Lager der LeMmiste» übergegangen: wenn überhaupt eine, so halten sie nur noch die legitime Monarchie in Frankreich für möglich. „Ha es unter so günstigen Verhäbfüissen von 1830 bis 1848 nicht gelang, ein Bürgerkönigthum zu begründen, zu dessen Unterstützung sich so eminente Talente vereinigt hatten, so wird es nie mehr gelingen!" sagen sie. Wohl spricht sich hierin wieder die altbekannte Guizot'schè Eitelkeit auS, doch, davon abgesehen, haben diese altert Minister Louis Philippes wohl Unrecht? Auch ThierS> Changarnier und mehrere andere haben den Orteanismus aufgkgeben: sie stimmten gegen die Aufhebung des ErilS der orleanistischen Prinzen, doch nicht int Interesse des Legitimismus, sondern, wie ThierS jetzt jeden, der es hören will, erzählt, „weil unter jetzigen Verhältnissen die Republik allein möglich sei." Das Verfahren Berryers bei der gestrigen Verhandlung endlich hat eine Kluft zwischen den betoea Dynastien befestigt, die nicht mehr auszufüllen ist. Berryer agirt wie Schwarzenberg gegen Preußen: unbedingte reuemüthige Unterwerfung oder Vernichtung lautet das Entweder-Oder der Vollblut-Legitimität gegen die Quasi-Legitimität hier wie dort, Daß aber die Legitimisten der — Montagne diesen Sieg verdanken, ist das Schicksalsvolle dabei. DaS Elysee, das gestern Berryer Arm in Arm mit Dufraisse, obgleich dieser „ein Bluthund â la Marat" genannt wird, von den Orleanisten befreite, scheint das Bedenkliche der neuen Situation bereits zu fühlen; es freut sich kaum. Jetzt nach definitiver Beseitigung des Burgerkönigthums handelt es fich nur noch um LonapartismuS und Legitimismus. Je mehr jener von diesem bedrängt wird, desto mehr wird er der Republik in die Arme, oder in den Abgrund getrieben. Die Republik steht fester alS je!
Nassauischer Landtage
(Fortsetzung und Schluß.)
69 Wiesbaden. (Sitzung vom 28. Fe8rn ckr.) — Der Abg. Zoll mann rechtfertigt seinen Antrag über Einführung einer Branntweinsteuer.- Er will wegen der vermehrten Staatsansgaben auch neue Einnahmequellen schaffen. Im Verlaufe der Rechtfertigung sucht er nachzuweisen, daß Nassau von den es umgebenden Zollvereinsstaaten und iiainentlich Preussen gegenüber, bereits die einpfindlichsten Nachtheile erlitten habe. Preußen, die Thüringer Staaten, Kur- Hessen, Bayern, Würtemberg, Sachsen habe den Brannkwein besteuert, welches den Erpöik nach jenen Ländern hätte begünstigen müssen, die keine schützenden Mittel entgegkiisteUten. Durch die Besteuerung deck Branntweins würden bedeutende Stenereinnahmen gemacht und der Völler ei vorgebrugt. In Preußen erhebe man per Ohm Branntwein 6*/t Thlr. Steuer. Nicht die OHM Branntwein, sondern das gleiche Volumen Maische werde versteuert, wodurch dèr Brenner hingewiesen sei, soviel als nur möglich aus seinem Prodncte zu fabriciren. Durch diese Einrichtung seien in Preußen große Etablissements in Schwung gebracht worden, so daß man jetzt noch von dorther den Branisi- wein billiger beziehe. Für ausgeführten Branntwein sei in den letzten 4 Jahren (er gibt eine genaue Berechnung) mindestens eine Summe von 470,000 p. außer Landes gewandert. Er spricht gegen die kleinen Brannt- weinbreiinerreien, die mit der Landwirthschaft vcrbnn- ten werden k und beantragt, da durch die Einführung