„âeihert und ^echt!"
,M ZA. Wiesbaden Mittwoch 5. März INAK.
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Preußens Ecylla und Eharybdis.
X Die neuen Verhandlungen in Dresden stehen vor der Thür. Was hat die preußische Negierung vor? Ist sie noch immer mit dem Fluche der Unfruchtbarkeit beladen? „Preußen strebt die Aufrechthaltung der alten Bundeseinrichtungen an!" verkünden die im Geheimniß stehenden Berliner Blätter. Aber hat denn nicht dieselbe Regierung hundertmal nachgewiesen, daß der alte Bundestag nichts tauge? Sollte sie vergessen haben, daß er die Tafelrunde war, wo der alte Staat sich so lange an Polizeimacherei gütlich that, bis er an derselben platzte? Nicht doch, man verhehlt sich nicht, „daß die alte Einrichtung höchst mangelhaft war" und arbeitet deshalb worauf hin? Auf eine starke und umfassende Militärvollziehungsgewalt. Aber sieht man venu nicht ein, daß eine solche Militärvollzichungsge- walt doch nichts als eine Polizei auf breitester Basis, also das als nicht stichhaltig befundene Alte ist? Sieht man nicht ein, daß eine Militärdiktatur solcher Art alle Staaten dem Mächtigsten rettungslos in die Hände liefert? Sieht man nicht ein, daß es gar kein gefährlicheres Erperiment für Preußen gibt als dieses „angestrebte"? Eine Mil itärv ollzugsgew al t, wenn sie wirksam sein soll, kann schon ihrer Natur nach als Militärdiktatur nur faktisch in eine r Hand ruhen. Diese Hand aber würde doch ohne allen Zweifel nur eine österreichische sein können. Preußen lieferte sich also zu seiner Sicherheit gegen seine eigene Bevölkerung einem fremden Diktator auf Gnade und Ungnade aus: wäre das kein Selbstmord? Doch nein, Herr von Manteuffel strebt eine zweiköpfige Militärvollzugsgewalt an, eine Diktatur, woran der Prinz von Preußen be- theiligt wäre. Aber sollte Schwarzenberg so kurzsichtig sein, nicht zu merken, daß dies nichts mehr noch min- ber wäre, als eine in der Geburt gelähmte, also nicht blos nutzlose, sondern höchst gefährliche neue Institution? Wahrlich nicht! — Wenn Oesterreich also auf den Dualismus Made auf dem Gebiete eingeht, wo eine Zweiköpfigkeit am Allerwenigsten zu dulden und jeder Zwiespalt am Gefährlichsten ist, so kann von vorn herein nur ein Schein dualismus verstanden sein, so kann es sich also nur um eine Beiläuferschaft des preußischen Mitdiktators handeln, wie sich dies bereits bei der Mitkommiffärschaft in Kurheffen und Holstein so eklatant zeigte? Strebt der Prinz von Preußen nach Peuckers und ThümenS Lorbeeren? Glaube es, wer es kann! Sollte also Manteuffels neue „Idee" gelingen, so stände entweder ein Kampf zwischen den Diktatoren bevor, der zur Lähmung oder zu den tollsten Sprüngen der Diktatur lind endlich zu dem jähen Sturze derselben führen müßte, oderein gläubiges Hingeben Preußens an Oesterreich zur Vollfnhrmig der — österreichischen Pläne. Je mehr aber diese ihrer Erfüllung entgegen gehen, desto näher greifen sie Preußen an's Leben und desto offenkundiger wird
Ein Brief von Gottfried Kinkel.
Durch Mittheilung zweier Briefe von Gottfried Kinkel und seiner Frau in der „Tageschronik" erfahren wir, — sagt die „Ztg. f. Nordd." — daß durch Krankheiten der ganzen Familie das Glück derselben getrübt, auch die äußere Lage eine ungünstigere geworden, als aüjuüehnum war, wenn beide Gatten ihre volle Arbeitskraft hätten geltend machen können. Die Familie bedarf jetzt der lluterstützung ihrer Freunde. Die „Tageschronik" theilt auch den Brief mit, welchen Gottfried Kinkel an die Bürger von ist. Louis auf deren Einladung, dorthin zu kommen, richtete. Derselbe lautet:
„Geehrte Bürger und Parteigenosten!
Ihr so freundliches und ehrenvolles Schreiben, das mir die Einladung in Ihre Mitte überbrachte, ist mir erst am 11. Februar zugekommen und hat mich innig erfreut. Nach zwei schweren Leideusjahre» tritt mir auch in Ihrem fernen Westen, der für Nordamerika das welterlösende Banner der Demokratie hoch emporhält, eine Gesinnung entgegen, die nicht blos mir selbst mein Dulden überreich vergilt, sondern mir auch zeigt, daß für die große Parteisache, welche zugleich die heilige Sache der Menschheit ist, dieses Dulden nicht umsonst war.
Fürwahr, Bürger, es hat in den Kämpfen der letzten Jahre meine Seele oft der Wunsch beschlichen,
sich's zeigen, daß Preußen durch Erreichung der Militärmitdiktatur nichts weiter erlangt, als die Verpflichtung, Oesterreich überall die Kastanien aus der heißen Äsche zu holen, für Gesammtösterreichs Erhaltung sich opfern, sich verbluten, sich moralisch und faktisch vernichten zu müssen. Wie unglücklich das Eingehen Preußens auf Schwarzenbergs „impertinente" Forderungen demnach für das Haus Hohen- zollern auch ist, nicht minder unglücklich wird das Erreichen der Militärvotlziehungsgewalt mit oder ohne Betheiligung desPrinz von Preußen sein. Wenn aber hierüber den Herren in Berlin zu rechter Zeit noch ein Licht aufginge, was dann? Preußen verdankt seinen Ursprung den Revolutionen, womit das Mittel- alter zum Abschluß eilte, es vertäust seine Größe der Revolution, die Friedrich der Große gegen Kaiser und Reich durchsetzte, wie der demokratischen Institution seiner Mrlitäreinrichtungen in Folge des Aufschwunges der sogenannten „Freiheitskriege". Mit der Revolution brechen, heißt daher für Preußen nichts Anderes, als von seinem Ursprünge abfallen, mit seiner Kraft brechen. Preußen fällt aus der Scylla in die Charybdis, seit es Den Spruch befolgt: „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß!"
Preußen hinkt auf beiden Beinen, seit es „sich lahm gelegt hat"! Oesterreichs ganze jetzige Größe besteht in Preußens Schwäche! Ein starkes Preußen und Schwarzenbergs ganze Schöpfung wird zum Kartenhause. Die österreichischen Staatsmänner wissen dies so genau, daß sie sehr richtig den ganzen Nachdruck ihrer Agitation auf das Revolutionsbrechen legten. Ein Preußen, das von seiner Vergangenheit abfällt und sich vor sich selber fürchtet, ist eine sichere Beute seines ältesten Feindes: Oesterreichs; ein Preußen das diesem Vasallenthum entgehen will, muß Schillers Spruch auf seine Fahne schreiben:
„AnS Vaterland, aus theure schließ dich an,
Das halte fest mit deinem ganzen Herzen!"
Ein solches Preußen „ginge freilich imDeutschland auf"; aber dieser Opfertod wäre eine Glorie eine Verherrlichung, eine Auferstehung in einem neuen, herrlichen Zustande; doch ein Aufgehen in Oesterreich, was wäre es anders, als was schon hundertmal ausgesprochen ist: Preußens tiefste Erniedrigung — der Selbstmord eines bankerott gewordenen Spielers s
Wer Augen hat zu sehen, der wird finden, daß Preußen als solches so oder so verloren ist; es bat nur noch die eine Wahl: ob es sich opfern will der großen Zukunft des deutschen Vaterlandes oder ob es sich hinopfern will für die Wiedererstarkung des Hauses Habsburg, seines ältesten und ewigen Feindes?
9? a f f a ii 11 d) e r Landtag.
. (Fortsetzung.)
69 Wiesbaden. (Sitzung vom 28. Februar.) Abgeordn. B r a n n : Der Herr Abg. Bellinger habe sich sehr weit verlaufen, ohne deshalb die von ihm daß es mir vergönnt sein möge, in Amerika Frieden zu finden, um in der milden Ruhe des HauseS, in beglückender Thätigkeit als Forscher, Lehrer oder Landbauer das krampfzuckende Europa zu vergessen. Auch heute noch liegt der Weg in Nebel gehüllt, auf welchem einst die Freiheit in unsere alte Welt leuchtend her- eiubrid)L
Es ist möglich, daß ganz Europa, England selber nicht ausgenommen, von der Raserei ergriffen wird, die demokratische Idee anszurotten, indem man deren Vertreter tövtet oder verbannt. Ich kann und darf für diesen Fall Ihr Anerbieten nicht undankbar ausschlagen, und koinmt es zu diesem Punkte, so werde ich jenseits des Meeres nirgendwo lieber siedeln, als unter deutschen Landsleuten und zumeist unter Ihnen, die solche Güte mir entgegentragen.
Noch aber ist die Stunde nicht da, daß ich die Hände in den Schooß legen dürfte; noch habe ich kein Rechtj zu rasten, und Europa darf ich nicht verlassen, so lange noch ein Fuß breit Lankes mir gegönnt ist, um zu verweilen. Hören Sie, liebe Bürger und Parteigenossen, meine Gründe!
Ich glaube an die Zukunft der alten Welt so fest wie an die der neuen, und selbst in der düstersten Kerkerstniide ist diese Ueberzeugung nie von mir gewichen. Die Gedanken der allgemeinen Freiheit, der Kampf gegen die Armuth und das gesellschaftliche Elend, der Glaube au die Möglichkeit, Alle zu beglücken — sie
(Braun) vorgebrachten Wahrheiten widerlegen zu können. Seines Wissens sei weder in der Paulskirche 1848, noch auf der Pfingstweide in Frankfurt von der Unthätigkeit des nassauischen Landtags die Rede gewesen. Hier aber handele es sich nur um letztere, nicht um irgend eine politische oder Partei-Frage, sondertt einfach vom Vorhandensein von Arbeitskraft und Arbeitswillen. Um diese Frage zu beantworten, sei es nicht nöthig, nach Frankfurt zu reisen, oder auf bet Pfingstweide herum zu spazieren. — Herr Bellinget meine, sein (Brauns) Vortrag kräftige das Ansehen der Volksvertretung nicht. Nein, sein Vortrag vermehre und vermindere nicht das Ansehen der Volksvertretung. Aber was das Ansehen der Volksvertretung vermindere, sei deren Unthätigkeit. Er habe diese Unthätigkeit blosgelegt, und nun gäbe man dem Arzt die Schuld der Krankheit, weil er die Ursache bet Krankheit gezeigt habe. — Herr Bellinger habe ein vollständiges Verzeichniß derjenigen Berichterstattungen, welche Mitgliedern der Linken zugefallen seien, vorge- lesen. Er danke ihm dafür. Dies Verzeichniß beweise, daß den Mitgliedern der Linken nur wenige Berichterstattungen und nur solche über unwichtigere Gegenstände oblägen, daß dagegen alle Berichterstattungen von Wichtigkeit sowohl in Händen der andern Partei, als auch im Rückstände seien. — Herr Naht behaupte, die Schuld der Unthätigkeit trage zum Theil auch die Negierung. Er wisse dies nicht, da er nicht in den Ausschüssen sei. Es sei wohl möglich, allein wenn eS sei, dann sei die Schuld der Regierung wenigstens nicht genügend festgestellt. Dies hätte geschehen müssen. Sobald die Regierung einem Ausschuß Schwierigkeiten in den Weg lege, müsse er beut Landtag Vorlage machen, damit dieser die nöthigen Schritte der Regierung gegenüber thue. Dies sei nicht geschehen; es läge also keilt genügendes Material vor, die Schuld der Regierung festzustellen; die des Landtags stehe fest. — Herr Großmann sage naiv, er kenne gar keine Majorität, welche die Ausschüsse gewählt habe. Es sei aber doch immer eine Majorität von 22 Stimmen gewesen, welche gleichlautend in die Ausschüsse, gewählt habe; und er glaube, diese Uebereinstimmung beruhe nicht auf göttlicher Inspiration, sondern auf menschlicher Verabredung. Herr Großmann mahne, die Parteifehden zu lassen, weil sie die Arbeit störten. Er habe diese Rüge ausgesprochen, weil er glaube, daß sie die Arbeit fördere, daß sie ansporne. Er traue der Majorität doch nicht zu, daß sie grade in Folge dieser Rüge um so unthätiger werde. Diese Rüge sei kein .frivoler Zwist, kein unüberlegter Angriff, sondern ein überlegtes Vorhaben, eine noth- gedrungene Vertheidigung und Abwehr seiner Partei, die er zu führen sich verpflichtet gefunden»
Abg. Kalt: Er trage auf Schluß bet sehr NNer« glücklichen Debatte an.
Die Abg. Lang und Snell protestiren gegen bte* sen Antrag, sie hätten sich persönlichen Angriffen gegenüber zu rechtfertigen.
sind heute wie nie auch in unserm Welttheile verbreitet, und sie sind zugleich so vernünftig, der ewigen Weltordnung und den Forderungen des Menschengeistes so angemessen , daß an ihrem Siege kein Denkender mehr zweifeln kann. Nur schwache Charaktere, glaubenslose Naturen, nur solche Geister, die von dem Augenblick ihre 'Ueberzeugung beherrschen lassen, sehen heute mit blasser Feigheit der Zeit ins Auge oder verkaufen sich den Machthabern. Wer aber mit männlicher Ruhe und Klarheit, aufgehellt durch den Hinblick auf die bisherige Geschichte, den Finger an den bald fiebernden, bald stockenden Puls der Zeit legt, der empfindet die furchtbare und doch erfreuende Nähe einer Krise, in welcher der gesellschaftliche Körper Europas alle giftigen Säfte ausstoßen und sich zu gesundem Fleisch und Blut unv gestalten wird.
In dieser Krise, Bürger, will ich nicht fehlen. Meine Partei, die deutsche Demokratie, hat mit Aufopferung und Treue mir Weib und Kinder erhalten, als ich ihnen kein Brod geben könnte, weil ich von geistiger Arbeit zum Bädmwollespulen herabgesetzt und mit meiner ganzen Erwerbskraft Dem gräulichen Ungeheuer des jetzigen Staates verfallen war. Ein edler Jüngling, selbst schon unter den Parteiführern glänzend, in eigener steter Todesgefahr als gewesener Offizier in einer Nevolutionsarmee, hat sich mit einer Freundschaft, der selbst das Alterthum nicht Gleiches an die Seite stellen kann an mein' Errettung gewagt und meine wunder-