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Freie Zeilmg.

âeiherr und Recht!"

JS A3 Wiesbaden. Dienstag a. März L8K1

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Briefe ans dem Gebirge.

IV.

§ Mit welchem Selbstgefühl wol der stolze Angel­sachse seinRule Briiannia anstimmen mag, wenn er sieht, wie alle Völker der Erde sich beeilen, in der Hauptstadt der drei vereinigten Königreiche die Pro- dukte ihrer Kunst und ihres Fleißes niederzulegen!

In der That hat mich nichts mehr von der Wahr­heit des Satzes:Le Iriden t de Neptune est le sceptre du monde, welchen der Dichter Lem irre in seinem didaktischen GedichtLe commeree nieder­gelegt hat, überzeugt, als die Londoner Industrieaus­stellung. Ja wol hat der die Herrschaft der Welt, welcher Herr der Meere ist!

Englands Handel und Schifffahrt feiern zunächst ihre größten Triumpfe: denn ohne die erstaunliche, nie geahnte Blüthe des englischen Handels, der den gan­zen Erdball umklammert halt, der in allen Ländern und Inseln sein Zelt aufgeschlagen, wenn sie auch nur ein eigenthümliches Produkt besitzen sollten, ohne diesen Handel Englands, der sich zu dem der Athener, Carthager, Venetianer verhält, wie das Weltmeer der Alten, das Mittelmeer, zu dem großen Atlantischen Ocean, wäre die große Ausstellung nie zu «staube ge­kommen.

Wird England in dem Strahlenkränze seines Ruhmes sich auch den Mann ins Gedächtniß rufen, der, wenn er auch nicht so lange regiert hat, wie viele Könige vor ihm und nach ihm, doch durch seine be­rühmten Schifffahrtsgesetze den Grundstein zu der Größe englischen Schiffahrt, des englischen Handels gelegt hat?

Wenn England dankbar, so wird es mehr als je in diesen Tagen sich daran erinnern, daß es sich glück­lich preisen mag, daß nach den treulosen, verrätheri- schen und ganz unfähigen Stuarts Oliver Crom­well, der Republikaner, das Ruder des Staats mit kräftiger Hand ergriff.

Wer die Geschichte Großbritanniens kennt, und in­sonderheit die Geschichte der englischen Industrie, der wird sehr wohl wissen, daß die heutige Industrie Eng­lands die Tochter des englischen Handels ist, und daß es sich nicht umgekehrt verhält.

Es ist auch eine nicht zu leugnende Thatsache, daß England, wenn ihm auch unbestritten Neptuns Dreizack zugefallen ist, doch keineswegs ebenso ausschließlich auf dem ganzen Gebiete der Industrie den Vorrang be­hauptet. Dieser Vorrang nach allen Zweigen der In­dustrie bei einem einzelnen Volke ist in der That eine Sache der Unmöglichkeit.

Von jeher hatten, und stets besitzen einzelne Völker für bestimmte Jndustriekategorien so günstige Situatio­nen, sei es nun wegen gewisser Verbindungen, wegen der Nähe und Unmittelbarkeit der Rohstoffe, sei cs wegen der Größe des »»gehäuften Capitals und der Fülle der Hülfsmittel und Werkzeuge, sei cs wegen des niedern Standes des Zinsfußes, der Billigkeit der noth­wendigsten Lebensbedürfnisse, und des Standes der von dieser Billigkeit bedingten Arbeitsrente; sei es wegen des Verhältnisses der Grund- zur Arbeitsrente, sei es endlich wegen der besondern Verfassung, der Bildung und Geschichte eines bestimmten Volkes---- vor allen übrigen Völkern, daß es für letztere den Stein des Sisyphus wälzen heißt, wenn sie sich an- schicken wollen, mit den erstem in den bestimmten In­dustriezweigen zu konkurriren.

! Frankreich hat bisher vor allen Ländern den Vor­zug in der sog. chemischen Fabrikation behauptet; cs wird sich zeigen, ob dies heute noch der Fall ist.

Auch wird Frankreich mit allen in die «seidenfa- brikation einschlagenden Artikeln alle andern Völker überragen; die französischen Gobelins, Tapeten, Teppiche, die französischen Hüte und Handschuhe, die Tücher von Louviers und namentlich auch die tu der Stadt Paris angefertigten Bijouterien, und soge­nannten Modeartikel, nicht weniger die Pariser Par­fümerien und Perrücken und gewiß noch manche andre Jndustriegegenstände , werden die englischen Fabrikate in den genannten Branchen nach den bisherigen Er­fahrungen wol sicher an .Eleganz und Geschmack über­treffen. '

England hatte bisher den Ruhm, in der sog. mechanischen Fabrikation den ersten Rang zu be­haupten. Die britische Industrie wird ereelliren in den Maschinen jeder Größe und Art; (wiewol auch in dieser Hinsicht die Vereinigten Staaten eine gefähr­liche Concurrenz in neuster Zeit eröffnet haben;) in

allen Zweigen der neuerdings bis in's Fabelhafte aus­gedehnten Eisenwaarenfabrikation; in allen auf den Schiffbau und die Schifffahrt sich beziehenden Gewer­ben ; in den Baumwollenwaaren, der Papierfabrikation, der künstlichen Verarbeitung des Papiers, wie in den feinen Arbeiten von Leder.

Und Deutschland?

Wenn man das unaufhörliche Geschrei der Schutz­zöllner, welche gedanklos die immer wolgemeinten, aber sehr häufig höchst einseitigen Urtheile von Friedrich List nachplappern, anhört, so sollte man fast meinen, Deutschland's Industrie werde wie sein Kaiser einst, als arme Büßerin zum Gespötte aller Nationen vor der Thüre stehen.

Aber dem wird sicher nicht so seiu. Im Mittelalter freilich hat der deutsche Gewerbfleiß alle Völker weit überstrahlt; das ist nun, Dank der bekannten deutschen Reichsohnmacht, Gott sei's geklagt, schon lange nicht mehr der Fall.

Allein gleichwol wird die jetzige Generation zeigen, daß sie nicht so ganz unwürdig der Väter ist, welche die Buchdruckerkunst, die Uhren, das Schießpulver und Vieles andere noch, erfunden haben.

Deutschland's Lein en industrie war bisher unüber­troffen; und die biklefelder, die schlessische, und han­novrische Leinwand wird sich gewiß hervorthun; auch die deutsche Verarbeitung des Holzes nach allen Richtungen hin, sowie des Stroh's, das böhmische Glas, die Berliner Farben, die musikalischen und chirurgischen Instrumente, das Meißner Porcellan, die Hanauer und Pforzheimer Bisutorien, werden wohlverdienten Beifall finden und nicht minder auch die Tücher, Garne, Bänder, Metall- und namentlich Eisenbahnarbeiten aus Sachsen und dem Wupperthale.

Wenn die Preise zu den eingesandten Waaren beigesetzt würden, so würde man auch finden, daß die deutschen Fabrikate, was ihnen etwa in einzelnen Branchen an Eleganz und Feinheit abgehcn sollte, reichlich durch die wahrlich nicht gering anzuschlagenden Vorzüge der Dauerhaftigkeit, und einer g r'ö ß e r n B i l l i g k e it aufwiegen würdtn.

Da bekanntlich die Lebensbedürfnisse, insbesondere die unentbehrlichen Nahrungsmittel viel billiger in Dentschland find als in Großbritannien, und da außer­dem die Concurrenz der in der Industrie beschäftigten Arbeiter in Deutschland bei einigen Fabrikzweigen in Deutschland sehr groß ist, so ist der Arbeitslohn in Deutschland im Ganzen viel niedriger als der in den drei Vereinigten Königreichen, und dieser Umstand, sowie namentlich der bis jetzt so sehr beschränkte Markt, welchen die famose deutsche Diplomatie der deutschen Industrie eröffnet hat, und weiter andere Verhältnisse, die sich bei den einzelnen Industriezweigen im Beson­dern nachweisen lassen, machen viele deutsche Fabrikate viel englischer als englische derselben Art.

Der schlaue John Bull hat das letztre wohl ge­wußt mrd deßhalb zu verhindern gesucht, daß aller Welt offenbar wurde, die deutsche Industrie könne sich trotz aller Klagetöne der Schutzzöllner, in vieler Hin­sicht kühnlich mit der englischen messen, und die deutsche Diplomatie, hat, weil sie eben zum Seelenheil der armen deutschen Jungen in Dresden die Federn schneiden muß, keine Zeit, um für des Leibes Heil zu sorgen, um dahin zu wirken, daß die deutsche Industrie würdig in London repräsentirt werde, und energisch darauf zu dringen, daß der pfiffige John die Preiszettel ankleben Usse! -

Nassauischer Landtag.

(Fortsetzung.)

69 Wiesbaden. (Sitzung vom 28. Februar.) Abg. Naht: Er theile vollkommen die Ansicht des Abg. Braun, daß die Majorität der Versammlung ihre Zahl mißbrauchend, die Ausschüsse nicht im Interesse der Sache und des Landes, sondern blos nach Partei­rücksichten zusammengesetzt habe und daß sie dadurch vieles von dem verschulde, was man der Versammlung der Abgeordneten vorwerfen kenne. Keineswegs aber sei er bannt einverstanden, wenn der Redner vor ihm die Negierung auf Kosten der Versammlung der Abge­ordneten erheben und von deren steigendem Ansehen im Verhältniß zu dem sinkenden der Versammlung spreche. WaS die Majorität in den Ausschüssen und Abstimmungen zum Nachtheile deS Landes und zum Schaden für das Vertrauen und das Ansehen der Volks­vertretung gethan habe, das habe sie lediglich unter dem Einflüsse und zum Besten der Regierung gethan.

Wäre die Riegierung anders, so würde auch die Majo­rität anders sein. Die Verzögerung und der Aufent­halt in den Arbeiten des Landtages rühre hauptsächlich von der Regierung her, theils durch die Art der Ge­setzesvorlagen, welche unannehmbar seien, und über die man sich nicht einigen könne, theils durch Hinder­nisse und Schwierigkeiten, welche von der Regierung ausgingen. Mit großem Unrecht setze man der Ver­sammlung das Ausbleiben eines Gesetzes zur Aufhebung von Erbleih- und Bannrechten zur Last, während eS doch bekannt sei, daß die Regierung sich auf das ent. schiedenfte gegen diese Aufhebung erklärt habe und cs blos an ihr liege, dieses Gesetz ohne Weiteres zu Stande zu bringen. Ein Gesetz über die Civilliste scheitere ledig­lich au dem Widerstreben der Regierung gegen jede billige Festsetzung, während, wie er zu wissen glaube, der Ausschuß ganz bereit sei, den Vortrag in der Sache zu erstatten, und nur damit zurückhalte, um nicht den Mangel einer Vereinbarung vor die Oeffentlichkeit zu bringen und eine ganz zwecklose Verhandlung zu ver­anlassen. Unterdessen nehme das Ministerium die ihm beliebigen Summen gegen den Kaminerbeschluß aus der Staatskasse.

Der Gesetzentwurf über Sicherung des Grundeigen- thums, über Hypotheken und Rangordnung der Gläu­biger könne, wie ihm versichert worden sei, nicht bear- bcüet werden, weil der Regierungscommissär erklärt habe, er sei mit sich selbst nicht einig darüber, ob ein solches Gesetz ausführbar sei. Auf solche Weise werde indirekt und im Stillen ein Gesetzesentwurf zurückge- nommen, oder doch dessen Berathung von der Regie­rung aufgehalten, die öffentlich der Versammlung der Abgeordneten zur Last stehe! Es sei überhaupt ent drückendes Gefühl und ein Haupthinderuiß der Förde­rung der Arbeiten des Landtages, wenn man sich sagen müsse, daß eine große und mühesame Arbeit doch ver­geblich sei. Dieses Bewußsein bestehe aber gerade bei den Anträgen und Entwürfen, deren Verwirklichung das Land als einen Fortschritt erwarte, weil hierbei überall die Zustimmung der Regierung theils schon ausdrücklich verweigert, theils nach deren Tendenz sicher nicht zu erwarten sei.

Alles, was daher zur Minderung des Ansehens dee Volksvertretung gesagt worden sei, falle größtentheils auf die Regierung zurück, womit er natürlich weder bie Willfährigkeit , womit man den Absichten der Re­gierung entgegenkomme, noch den Mangel an Energie im Eiitgegentreten gegen die bezeichnete Richtung der Regierung gegen. den gebührenden Tadel in L>chuA - nehmen wvUe.

Abg. Letsler: Gegen die Vorwürfe des Abg. Naht müsse er die Negierung in Schutz nehmen, nicht an allen Verzögerungen trage die Regierung die Schuld. Dieselbe sei ;. B. nicht daran schuld, daß über seinen (Leislers) Antrag, die Fideicormmsse betreffend, noch kein Bericht erstattet sei, das falle dem Abg. Naht zur Last; ebenso könne die Regierung nichts dafür, daß er (Leis­ler) den Bericht über das Anlehen noch nichts fertig gemacht habe, das falle ihm selbst zur Last. (Gelachter).

Abg. Großmann will in der Versammlung keine Majorität kennen, was gerade der Fehler seit Er meint, damit könne man die Arbeit nicht fördern, wenn man, wie der Abg. Braun es gethan, sich in Partei* vorwürfen und Persönlichkeiten ergehe.

Abg. Bellinger. Er fühle sich gedrungen gegen die Art und Weise aufzutreten, wie sich die linke Seite des Hauses öffentlich gegen die Majorität aus­spreche. Man habe der Regierung vorgeworfen, sie suche Einfluß auf die rechte Seite der Kammer zn üben, dies sei nicht der Fall. Die Regierung stütze sich allerdings auf die Majorität und diese halte es auch für Pflicht, die Regierung zu unterstützen, aber nur insoweit, als die Ansichten lerselben mit beiiett der Majorität übereinstimmten. Die Regierung könne sich doch wohl nicht auf die linke Seite der Kammer stutzen, die ganz entgegengesetzte Ansichten habe, das würde doch ein sonderbares Verlangen sein. Durch ein solches Auftreten, wie daS des Abg. Braun, müsse die Volksvertretung in ihrem Anjeoen immer mehr sinken, wie der Abg. Naht auch erwähnt habe. Er erinnere an die Geschichte des teutschen Parlamentes in Frankfurt, auch dort habe im Sommer 1848 die Linke die heftigsten Schmährecen gegen die rechte Seite gehalten, man habe die Auflösung des Parlamentes beantragt und auf der Pfingstweide gegen dasselbe auf , Has heftigste geeifert und so sei des Parlamentes Att­sehen durch Mitglieder be|| eiben untergraben worden. Als aber andere Zeiten gekommen seien, da sei es