„Dreiheit und Recht!"
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â ^O. W esbaden. Sonntag, 23. Februar 1N31.
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Die neue Theokratie.
V „Wenn Gewalt nicht hilft, dann greift man znr List!" -- ist alte Tyranncnregel, und, leider hat sich die List nur zu oft da noch bewährt, wo die Gewalt nicht auöreichte, wo die rohe Wuth, wo der Mord, die Zerstörung, wo Schwert und Kanonen, wo Kerker und Galgen sich fruchtlos erwiesen, nur den Widerstand erhöhten und die Idee verbreiteten^ statt auszurotten. Der republikanische General, welcher die Freiheit Noms gemordet, sagt deshalb mitNecht: ^-Soldaten und Priester sind die Grundpfeiler der Gesellschaft!" Die GMalt'weckt die Gegenwehr, die List hingegen umstrickt die Kräfte, macht den Mensche» zuin Werkzeug des eigenen Verderbens, zum Mitverschwornen seiner eigenen Unterdrückung; deshalb ist List gewaltiger als Macht, das Priesterthum der Freiheit gefährlicher als Schwert und Kanonen, nur daß das Priesterthum auch die Despoten hintergeht, weshalb diese wieder der Macht bedürfen.
Dieses zeigt die Geschichte im Kleinen wie im Großen, am schlagendsten aber in der Entwicklung des Christenthums.' „Nichts Neues unter der Sonne!" sagt Salomon, und unsere Zeit beweist, daß die Ne, aktion diesen Satz glaubt und die alten Mittel der Despotie anwendet. Ob sie indeß die alten Mittel nach den Umständen neugestaltet und anwendet, ist eine andere Frage, wovon daS Gelingen hauptsächlich abhängt.
Dreihundcrtjährige Verfolgung hatte das Christenthum nicht erstickt, sondern weiter verbreitet, hatte ihm die bessern Herzen erobert, jdie Schlechten ferngehalten; sein Sieg war durch Gewalt nicht mehr streitig zu machen. Da waffnete sich der schlaue Constantin, der Mörder seines Schwiegervaters, seiner Gattin und seines Sohnes, den die Priester den Großen nennen, da waffnete sich dieser Despot mit der, .List und nannte sich Beschützer des Christenthums, erdichtete Zeichen, welche ihm der Himmel gegeben.
Schnell wurden kaiserliche Beamten, Lakayen, Hoflieferanten, Fürsten und die reichen Großbürger (Christen, die Priester des Jupiter und deS SerapiS nahmen die Taufe und machten ihre Ceremonien zu christlichem Gottesdienst, — Alles machte Geschäfte tu Christen- thum. Und die kaiserlichen Beamten, die Großbürger ließen sich zu Vorstehern oder Bischöfen wählen, erwarben kaiserliche Gnaden, eine Kirche, besonderes allerhöchstes Wohlwollen für ihre Gemeinden, lullten diese in Jubel- traum ein und walteten nach eigenem Gutdünken. Bald war die demokratische Gleichheit aus den christlichen Gemeinden entschwunden, die Vorsteher handelten erst im Namen der Gemeinde, dann im eigenen, die Gemeinde wurde zur Heerde und ihre früheren Vorsteher waren ihre Herren, — der Despotismus war vollendet, die Religion die innere Polizei der Despotie. Die Bischöfe entwarfen ihre Satzungen, machten diese zum Gesetz, um die demokratische Idee des Christenthums in den Geistern zu ersticken. Was zum Segen der Menschheit gestiftet, wofür die edelsten Menschen geblutet, ward der Menschheit zum Fluche verkehrt — durch die List. Schon schlägt man dieselbe Taktik gegen die Demokratie unserer Zeit ein. Wir hätten nicht geahnt, daß unter den jetzigen Umständen, im Anblick deS frischvergossenen Blutes, mitten unter der Verfolgung, dieses Mittel der List versucht werde; doch wir haben uns überzeugt, daß der Versuch gemacht wird.
Daß der Druck, welchen die Reaktion auf das Leben übt, alle Volksklassen gegen dieselbe stimmen, daß zuletzt Alles nur Heil in der Demokratie suchen werde, davon waren wir längst überzeugt. Nur waren wir neugierig, wie sich die DeukungSart bei dem ^ peile deS Volkes gestaltet habe, welcher noch als folgsame Heerde dem priesterlichen Hirtenstabe folgt.
Wir wanderten deshalb in die heiligen Urwälder des Glaubens, in welche noch kein Licht der Zeitiree gedrungen, noch keine demokratische Zeitung den Weg gefunden, und noch keine Art deS Zweifels daö Dickicht gelichtet. Der Verfasser suchte vertrauliches Gespräch' anzu knüpfen mit den Bewohnern vom Knoten, anS dem Wälzkübel und der Höhe zwischen Elbbach und Rhein. Die Leute behaupteten, ächte Demokraten zn sein, — und der Verfasser dieses ließ sich ihre Demokratie erklären. Er vernahm von Allen dieselbe scharfe Kritik über Preußen, dieselben Hoffnungen auf Oe- stcrreich. — Im Wesentlichen lief die „demokratische Ueberzeugung " Aller dahin, daß die Fürsten den schlimmen' Rathschlägen Preußens folgten, daß Preußen an allem Unglücke Deutschlands- Schuld sei,
stets dem Volke von Freiheit spreche, um es zu hinter- gehen, stets das Gegentheil von dem wolle, was es sage, immer voller „preußischer Pfiffe" sei und keine Religion habe und Gott fürchte. Oesterreich aber habe stets mild und väterlich regiert, seine Völker seien glücklich und frei; Oesterreich sei ehrlich, weil es Religion habe, Deutschland könne deßhalb nur glücklich werden, wenn Oesterreich alleiniger Herr sei und durch die wahre Religion, Gottesfurcht unb Einigkeit herstelle; nur die wahre Religion bringe die wahre Freiheit. Kaiser Franz Joseph sei ein wahrer Demokrat, der werde Deutschland demokratisch, d. h. das Volk glücklich, einig und gläubig machen.
Nur durch Oestreich werde Deutschland neugeboren, nur von Oesterreich komme das Heil.
Wir müßten zurückkehren zu den Sitten der Väter, müßten gläubig, einfach und fromm werden, dann würden wir wie die Väter glücklich, welche Hiott und die Kirche ehrten, weshalb ihnen Gott SegeHgab. Außer der Kirche kein Heil. Die Kirche sei dei^ffratisch von Anfang an, sic liebe daS Volk, wie eine Mte Mittler !
Hört eö, Demokraten! Die Nltrarâtanen^sind demokratisch geworden, und.Kaiser Frau;>Zoseph ist ein demokratischer Kaiser!
Der Verfasser erkundigte sich auch nach den österreichischen Graueln in Italien und U igarn, doch darauf wurde ihm geantwortet: „Davon haben wir nichts gehört, das ist nicht wahr!"
In Limburg wurde mir versichert, daß in der Nähe ein Priester dieselbe politisch-religiöse Lehre von der Kanzel vorgetragen. In gewissem Sinne mögen die Leute nicht unrecht haben, in gewissem Sinne kann uns die Freiheit durch Oesterreich werden. Gewiß aber haben die Fürsten und das protestantische Preußen mehr Ursache, diese ultramontan-demokratische Lehre zn fürchten^ als die Demoki-atic. Unsere Zeit ist nicht die des Constantin. Die Demokratie in ihren Begriffen von Priestern verzerrt und entstellt, e? sind der Geister zu viele, die nicht aus Pricsterwort achten, die die reißenden Wölfe trotz des Schafpelzes erkennen, die zu gut wissen, baß die Demokratie keine Priester, keine Privilegien, keinen oktroyieren Glauben haben, und daß ein Priester nie Demokrat sein kann.
Nur interessant ist das Manöver der Ultramonta- nen für die Demokratie, und in gewisser Hinsicht sogar amüsant. ,
Die protestantischen Fürsten, welche durch Pietismus sich dem Jesuilismus ebenbürtig wähnten, und mit diesem einen Bund schlossen, mögen durch die Erfahrung die Wahrheit lernen:
Mit ultramo»taue» Mächten Ist sein ehelicher Bund zu flechten!
Aus diesem Bunde erwächst die Nemesis. —• Die Demokratie furchtet dergleichen Nebclgebilde nicht, sie hat einen zu hellen Horizont und an diesem strahlt die Sonne des freien Wortes, welche die Wolken zerstreut, welche von Anfang an war, die Welt erleuchtet, unb durch welche Alles geschaffen ist.
Doch wirket ihr Ultramontauen, wirket, Oesterreich wird's euch lohnen: Oesterreich bringt die Sünd- fluth und nach der Sündfluth kommt — die Demokratie, daS neue Jerusalem der Offenbarung! —
Herr Jost Schmidt und das Institut des KreisbezirkSrathS.
^ Wiesbaden, 21. Februar. Bei der jetzigen Berathung des Gesetzentwurfs über Forstorganisation machen sich besonders zwei Bestrebungen geltend; die Einen möchten den Forstbehördeu wieder alle Macht bei Aufstellung der Wirthschafts- nud Culturpläne, bei Au- und Absetzung der Förster, Abgabe des Streulau- bes u. s. w. überliefern, währenddem die Andern, durch langjährige traurige Erfahrung klug geworden, dem KreiöbezirkSrath eine entscheidende Stimme in allen wichtigen Forstangeltgenheiten sichern wollen. Nutz sollte man glauben, Herr Schmidt gehöre zu den letz- tern, er habe daS frühere Verfahren der Forstbehörde, das nur einzig auf die Erhaltung nnd das Wachsthum beü Waldes und nicht auf Vortheil und das Wohl oeö Waldeigeuthnmers, d. i. der Gemeinde, gerichtet war, sattsam kennen gelernt, er habe die vielfachen Klagen gehört, zu denen eine solche Misq htmig des EigeuthumSrechlS bei allen Dtmeindegliederu des Her- zöWuMs geführt hat, und freue sich nun, durch die
neuere Gesetzgebung eine Behörde errichtet zu sehen, welche vermittelnd und versöhnend auftritt, welche das Gutachten der Techniker und daS Wohl der ©einein« den in gleicher Weise vor Augen hat.
Dem ist aber nicht so! Herr Schmidt sucht im Gegentheil die Befugniß des KreisbezirkSrathS in jeder Weise zu beschränken, er sucht ihm den gewonnenen Boden Schritt vor Schritt wieder abzujagen, und somit das Kreisbezirksrathsgesetz selbst zu Grunde zu richten. Er, der stets über jede technische Frage ein voreiliges Urtheil bei der Hand hat, der sogar in der Sitzung selbst sich anmaßt, den Forstmännern Collegia zu lesen über tiefere Cultnren, welche jene bisher falsch betrieben hätten, derselbe Herr Schmidt sagt hnndert- ma! in einem Athem : „Das sind rein technische Sachen, davon versteht der Bezirksrath nichts, die müssen wir der Forstbehörde überlassen." Wir fragen nun, warum ist Jost Schmidt allein im Besitz aller Technik? Hat er sie als Kohlenbrenner erworben, nun so giebt es mehr Kohlenbrenner im Lande! Hat er sie als Bürgermeister erworben , nun so giebt es über 800 Bürgermeister im Herzogthum! Hat er sie als Bauer erworben, nun so giebt es hunderttausend Bauern im Lande! Hat er sie als kluger Mann erworben, nun so gibt es hoffentlich noch mehr kluge Männer, als Kohlenbrenner, Bürgermeister und Bauern im Lande?
Wir sehen also in keiner Weise ein, warum Herr Schmidt für sich allein das Monopol jedes technischen Wissens und UrtheileuS in Anspruch nimmt, es sei dann, daß die Gottheit den HanJost Schinidt von Hömberg vorzugsweise auSersehen habe, um ihn durch forstwirthschaft- liche Diviiiatiouen zu erleuchten, welcher letzter» Annahme (Herr Schmidt möge uns dies nicht verargen) wir jedoch keinen rechten Glauben schenken können.
Der Abg. Schmidt wird in seiner Wuth gegen das Bezirksrathsgesetz, wenn wir uns nicht sehr täuschen, sogar so weit gehen, daß er bei der zweiten Lesunz deS ForstgesetzeS für die Beibehaltung der Oberforst- "annrr^ftTTTLmv^ ^il er in diesen ein nothwendiges Gegengewicht gegen den „unwissenden" ürjnw— rath erblickt, dem leider bei der ersten Lesung zu viel Geltung geworden ist." Er behauptete sogar in öffentlicher Sitzung, er wolle lieber vom Ministerii.m, als vom KreiöbezirkSrath bevormundet sein. Man fragt nun: warum ist denn Herr Schinidt, ein Mann aus dem Volk, vom Volk gewählt, mit des Volkes Leiden und Bedürfnissen vertraut, so entschieden gegen dies volksthümliche Institut? Herrn Schmidt hat die Wahl seiner Mitbürger noch nicht auf einen jBezirksrathSsitz erhoben, ist daS deS Pudels Kern? Es wäre daher sehr zu wünschen, daß das Amt Nassau, wenn eS vielleicht £emr Schmidt nochmals in die Kammer zu senden nicht müde geworden ist, ihn auch zum Bezirksrath wähle. Sonst möchte cs geschehen, daß diese segenbringende Einrichtung auf gesetzlichem Wege wieder entfernt wird, wenn es der Vorsehung gefallen sollte, dem charakterfesten Herrn Schmidt an der Spitze von Männern, von denen man nur sagen kann: „ Herr, verzeihe ihnen, denn sie wissen nicht, was sir thun!" die Schicksale des Vaterlandes zur Entscheidung anzuvertrauen.
dtaffauifrber Landtag
(Fortsetzung.)
69 Wiesbaden. (Rachmittagsiltzung vom 18. Februar.) Nach dem Anträge der Minorität der Com- miisiou soll es im §. 15 heißen: „Die Anstellung der Förster und die Bcstimmuug des Wohnsitzes derselben erfolgt auf Vorschlag deS Oberförsters durch den KreiSbczirkS rath. Nach dem NegierungSèuttvurf soll dies von dem Ministerium des Innern geschehen. Die Abg. Schmidt und Wirth wollen hierzu folgenden Zusatz: „Zur Anstellung als Förster sind außer unbescholtenem Rufe nnd körperlicher Tauglichkeit, Nebung im Lesen und Schreiben, sowie womöglich practische forstwirthschaftliche Kenntnisse erforderlich, „ud cs haben diejenigen, welche auf eine Besoldung von 200 fl. und darüber Anspruch inachen , über ihre Befähigung eine Prüfung zn bestehen und erhalten alsdann die Bezeichnung Revierförstcr."
Ersterem Anträge stimmt die Majorität der Vei- iaurmluug bei, der 'letztere dagegen, wird auf das Leb- ^fdste und An f.ihrlichste von den Abg. Hanpt, R'aht, Du ikelverg, Born, Lang nnd Hehner bekämpft, er wird mit großer Majorität abgelehnt.