Freie Zeitung.
„âeiheit und Necht!^
J^ 80 Wiesbaden. Mittwoch 12. Februar 1831
Die „Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. — Der AbonnementSpreis beträgt vierteljährlich hier in Wicsdân I fl. 45 fr., auswärts durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Verbreitung der „Freien Zeitung" stets von wirksamem Erfolge — Die Jnserationsgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile 3 kr.
Die Schweizerfreiheit.
X Das Haus Habsburg hat Heimweh nach''der Schweiz. Es ist zwar schon lange her, daß die Schlachten bei Morgarten und Sempach geschlagen wurden, aber Oesterreich vergißt nichts. Längst ist in jenen Kantonen, welche einst die Begründer der helvetischen Freiheit waren, durch den Jesuitismus Alles zum Empfang der Fricdcnö- ciigel vorbereitet, welche die Schweizerberge von der Pest des Radikalismus heilen und ihnen das uralte heilige Asylrecht nehmen sollen, durch das sie seit vielen Jahrhunderten so manchem von Fürsten oder Priestern verfolgten Flüchtlinge Zuflucht boten. Wenn die Schweiz feig sich fügt, so verdient sie die ihr gestellten Zumuthungen; wenn sie halb nachgebend und halb sich sträubend Preußens Taktik ergreift , so mag sie darauf bauen, daß sie nicht so wohlfeil davon kommt, wie das Haus Hohenzollern — und welche „Garantien" sind diesem zugemuthet worden und welche werden ihm noch zugemuthet werden! — Sollte sie aber den Kampf für die Freiheit und und Unabhängigkeit wagen wollen, so muß sie sich erst im Innern der Freiheit und Unabhängigkeit ergeben, so muß sic sich an Haupt und Gliedern reformircn. WaS man seit Johannes von Müllers Phrasen so die „Schwci- zerfreihkit" zu nennen pflegt, ist ein klägliches Ding — eine Schulkinberillusion, doch leider keine Wirklichkeit. Es gibt manchen freien Schweizer, doch eine freie Schweiz gibt cs zur Zeit noch so wenig, wie ein freies Deutschland.
Die Engherzigkeit der Schweizer ist sprüchwörtlich geworden. Diese Menschen sehen nur so weit, wie ihre Thäler reichen; sie blicken stolz herab auf die zu ihren Füßen liegenden deutschen und italienischen Lande; sie finden den demokratischen Geist der Franzosen unbequem; sie blicken die Fremden, welche kein Geld haben, scheel an Die Schweizer sind wie die deutschen Spießbürger in den stillen Tagen des heiligen römischen Reiches waren — ruheliebend, pedantisch, „steifleinen", wie Shakespeare sagt, habgierig, knan- serig, und weder in religiöser noch politischer noch sozialer Beziehung sind sie freien Geistes zu nennen Noch hat in diesen finstren urkatholischen oder dürr- protestantischen Herzen kein Blitz eines neuen Glaubenslenzes gezündet, noch ist ihnen der moderne Geist ein verschlossenes Buch — noch gleichen diese Kaufleute, Krämer, Gastwirthe und Viehhirten den Bourbonen, die nichts gelernt und nichts vergessen haben, weil sie viel zu eingebildet sind auf ihre historische Freiheit, als daß sie eine Ahnung von dem hätten, was sie zur Freiheit zu viel an altem Schutt und zu wenig an neuen Ideen haben. Diese Schweizer haßen den Deutschen und wenn er sich noch so hohe Verdienste um die Eidgenossenschaft erworben hat. „'s ischt' doch kein Schwytzer!" sagten sie von Zschokke, der mehr für der Schweizer Fortbildung und Ruhe gethan hat, als ein geborner Schweizer seit gerau-
Das Schöne mit dem Nützlichen.
E Die in ihrer Ausführung so meisterhaft gelungene liegende Marmorfigur der verst.Herzogin E l i sa b e t h zieht tagtäglich, besonders bei heiterem Wetter, ganze Schaaren von Neugierigen nach dem Biebricher Schloßgarten, die dieselbe betrachten wollen. Da die Burg, in der des Künstlers Atelier sich befindet, nur einen Eingang hat, der auch zugleich wieder als Ausgang dienen muß, und da der beengten Räumlichkeiten we, gen nur wenige Personen gleichzeitig eingelassen werden dürfen, so sammelt sich vor der Thüre immer eine Masse Menschen der verschiedensten Art, die sich, sobald die Thüre aufgeht, nach derselben Hindrangen und einander drücken, sodaß ein höchst unpassendes Drängen und Treiben entsteht, was besonders an freien Nachmittagen, wo die Wicsbadcr Schuljugend sich ans- toben kann, hin und wieder einen wenig anständigen Charakter aunimmt. Viele Personen, zumal Frauen, die es auf den Zufall und ein solches Drücken und Schieben beim Ein- und Ausgang nicht wollen ankommen lassen, warten oft stundenlang oder müssen unverrichteter Sache wieder umkehren.
Um einige Ordnung in die Sache zu bringen und zugleich dem allgemeinen Besten einen Vortheil daraus zu verschaffen, erlauben wir unS den Vorschlag, am Eingang, aber schon am ersten Thore, von jedem Eintittènden einen freiwilligen Seitvag erheben zu las-
men Jahren. ^.Die „Nassauer" spielen eine Nolle in der Schwei; z^doch auf Kosten ihrer Forteutwickelung: sie haben sich helvetisirt, und gegen das deutsche Werden verstockt, sie haben keine Freude gehabt an unseren Freuden und haben kaum ein Mitleid für unsere Schmerzen. Unsere Welcker u. s. w., unsere Altliberalen und Gothaer sind radikal im Vergleich zu den schweizerischen Liberalen.
Es ist ein düsteres Bild, das uns diese Schweiz zeigt. Und wenn die Reaktion Verstand hatte oder Verstand haben dürfte, so ließe sie diese Käsefreiheit in Ruhe. Aber der Weltgeist hat es anders beschlossen. Ein Sturm muß über diese Berge kommen; die alte Selbstgenügsamkeit muß ausgetrieben, das Austernleben zerstört, der altschweizerische Geist vernichtet werden. Diese Menschen müssen gezwungen werden, in sich zu gehen; sie müssen fühlen, was die Knechtschaft heißt, welche sie in Italien durch ihre Söldner so lange aufrecht erhalten haben! Die Schweiz hat viel gesündigt und wenig geliebt: -~ es wäre eine traurige 'Nothwendigkeit der Demokratie geworden, dereinst in diese Berge daS neue Werden zu donnern. Die Reaktion nimmt uns dieses leidige Geschäft vorweg, sie bedrückt und bedrängt die Schweiz und erinnert sie daran, daß wir nicht mehr im 15. Jahrhundert leben, sondern im 19., wo nur das moderne Leben Lebensfähigkeit und nur die Freiheit Bestand hat, welche die Probe besteht. Mag die Schweiz sich fügen, mag sie erliegen oder siegen — es wird die Art an die Wurzel des alten Schweizerthums bringen: die Schweiz muß a u f e r st e h e n oder sie hat aufgehört zu eristiren. Und wir hoffen, wir vertrauen auf diese Auferstehung, da wir wissen, caß trotz allen Rostes, den das helvetische Wesen seit fünf Jahrhunderten angesetzt hat, dennoch ein gutes Metall in ihm ist. Sie sollen nur kommen, diese Zwingherren, ihre Triumpfe werden nicht lange währen. Jeder Schlag, der auf die alte Hülle fällt, ist ein Wcüerruf für den echten schweizerischen Geist. „Man muß diese Dickköpfe mit Kolben lausen!" hieß es zu den Zeiten der Bauernkriege: die Reaktion begeht einen himmelschreienden Frevel, wenn sie ihre Pläne ausführt, und wer Fluch säet, pflegt nimmermehr Segen zu erndten; doch aus höherem Gesichtspunkte betrachtet, bestätigt sie auch hier wieder den Satz, den wir schon öfter erhärtet haben: die Contrerevolution ist auch Revolution, und ihre Thaten werden zuletzt doch nur denen zu Gute kommen, die ihre Feinde und lachenden Erben sind.
Die Maßregeln gegen die Schweiz.
* Immer klarer treten die Pläne hervor, welche gegen die Schweiz geschmiedet werden. Wir wollen die heutigen Journalstimmen neben einander so aufstellen, daß sie sich ergänzen und berichtigen.
Die „Augsb. Postztg." hat zuverlässige Mittheilungen, daß in Dresden der Beschluß gefaßt wurde,
sen, der zum Besten der Mosbacher Armen zu verwenden wäre. Es würde dies gewiß nicht minder im Interesse des Anstands liegen, der dem Orte gebührt, wie im Sinne der Verstorbenen, die durch die Elisabethen-Stiftung zu Wiesbaden sich unter den hiesigen Armen ein so gesegnetes Andenken gestiftet hat. Da die Figur noch mehrere Monate lang ausgestellt bleiben wird, so ließe sich bei einer solchen Einrichtung, zumal bei dem später immer stärker zu erwartenden Zuströmen von Fremden, für den beabsichtigten milden Zweck, gewiß eine ziemlich ansehnliche Beisteuer erwarten!
B e r s ch i e d c u e s.
Ueber die Anwendung der Prügelstrafe in der österreichischen Armee wird der „D. A. Z." aus Zittau unterm 30. Jan. geschrieben: „In welchem Grade bei dem österreichischen Militär zur Zeit die Prügelstrafe erecutirt wird, dürfte daraus hervorgehen, daß, wie glaubwürdige Augenzeugen versichern, unter anderm erst vorige Woche ein Husar in dem drei Stunden von hier entfernten Städtchen Gabel zu Tode geprügelt worden ist, indem er, nachdem schon Tags vorher ihm 50 Hiebe aufgezählt worden waren, bei den am andern Tage ihm fernerweit applilirten 40 Hieben seinen Geist aufgegeben hat. Und derartige Erecutionen sollen nichts Seltenes sein, indem der ge-
ein Bundeskorps an der Schweizergrenze anfzust llen. Deutschland also soll die Kosten bestreiten, welche die Ausführung der österreichischen und preußischen Pläne erheischt! Die Berliner „Lith. Corresponden;" schreibt: „Die Thronrede der Königin von England hat hier, soweit sie sich über die dänischen und deutschen,Angelegenheiten ausspricht, nirgends verletzt. Man glaubt sich vielmehr durch dieselbe vollkommen befriedigt. Dagegen kann man sich nicht verhehlen, daß man auch bei der subtilsten Behandlung der Flüchtlingssraqe der Schweiz gegenüber in dem jetzigen englischen Gouvernement einen Widersacher finden wird. In der That aber läßt sich ein völliges Lostrennen unserer Polink von der österreichischen in dieser Beziehung nicht wohl voraussetzen, um so weniger als die preußische Regierung sich nicht bewogen fühlt, die Neuenburger Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen. Die schweizer Frage, soweit sie schon in der nächsten Zukunft in den Vordergrund treten wird, dürfte uns so in Verwickelungen bringen, die wir am ehesten mit dem mächtigen und treuen Freunde Preußens, mit England vermieden sehen möchte». Es steht zu erwarten, (?) daß die preußische Regierung wissen wird, ihre Ansprüche auf Neuenburg geltend zu machen, ohne hilfreiche Hand bei den Bestrebungen Oesterreichs in der Flüchtlingsfrage zu leisten. D ese moderirte Politik, bte gewiß die öffentliche Meinung nicht, auch nur temporär, gegen sich hätte, wüide in B zug auf Erfolge in der N nenburger Sache nicht ungünstig wirken und namentlich auch England (?) auf die Seite Preußens stellen. — Die französische Note, j wiche bett Protest gegen den Eintritt Oesterreichs mit seinen Gcsammtstaatcu in den deutschen Bund enthält, gibt den europäischen Fragen eine ganz neue W nknng, und es ist namentlich die Einwirkung nicht zu unt.isvayen, welche dies unfehlbar auf die französischen L ihâlmisse selbst haben wird. DieWcn- dung wird wahrscheinlich keine günstige für das E y ee sein." Die „Spen. Zig " stößt bereits heftig gegen Frankreich ins Horn wegen dieses Protestes. Also weil die ftan- zö fische Regierung die Verträge von 1815 geachtet wissen will, ruft man zum Kriege gegen Frankreich; doch wenn Oestereich und Rußlmd sich im Interesse der absolutischkir Politik auf die Verträge von 1815 berufen, so ist es ganz in der Ordnung! ! Wir haben selten einen hirnloseren Artikel gelesen, als diesen der Tante Spener, aber dies hält die „O.P A.Z." nicht ab, ihm ihre Spalten zu öffnen. Denn es scheint jetzt Parole zu fein, die öffentliche Meinung zu verwirren.
Die konservative „Basler Ztg." sagt: „Es ist seit 20 Jahren hergebracht, daß von Zeit zu Zeit fast regelmäßig alle Jahre einmal sich halboffizieUe auswärtige Blätter etwas näher mit der Schweiz beschäftigen, ihre Zustände mit den schwärzesten Farben ausmalen und die Nothwendiger diplomatischer Heilung darthun. In den Dreißiger Jahren, und als jene Generation noch lebte, welche die mehrfachen Interventionen im Anfang dieses Jahrhunderts mit durchgemacht hatten, erregten
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ringste Anlaß mit Prügeln bestraft wird. Allerdings kann man den aus lauter gefangenen Honveds gebildeten ungarischen Husaren eine gewisse Tücke uns Hartnäckigkeit nicht absprechen und gelinde Strafen würden bei Uebertretung der äußerst strengen Disciplin, die auch gewiß sehr nothwendig ist, nichts ober doch sehr wenig fruchten; allein ob gerade das im Gebrauche befindliche obengenannte Mittel, diese Leute gefügsam zu machen, so ersprießlich sein dürste, als erwartet wird, steht wenigstens für, jetzt zu bezweifeln, denn, wie die Böhmen, die täglichen Umgang mit ihnen haben, selbst und mit voller Wahrheit versichern: „sie lassen sich lieber todtschlag, n, ehe sie nach- geben und gehorchen". Ein Beispiel, wie streng Ueber- tretungeii gegebener Vorschriften nnb Befehle gerügt werden, kam erst vor nicht zu langer Zeit bei einigen ex propriis Gemeinen und Eadettenuuterjagern vom 8. Jägerbataillon (Italienern) in Grottvu vor, die, als sie gegebenem Befehle zuwider die nur ein Stündchen entfernte Stadt Zittau besucht und darin von dem ebenfalls anwesenden Oberstlieutenant, dem Comman bauten des Bataillons, gesehen worden waren, sofort zu achttägigem scharfen Arrest, krummgeschloffen in Eisen, verurtheilt wurden. Wie schon gesagt, sind derartige (?) Strafen bei dem österreichischen Militär, das aus so vielen Völkern besteht, von denen so manche »och einen sehr untergeordneten Rang in der Civilisation einnehmen, gewiß höchst nöthig, und es w ro