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„âeiheii und NechL!"
Jtë 2«D. Wiesbaden Dienstag, L Februar 1851
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Aus dem deutschen Norden
X Es ist jetzt wilder an der Zeit, die Geschichte der Napoleonischen Eroberungen zu studiren. Denn immer offener tritt das Haus Habsburg in die Fußtapseu des sühnen Conen. Wie dieser die Revolution gebändigt zu haben glaubte; wie er sie baun für dynastische Zwecke auszubeuten suchte, wie er nach Wiederherstellung des Frankenreichcs unter Karl dem Großen strebte, ganz âbulic^ sind die Bestrebungen Oesterreichs jetzt auf ein heiliges römisches Reich nach dem Ideale Karls V. gerichtet. Ein dunkles Ahnen davon erfüllt die Völker <im deutschen Norden. Alle Berichte stimmen darin überein, daß sich ein unheimliches Gefüllt in allen Kreisen der Bevölkerung über das Erscheinen der k. k. „Friedensengel" kund gibt. Sogar in dem stocksteifen Mecklenburg sind alle Klassen, die Aristokratie nicht ausgenommen, erbittert über diese Einlagerung. „Das Erscheinen der Oesterreicher in Nordd utschlaw * berichtet man der „Deutschen Allg. Zlg." „macht auf unsere Bevölkerung (im Hannoverschen) einen unbeschreiblichen Eindruck. Nach den Manifestationen des deutschen Nationalgeistes von 1848/49, der besonders in Norddeutschland sehr laut austrat, beleibigt es denselben, wenn nun plötzlich nichtdeutsche Truppen, Ungarn, Italiener und Galizier, an der Elbe und Nordsee erscheinen, Hannover, Hamburg, Lübeck besetzen, Oldenburg und Mecklenburg mit Occupatio« bedrohen und der schleswig-holsteinischen, im deutschen Norden so populairen Sache ein schleuniges Ende bereiten. Der Unwille, der im gemeinen Maune durch den Unterschied der Sprache, Nationalität und Religion der fremden nichtdeutschen Truppen hervorgerufen wird, basirt bei der intelligenten und daher meist liberalgcsinnten Bevölkerung auf den bekannten rcarkionären Bestrebungen Oesterreichs. Weitersehende finden ine Aehnlkchkeit zwischen unserer Zeit und der des dreißigjährigen Krieges. Wie vor zwei Jahrhunderten der religiöse Zwist zwischen Norb- unb Süddentschland und die damalige Ichwache schwankende Politik des Kurfürsten von Sachsen als Haupt des deutschen Protestantismus es möglich machte, daß Wallonen, Kroaten und Italienern unter Tilly und Wallenstein Norddeutschland occupirten und tyrannssii teil, so hat es jetzt die deutsche, vornehmlich dynastische Zwietracht Deutschlands ermöglicht, daß dieselben Nationen unter österreichischem Banner die Nordseeküsten okkupiren. Indeß dürfte diese dermalige österreichische Uebermacht im deutschen Worben ein ähnliches Ende wie vor zwei Jahrhunderten sinden. Hamburg, Bremen und Lübeck dürften ohne Grund (?, von dem absolutistischen Oesterreich etwas für ihre republifani'chen Institutionen, Norbdeutschland überhaupt etwas von einer österreichischen Suprematie fürchten. 25,000 Mann sind zu wenig, um Nord- deutschland zu unterwerfen. Eine größere Masse österreichischer Truppen kann und wird die preußische Politik in Norddeutschland nicht (?) dulden. Sie wird da
bei von sämmtlichen Staaten des Nordens unterstützt werden. Oesterreich nämlich führt durch seine der- mah'ge Politik ganz Norddeutschland unter die preußische Fahne. Man konnte dort während der Unions- Verhandlungen die preußische Hegemonie nicht vertragen; daher (?) bte Abfälle, die Oppositionen. Nun, da die österreichische Hegemonie und etwas vielleicht noch Aergeres droht, wird man nur zu geneigt, zwischen zwei Uebeln das Kleinste zu wählen. In der That arbeitet Fürst Schwarzenberg Prcnße/i durchaus nicht besser in die Hände als durch seine schleswig-holsteinische, d. i. norddeutsche Expedition. Der Nationalwille in Norddeutschland hat seine Wahl bereits getroffen; es kommt nur noch darauf an, ob Preußen den günstigen Augenblick, den oft geflügelten, zu ergreifen wissen wird." — Das Staunen ist aber in stetem Zunehmen begriffen. Als Beleg diene folgende Stelle eines Briefes aus Hamburg, 31. Jan., den die „Köln. Ztg." bringt und worin es heißt: „Empört bis zu einem unbeschreiblichen Grade ist man hier, unk in Holstein zuina!, über die den Dänen, wie jetzt nicht mehr zu bezweifeln ist, gewordene Erlaubniß, den n ö r b l d; e n Theil der Festung Rendsburg, das Kronenwerk, besetzen zu dürfen. — Die heutige „Nordd. freie Presse" (statt der Herren Th. O l sh au feil und O. Fock übernimmt von morgen ab, !>r. Magnnsson, bisher Interims- Redakteur, selbst verantwortlich die Leitung des Blattes) setzt voraus, „„daß Fürst Schwarzenberg nicht wlssej welche Bewandtnis; es im Grunde mit diesem Kronen- werk habe. Dasselbe ist der Schlüssel zur Festung/ eigentlich die Hauptfestung, und liegt mit der Altstadt unmittelbar verbunden, ist also keineswegs ein unmittelbar für sich bestehendes Werk Diese Befestigung dominirt aber sowohl Altstadt wie Neuwerk, welche in ihrer dichten Bebauung eher zu Grund und Boden gebrannt sind, als ein Stein im Kronenwerk beschädigt worden."" — So wie dasselbe von den Dänen besetzt wird, kommt ihm auch eine der wichtigsten Einnahmen, der schleswig-holsteinische EanalzoU, ausschließlich zu Gute. Hiervon wird gegen Den Fürsten Schwarzenberg schwerlich Erwähnung gethan fein. Und wie sollte er die Verhältnisse des fernen Rendsburg kennen?"
Der „Hamb. Corresp." schreibt aus Kiel, daß die Statthalterschaft gegen die Mitbesetzung Rendsburgs durch die Dänen Protest eingelegt habe; sie meldet aber auch, daß die vollständige Auflösung der schleswig-holsteinischen Armee bevorstehe. Daß die Besetzung Rendsburgs durch 4 Bataillons Oesterreicher und 4 Bataillons Preußen erfolgt sei, wird heute bereits bestätigt; über das Einrücken der Dänen schweigt der Telegraph noch. Preußen, das sich so lange sträubte, sich an der Erekution zu betheiligen, hat sich also nun beeilt — aus strategischen Gründen — die Mitbesetzung zu erlangen. Bei dem Uebergange der Kaiserlichen über die Elbe hielt der preußische General von Wussow, der zur Bewillkommuug des F -.M -L. Lege-
ditsch geschickt worden war, eine Rede über,/btr freundschaftlichen Gefühle, von denen ihre hohen Souverainc gegen einander durchdrungen seien." Es war eine Situation, frappant der ähnlich, als der Perserkönig über die Donau ging; doch Herr von Wussow scheint kein Miltiades zu sein.
Mehr als alles Bisherige aber sinden unsere wiederholt entwickelten Ansichten von Oesterreichs Plänen im Norden ihre Bestätigung in der Kunde, daß das Wiener Kabinet einen Vertrag mit dein Kurfürsten abgeschlossen hat, wornach — laut dem „Korresp. von und für Deutschland", der jetzt im Dienste der Con- trerevolution steht, und laut der „O -P.-A.-Ztg." — ein großer Theil der kurhessischen Truppen nach Böhmen entführt und durch ein österreichisches Armeekorps in Kurhessen ersetzt werden soll. „Bei dem dermaligen Aufschwung der österreichischen Politik, die ohne Widerstand im fortwährenden Vorschreiten begriffen ist, ist die Sache nicht'ohne Wahrscheinlichkeit. Oesterreich würde dadurch eine Truppenkette von der Tiber bis zur Eider erlangen." So schließt der stolze Bericht, während wir aus Kassel bereits die Nachn'cht erhalte«, daß die kurfürstlichen Truppen Befehl zur Marschbereitschaft haben. Möglich, daß die Truppen nicht grade nach Böhmen verlegt werden, wo Oesterreich sie doch wohl schwerlich gern sähe; möglich auch, daß Schwarzenberg in Dresden einen allgemeinen Truppenwechsel durchzusetzen wußte — die Sache bleibt die^ selbe: überall werden die Karten, die Oesterreich jetzt ja „ohne Widerstand" mischt, so ausfaUeu, daß die Habsburgischen Interessen dabei gewinnen. Wir bitten bei diesen Truppenbewegungen zugleich nicht zu vergessen, daß die „O.-P.-A.-Z." gestern kathegorisch an der Spitze ihres Blattes orakelmäßig ausruft: „Die Zolleinheit mit Oesterreich must eine Zukunft haben!" — Aber wo bleibt bei diesen Befehlen" die mit so schweren Opfern gerettete Souveränität der deutschen Fürsten? Es ist nicht mehr zu vertuschen: die Revolution des Jahres 1848 „blieb vor den Thronen stehen", die Contrerevolution ist so schonend nicht: sie mediatisirt faktisch, ohne Gnade, denn vor ihr gilt kein Ansehn der Person, selbst nicht das äufebn des Prinzips der Legitimität, das sic nur von den Völkern gewahrt wissen will, doch über das sie so erhaben ist, wie über jede andere „Ideologie."
W a f f a u i f d) e r Landtag (Schluß.)
69 Wiesbaden. (Sitzung vom 31. JaNnar > Abgeordneter Naht fährt fort: Zu 1. DasPlincip, daß die Kaye, welche die Besoldung bestreike, auch die Pension bestreiten müsse, bestehe als solches nicht, vielmehr hätten wir mehrere Fonds, welche die Deckung ihrer Ausgaben teilweise aus der Staat Kaffe erhielten, so der Eentratstuklenfoud, Waiscufouo, Jnnn hausfond.
Monsieur Philippe.
Es war am Tage vor dem heiligen Christfeste des Jahres 179*, als durch eine der bedeutenderen Straßen der Stadt Genf ein noch junger Mann eilig dahin trabte. Obgleich derselbe äußerst einfach, ja beinahe ärmlich gekleidet ging, so lag doch in seiner gan zen Erscheinung ein gewisses Etwas, welches den Kundige» in ihm einen Mann erkennen ließ, der nothwendig der höheren Gesellschaft angeboren müsse. Er war eher fhüi als groß zu nennen, und verrieth trotz seiner Jugend eine Anlage zu der einstigen Korpulenz, sein Haupt war groß, eigenthümlich geformt, Die Gesichtszüge scharf geschnitten , geistvoll, der Teint verrieth den Südländer; besonders große Sorgfalt hatte er auf die Anordnling seines schönen schwarzen Haares verwendet, so wie auch die Feinheit und Weiße seiner Wäsche — noch mehr hervorgehoben durch eine schwarze, schmale seidene Halsbinde — gegen die übrige Einfachheit seiner Kleidung fast lururiös erschien. Der junge Mann hatte den Marktplatz erreicht und wollte so eben in ein angesehenes Haus, dem Rathhause gegenüber, ein treten, als er neben der Einfahrt desselben einen armen Krüppel zmammengekauert erblickte, der vor Kälte zitterte und mit den Zähnen klapperte, indem die Paar Lumpen, welche seine Kleidung vor- ft Uten, t säum hinreichten, seine Blöße zu bedecke». Der junge Mann trat auf den Men chrn zu, sinne
ihn genau und redete ihn dann rasch und mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit an. Der Invalid antwortete und erhob sich dann auf eine erneuerte Anrede des jungen Mannes, um ihm durch bas Einfahrlöthor des gedachten Hauses in den Hoframu deifelbeu und von da in ein kleines Nebengebäude zu folgen, welches in der Regel als Wa^chi-aus benützt wurde und dessen Thüre er sorgfältig hinter sich und dein Invaliden ab- sperrte. Hier in einem Stiibchen wohnte Monsieur Philippe.
In einem noblen Zimmer deö Hauptgebäudes saß zur selben Zeit in einem Sorgestuhle eine ältliche Dame von stattlichem, aber zugleich auch höchst wohlwollendem Aussehen und sah lächelnd Der Geschäftigkeit zweier jungen, überaus reizenden Mädchen von 15 bis 17 Jahren zu, welche auf einem mit kostbarem Teppiche behangenen Tische, welcher zunächst des einzigen großen Fensters stand, Bücher Schreibrequisiten und Land- karteu in ziemlicher Örvnuug vertun neu. Jetzt waren sie damit zu Ende gekommen lind blickten gleichzeitig wie verwundert auf das Zifferblatt der kostbaren Pen- dule, welche ober dem Kamlgestmse ihren Platz erhalten hatte, dann sahen sie einander selber an und schüt- teltiN die Köpfe, indem sie aiwnefen; „ Unerhört!" „Was habt Ihr Mädchen?" fragte die Danie, welche im Sorgestuhle saß. „Ei, wir wundern uüs", enl- gegnete Emilie, das ältere der beiden Fräulein, „lind worüber wunbeit Ihr Euch?" „Ueberunfern Monsieur
Philippe." „Was ist mit ihm?" „Ja, das mag eben der Himmel wissen", entgegnete Kä'hcheu, „ich und Emilie können'S uns nicht erklären." „Erklärt mir, was Ihr eigentlich meint." „Wir meinen", versetzte Einil ie, „Monsieur Philippe fei bisher immer vor dem Glockenschlage Zehn bei seinen Schülerinnen — welche wir barste lle i — erschienen, und jetzt hat es schon seit e »er Vi r:el- stuiide — und (sie blickte wieder auf die Uh. ) — zwei und eine halbe Minute über Zehn ge-chlage», und er ist noch nicht da." Die Dame im Sor»Kstuhw lachte. — „Ist daS Alles?" „Ist daS nicht genug?" fragte Kathcheu ernsthaft unb machte ein allerliebst wichtiges Gesicht. „Monsieur Philippe ist sonst so pünktlich", bemerkte Emilie. „Und hat uns selber unzählige Male gesagt, Zeck wäre kostbarer als Gold", fugte Kathcheu hinzu. „Für Eu h ist sie es, Ihr glücknhui K noer!" sprach wehmüthig die Mutter. „Nun alio, Mama", rief eifrig Kathcheu: „da dürfen wir keine Zeit unnütz verlieren. Mein Gott, wir haben innt) so viel zu lernen und zu denken." Indem wurde an Die Thüre geklopft, und auf daS „Herein" der älteren Dame trat MousilUr Philippe, der wohlbestellte Han leerer der beiden Fräuleins, ein. , „Ach, da ist er!" ries lebhaft Käthchen.
Monsieur Philippe entschuldigte artig, aber ohn- irgend eine Verlegenheit sein v r,patetes Komin« n dadurch, daß ihm auf der Gasse Jemand ansg« - stoch u wace, von oUchcM er sich u^chl so ,chn.ll, als