Fmt Zeitung
„Freiheit und Recht!"
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Wiesbaden. Sonntag, 2 Februar
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Lamartine als Elyseer.
X Alphons von Lamartine und Heinrich von Gadern — welcher Kontrast und welche Aehnlichkeit! Lamartine ein genialer Dichter, ein schwuugreicher Redner; Gagern ein Romantiker, dèr einen Styl schreibt, daß Gott erbarm', und dessen Reden so arm an neuen Gedanken und zündenden Ideen, wie reich an obligater Begleitung von Stirnrunzeln und jenen Manövern sind, wodurch sich Statisten auf der Bühne bemerkbar zu machen pflegen. An politischer Kurzsichtigkeit und Charakterlosigkeit sind beide gleich. Doch auch hier zeigt sich der Unterschied, daß der eine stets veiß, wo etwas zu verdienen ist, während Lamartine in armer Mann wurde und seine persönliche Nneigen- rützigkeit ein Grund mehr zu seinen ewigen Verlegenheiten und „Hingebungen" ist. Es giebt seit 1815 keine politische Phase in Frankreich, die er nicht mit ganzem Herzen mitgcmacht, keine Partei, der er nicht eine Zeit lang angehört hatte. Er war unaufhörlich in Verwicklungen , Entwicklungen und neuen Verwicklungen und deshalb fand er nirgends treue Freunde, wch eben so wenig erbitterte Feinde. Denn, wie er mn einmal ist, so konnte ihm niemand lange gut Und ange böse sein. Lamartine ist das eingefleischte gute Cerz von Frankreich, liebenswürdig und eitel, vie eine große Dame, aufopferungsfähig, wie eine ölche gegen ihren „Freund", doch ohne daß ihr das srerz bricht, wenn ihr der Geliebte oder sie ihm untreu vird, weil überzeugt, daß sie sich dereinst doch wieder inden und wenn dann auch nicht grade lieben, so doch loch weniger hassen werden.
5 Lamartine, der politische Proteus, war 1815 Legitimst, dann wurde er liberal und etwas Weniges Or- eänist, doch nie mit Behagen, dann Agitator gegen lle Juliwirthschaft, dann Republikanerchef ohne den Anarchischen Ideen entwachsen zu sein, dann Hoher- mester des ewigen Friedens durch die Demokratie, Ann kopfscheuer und kopfloser Verblüffter, dann poli- ffch er Quietist und setzt st eh t er auf de m Spr u u g e ns Elysee. Was will das sagen?
Cs ist eine bekannte. Sache, daß der ehemalige Chef 'er provisorischen Regierung seinen politischen wie pe- uniären Credit vollständig tuinirt hat, trotz der nusäg- Men Anstrengungen, dem einen wie dem andern bieder aufzuhelfen; es ist aber eben so gewiß, daß 'amartiene selbst bei seinen Gegnern noch immer etwas Md bei dem Volke, das seine Flatterhaftigkeit und Mrlichkeit kennt, noch immer sehr viel gilt. Um hi Kampf mit den Royalisten tu.chzufechten und im andvolke wictcr neue Wurzel zur künftigen Wahl zu I Useii, gebraucht Louis Bonaparte einen Mann wie amartine, unddieser ist durch die Hoffnung, zu bekehren I nd durch die Aussicht, wieder zur Gewalt zu gelangen, i Conzessionen leicht zu bewegen. Lamaptines Ver- ältniß zu dem Verbannten Leren Rollin war nie ein erzliches, gegen Louis Blanc aber fühlt er eine Anti- athie wie Gretchen vor Fausts „gutem Freunde." Auch ine Stellung zu den übrigen Häuptern der Linken ist "ine behagliche. Wie kann er Cavaignac trauen, der n gestürzt, wie die „Montagne" — er, der moderne ürvndist?
Bei solchem Stande der Dinge konnte es kaum -'erraffen, als neulich schon davon die Rede war, ; jhartine werde als Gesandter nach London gehen, ellkicht gar Minister werden. Heute ist die Wand» ng so weit gediehen, daß er aus der „Presse" in den LvnÄtutioüel" übergesiedelt ist und sich in diesem Orme des Elysee durch einen Artikel offen als Mann jPräsidenten angekündigt hat. Dieser Artikel: Verschwörung" überschrieben, ist das allgemeine agesgespräch in Paris. Mit seiner bekannten dia- cmtenen Fedër hält er Gericht über die royalistischen Verschwörer. „Wo standen wir noch vor kurzer Zeit?" egt er, und die Antwort, wie einseitig sonst, ist für n dermäligen Stand Lamartincs sowohl wie der ößen Masse der republikanischen Moderados sehr nakteristisch. „Bei der Ruhe", lautet die Antwort, 'Ci dem Kredite, bei der Arbeit, beim Handel, bei der Pnuiig! Das war nicht nach dem Geschmack der igefleischten Feinde der Republik. Sie bedürften iss Gewitters. Zu einem Gewitter braucht man U’ Wolke; das weiß man in der Kammer, wie in Oper." Lamartine sucht hierauf darzuthnn , wie M royalistischen Parteien aus den einzelnen vom Prä- Pileu der Republik begangenen llnvorfichtigkriten d Fehlern eine „Wolke" gemacht haben. Die Abse
tzung Neumayer's, aus der Thiers bei seinem Angriff gegen das Ministerium Baroche einen so großen Vok- theil gezogen, nennt Lamartine ein „Unglück,,, sucht sie aber in folgender Weife zu erklären und zu entschuldigen: „Wir wissen ja, daß Neumayer nicht deßhâlb abgesetzt wurde, weil er den Ruf: Es lebe der Kaiser! verhindert, sondern weil er die Kundgebungen zu Gunsten des Präsidenten, zu Guusten Napoleons geschwächt hatte. Diese nicht aufrührischen (?!) Kundgebungen, diese Beweise von Zuneigung und Hingebung glaubte der Präsident der Republik damals vielleicht zu bedürfen, um die Uebelwollenden, die Ne- benbuhler, die Feinde, die anderswo aufzutreten am singen, einzuschüchtern." Hierauf geht Lamartine zu dem Benehmen des Permanenz-Ausschusses über, dessen Mitglieder, während sie über die Reisen, die Militär - Banketts und die Revüen der Erecu- tiv - Gewalt nicht genug Besorgnisse zu fassen wußten, nach Wiesbaden und Claremont gingen, in den Tüilerieen einen Gottesdienst zu Ehren LoniS Philippe's feiern ließen und zuletzt statt offenen Auftretens, das ihre Pflicht war, wenn sic wirklich die Verfassung in Gefahr glaubten, aus ihren Anklagen gegen die Erecutiv-Gewalt, indem sie dieselben mit einem angeblich großmüthigen Dunkel umgaben, eine das Land beiinrnlrgmc, ge^rimnißvolle Gewitterwolke machten. Diese zum Platzen zu bringen, um die Erekutiv-Gewalt und damit die RcptMk zu vernichten, haben nun, Lamartine zufolge, einige royalistische Parteiführer unternommen und dazu die ganz verfassungsmäßige und durch die Umstände ganz gerechtfertigte Absetzung Chan- garnier's benützt, indem sie die Republikaner durch den Ruf: „Das Kaiserthum ist da!" einschüchterten und zu ihren Werkzeugen (?) machten. DieRepubl'kaner nimmt Lamartine Hart dafür mit, daß sie seinen Wärmungen und Rathschlägen und selbst seinen Worten bei der viertägigen Debatte über das M ßtrauenS-Votum wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben, und ruft ihnen zu: „Nicht das Kaiserthum ist fertig, sondern das Kunststück ist fertig!" was er durch folgende Prophezeihung erläutert: „Das Kunststück ist fertig! d. h. die Nepu- blik ist verloren durch die vereinigten Anstrengungen der Minister des Hauses Orleans und der kurzsichtigen Republikaner, wenn ihr sie nicht vor ihren geschickten Feinden und ihren verderblichen Freunden rettet, indem ihr eure Meinung nur das Vaterland in die Wag- schule legt. Denn der Konflikt, unpolitischer Weise der Erekutiv-Gewalt durch die verbündeten (?) Orlea- nisten und Republikaner augesagt^ führt die Republik nothwendiger Weise zu einem Vonden beiden Ertremen: Dictatur des Präsidenten der Repitblik . . . oder ein Convent von Royalisten ohne Gegengewicht in der unterjochten oder verschwundenen Erekutiv-Gewalt."
Wir brauchen wohl kaum zu sagen, daß er eben nicht Lamartine wäre, wenn er das Drine, hat so nahe liegt, sâhe; er sieht eS nicht, doch daß er gdrabe dies Dritte unbewußt, doch ahuungswich und ehrlich aubahnen werde, deß sind wir gewiß. Fürchte uicmaud, daß er jetzt Bonapartist im schlimmen Same des Wortes werde; nein, wenn Louis Bonaparte huj und fest genug ist, nicht blos zu merken, sondern auch zu bethätigen, was ihm ein solcher Mann werden kann, so dürfen wir auf eine neue "Wendung in der französischen Negierung hoffen.
Wenn LoulS Bonaparte nur den gewöhnlichen politischen Verstand hat, so muß er einsehen, daß er die Royalisten nicht durch BonapartismuS, sondern durch den Repu- blikainsmuü in Schach leiten und nach und nach auf- reibcn kann. Er muß eine Brücke zu den Febrnarsym- pathien haben: dazu ist Lamartine der Mann, lind schon treten die Gerüchte von einer Amnestie als Akt der Versöhnung sehr bestimmt auf. Es heißt, daß Proudhon, Guinard, Raspail, Smith und sogar Sv bei er auf der Amnestielistc stehen. Swon sollen auch bereits mit Pariser und Lyoner Kapitalisten Einleitungen zur Eröffnung einer Nationalsnbskription gc- tro eit sein, falls die Royalisten das Dotärionogesey aus Feindschaft, die Republikaner in der Viativnal-Versamm- lmigcs aus dtmvkratischrr Kvnscgueuz vcrwcrscn: man hofft in Kurzem an die drei Atillioncn Subsidieü zusammen zu bringen, wobei cs stillschweigende Bcdinguiig wäre, daß der Präsident im Sinne der Nutivnsimajorität regiere. In diesem Falle dürfte er den Kampf mit den Royalisten in und außerhalb der Vkativnal-Versammlung nicht scheuen.
So steht die Sache jetzt. Daß Louis Bonaparte Stützen in der öffentlichen Meinniig suchen, wie daß dir Majorität der National-Versammlung gleichfalls
popnlärk Gesetze durchbringen muß, liegt auf der Hand. Die Legitimisten haben am 28. in einer Partcisißung beschlossen, gegen das Dotalionsgesetz und gegen die Abschaffung des Wahlgesetzes vom 31. Mai zu stimmen ; die Linke dagegen hat ihren Antrag auf freien Verkauf der Journale aller Farben auf der Straßè; wieder auf's Burau der National-Versammlung gelegt, ein Beweis, daß die Legitimisten der öffentlichen Meinung trotzen zü können vermeinen, während die Linke zunächst nur Luft haben will, um ihre Grundsätze wieder offen zu verbreiten. Louis Bonaparte iS keineswegs so eingenommen gegen die allgemeinen Wahlen, wie die Legitimisten, und wenn er sich den Republikanern wieder nähert, wird er auch ihre Gruuosätze endlich mehr schonen müssen. Es ist daher sehr wahrscheinlich, daß der Journalantrag durchgeht, und nicht unwahrscheinlich, daß demnächst der Linken Konzessionen im Wahlgesetze gemacht werden. Doch eine Gefahr tritt drohender hervor als p: die Thätigkeit der russischen Propaganda ist in letzter Zeit allgemein aufgefallen. Jetzt aber wird versichert, der Czar habe dem Präsidenten am 28. Januar ein eigenhändiges Schreibest überreichen lassen. Louis Bonaparte steht also jetzt am Scheidewege: hier die Republik und die Nation — dort der Absolutismus und eine Million Bajonnete entweder zum Schutz .bei einem Staatsstreiche oder zum Trutz, wenn sein besseres Selbst den Sieg behält. So oder so eilt die Politik des Schwankens zum Ende; im guten oder schlimmen Sinne rvrrd Louis Bonaparte auf seinen Schild schreiben müssen: „Ich hab's gewagt !"
Rechtfertigung
des Antrags *) des Abgeordneten Snell> die K o m p e t e»z der A b g e o r d u e t e n k a in m e r zur Berathung und Beschlußfassung über die weiteren Steueranfordernagen pro 1851 betreffend.
(Landtagösitzung vom 30. Januar.)
Nachdem die Kammer sich für kompetent zur Prüfung und Festsetzung des Staatsbudgets pro 1851 erklärt hat, zeigt sich kn dieser Dersammlung selbst ein Streben, die Konsequenzen jenes Beschlusses, wie dieselben wenigstens von Reiten der Regierung gezogen werden, zu neutralisiren. Es ist zuerst ein Versuch gemacht worden, dieses Ziel auf direkte Weise zu erreichen. Ich meine den Antrag des Abg. Nabt, welcher bekanntlich dahin ging, das Ministerium zur Einberufung der neuen Kammer auf den 15. F^uar aufzufordern. Könnte man auf diese direkte Weise das gewünschte Ziel erreichen, das wäre freilich gut. Aber wenn auch der ahNsche Antrag durchgegangen wäre, so hätte darin immer noch keine Nothigung für das Ministerium gelegen. Darin besteht ja gerade das Wesen der konstitutionellen Verfassung, daß die beiden Staatsgewalten von einander getrennt fine, daß cte Volksrepräsentation nicht direkt in die Erekutwe èin- greifen kann. Es konnte deshalb der Rayt'sche Antrag den beabsichtigten Zweck nicht erreichen
Es ist dies nur auf indirekte Weise möglich, d. h. dadurch, dâß die Steuern nur bis zu dem Zritpunkt, wo unser Mandat erlischt, verwilligt, die weiteren Anforderungen aber nicht in Berathung gezogen werden. Der von mir gestellte Antrag macht diesen Versuch. Er will dem Ministerium den Lebensfaden nur noch bis zum 1. April d. I. verlängern, dann aber abschneiden, um ihm dadurch die konstitutionelle Nöthigung aufzuerlegen, den Landtag pro 1851 ein zu berufen, und sich durch denselben die nöthigen Lebenssäfte zufuhren zu lassen.
Das ist der Grund,. weßhalb ich den Ihnen bekannten Antrag in der vorigen Sitzung gestellt habe.
Ich mußte ihn vor Beginn der Berathung über das angefordertè erste Steuersimplum pro 1851 stellen, weil ich ihn als präjudiciell ansah. Denn er sollte verhüten, daß auö dem Eingehen auf die Berathung über diese erste Steueranfordcrung der Schluß auf die Kompetenz zur Berathung sä mm k! ich er Sienern pro 1851 gezogen würde. Das Prasrdfum hat meinen Antrag für einen mit dem Gegenstände der Tagesordnnug nicht zusamineilhängendrii erklärt, mepie hiergegen ein
*) Man bittet Hiernach Ru L.iudt.r^Sbee!Ü>t in Nr. 05 der freien Zeitung", welcher in'Beziehung auf diesen Aulrag nicht genau war, zu berichtigen.