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Freiherr und Recht!"

M 23.

Wiesbaden Dienstag 28. Januar

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Die Krisis in Frankreich.

X Die österreichische Regierung war gut unter- i richtet. Sie wußte bereits bei Eröffnung der Kon- . ferenzen in Dresden, daß es zu folgenreichen Ereig­nissen in Frankreich kommen werde. Das drohende Zerwürfniß zwischen den beiden Staatsgewalten in Paris war ein Hauptgrund zur Beschleunigung der Verständigung mit Preußen. Schleunigst wurden für den Fall, daß es zu gewaltsamen Ausbrüchen komme, gemeinschaftliche Maßregeln verabredet und beschlossen, daß, falls alsdann die definitive Bundesgewalt noch I nicht zu Stande gekommen wozu sobald noch keine i Aussicht, da die Zeit der Proteste bereits begonnen hat eine neue provisorische Centralgewalt eingesetzt werden solle. Oesterreich schritt mit diesem Plane vor. Erzherzog Albrecht ist in diesem Falle von Oesterreich ausersehen, mit dem Prinz von Preußen au die Spitze des deutschen Reichs zu treten; doch soll dieser Dua­lismus durchaus kein Präjudiz für die definitive Gestaltung der Centralstelle sein. Es liegt auf der Hand, daß Oesterreich dadurch dein preußischen Hof ein Kompliment machen und die preußische Armee mit in den Kampf für die Restauration verwickeln will. Die Aufstellung des k k. Heeres im nordwestlichen Deutsch­land und dessen bevorstehende Verstärkung steht laut der Rat.-Ztg." bereits in Verbindung mit diesem Projekte der Contrerevolution. Aber ist Oesterreich auch eben so scharfsichtig in Beurtheilung des Aus­ganges der französischen Krisis gewesen? Es scheint nicht so!

k Die Contrereyolution diesseits des Rheines rech­nete auf einen voreiligen Gassenkampf in Paris: so wenig kannte sie die Stimmung der französischen Ration. Sie scheint durch die Brillen der Legitimisten und Orleanisten gesehen zu haben, die gleichfalls auf eine Partienahme für oder wider rechneten. Doch Vie ; Nation hat durch ihre imposante Ruhe allen Verschwö­rern und Ränkemachern Unrecht gegeben; das Schwei­gen des Volkes bedeutet:Ihr alle seid entlarvt! Wir kennen euch Royalisten und euch Imperialisten; ihr seid gleich in der Absicht, das Land ausbeuten, - doch wir wollen nicht ausgebeutet sein! Wir kennen die Legitimisten aus der Zeit der Restauration und wir kennen die Orleanisten aus den Tagen der Juliregle- rung, wie wir die Glücksritter kennen, die jetzt in Bo- napartismus spekuliren; und weil wir wissen, daß sie alle nur ihr Interesse bedenken und den Staat zu ihrer Domäne zu machen trachten, so rufen wir ihnen zu: Wir wollen nicht wieder Domäne, wir wollen frei, d. h. Bürger eines Staates sein, der des Volkes und nicht eines Mannes oder einer Clique wegen da ist." Das ist die Bedeutung der ruhigen Haltung der Ration, allen Verführungen, allen Ränken, allen Her­ausforderungen gegenüber, und diese Haltung ist es, welche die Contrerevolution zur Verzweiflung bringt

und ihre Anschläge bisher zu Schanden gemacht hat. Bisher sagen wir; denn Alles hat ein. Maß, Alles ein Ende auch die Geduld der Nationen.

Die Taktik aller gegen die Ration verschworenen Parteien geht daher dahin, eine unreife, voreilige Er­hebung des Volkes hervorzurufen, um alsdann von allen Seiten über dasselbe Herzufallen nach dem Jäger- sprichworte:Viele Hunde sind des Hasen Tod!" Aber eine Ration, die in der Entrüstung eine so stolze Haltung behauptete, ist kein Hase, sondern ein Löwe, wenn sie im Gefühl ihres Rechtes und zur Wahrung ihrer theuersten, mit so vielem Gut und Blut erkauf­ten Institutionen in die Schranken tritt.

Bisher beobachtete die Volkspartei in Frankreich die richtige Taktik, sich die contrerevolutionären Wühler selbst stürzen, die egoistischen Blutigel einander gegen­seitig entlarven zu lassen. Und dieie Taktik hat ihre glänzenden Resultate gebracht. Doch jetzt ist cs das Bestreben der ringenden Kräfte, das Volk gewaltsam in den Streit zu ziehen. Wie die Legitimisten durch ihre Agenten und die Jesuiten wühlen, ist bekannt; wie die Orleanisten durch die alte Bureaukratie und Bourgeoisie, die unter Louis Philippe regierte, auf eine Befestigung der Oligarchie, die sie nach der Junischlacht zu restauriren wußte, hinarbeitet, ist âichfalls kein Geheimniß; und wie die Bonaparristen â der Armee wühlen, das ist ja eben der Punkt, streben gegen.-, wärtigen Bruch zwischen dem Elysce und v^Majorital der Rational-Versammlung vor aller Welt cgnftatirte.

Wenn Du nicht unser gehorsamer.,Diener sein willst, so stürzen wir Dich!" riefen die Royalisten dem Präsidenten zu.. Und dieser? Er suchte durch allerlei Mittel und Wege zu zeigend daß mit dieser Majorität nicht zu regieren sei." Alle il'itn^urfent&tiiationen mußten scheitern, weil keiner von der parlamentari­schen Partei sich dazu hergeben konnte, eine bloße Commisrolle anzunehmen. Louis Bonaparte hat Grund, der ränkesüchtigen Majorität zu mistrauen; aber wenn er konstitutionell verfahren wollte, so hätte er ein Kabinet der Linken ernennen müssen. Indeß hat er nicht minder Grund, für seine Ranke einem solchen Ministerium zu mißtrauen. Diese Kombination erwies sich daher als unmöglich. Was blieb aho an­ders, als ein außerparlamentarisches, ein reines Hof- kabinet oder wie man in Deutschland sagen würde, ein Ministerium der rettenden That. Der Präsident hat ein solches ernannt: von den 9 Mitgliern gehört nicht einer der N.-V. an und die Mehrzahl bilden durchaus unbekannte Leute. Diese Erneuung ist daher nichts mehr noch minder als die Errichtung der rein persönlichen Regierung.Ich bin die Regierung, ich regiere und gouvernire durch meine Commis!" ruft der Präsident der Republik dem Lande zu. In seiner Botschaft, die diesmal den Vorzug der Kürze hat, gibt er das neue Kabinet zwar nur für ein U e b e rg a n gSm in isterium aus, da er aus derKo­alition" kein Kabinet habe bilden und in der ihm

gebliebenen Minorität der 228 keine 9 Männer von Gewicht, mit denen eine Verständigung möglich, finden können; aber man müßte Herrn Louis schlecht kennen, wenn man die Absicht nicht sähe, daß er dies blos er­klärt, um sich den Rückzug zu decken. Es ist ein Er­ft eriment, um entweder durch dieses reine Verwal- tuiigsmiiiisterium absolut zu regieren oder die Gegner zu einem Fehlgriffe zu reizen, die Rat-Dersammiung zn sprengen, die Verfassung zu stürzen und sich zum Kaiser zu machen. In der Rat.-Versammlung wurde die Botschaft mit Ingrimm ausgenommen. Alle Par­teien rüsten sich zum Kampfe, der zwar schwerlich so­gleich ausbrechen, doch nicht ausbleiben wird. An der Grenze steht die Contrerevolutiou schlagfertig, um die Verwirrung für sich auszubeuten. Doch das ist unser Trost: die Ration, welche über jenen Parteien steht, ist nicht verworren, nicht im Unklaren über die ihr drohenden Gefahren, und sie wird ein Wort mitzureken haben, sie wird das entscheidende Wort sprechen und sie müßte wahnsinnig sein, wenn ihr Spruch gegen das Volk und die Freiheit und für den einen oder andern der entlarvten Ränkemachrr und Landesblutigel ausfiele. Frankreich und alle Welt will Ruhe und Ordnung, aber nicht die Ruhe der Todtengräber und nicht die Ordnung der Anarchisten, welche ganz Eu­ropa in ein Chaos verwandten möchten, um es zu verschlingen..

Stafssuifcher Landtag

(Fortsetzung.)

69 Wiesbaden. (S t -u n g v 0 in 24. Ianua r. > Die Anforderung beträgt im Ganzen 934,646 ff. 50 kr., wobei sich jedoch 149,887 fl. 55 fr. befinden, welche schon pro 1850 verwiUigt waren; die neue An­forderung beläuft sich baher nur auf 784,758 ff. 55 fr.

'Der Abg. Jung II. berichtet zuerst über Cap. II. Kreisämter. Anforderung: Tit. 1. Besoldung 37,232 ff. Tit. 2. KanzleiauiwaNd und Inventarium 4170 ff. 21 fr. Tit. 3. Reise - unk Uederzugskosten 9925 ff. Tit. 4. Polizei - und Verwaituiigsaufwand 8000 ff., im Ganzen 59,327 ff. 21 fr. Zum Strich sind 1100 ff. für Verschling des Polizeidienstes m Wiesbaden, Ems und Biebrich beantragt, da biete Angelegenheit noch nicht geregelt sei, trotz der im vori­gen Jahre verlangten desfallsigen Gesetzesvorlage.

Abg. 'b a h t stellt die Frage an ka» Ministerium, ob die erwähnten Polizeistellen ungeachtet deS Strichs der dafür im vorigen Jahr gemachten Anforderung bis jetzt auf Staatskosten fortbesianoen frästen t Ministeeml- rath Schepp bejaht diese Frage. Äbg. Naht: Die Versammlung könne sich unmöglich damit begnügen, nach dem Antrag des Ausschusses blos bie-e auf kein Gesetz gegründete Anforderung zu streichen. Dieses werde offenbar vergeblich sein, wenn nicht zugleich die verdiente ernste Rüge der Belseitsetzung ihres Beschluß

oo Wiesbaden, 26. Januar. Das hiesige Publi­kum, dessen Kunstsinn und Kunstverständigkeit bekannt­lich Dank den Bemühungen des in jedem wissen­schaftlichen Sattel gerechten Herrn Henoch so überaus groß sind, strömt seit einigen Tagen in tollen Haufen in die Burg nach Biebrich, um die ru­hende Statue der verstorbenen Herzogin Elisabeth, deren Sarkophag diese Statue als ersteZierde krönen soll,zu sehen.,

Auch wir haben diese Statue vor einigen Tagen , eschen und bewundert; ohne uns jedoch zu verhehlen, daß die ganze künstlerische Auffassung nach unserm Gefühle an einem Mangel leidet, der, da er eben die Grund­idee des Kunstwerks angeht, nur groß genannt werden kann.

Wir wollen hier keine ausführliche Kritik liefern, zumal das Kunstwerk, was technische Ausführung an­laugt, noch nicht einmal seiner Vollendung entgegen gereift ist, und deßhalb diese Kritik in manchem Belang verfrüht sein würde, und diesen Mangel nur kurz damit andeuten, daß uns die totale Darstellung zu carnal, n cht spirituell genug gehalten zu sein scheint.

Eine Abgeschiedene, den heißen Leidenschaften des Lebens Entrückte, darf man nicht so körperlich auf­fassen. Man verstehe uns nicht falsch! Wir tadeln nicht die schönen und herrlichen Glieder und Formen als solche; diese bewundern wir gerade, aber nur in ihrer Besonderheit und nicht als gelungene Träger einer wohlbegriffenen Idee.

Der Tod ist für unsere Sinne etwas llebersinn- liches. Ein abgestorbener Leib muß daher durch die

Darstellung vergeistigt werden. Die Glieder der fraglichen Statue" sind nicht idealsirt genug.

Die eng anliegenden Gewänder, welche die Formen durchscheinen lassen, wie wenn sie durchfeuchtet wären, sind ganz am Platze bei dem heiß pnlsirendcn Leben; nicht passend kleiden sie aber die Psyche. Auch die Lage athmet nicht Ruhe, Frieden und Versöhnung. Die alten Griechen, diese ewigen Meister des guten Geschmacks, haben den Tod nicht gräßlich und schreck­haft, wie viele andere Rationen dargestellt, sondern milde, alS den Bruder des Schlafes; sie haben ihn aber auch durchaus nicht üppig, voll und von Kraft strotzend gebildet, sondern mit feinen und zarten Um­rissen, weil sie wol begriffen, daß bei dieser Fülle von Kraft die Milde und Zartheit eiNgebüßt werden.

So kommt es denn, daß der eben ausgeführte Man­gel auf der andern Seite die größten Vorzüge des Kunstwerks begründet. Diese herrliche Gliederpracht fordert die Schönheit und Wahrheit zugleich in die Schranken; aber man muß vergessen, daß dieselbe einer Hingeschiedenen angehöre.

Ein Gedanke war uns noch beim Anschauen des Kunstwerks besonders störend, und er ist eS zunächst, der uns heute die Feder in die Hand drückt.

Wir erinnerten uns, daß wir einen sehr wackern und sehr durchgebildeten nassauischen Bildhauer hätten, und bedauerten sehr, daß diesem die Ausführung nicht übertragen worden sei. Wir meinen den Bild­hauer Vogel in Wiesbaden, welcher entschieden Un­gewöhnliches zu leisten verspricht. Wir machen daS

I Publikum sehr nachdrücklich auf diesen jungen Mann aufmerksam, dessen größter Fehler vielleicht seine allzu- große Bescheidenheit ist. DaS Modell, an welchem dieser Künstler eben arbeitet ein neapolitanischer Fischtrjüngling, der sich, dem seine Haare zurückschleu­dernden Orkane Trotz bietend, kecke Waguiß und festes Selbstvertrauen in den edel geformten Zügen, eben an schickt in die See zu stürzen ist sehr des Sehens und Bewundernswerth; die Büsten des Herzogs Wil­helm und der Herzogin Pauline, welche in Rom entstanden, find meisterhafte Ausführungen; die kleinen Portrait'ö, welche Vogel anfertigt, sind Muster, mag man nun mehr auf feine Technik und zarte Ausführung, mag man mehr auf treue Nachbildung sehen.

Der Künstler von der Spree grolle u 6 ni$f, weil wir hier unsere Meinung so offen aussprechen; und schelte uns nicht undeutsch und engherzig, weil wir auf Nassau Hinweisen.

In dem nassauischen Partikularismus findet dwse Auffassung ihre Quelle wahrhaftig nicht; wir sind nicht so blödsinnig, von einer speziell nassauischen Kunst zu träumen.

Wir dachten an die naffaui'sche Cl'vtllrste, als wir vernahmen, daß ein Richtnassauer daS Biebricher Kunstwerk vollendet habe; wii überlegten, daß es über alle Maßen vernünftig sein würde, wenn das Geld, welches Die Bürger Ragau's in der Civilliste znsamme» schießen müßten, auch wieder zu den nassauischen Künst­lern und Handwerken zuiückflöße.