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Dreiheit und Recht!"

M 22. - Wiesbaden. Sonntag, 26 Januar 1851»

DieFreie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. Der Abonnementspreis beträgt vierteljährlich hier in Wiesbaden 1 fl 45^r., ^auswärts durch die Post bezogen mit verhältnismäßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei der großen Verbreitung derFreien Zeitung" stets von wirffttmtm Ei' folge Die Jnserationsgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile 3 kr.

Oesterreich entwaffnet!

X Oesterreich entwaffnet! ist der jedesmalige Re­frain, so oft Preußen neue Tausende nach der Heimath entläßt. Ich sage nicht, daß ich der preußischen Regie­rung die Demobilisation jetzt etwa noch übel nehmen möchte, nein, wer so weit gegangen, hätte auf der Stelle noch einen Schritt weiter gehen und ohne Ver­zug die gefammte einberufene Mannschaft der Arbeit zunickgeben sollen; nur darauf will ich aufmerksam machen, daß es bloße Prahlerei der Berliner Blätter oder grobe Täuschung ist, wenn sie von strenger Ge­genseitigkeit reden. Was ist geschehen? Fünf Armee­korps standen in Bohmen, Mahren und Schlesien. Davon ist allerdings das galizische nach seinen Stan­desorten zurückgekehrt, aber es ist schlagfertig zu jeder Minute. Ein anderes ist nach Ungarn und Italien zurückgeschickt, '-dorthin, wie hierher aus Nützlichkeits- gründm, weil die Kroaten schwierig wurden und in Italien die Truppen nicht ohne Bedenken zu entbehren waren. Aber noch stehen 120 bis 150,000 Mann theils ui und um Prag, theils an der sächsischen und preus­sische Grenze. Ein Theil dieser drei Korps, wie Hay- nau's Infanterie, ist zum Legeditschen Armeekorps be­ordert worden, daS Regiment Beuedec nach Rastatt gerückt. Es ist Thatsache, daß keine 10,000 Mann über Wien auf der Rückkehr aus Böhmen und Mäh­ren gekommen sind! Oesterreich steht jetzt mit den Waffen in der Hand auf zehn fremden Gebieten: in Modena, Parma, Toskana und im Kirchenstaate, in Baden (Rastatt), im Großherzoglbum Hessen (Mainz), in Kurhessen, in Frankfurt, in Hannover und Lauen- burg-Holstein, und es hat, während ich dies schreibe, wahrscheinlich auch schon Hamburg und Lübeck besetzt; eS steht ferner im Begriff, sich nicht minder im Braun­schweigischen und Oldenburgischen bewaffnet festzusetzen.

So entwaffnet Oesterreich !

Die Zolleinigungsfrage.

* Ist wahr, daß das preußische Ministerium Herrn v. AlvenSleben beauftragt hat, sich in Dresden auf die Zolleinigungsfrage nicht cinzulassen? Die neuesten Nachrichten aus Berlin behaupten es und die Köln. Ztg." versichert es mit dem Zusätze, daß Preu­ßen dem Wiener Kabinct offenbart habt, es müsse auf der seiner Zeit auf die österreichische Denkschrift gege­benen Antwort beharren, welche damals allerdings Er­leichterungen deS internationalen Systems zugestand. Die Bruck'schen ZolleinigungSprojekte werden also, wenn sich dies bestätigt, nicht Hals über Kopf über Deutschland hereinbrechen. Auch die Versuche im öster­reichischen Interesse, w.lchc in Hannover gemacht wur­den, sollen gescheitert sein. So stehen die Dinge heute;

daß sie morgen nicht vielleicht schon wieder anders se­hen, ist darum nicht Haraniiri. Denn Oesterreich hat nicht die Art, sich etwas, das es will, rund abschlagen zu lassen; und der Bundestag hat bekauutlich triftige Gründe, auch hier wieder Oesterreichs Fahne zu tragen. Wie dem aber auch, eine Frage ist jetzt wohl entschie­den: was vortheilhafter sei, auf die Bruck'schen 36 Millionen den Handelsbund anszudchnen oder auf alle Bewohner der Erdkugel? Und wo ist denn das Han- delselderado zu finden, auf das Oesterreich so prunkend hinweist?Es ist auf der Karte nicht zu finden!" antwortet dieKöln. Ztg." in ihrem neuesten Leit­artikel.Soll es innerhalb der österreichischen Grenze sein? In Deutsch-Oesterreich ist fast jeder wohl, habende Mann ein Fabrikant, der die anderen be­reits ausgesogen hat. Man findet dort nur Herren, die in zehn Jahren 100,006 Gulden an Weberei und Spinnerei verdient haben, und Arbeiter, die um 2 bis 3 Silbergroschen täglich arbeiten müssen. In Sla­wisch- und Magyarisch-Oesterrcich wird nur auf Borg gekauft, und wer wollte dahin borgen? Es wird auch wenig gekauft und meistens nur geringe Waaren, welche die Fracht von Elberfeld nicht ertragen, und solche Waaren, die das Wuppertal gar nicht fabrizirt! Die natio­nale Idee konnte auch nicht überreden, uns Oesterreich zu unterwerfen; denn Oestenrich kann keine nationale Idee verfolgen, ohne augenblicklich zu zerfallen. Jede Nationalität negirt Oesterreich.

Der Reiz, unter dem schwarzgelben Banner die Cultur nach Osten zu tragen, ist auch nicht groß. Einst war Cultur im Osten; sie ist erst untergegangen, als die Türken und die Oesterreicher kamen! Das culturver« breitende Talent fehlte, nebst verschiedenem Anderem, den Babenbergern wie den Habsburger». Unter ihrer Regie wurde selbst die civiiisirte Einwanderung dccul- tivirt. Weder praktische noch ivealische Güter sind er­reichbar durch die Zollcinignng, und der politische Vor­theil ist kein anderer, als der, den Lasten einer selbst­ständigen Regierung enthoben zu sein, die Brücken für die österreichischen Truppen schlagen zu dürfen und österreichische Beamte als Zollwächter Preußens Gränze überwachen zu sehen. Diese Bilanz chät^smar gegen die österreichischen Projekte entschieden."

Aber was nun weiter? Soll der alte Zollverein bleiben wie er war? Nein, er muß die Nordsee erreichen, mit den Nordseestaaten einen Handelsbund schließen. Aber Handelsfreiheit und Herr von der Heydt? Der jetzige Finanzminister Preußens wird ;n- rücktlkten müssen. Es scheint, daß dieser Schritt als eine Nothwendigkeit sich endlich in Berlin geltend macht.

Eine freiere Handelspolitik wird von Allen, welche ein Herz für das Vaterland und Theilnahme für ihre Mitmenschen haben, als eine Wohlthat begrüßt wer­den. Nur wenn die Arbeit ihren vollen Preis erhält, wird das Eigenthum volle Achtung in allen Staats- krisen behalten. Die Freihandelsmänner werden die Schonung, welche sie der inländischen Industrie lchul-

den, zeigen, sie dürfen Uebergangsmaßregeln sich gefallen lassen, jedoch nur als Uebergangsmaßregeln, sie dürfen hoffen, daß bei Weitem die Mehrzahl der deutschen Fabrikanten eingesehen haben wird, wie wenig haltbar die bisherige maßlose Ausbeutung der Arbeiter noch ist, sie werden einsehen lernen, daß Reformen in ihren Kreisen allein dem Verderben vorbeugen können, dem sie sonst unerrettbar entgegen gehen, sie werden endlich ihren Arbeitern gegenüber fühlen, wie wahr das Wort ist:

Was Du nicht willst, daß Dir geschieht, Das thu auch einem Andern nicht!

Deutschland.

=ßÈ Nastätten, im Januar. AuS sicherer Quelle wurde dem Einsender dieses bekannt, daß in jüngst vergangenem Herbste im Amt Langenschwalbach ein geheim umherschleichendcs Einladungsschreiben unter den Bürgermeistern circulirt, worin dieselben zu einer Ver­sammlung in Kemel ersucht worden sind; daselbst sollte beschlossen werden: 1) die Regierung anzugehen um Abschaffung des ferneren Wahlsystems der Bürgermeister und festes Bleiben in diesen Stellen auf die Dauer, 2) Festsetzung deren Gehalte durch die Regierung, und dergleichen unfreie Wünsche. Durch verkehrten Lauf des Circulars, auch absichtliches Nichterscheinen vieler Bürgermeister wurde doch dieser Art Nichts zn Stande gebracht, die Versammlung war schwach besetzt, und die Geschichte soll, wie man zu sagen pflegt, zu Wasser geworden sein.Man wäre von unserer Regierung überzeugt gewesen, baß sie auch dergleichen unsinnige Gesuche nur zurückgestoßen hätte!" Hat man ja doch schon langst in unfreieren Staaten wie Nassau das Wahl­system der Bürgermeister eingeführt! Wie sehr übrigens auch Nassau's Bürger nach Wahlrecht schon vor dem März­sturm 1848 ersehnt haben, kann man in einem Ar­tikel zweite Beilage zum Frankfurter Journal Nr. 130 vom 11. Mai 1847 noch lesen, worin es heißkt d. d. Nastätten vom 5. Mai:Welchen Eindruck teO Hrn. D^putirteo-Kussnaer, uiiterttützt von dem Hrn. Müller von Eschborn, die Wahl der Schultheißen künftig alle 6 Jahre vorzunehmen, auf alle Gemüther gemacht hat, kann man auf den Gesichtern in unserm Städtchen lesen. Es würde dadurch, wenn dieser An­trag, welcher von der Fürsorge unserer wciien StaatS- regierung zweifelsohne in Thatkraft gerufen wird, mancher wiUkührlichen Handlung ein Ziel gesetzt und mancher seufzende Mitbürger mit einem Mal in frohen Lebensgeist versetzt werden. Man ist geneigt, beiden edlen Männern eine Dankadresse zu veranstalten." Es ist zwar nicht zu verkennen, daß bei manchen Wahlen Fehlgriffe gemacht wurden, dagegen ist aber anzunehmenn, daß chei ferneren Wahlen diese beseitigt werden; übrigens sind auch wieder Viele gilt ausge­fallen und für die Folge wird eS damit bester gehen.

Beamtenthum und Selbstverwaltung.

Ein Engländer, Laing, hat kürzlich ein Werk über die sozialen und politischen Zustände Europa's während der Jahre 1848 und 1819" herauSgegeben, uif welches wir die Aufmerksamkeit unserer Leser zu lenken wünschen. DieNat.-Zeünng" giebt folgende Bruchstücke ans einer Recension beweiben in dem Ja­nuarheft von Taits Edinburgh Magazine:

Das Beamtenthum ist ein unterscheidender Charak­terzug, der mehr noch als die Besitzverhältnisse an Grund und Boden das tägliche und häusliche Leben eines Volkes durchdringt und den Eindruck auf den Fremden bestimmt. In England sind die Civilbeamten der Regierung wenig zahlreich, vereinzelt und nicht aufdringlich, auf dem Fcstlande sind sie unzählig, all­gegenwärtig und bilden einen besonderen orgsniinten sind mächtigen Stand. In England beschränken sie sich auf die unumgänglich nothwendigen Verrichtungen; auf dem Festlande mischen sic sich in jedes Gcschäft und jede Vorkommenheit. In England wird man in der Regel nur durch den jährlichen Besuch des Steuererhebers an ihre Eristenz erinnert, es sei denn, daß man die Hülfe des Gesetzes anzurufen oder sich verantwortlich gemacht hat. Ans dem Festlande ver­geht schwerlich'ein Tag, kann schwerlich ein Geschäft abgemacht werden, ohne mit Einem oder dem Andern

von ihnen in Berühnchg, wenn nicht in Konflikt zu kommen. Viele Obliegenheiten, die auf dem Festlande von Staatsbeamten besorgt werden, sind hier die Sache gewählter Gemeindebeamten; viele sind der Diskretion des Einzelnen anhcimgegeben, noch viel mehre werden gar nicht besorgt. Bei uns ist des Bürgers freier Wille nur durch seines Nachbarn freien Willen oder durch seines Nachbarn Recht beschränkt. Auf dem Fest­lande kann der freie Wille nur geübt werden, wenn zuvor die obrigkeitliche Genehmigung dazu eingeholt ist. Beschränkung des Willens ist bei uns die Aus­nahme, dort die Regel. Auf dem ganzen Kontinente kann ein Bürger weder ein Geschäft nnfangen, noch ein Haus bauen, noch eine Reise machen ohne Er­laubniß, und die Erlaubniß kann nur erlangt werden durch eine vorgeschriebene Reihe von widerwärtigen sind langweiligen Formalitäten.In Frankreich, der Schweiz, Belgien und den heutigen konstitutionellen Staaten sagt Laing nennt daS Volk sich frei, weil es mehr oder weniger die Form der Repräsen- tativregierung besitzt und mehr oder weniger politische Freiheit genießt; aber es hat nicht mehr bürgerliche Freiheit und nicht mehr Sinn oder Gefühl dafür, als wenn es gar keine Constitutionen hätte. Die Menschen leben, handeln und cristiren dort unter einem System von Einmischung in Jedermann's Thun und Treiben, gerade wie in Oesterreich, Preußen und den übrigen Staaten ohne Constitutiou und ohne politische Frei­

heit. Das wahre Wesen der bürgerlichen Freiheit in dem freien Gebrauch der Zeit, der Thätigkeit, des Ka­pitals und in dem selbstbestimmtcn Handeln des In­dividuums ist dem Festländer unbekannt. Es ist un­terhaltend, einen Deutschen oder Franzosen über kon­stitutionelle Regierungsform, allgemeines Stimmrecht, Qualifikation der Vertreter, Gleichheit vor dem Gesetz, reden zu hören, und wenn er alle diese Punkte erläu­tert und damit klar bewiesen hat, daß wir Engländer keine wahre Freiheit genießen, ja ihre Gruiiddegriste noch nicht verstanden haben, ihn zu einer Vergnügungs­reise nach Marseille, Köln oder Leipzig aufzufordern. O, sagt er, ich muß auf daS Bureau laufen nach un­sern Pässen. Ich muß sie von der kompetenten Be­hörde zeichnen, von einer andern kompetenten Beyördc gegenzeichnen und in jeder Stadt, wo wir uns ver­weilen, von der kompetenten Behörde visiren lagen, damit wir keine Unannehmlichkeiten haben, und ich muß mich melden, bevor das Bureau geschlossen ist, sonst haben wir bis morgen zu warten! Frei und unab­hängig zu sein in dem Sinne, wie der gemeine Mann in England es ist, scheint kein Bedürfniß (ü?) für den Fest läuder zu sein, selbst für den Wohlhabenden Gebildeten. Der englische Reisende, der in Deutschland oder Frank reich selbst auf das RathhauS oder Polizeiamt geht, um seinen Paß visiren zu lassen und dort das Ge­dränge von Kaufleuten, Laudkrämern, reiienpen Hand- »erfern und selbst Landleute» aus der Nachbarschaft