Einzelbild herunterladen
 

Leerheit und Recht!"

Wiesbaden Donnerstag. 23 Januar

DieFreie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. Der Abonnementspreis beträgt vierteljährlich hier in WieSdaven 1 rl 45 fr., auswärts durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei der großen Verbreitung derFreien Zeitung" stetS von wirksamem Er­folge Die Jnserationsgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile 3 kr.

Die Politik der Rache.

X Aus Kurhessen erfahren wir durch die Presse neuerdings sehr wenig. DieO.-P.-A.-Z." beobachtet ein bedeutsames Schweigen: ob sie sich schämt? Das Frkf. I." laborirt immer noch an demheilsamen" Schrecken, den ihm sein kurzes Verbot in die mark­losen Knochen sagte. Die Korrespondenten, welche die Vorgänge bei ihrem wahren Namen zu nennen wag­ten, sind theils verstummt, weil sie am Erfolg ihrer Reklamationen verzweifelten oder sich keinen Erekutionen, Ausweisungen u. s. w. aussetzen mögen; die demokra- tischen Publicisten sind vertrieben aus Kassel, die kon­stitutionellen dazu. Aber diePolitik der Rache", welche dem hessischen Volke schon so manches Opfer abgefordert, die Politik der Rache, die in der Geschichte des hessischen Volksstammes eine so furchtbare Rolle spielt, feiert Orgien, die selbst einen Haffenpflng ent­setzen sollen Und dies will doch etwas sagen!

Unser Herz hat so oft bei dem Blick auf Kurhessen geblutet, unser Blut sich in den Adern empört bei die- .sen Schreckensberichten; doch, Gott Lob, endlich wird cs etwas stiller; die Furien haben also wohl ans­getobt!"

So haben wir von gutmüthigen Männern und Frauen in letzter Zeit öfter reden hören, und es ist uns leid, daß wir diesen Hoffnungen keine Bestätigung bringen können.

Wir leben in einer fürchterlichen Epoche; es ist nicht mehr an der Zeit sich Illusionen zu machen, es gilt, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu er­fahren und sich einzuprägen. Auch Uebertreibungen führen zu Illusionen: wir haben sic zu hassen, wie wir das Vertuschen zu hassen haben. Die Presse ist nur dann eine Macht, wenn sie sich vor dem Einen wie vor dem Andern zu hüten weiß. Es mag schöner sein, die Tagesereignisse zu malen; aber nütz­licher ist es jedenfalls, sie zu daguerreotypiren. Solche Daguerreotypbilder grade sind es, welche in unseren Tagen nöthiger als je sind.

Es ist gelungen, den Kurhessen alle Zeitungen zu rauben bis auf die jämmerliche Obermüller'scheKass. Ztg." und die Frankfurter Blätter. Aber es ist doch nicht gänzlich geglückt, die norddeutsche Gewissenhaftig­keit zu ruiniren. DieNat.-Ztg.", dieKöln." und dieWes.-Ztg." lassen trotz ihrer Acchtung in Kurhes- ien nicht ab, zu erzählen, was in Kassel vorgcht. So meldet dieKöln. Z." aus Kassel 18. Jan. Folgendes:

Nachdem unserconservativer" Premier-Minister mit Hülfe des Bundescommissärs in allen Branchen des Staatsdienstes tabula rasa gemacht, dem perma­nenten ständischen Ausschüsse, wie der oppositionellen Presse des In- und Auslandes für Hessen den Mund verstopft sind wir seiner positiven Schöpfungen ge­wärtig. Mit großer Bestimmtheit wird übrigens ver­sichert, daß Haffenpflug und das Ministerium, ja selbst

DeS Republikaners Schwertfahrt.

Kartons von Ernst Haug, General der römischen Republik.

(Fortsetzung. Siehe No. 10.)

* Wir haben eine längere Unterbrechung in unsern Auszügen aus der genialen Schwertfahrt Haugs cin- treten lassen müssen, um den sich drängenden Stoff des laufenden Tages zu beseitigen. Sei es uns vergönnt, unsere Leser noch einmal auf Mazzini hinzulenken. Die italienische Emigration hatte den Zug der Bandiera nicht gebilligt; was Mazzini vorhergesagt, traf ein. Der große Tribun beschäftigte sich indeß eifrig mit li­terarischen und sozialen Bestrebungen. So gründete er in London für die Kinder der italienischen Verbann­ten eine Schule, in der er täglich sechs Stunden un­entgeltlich unterrichtete; er arbeitete für englische, fran­zösische und italienische Publicität, den reichen Gewinn seiner Feder der Unterstützung seiner Brüder widmend und selber darbend. Seine größeren Schriften erschie­nen in London, Paris und Malta, darunter die herr­licheFoi et avenir* 1830. Sein Journal Italia del populo erscheint jetzt wieder in Genf. Seine Schriften philosophischen, ästhetischen, historischen und politischen Inhalts sind noch in keiner Gesammtausgabe erschienen, doch wer eine Schrift von ihm las, er­kennt jedes Stück, das ihm in die Hand kommt, !

Graf Leiningen, mit den n a ch Beseitigung alles Wi­derstandeszur Strafe" verhängten Bequartierungen durchaus nicht einverstanden seien, während eine hohc Person, in Uebereinstimmung mit Vilmar und Scheffer, dieseRevanche" für nothwendig und Heil­sam, jedenfalls für sich süß halten soll. Gewiß ist wenigstens, daß ein Mitglied des Ministeriums schon vor einigen Wochen einem Beamten, der sich über die unverdiente Beguartierung beschwerte, die bestimmte Antwort gab: Das Ministeriilm ist mit der Maßregel gar nicht einverstanden, hat sie aber nicht verhindern, sondern nur eine Ermäßigung der Deguartierung be­wirken können. Gewiß ist ferner, daß der vorherige Ober-Medicinalrath Dr. Heuber, welcher sich wegen ungebührlicher Bequartierung persönlich zum Grafen Leiningen begeben hatte, von diesem sehr human em­pfangen wurde und die Antwort erhielt: er, der Graf, habe mit den zu begartierenden Persönlichkeiten durchaus nichts zu thun, sondern nur die reguirirte Mannschaft zu stellen; Heuber möge sich an den UnterCourmissar Scheffer wenden, worauf Heuber erwiedert haben soll: er habe zwar im Frühjahr 1848 dem lebensge­fährlich erkrankten Staatsrath Scheffer das Leben ge­rettet; ehe er sich aber entschließe, vor diesem Manne jetzt als Bittender zu erscheinen, wollte er lieber seine Eiuquarticrungslast ferner tragen.Die letzten Opfer der Bequartierungslust sind der vorhinnige Ministerial- Vorstand des Aeußern, Frhr. v. Schenck zu Schweins­berg, Schwager des entlassenen Obergerichtspräsidenten v. Baumbach zu Marburg, ferner die bereits als solche entlassenen Obermedizinalräthe Stracke und Heuber; beide waren früher Leibärzte Sr. königl. Hoheit, konn­ten es aber in dieser Stellung nicht aushalten und hatten ihre Entlassung erbeten, was ein treues Ge­dächtniß nie vergißt."

Das ist Rechtens im Jahre 1851 und dem wird von den Organen vieler Regierungen das Wort ge­redet!Fürwahr, die deutsche Geschichte ist reich an Erniedrigungen; aber was unsere Generation erlebte, übertrifft doch Alles, was bisher dageweseu!"

So hören wir häufig klagen. Auch dies ist eine Täuschung! Lest die Geschichte der L-achfenkriege un­ter dem sogenannten Karl dem Großen; lest die Ge­schichte des deutsche Bauernkrieges und wie protestan­tische Fürsten das Amt der Rache übten, lest die Ge­schichte des 30jährigen Krieges, lest die Geschichte der Heereszüge der Rheinbundestruppen nach dem Norden, wie Deutsche gegen Deutsche wütheten, und wenn ihr dann die Geschichte der letzten Jahre leset, so werdet ihr mit Schaudern erkennen, daß stets zur Ehre der guten Sache" der Vandalismus Staatsraison war, so werdet ihr aber auch inne werden, daß nichts der germani­schen Berserkerwuth endlich Einhalt zu gebieten im Stanke ist, als die ruhige, gründliche, rastlöse, unermüdliche Aufklärung des Volkes über seine wahren Interessen. Alle Träume, alle Illusionen müssen schwinden. Er­kenne dich selbst! rufen wir den Deutschen unab­

sogleich wieder: jede Zeile trägt das Gepräge des ge­nialen Geistes.

Am 25. Juli 1848 hielt Mazzini, vom Volke auf­gefordert, eine Rede zum Gedächtniß der Bandiera ein Meisterstück in jeder Beziehung, das damals mehr oder wenig ausführlich in den Blättern stand, doch im Sturm der Ereignisse vorüberwehte. Haug gibt uns eine treffliche Uebersetzung; es sei uns vergönnt, dieses immergrüne Blatt der Gegpichte des Jahres 1848 un­verkürzt unsern Lesern vorzulegen.

Mazzini'S Rede im Dome zu Mailand am 25. Juli 1848.

Dem Gedächtn der Märtyrer von Co n°s ei» za.

AIs ich von Euch, o theure Jünglinge! die Auf­forderung erhalten, in diesem Tempel einige fromme, Worte dem Andenken der Brüder Bandiera und ihrer Gefährten auf dem Todesgange in Consenza zu sprechen, dachte ich, ob einer meiner Zuhörer in edler Entrüstung ausrufen könnte: Wozu die Klagen um die Todten? Sieget in bem Kampf, welchen die Todten begannen und Ihr werdet das Andenken der Märtyrer auf die ehrenvollste Wesse gefeiert haben! Consenza, der Boden wo sie starben, ist noch leibeigen, - Venedig, die Stadt wo sie geboren, ist von Fremden umzingelt. Laßt uns das heilige Land erst befreien; bis wir daS erreicht, wandre kein anderes Wort über unsere Lippen als Krieg Krieg!

lässig zu, erkenne dich in deinen Schwächen, in deinen Rasereien, in deinen Licht- und Schattenseiten; dann wirst du in den schweren Tagen der Noth nicht muth- los, in den Tagen des Sieges nicht übermüthig werden! Die Politik der Rache unsern Gegnern, die sich durch diese Politik selber richten; die Politik der Gerech­tigkeit uns nnd unsern Freunden. Wir wollen unser Herz nicht vergiften, unsern Kopf nicht umnebeln lagen nüchtern und klar bleibe unser Blick, stolz unser Muth, fest unser Vertrauen auf den Sieg der Wahr­heit und jenes Rechtsgefühls, das im Busen guter Menschen als die Feuer.säule lodert, welche die Völker aus der Wüste der Knechtschaft dennoch ins gelobte Land der Freiheit führt.

Deutschland.

4= Wiesbaden, 22 Januar. Der hiesige Zollkon­greß handelt von der Gegenwart, der Dresdener vou der Zukunft. Bis Ende 53 besteht der preußische Zollverein rechtlich, bis dahin gibt Oesterreich ihm Frist. Die hiesigen wie Dresdener Berathungen wer­den dahin arbeiten, baß in dieser Zeit die Uebergänae angebahnt werden. Denn in so kritischen Dingen muß man fein vorsichtig zu Werke gehn. Zu dem Zwecke geht ein preußischer Kommissär nach Dresden und ist ein württembergischer, Oberstcuerrath Herzog, hier; zu dem Zweck ist Delbrück, der schon hier war, abberufen und durch Geh. Finanzrath Henning aus Berlin er­setzt werden. Zu dem Zwecke werden sich wahrschein- lich auch Sachsen und Baiern noch hier vertreten lassen. Der hiesige Kongreß wird so lange dauern, bis matt in Dresden einig ist.

Mainz, 21. Januar. DieMainzer Abendpost" bemerkt über die von uns bereits gestern gemeldete Freilassung:Seit gestern befindet sich Student Kupfer- berg, welcher 20 Monate lang in den schrecklichen Zellengefängniffen Bruchsals gefangen saß, wieder frei im Kreise seiner Familie. Die Kunde seiner Befreiung hat die ganze Stadt freudig bewegt; auch wir rufen ihm unsere Glückwünsche für seine Erlösung aus dem Grabe derLebenkigcn zu vermögen aber nicht das bittere Ge­fühl zu unterdrücken, das uns bei dem Gedanken be­fällt, er verdanke seine Freiheit nicht der Gercchtiakeir oder der Milde, sondern, wie hier in Jedes Munde ist, reelleren Motiven. Uebrigenö sind letzten Samstag mehrere Gefangene ans Bruchsal entlassen worden, worunter auch zwei Bürger aus Mannheim', Kommissar Rombach zu 10 Jahre und Scrident Ables zu 1 Jahr verurtheilt."

*§* Darmstadt, 20. Januar. Heute war zuerst eine gemeinschaftliche Sitzung, in welcher Finanzdirektoa- von Schenk über den Etat von 1845 bis 1850 Vorlage machte und zugleich die Eisenbahnbaurcchnun- gen bis 30. Jun» 1850 vorletzte. Die Aktenstücke sind

Ich fragte mich aber: Warum siegen wir nicht, warum geht im Süden Italiens die Freiheit unter, während wir im Norden für unsere Unabhängigkeit kämpfen? warum siecht der Krieg, statt mit Löwen- sprängen über die Alpen loszustürzen, schon vier Mo­nate krampfhaft und ungewiß wie der Skorpion, we cher vom Feuerkreise umgürtet ist? warum verkehrte sich die hinreißende, mächtige Begeisterung des Volksgeistes in müden Trübsinn?

Ach! hätten wir uns Alle zur Heiligkeit der Idee erhoben, für welche unsere Märtyrer starben -v hätte die Bundeslade ihres Glaubens unsere Jugend in die Schlacht begleitet - hätten wir jene Einheit des Lebens, welche sie so stärkte, erreicht, hätten wir aus jedem Gedanken eine That, aus jeder That einen Gedanken gemacht hätte ihr letztes Wort *), demüthig in un­sere Seele aufgenommen, uns gelehrt, daß Freiheit und Unabhängigkeit eins sind, daß Gott und Volk, Vaterland und M e n sch h e 11 unzertrennliche Worte für jene Leute sein müssen, welche es unternehmen, sich zur Nation zu machen; daß Italien nur durch die Liebe und Gleichheit aller seiner Söhne einig und ge­heiligt, nur durch den Kultus der ewigen Wahrheit groß und zu seiner hohen Mission geweiht werden kann, der Träger des moralischen PriesterthumS der Völker Enropa's zu sein. Ha! wenn unS all dieses sorge-

* ) Viva Thalia,