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^§ 12. Wiesbaden. Mittwoche 13 Januar 18 Ä1

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Die Wendung in Frankreich.

T X"Leidenschaftlichkeit ist eine gefährliche Eigenschaft in'politischen Dingen. So lange die Revolution raste, machte sie eine Thorheit über die andere. Endlich hat sie kalt Blut zu behalten gelernt und deshalb in der fetzigen französischen Krisis trefflich operirt. Die Lei­denschaften tobten auf Seiten ihrer Gegner! Wüthend über den Sturz Changarniers ließ die Rechte, beson­ders die orleanistische, die sich längst wieder für hieb- und stichfest hielt, ihrem Jähzorn die Zügel schießen. Es gehörte nicht viel Scharfsinn dazu, das saubere Spiel des Intriganten Thiers zu durchschauen. Wir ken­nen das Geschichtchen vom alten Hebel. Wie die bei­den Postillone rufen:Schlägst du meinen Juden, so schlage ich deinen Juden!" so hieß es auch hier:Stürzest du unsern Ehangarnier, so stürzen wir deinen Baroche und, wenn du dich nicht fügst, dich dazu!" Thiers und Montalembert plötzlich für die Verfassung auf- treten zu sehen: es war zu rührend. Louis Bona­parte regiert mit Ministern, die den Belagerungszu­stand, den Zug nach Rom, die Vernichtung des allge­meinen Wahlrechts, die Gesetze gegen die Presse, die Tranksteuer und die Goldbarrenlotterie kreirten; Chan- garnier ist der Held des 29. Januar und, 13. Juli, der Verfasser der scheußlichen Instruktionen für die Ar­mee: zwischen ihnen zu wählen, wäre ein Verrath ander heiligen Sache gewesen, welche.dieMontagne" vertritt. Sie wählte nicht, und dadurch behielt sie freie Hand, wurde sie Herrin der Situation. ~

Wenn Louis Bonaparte gegen die Schlangen, die er im Busen wärmte, geschützt sein will, so muß er Garantien geben; doch das ausgeflickte alte Kabinet ist das Gegentheil von dem, was die Republikaner fordern. Rouher ist der-selbe Justizminister der Re­publik, der bisher die republikanische Presse so teuflisch verfolgte, wie er gegen die monarchische nach­sichtig war; es ist derselbe republikanische Minister, der die Februarrevolution eine bloßeKatastrophe" nannte. Baroche ist der Intimus Carliers, der Held des Transportations- und des beschränkten Wahlge­setzes. Perrieu ist der Pascha, der die freisinnigen Lehrer zu Hunderten absetzte und den Jugendunterricht den Jesuiten überlieferte; und Fould ist so bekannt, daß sein Name schon genügt, um das Kabinet der Knechtung und Volksausbeutung zu charak- terisiren. Und wie diese, so die neuen Kabi- netsmitglieder. So lange der Präsident so kom- promittirte Männer festhält, ist seine Politik um kein Haar besser, als die seiner jetzigen Gegner in Der Nationalversammlung; und so lange der Präsident auf derselben Seite mit diesen steht, ist er eben dadurch in denHänden der Royalisten und gezwungen, sich, wie schon so oft, zu versöhnen und zu fügen. Ist eine solche Versöhnung von einiger Dauer jetzt nach den jüngsten Vorgängen noch denkbar$ Wenn sie dennoch erfolgen, wenn das jetzige Kabinet, das es mit Der ganzen Nationalversammlung für immer verdorben hat, dennoch von der Majorität^ wieder unterstützt werden sollte, so wäre dies ein offenes Ohnmachtsbe­kenntniß aller antirepublikanischen Parteien gegen die republikanische, so hieße dies soviel als:Wir sehen es jetzt ein, daß wir, so tief wir uns haffen, an ein- aüder gekettet sind."--Die Lawine rollt, schon ist der eine Theil der Contrerevolution nicht mehr im Stande, sie allein zu halten! Aber ich oczweifle, ob es beiden Theilen selbst noch auf kurze Zeit gelingen wird, ihr Stand zu halten. Es fragt sich jetzt, ob Louis Bonaparte noch Instinkt und Wil­lensstärke genug hat, sich zur Selbsterhaltung für seine Person an die Linke zu schließen? Die Republikaner, deren Hauptstreben für den Augenblick Die Erhaltung der wenn auch noch so durchlöcherten Republik ist, for­dern Garantien. Wird der Präsident sie geben? Daun hätten wir ein Kabinet zunächst der gemäßigten Linken zu gewärtigen; ein solches aber könnte sich dem Äuö- lanbe gegenüber nur durch engen Anschluß an England und die nordamerikanische Union halten. Sollte dieser Systems wechsel den europäischen Krieg beschleuni­gen, so würde bei dem Rufe:Der Feind an den Grenzen!" ein radikales Kabinet durch die Macht Der Verhältnisse folgen müssen. Dies sieht jevks Kind ein ; aber grabe weil diese Wendung nicht zu umgehen, ist eS sehr möglich, daß die Majorität sowohl wie Der Präsident davor zurückschreckt, daß sie sich also wieder vertragen, um sich mit geschloffenen Augen ihrem Verhängniß durch die Gewalt der Entwicklung enige- gentreiben zu lassen.

Die preußischen Rheinland-.

* Während die Aufmerksamkeit unserer Leser durch den Prozeß derKöln. Ztg." nach dem Niederrhein gerichtet ist, können wir es uns nicht versagen, zum näheren Verständniß DerWendung" in Preußen auf folgende Korrespondenz derZeitung für Norddeutsch- land", aus Köln 5. Januar, besonders aufmerksam zu machen. Dort heißt es:Der Umschwung der öffent­lichen Meinung in den Rhein Provinzen, und in Köln insbesondere, ist großartig. Es sind nicht sechs Monate, daß ich eine fast ausschließlich royalistisch konservative Stadt verlassen habe, und heute herrscht hier überall nicht nur die offenste Unzufriedenheit, son­dern fest ausgesprochener RepublikaniSmus. Ich möchte nicht, daß dies Wort mißverstanden würde und man sich einbildete, daß nun Köln und die Rheinproviuzen bereit wären, morgen auszustehen und die Republik zu erklären. So weit sind die Sachen nicht gediehen. Man ist hier, wie vielfach anderwärts, von einer ziemlich allgemeinen Hoffnungslosigkeit für die nächste Zukunft beherrscht; ein trostloser Geist der Rath- und Thatlosigkeit drückt hier alle Gemüther; aber auf dem Boden derselben sucht man überall den Keim der repu­blikanischen Ueoerzengung.Es hilft Nichts mZhr/ es rettet Nichts mehr Deutschland und das deutsche Volk, als ein allgemeiner und radikaler Umschwung!" Das hört man in allen Kreisen der Gesellschaft, von Hoch und Niedrig, von Reich und Arm überall offen aussprechen. Ob dies ein Glück oder Unglück ist, lassen wir hier unentschieden, denn wir wollen hier nicht polemisiren, sondern wir berichten nur über Thatsachen, über Den unverkennbaren Umschwung, der in Der öffentlichen Meinung stattzefunden hat und der sich unserer festen und kalten Ueberzeugung nach bei dem nächsten großen Anstöße unabweisbar geltend machen wird. Wir beruhten darüber, weil es für Freund und Feind gut ist, daß man darüber wisse, woran die Welt ist, was da zu hoffen und zu fürch­ten sei. Nach einer andern Seite hin hat ein fast ebenso merkwürdtßer Umschwung stattgefunden. Der Ultramontan tsmus hatte in Köln seit der Verfolgung des Erzbischofs Clemens August sehr große Fortschritte gemacht. Es lag in dem Auftreten der Altkatholiken damals eine,sehr kräftige Opposition gegen die An- -maßungen der Regierung, und selbst Halbindifferente 'flossen sich gerne Dieser Opposition an. Die Geist- lichkktt hat daraus den größten Gewinn zu ziehen ge­wußt, und war ihr vielfach gelungen, diese ganze Opposition zn einer kirchlichen Angelegenheit zu ma­chen. In der neuesten Zeit hat nun der Ultramouta- nismus die oppositionelle MaSke abgeworfen; Der Papst und der Kaiser gehen Hand in Hand, und das uttramontane Organ der rheinischen Geistlichkeit ist oft^vollkommen auf Der Höhe der preußischen Kreuz­ritter. Seit diese Wendung immer.z klarer her­vorgetreten ist, hat auch Die öffentliche Meinung Kehrt gemacht und beginnt nach uyd nach immer mehr sich von dein Ultramontanismus abzuwenven. DaS Or­gan der katholischen Kreuzzeitung am Rhein besteht nur noch durch milde Gaben, und bei Der Wahl eines Bür­germeisters zu Köln hat Der Anhänger der Ultramon- lanen letzthin nur Eine Stimme gefunden unter 28. Das sind Zeichen der Zeit, das ist der Anfang einer neuen geistigen Emancipation , der die Reform nicht fehlen wird, wenn sie erst n» Geiste vollkommen zum Durchbruche gekommen sein wird. In unserer dunkeln Zeit liegt in solchen Lichtblicken zugleich ein Trost für die Gegenwart und eine Hoffnung für die Zukunft.

Raffnuifcher Landtag.

//Wiesbaden. (Sitzung vom l,3. Januar.) Nach Uebergabe einiger Petitionen stellt Großmann im Warnen des Ausschusses für Vereinbarung Der Civil» liste an das Ministerium das Ersuchen, doch schleunigst auf Die vom Ausschuß gestellten und bis jetzt noch nicht beantworteten Fragen eine Antwort erfolgen zu lassen. Zoll mann stellt einen Antrag auf Einfüh­rung Der preußischen Brantwemsteuer, nebst einer Aus­fuhrprämie. Fresenius erstattet Bericht über die Einführung einer allgemeineu Maas- und GewichtS- ordnung. Er stellt die große, dermalen im Herzog- thu in in Maas und Gewicht bestehende UnorDnnng dar, allein 19 verschiedene Fruchtmaaße erlitten bei uns; es sei daher eine Reform dringend geboten, zumal va man auf die Wirksamkeit des Zollvereins ebensowenig,

als auf eine Einigung Deutschland? unter dermaligen Ver­hältnissen hoffen könne. Eine gesetzUche Festsetzung von Maas und Gewicht an jedem einzelnen Ort sei ohne­hin nothwendig; dadurch würden qlsvann fast dieselben Lasten, aber keine Einheit erzielt. Bertram (für sich und Schlemmer) trägt einen Minoritärsbericht vor, in welchem er auf das unpraktische, ans der Luft gegriffene französische System als einer Idee des Convents hinweist, das noch nicht einmal Glauben verdiene, weil man den französischen Physikern nicht Vertrauen genug schenken könne, den 10,000,OOOfien Theil des Erdmeridians rich­tig gemessen zu haben, der doch den Meter »arstellen solle. Die falsche Messung habe sich auch in der neuem Zeit wirklich erwiesen, die Zölle würden dann nicht mehr der Fingerdicke gleichen, und die Schoppen nicht mehr die Alt-Wiesbadener sein, welche doch die vor­züglichsten und weitverbreitetsten wären. Das franzö­sische System werde ohnehin doch nur durch eine Er­oberung in Deutschland eingeführt, und dazu werde es hoffentlich nicht kommen. Die Geschäftsleute, besonders Weinhändler und Wirthe, hätten durch die Einführung der großen Schoppen zu viel Nachtheil; dem Publikum dagegen sei es einerlei, ob es etwas weniger oder mehr erhalte, ihm sei nur an der augenblicklichen Ersparniß gelegen.

Braun: Ich bin für das Gesetz; weniger, weil ich ein Freund des französischen NationalconventS bin. von dem es herrührt; denn es kommt mir nicht darauf an, von wem ein Gesetz stammt, sondern ob es gut ist; sondern weil ich ein Feind des Betrugs bin. Es ist aber gewiß, daß der dermalige Zustand ein Beschützer des Betrugs ist, des Betrugs gegen daS Proletariat, gegen die Armen und Hungernden. Auf dem platten Land wird fast überall unrichtiges Maaß und Gewicht geführt; die Polizei und die Gerichte kön­nen, bei den hunderterlei Maßen und Gewichten, eS nicht hindern; die Landjäger können auf ihren Reisen nicht Arsenale von Maaßen und Gewichten mit sich führen. Ich chin für die Reform. Herr Bertram macht ihr den Vorwurf, sie verstoße gegen das Her­gebrachte und liebliche. Das ist aber bei jeder Reform der Fall, selbst bei der, welche Herr Bertram vorschlägt. Herr Bertram und Herr Schlemmer sagen, das französische System sey sophistisch und eingebildet, ter Meter sei gar nicht ein 1O,OOO,OOO|lel des Erd men dianquadranten. Ich weiß nicht, ob die Herrn Schlem­mer und Bertram den Erdmerldianquadranten geme,- sen haben; aber ich bezweifle es; und hätten sie'S, so hielte ich doch die alte Messung für richtiger; Den @iv# meridianquadranten aber halte ich weder für etwas Sophistisches noch für etwas Eingebiloetes. Ich bitte Herrn Bertrain, sich^über den revolutionären Ur,p.u>ig des Gesetzes zu beruhigen: oder vielmehr, er hat sich schon beruhigt, denn er selbst will ja das revolutionäre Conventsmaaß beim Malter; die Rèvokiitiousscheu hat er nur beim Schoppen! Ich bin für das fran­zösische System. und wenn es auch aus der Revolution und dem Convent hervorgegangen, weil es das o-r llüuftigste ist, und weil es aus Dem Wege Der Erobe­rung, nicht der materiellen, wie Herr Bertram meint, sondern der geistigen, begonnen hat, Den Weg um die Welt zu machen, und es wird ihn vollenden. Wir wollen daher mitgehen.

Naht ist gegen Berathung und Einführung dieses Gesetzes in jetziger Zeit and unter gegenwärtigen Ver­hältnissen. Schmidt: Die Aiiorvnliug in Maß und Gewicht bestehe nicht blos bei Dorfkrämern, sondern auch in Städten. Eine gesetzliche Regelung oes alten Bestehenden veranlaßte fast Dieselben Kosten, als die Einführung einer neuen Maß- und Gewich sordnnng; Die 1847er Kammer habe den Gegenstand schon ein­mal fallen laffen: wenn wir dies wiederuin thun wob« ten, würben, wir Die bis jetzt zugebrachte und alsoann verlorene Zeit und Geld vor dem Lande nicht recht­fertigen können, und uns obendrein ein wahrhaftes Ar» muthszrugniß ausstellen. Wimpf stellt den Antrag, daS Gesetz Der Regierung zu näherer Erwägung zn- ruckzugebeu, da er in Bezug auf die Wirksamkeit deS Zollvereins in dieser Angelegenheit noch nicht hoff­nungslos geworben. Snell: Dem jetzt bestehend.n llebelstand werbe nicht abgcholsen, wenn wir in unse­rem kleinen Ländchen eine Aenderung vornähmen, die nicht auch zugleich in den Nachbarländern rristlre, mit denen wir durch Verkehr und Handel verbunden seien. Er sei zwar jetzt eher für das Gesetz, weil sich die Commissionsvorschlage sehr Dem französischen Sichern näherten, daß doch Die Welt dereinst erobere, ohne daß Deutschland erobert werde. Bertram scheine aber kei-