Freit Zeitung.
„âeiherr und NechL!"
^§ FF. Wiesbaden. Dienstag 14. Januar 1^51
Die „Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. — Der Abonnementspreis beträgt vierteljährlich hier in Wiesbaden 1 fl. 45 fr., ausw irtS durch die Post bezogen mit verhältnißmâßigem Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Verbreitung der „Freien Zeitung" stets von Wirksam«« Er- folge. — Die Jnserationsgcbühren betragen für die vierspaltige Petitzeile 3 kr.
Die Dresdener Konferenzen.
I o u r n a l st i m m e n.
* Mehr und mehr enthüllt sich das Verschrobene des ganzen deutschen Restaurationswesens. Was wir wiederholt entwickelt haben, bestätigt sich langsam, aber bald selbst den Verbündetsten deutlich genug. In Dresden hat die erste Kommission vorläufig ihre Berathungen ganz eingestellt; über den Grund meldet die „Const. Ztg." Folgendes: „Oesterreich soll mit Preußens Beistimmung, wie mir versichert wird,, und wie mir schwer fällt, zu glauben — in die Commission einen Vorschlag über die Bildung der höchsten Bundesbehörde eingebracht haben, dahin lautend: „Die Centralgewalt bestehe ans sieben Factoren und neun Stimmen. Zwei dieser Factoren seien Oesterreich und Preußen mit je zwei Stimmen. Die übrigen fünf Stimmen vertheilen sich auf die übrigen Staaten. Dieser Staatenrath habe die Erekutive und in Ausnahmefällen auch die Legislative. Jährlich einmal versammle sich der gesetzgebende Körper, bestehend aus dem Plenum der Fürsten und freien Städte Deutschlands. In der Commission soll auf diesen Vorschlag zunächst Baiern eingehend erklärt haben, es beanspruche eine eigene Stimme, welche diesem Staate weder von Oesterreich noch von Preußen bestritten worden. Sodann soll der zweite durch den Vertrag von Ried auf Kosten Deutschlands bevorzugte Staat Würtemberg prätendirt haben, gleichfalls eine Viril stimme für sich zu führen. Gleiches Verlangen stellten darauf Sachsen und Hannover. Folglich blieb für den ganzen Rest von Deutschland, wozu ganz insbesondere die Ber- bundeten Preußens ohne Ausnahme zu rechnen sind, — Eine Stimme! Zum Ueberfluffe soll nun gar Kur- htffien zwar keinen Anspruch auf diese ganze und letzte Stimme, doch darauf erhoben haben, daß beide Hessen Eine Collektivstimme erhielten. Weimar und Frankfurt a. M. machten Einwendungen. Zwei That- lachen sind deutlich, unzweideutig, aber glücklicher Weise nicht „vollendet": Preußen wäre bei dieser Zusammensetzung der Centralbehörde wie geknebelt und — eine Mediatisation träte ein, zwar keine dualistisch-aufräumende, zwar eine die Mittelstaaten schvnende, jedoch keine geringere, als die bei dem Reichs-Deputations- Hauptschluß von 1803 beliebte, dessen revolutionäres Princip das deutsche Reich der Auflösung zugesührt hat." Die „Weser-Ztg." berichtet noch weiter: „Bekanntlich ist die erste -Commission mit der Organisation der obersten Bundesbehörde nicht fertig geworden und hat ihre Arbeiten eingestellt. Statt ihrer hat die zweite es versucht und ist eben so weit gekommen. Da die Bundes-Behörden nicht gegeben waren, so war die Competenz des iBundes und seiner Organe unmöglich festzustellen. Es fehlte an dem Subjekt, dem die bestimmten Functionen übertragen werden sollen, ja, es fehlte überhaupt für die Revision des Bundesrechtes
an jedem leitenden Gedanken, dessen Feststellung die unverzügliche Aufgabe einer Berfassungs- Commission hätte sein müssen; erst dann konnte von einem Eingehen auf das Detail der Bundes-Gesetzgebung die Rede sein. Die zweite Commission hat also ihre Sitzungen ebenfalls eingestellt, nachdem sie nichts weiter gemacht hat, als eine Zusammenstellung der auf die Competenz bezüglichen Paragraphen^ die im Bundesrecht zerstreut liegen, und ihre Scheidung je nach den Organen, denen eine Function angewiesen wird, dem Plenum oder dem engeren Rath, welcher letztere jetzt durch eine neue Erekutiv- Behörde ersetzt werden soll. Die dritte Commission für Handel und Gewerbe hat heute ihre erste Sitzung, in welcher die Bevollmächtigten Baierns und Sachsens umfangreiche Denkschriften vorlegen werden, die ihrem Inhalte uach wesentlich mit dem übereinstimmen, was die Vertreter jener beiden Staaten auf dem Zollvereins -Congreß in Kassel proponirt haben." Die „Freimüthige Sachsenzeitung", die von der sächsischen Regierung inspirirt wird, erkärt sich sehr eifrig für Tabaks-Monopol und alles, was das österreichische Projekt mit sich führt. Dagegen wird von Preußen ein sehr zâhrr Widerstand gegen den Versuch, den Zollverein zu sprengen, erwartet, wobei es von den Nordsee-Staaten theilweise unterstützt werden wird."
Der „Nat.Ztg." wird über Schwarzenbergs schlaue Benutzung des Stillstandes in der politischen Verhandlung geschrieben: „Die Zolleinigung mit Deutschland wird von Oesterreich mit mehr Energie und Kraft, und mit ernsterem Willen betrieben, als ich noch vor wenigen Tagen den Absichten Oesterreichs zugetraut. Preußen hat die Waffen, welche ihm seine politische Macht zu Gebote stellt, nicht mit der nöthigen Gewandtheit geführt, um seinen Gegner auf dem Boden der Diplomatie zur Anerkennung friuxr Macht zu zwingen. Nachdem die Munition der Diplomaten — die Munition — erfolglos versucht worden, wird man es jetzt versuchen, sich hinter volkswirthschaftlichen Schanzen zu verbarrikadiren und auf diese Weise den Gegner zu Zugeständnissen bei Regelung der politischen Machtfrage zu zwingen. Preußen wird jedoch bald die Erfahrung machen, daß auch diese Art der Vertheidigung nicht mehr sicher und daß dies> seine letzte Operationslinie schon theilweise umgangen und durchbrochen ist. Mit der Auflösung des Zollvereins hätte Oesterreich das Ziel noch nicht erreicht, welches es erstrebt. Es handelt sich jetzt nicht mehr darum, Baiern, Wür- tenberg und Sachsen vom Zollverein loszutrennen und einer österreichisch-süddeutschen Zoll-Union einzureihen. Damit wäre für Preußen die Möglichkeit gegeben, durch eine freihändlerische Handelspolitik, welcher der ganze Norden Deutschlands folgen würde, sich eine sichere Basis für die Ansprüche auf Dualismus zu schaffen. Hannover und die Regierungen anderer norddeutschen Klein-Staaten sind eben deshalb geneigter, den österreichischen Zolleinigungsvorschlägen Opfer zu brin
gen, bevor sie die selbstständige Herrschaft Preußens im Norden durch die Unterstützung der national - ökonomischen Operationen, zu welchen es sich jetzt entschließen könnte, anbahnen wollen. Oesterreich will sein und das ganze deutsche Gebiet zu Einem Zollgebiet zusammenschließen und sucht, wie bekannt, auch Italien und Dänemark dafür zu gewinnen. DerZoll- cougreß wird im Beginn Februärs wieder zusammentreten. Oesterreich schlägt vor, daß seine und die Bevollmächtigten des Steuervereins mit dein Zollkongreß in Detailverhandlungen treten sckllen. Für die meisten Produkte des Bodens und der landwirthschaftlichen Industrie soll die Zolleinigung nach dem österreichischen Vorschläge schon in kürzester Zeit oder sogleich hergestellt werden. Getreide, Wein, Vieh und eine andere Anzahl von Nahrungsmitteln sollen die Schranken des Steuervereins, des Zollvereins und Oesterreichs zollfrei, andere nur mit höchst geringen Abgaben passiren dürfen." — Die ganze Schutzzollpartei in Deutschland wird ohne Zweifil sich für Oesterreichs Vorschläge aussprechen, und somit Schwarzenberg seine Absicht: Hebung Oesterreichs durch Deutschland und Ausbeutung des „Reichs" zum Vortheil der Habsburgschen Politik worscheinlich vorläufig eireichen.
Mittags. Die neuesten Berichte der „Nat.-Ztg " aus Dresden heben den letzten Schleier von der Zukunft, die den deutschen Völkern durch die neue Wendung Oesterreich bereiten will. „Wenn", heißt es dort, „Oesterreich die Zolleinigung mit Deutschland durchsetzen will, so muß es $1 g'e.$ auch auf Garantien dringen, um die Wirkungen aufzuheben, welche der freie Verkehr auf die politische Entwickelung der j70 Millionen Menschen $len muß, die auf Einem Zollgebiet zu einem große» volkswirthschaftlichen Ganzen vereinigt würden. Die österreichischen Diplomaten haben Scharfsinn genug, um zu entdecken, daß die Zoll- einigung mit Deutschland auch eine revolutionäre Idee ist, und daß es unerläßlich sei, Mittel anzuwenden, um die Nachtheile zu beseitige», welche durch diese Form der Einheit dem absolutistischen System der Regierungen erwachsen würden. Die geuwä't gen Beschränkungen genügen der Reaktion noch nicht. Sie sieht nur darin die Möglichkeit, ihr Leben zu fristen, daß sie die Gewaltthätigkeit ihrer Maßregeln vo i Schritt zu Schritt steigert und damit endlich jedes öffentliche Leben vernichtet. Die Konsequenzen des russischen Einflusses in Deutschland treten in ganzer Schärfe in den Maßregeln hervor, welche Oesterreich gegen die Bildungsmittel des deutschen Volkes in Wirksamkeit setzen will, um „Zucht, Ordnung und Gehorsam" dauernd zurückzuführen. Von unterrichteten Personen gehen mir genaue Daten über die speziellen Anträge zu, welche von Oesterreich für die einheitliche polizeiliche Knechtung Deutschlands in Vorschlag kommen. Ich bin «och nicht in der Lage, Ihnen schon jetzt diese Mittheilungen ausführlich wiedergeben zu können, und muß mich nach den gemachten Andeutungen mit der
Schatten- und Lichtseiten.
Die englischen Journale stellen ihre NeujahrSbe- trachtungen an, zu denen sich Rückblicke auf die abgs- laufene erste Hälfte des Jahrhunderts gesellen. „Dailly News" — das einzige Londoner Tageblatt, welches bisher eine warme Theilnahme, für das Schicksal Deutschlands zeigte, und namentlich das gute Recht Schleswig-Holsteins gegen die Politik des Londoner Protokolls zu vertreten, den Muth hatte — sieht die Lage des Continents, und Deutschlands insbesondere, im düstersten Lichte. „Die europäischen Ereignisse und Ergebnisse des Jahrs 1850", sagt das Blatt, „werden ohne Zweifel mit größtem Jubel gefeiert in den Palästen despotischer Fürsten und ihrer retrograden Minister, sowie in den Klöstern der Mönche und den Hallen der Inquisition. Das absolutistische und das bigotte Prinzip in Politik und Religion hat überall triumphirt. Die Nationalrechte sind hinweggefegt worden; Konstitutionen aller Art, wenn auch noch so gemäßigt und fast, wie z. B. in Sicilien, so alt wie die Monarchie selbst, hat man zermalmt. Die^Bewe- gungen der letzten drei Jahre hatten die Hoffnung geweckt, daß mindestens da und dort in Europa sich Verfassungen ähnlich unserer englischen begründen würden, Verfassungen in denen alle Klassen ihres Rechts genießen, und bei denen die Throne eine weniger kost- Ipielige und tyrannische Stütze als die einer Million
Bajonnette finden.würden. Alle diese Hoffnungen sind verschwunden. Weit entfernt, daß noch mehr Länder sich von despotischen Zuständen zu verfassungsmäßigen Rechten erhoben, sind Länder die bereits solche Rechte gen offen, faktisch unter daS Joch des Absolutismus ;n- rückgeschleudert worden, und ein gigantisches System soldatischer Gewalt beherrscht nun das weite Europa vom Mittelmeer bis an den Belt und vom englischen Canal bis an das schwarze Meer. _ Nicht in das Jahr 1847, vielmehr in das Jahr 1800 ist Europa zurückgesunken. Um wenigstens ein halb Jahrhundert ist es rückwärts gegangen. Betrachtet Inan die beiden Perioden, so wird man große Aehnlichkeiten entdecken, in den waltenden Grundsätzen, in den sich bekämpfen- deu Interessen und in den das Uebergewicht übenden Mächten. Damals wie jetzt lastete ein großer militärischer Autokrat auf Europa, und diktirte ihm seine Gesetze. Jede freisinnige Institution, alle Freiheit im Denken und Handeln hatte er streng geächtet. Er pflanzte neue Monarchen und duldete oder patronisirte alte; eS waren aber nicht die Fürsten von Nationen zdenn er verabscheute diesen Begriff), sondern die Prä- fecten von Bezirken. Und diese Fürsten mußten despotisch regieren, bloS um sein großes Militärsystem zu unterstützen, und ohne einen Gedanken an Zufriedenstellung und Entwickelung der ihnen untergebenen Völker. Solcher Art waren die Regenten und Regierungen, welche Napoleon im Anfang des Jahr
hunderts über Deutschland setzt. — Ähnliches beabsichtigt jetzt Rußland gegen Deutschland, mit aller absolutistischen Anmaßung, aber ohne den militärischen Ruhm Napoleons. Wie Napoleon vor fast einem halben Jahrhundert der Versammlung von Königen in Erfurt prâsidirte, so spielte C;ar Nikolaus den Oberherrn in Warschau...." Hier folgt eine Einzelschilderung der deutschen Verhältnisse, in welche wir den „Daily News" nicht folgen wollen; sie betrachtet sie als geradezu hoffnungslos für die nächste Zeit. Wenn man jetzt, wo die Wiederherstellung des alten Frankfurter Bundestags so gut als gewiß sey, in Dresden von gewisser Seite auf eine Volksvertretung der deutschen Nation bei diesem Bundestag antrage, so sey das ein bloßes Gakeluspiel; denn daS der Natur der Sache nach Unmögliche könne man leicht versprechen oder beantragen. „Daily News" bemerkt sehr richtig, daß ein Nationalparlament nur in einem Einheitsstaat oder, in Ermangelung dessen, bei einem Bundesstaat möglich sey; neben einer vielheitlichen Erecutive aber, oder auch einer dualistischen, würde die sogenannte Volksvertretung nur ein Figurant mehr seyn, ein unbrauchbares Rad mehr an einer unbehülflicheu Maschine. Für jetzt ziehe sich die alte Germania wieder die Schlafmntze über die Ohren, aber eine Morgenstunde des Erwachens werde kommen!. „Times" und „Morning Chronicle" sehen sich die Weltlage nicht so düster an, und glauben daß Europa im Ganzen, trotz deS jetzigen momentanen Stillstandes oder Rückschrittes, doch in dem abgelaufenen