â KD. Wiesbaden. Samötag 11. Januar IS»!.
Die „Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. — Der Abonnementspreis beträgt vierteljährlich hier in Wiesbaden I fl. 45 kr., auswärts durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei der großen Verbreitung der „Freien Zeitung" stets von wirksamem Er- folge. — Die Jnserationsgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile 3 kr.
Die „gute" Presse.
X Es gibt Aeußerungen, welche eine schicksalsvolle Bedeutung haben. Dahin gehörte das kecke Wort einer unglücklichen Königin: „Wenn das Volk von Paris kein Brot hat, so mag es Kuchen essen!" Es ist noch nicht einmal ausgemacht, ob diese Aeußerung notorisch ist oder die Erfindung eines frivolen Witzboldes der damaligen französischen Camarilla; unzweifelhaft aber ist es, daß der Unwille der Pariser durch jenes bon mot so ^vergiftet wurde, wie er sich bei der bekannten furchtbaren Kathastrophe erwies.
In Völkerkrisen sollte daher ein konservativer Journalist sich lieber die Schreibfinger abbeißen, als solch ein Wort in das Volk schleudern, wie das „Bundcs- tagsorgan" die „O.-P.-A.-Ztg." in ihrer Dresdener Korrespondenz vom 6. Januar thut. Aber freilich, wenn die Presse der Contrerevolittion Takt hätte, so würde sie aus einer andern Tonart spielen, sie würdedie Pillen der Reaktion verzuckern, statt sie noch in die Galle des Hohns und der Herausforderung zu tauchen, und sie würde nie vergessen, daß das alte Wort: „Allzuscharf macht schartig!" ein wahres Wort ist. Diese Aeußerung, welche die „O.-P.-A.-Ztg." mit schaurigem Leichtsinn ins deutsche Volk schleudert, das wahrlich Ursache hat, traurig zu sein, diese Aeußerung steht als Pointe am Schluffe eines Artikels über den Hofball steht, zu,dem der größte Theil der an den Konferenzen theilnehmenden Diplomaten eingeladen war. Nachdem unter Anderem gesagt worden: „Bei Hof soll eine strengere Etiquette wieder kingeführt und namentlich die Prüfung über die Hoffähigkeit der zuznlassendcn Personen wieder sehr verschärft werden; man hatte in Jber letzten Zeit einige Milderungen hierin eintreten lassen, woher ès denn gekommen sein soll, daß auch besonders Fremde von nicht sehr hohem Range oder anerkannt gutem Adel dort Zutritt gefunden haben, was jetzt wieder wegfallen soll" — schließet der Bericht: „Ueberhaupt soll jetzt am Hofe eine überaus frohe Stimmung herrschen und eine hohe Person desselben sich noch kürzlich geäußert haben: „Die jetzigeZeit wäredieglück- lichste ihres Lebens!" — Blicket umher in Sachsen und Baden, in Kurheffen und Schleswig-Holstein, leset die Urtheile des Auslandes über die deutschen Zustände und ich frage, ob ein demokratisches Blatt nicht in den Verdacht käme, Unwillen' gegen hohe Personen erregen zu wollen, wenn es solche Aeußerungen zu solcher Zeit brächte? Aber es ist das Organ des Bundestages, das seine Spalten mit solchen Enthüllungen füllt. Die Contrerevolution hat wohl Ursache zu beten: „Herr bewahre mich vor meinen Freunden!" Die „O.-P.-A.-Z." , die „Dtsche. Ref.", die „N. Pr. Ztg.", die „Oeftr. Cor." kurz die Organe der Reaktion wären allein hinreichend, in ihrer Toll- wuth, Frivolität, Verhöhnung und Verblendung die Pläne derer zu vereitlen, denen sie so schicksalsvolle
Dienste leisten. Doch — wen Gott verderben will, den schlägt er mit Blindheit. Je größer der Terrorismus gegen die sogenannte „schlechte" Presse, desto un- genirter und radikaler wird die „gute" Presse das Volk über seine wahren Interessen aufklären.
Der Rechtszustand in Kurheffen.
* Die Zustände in Kurhessen sind zu wichtig für die deutsche Entwicklung; wir dürfen nicht müde werden, ihnen unser Nachdenken zuzuwenden. Was ist nach neuester Theorie Rechtens in deutschen Landen? Der Heilloseste Kommunismus! Wir fragen jeden, ob das kein Theilen ist, was die „Deutsche Reichsztg.", ein Gotha-Blatt, das lange für Peucker geschwärmt hat, aus Kassel meldet: „Man hat es höheren Orts für gut befunden, vier Grade von Menschenquälerei einzurichten und zu benamsen. — Der erste Grad heißt Einquartierung, welche Ehre ein Jeder genießt; der zweite Grad heißt Bequartie- rung. Diesen Vorzug genießen alle Solche, welche sich irgend einer Mißliebigkeit gegen die jetzt bestehende Ordnung schuldig gemacht haben; es ist das eine Strafe, die ;. B. alle Beamten, die. keine Stempel verwendet haben, Stände-Mitglieder, Ausschuß-Mitglieder, Sradt- räthe, Zeitungs-Redakteure, Polizeibeamte, Bürgermeister, Banquiers, die Gelder für die Offiziere angenommen haben, Bürger-Vereinsmitglieder und alle solche Personen trifft, deren Physiognomie z. E. unserm vormärzlichen, jetzt herrschenden Scheffer nicht gefällt. Die Bequartierungen, gehen von 10 bis 50 Mann. Der drijtte Grad heißt Erecution: das eigentliche Zwangs- oder Erpressungssystem, das nur bei renitent bleibenden Beamten, z. B. bei allen Stadträthen u. s. w. angewendet wird, um sie zu ihrer Pflicht zurück zu führen. Der vierte Grad endlich heißt Assistenz, die dann ansewandt wird, wenn Jemand sich über die ihm zugedachte Ehre der Bequartierung oder Ere- kution beklagt oder gar derselben sich wiedersetzt. Hat ein Solcher 20 Mann erhalten, so bekommt er als Strafe noch einmal 20 Mann Assistenz. Bei dem Hauptmann v. U.... war dieses z. B. der Fall; bei demselben meldeten sich 50 Mann Bequartierung; als er die Unmöglichkeit darstellte, so viel Mannschaften zu beherbergen, erhielt er zur Strafe für solche Kühnheit noch 50 Mannst — Die Erecutionsmannschaften erhalten außer guter Beköstigung per Mann täglich 4 Sgr, Unteroffiziere 8 Sgr., Offiziere 16 Sgr. von dem Beerekulirten. Dies sind so die allgemeinen Umrisse des Bildes. — Spione sind überall verbreitet, jedes Wort wird geahndet."
In einer Schilderung des „Schwäb. Merk." aus Kassel wird bestätigt, daß in Wilhelmsbad eine förmliche Proskriptionsliste von solchen Personen angefertigt wurde, „die sich durch ihr Benehmen missliebig gemacht oder auf irgend eine Weise durch Handlungen die höhere
Ungunst zugezogen haben." Das ist der Rechtskoder, nach welchem verfahren wird! Ferner lesen wir im „Schwb. Mrk.": „Da bei Weitem die Mehrzahl der betreffenden Personen, die Bequartirungen erhalten haben, hier zur Miethe wohnt und bei den theuern Mietpreisen in ihren Räumlichkeiten sehr beschränkt ist, so sind Viele genöthigt gewesen, das bei ihnen einquartirte fremde Militär in Gasthöfen unterzubringen, wo der Preis für jeden Mann einen schweren Gulden, 20 Silbergroschen , beträgt. Diejenigen hingegen, welche Mannschaft zur Erekution zu beherbergen haben, können nicht einmal von dieser Begünstigung, die Erekutionsmannschaft außerhalb ihren Wohnungen unterzubringen, Gebrauch machen, indem ihnen die Ausquartirung auf ihre Kosten nicht gestattet ist, sondern sie gezwungen sind, dieselbe bei sich zu behalten, mögen sie in dem Local ihrer Wohnung auch noch so sehr beschränkt seyn. Gar Manche wissen nicht einmal, weßhalb sie das Loos vorzugsweise betroffen bat, die Last einer Bequarti'riing zu tragen zu haben. Oester tritt auch in der jetzigen Zeit der Fall ein, daß Einer unter verschiedenen Titeln mit starker Einquar- tirung belästigt ist: so kenne ich einen Kaufmann, der 28 Mann hat, nämlich 8 als Hauseigenthümer, 10 als Mitglied des Stadtraths und noch obendrein 10 als Offizier der hiesigen Bürgergarde. Dem Staatsrath Eberhard, vormaligen Minister des Innern nach der Märzbewegung im Jahr 1848, sind 20 Mann Bequartirung zu Theil geworden. Der Professor Win- ckelblech, Lehrer der Chemie an der höhern Gewerbe schnle, hat 10 Mann, der Dr. Grafe , Direktor der Realschule, 20 Mann, der hiesige Oberbürgermeister Hartwig 35 Mann, der Dr. Pinhas , ehemaliger Redakteur der Kaffelschen allgemeinen Zeitung, 8 Mann?c. Mehrere Familien haben ihre Wohnungen verschlossen und Reisen unternommen, um der Einquartnung zu entgehen. — Die Redakteure der unterdrückten Renen hessischen Zeitung, Karl Oetker und Dr. Pfaff, die es ratsam gefunden haben, sich aus dem kurhessischen Gebiete zu entfernen, haben ihren Wohnort jetzt in Göttingen genommen. Die Redakteure der Hornisse, Heise und Dr. Kellner, haben sich über Göttingen und Hannover vorläufig nach Bremen begeben, um, wie es heißt, in Amerika ein neues Vaterland zu suchen."
Die „Kaff. Ztg." meldet : „Der Sattlermeister Heinrich Weißbrod von hier ist durch Erkenntniß des unteren permanenten Kriegsgerichts desBundeserekutions- korps in Kurheffen vom heutigen Tage wegen Bedrohung und Schmähung der Bundestruppen, verbotswidrigen Tragens von Waffen :c. zu einer sechswöchigen, die ersten und letzten 8 Tage abwechselnd bei Wasser und Brod zu verbüßenden Gefängnißstrafe verurteilt worden. Auf das dem rc. Weißbrod zustehende Rechtsmittel der Appellation hat derselbe verzichtet." Was hätte diese auch geholfen? — Seit dem 7. Jan. wurden die Waffen den Bürgergardisten, welche dieselben noch weigerten, mit Gendarmerie abgeholt; die Offiziere
Gottfried Kinkel!
Im Kerker wacht der Dichter »och, Und denkt dem Schicksal nach, Der Mond scheint durch das Gitterloch, Beleuchtet seine Schmach.
Mein Gott!, mein Gott!, wie du ja weißt. Hab' ich nichts Schlecht'« gethan, Zum Lichte strebte nur mein Geist, j Drum fesselt' man mich an.
O Herr! so lindre meine Pein, Und ende meine Noth;
Und kann ich hier nicht frei mehr sein, So sei eS durch den Tod." Und sein Gebet eS drang empor; Ein Freund War's treu und gut, Den Gott zur Rettung auSerkor, Ein junge« Heldenblut.
Und eS gelang die kühne That, Der Dichter spult nicht mehr, Siht nicht mehr an dem Marterrad, Sein Herz ist nicht mehr leer. Es nimmt ihn auf ein freies Land Die Qual ist nun vorbei, Und mit dem Freunde Hand in Hand 3st glücklich er und frei.
Wiesbaden. H. F.....
Des Republikaners Schwertfahrt.
Kartons von Ernst Haug, General der römischen Republik.
(Fortsetzung.)
$ Das die Weltanschauung Haugs; das zugleich die Auffassung Mazzini's von der Solidarität zwischen beiden Nationen. Die erste Hälfte der Kartons beschäftigt sie vorzugsweise mit Bildern aus Sardinien. In Genua stand Mazzini's Wiege. Die zweite Hälfte der Kartons gilt dem Triumvir speziell. Wir erhalten in malerischer Form eine Biographie des großen Tribunen, darin als Episode die Tragödie der Gebrüder Bandiera, des Seitenstückes zum Hecker'schen Zuge. Haug schreibt:
„Am Hafen von Korfu ging Attilio Bandiera ängstlich auf und nieder. Er schaute nach dem Süden, um den von Malta kommenden Dampfer zu erspähen. Er befand sich beim Lloyd-Postschiffe, das eben von Triest eingelaufen war und sich schon wieder zur Abfahrt anschickte. Heftige Schritte machten ihn auf einen Mann aufmerksam, welcher aus der Stadt herkam. Es war sein jüngerer Bruder Emilio. Als dieser ihn erkannte, rief er: Folge mir, und es eilten Beide nach dem menschenleeren untern Ende des Hafens. Dort blieb Attilio stehen und gab dem jüngeren Bruder zwei Briefe, welche die Post über Triest gebracht hatte. Der eine war von Giuseppe (Mazzini) aus
London, der andere von der Mutter der Brüder aus Venedig.
Der Erste lautete: „Bruder! Du drängst einem Unternehmen entgegen, welches scheitern muß, weil es verfrüht und verspätet ist. Italien ist zur großen einheitlichen Revolution noch nicht ganz vorbereitet und organistrt, daher jedes Unternehmen jetzt nur Opfer — Schlachtopfer auf dem Altar des Vaterlandes nie- verlegt, ohne Resultate zu erzielen. Die Insurrektion der Kalabresen ermangelt des inneren Halts, weil nicht die ganze Bevölkerung des Königreichs, ja nicht einmal der östlichen Provinzen daran Theil nimmt. Diese Bewegung würde vor dem Landen der Korfu- Erpedition schon unterdrückt, Dich und die Gefährten einem schweren Tode durch neapolitanische Henker ent» gegenführen. Habe Geduld und harre auf den großen Augenblick, welcher von den Alpen bis zum Etna das Fest der Auferstehung feiern wird. Die verlangten tausend Frauken hat Nicola in Malta , aber auch die Weisung, Alles zur Verhinderung der hochherzigen, doch unbedachten Erpevition anzuwendeu. Gott segne Italien! London. Dein Bruder Giuseppe."
Der Zweite lautete: „Mein geliebter Sohn! Noch einmal fleht das Her; der Mutter Emilio's und Attiiio's um Gnade. Willst Du mich zurückstoßen? Dein starrer Sinn muß erweichen vor meiner Liebe, Angst und Betrübniß. Willst Du den letzten Sohn einer Mittler tödten, sie kinderlos ohne Trost