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„âerheir und Recht!"
J^3 K. Wiesbaden. Freitag, 10. Januar 1851-
Die „Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. — Der Abonnementspreis beträgt vierteljährlich hier in Wiesbaden 1 fl. 45 kr., auswärts durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Verbreitung der „Freien Zeitung" stets von wirksamem Erfolge. — Die Jnserationsgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile 3 kr.
GLne Parallele.
X Die Deutschen sind zwar das genialste Kultur» Volk der neuen Zeit, das steht fest; aber reif für den Rechtsstaat sind sie noch lange nicht! Großer Gott, dazu gehört Zeit! Gut Ding will Weile haben! Immer gradatim! . . . Wie lange ist es denn her, daß Cook die Sandwichsinseln entdeckte? Siebenzig Jahrhunderte oder siebenzig Jahre? Es müssen wohl 70 Jahrhunderte sein, denn wir lesen ja doch in der Entdeckungsreise des großen Erdumseglers, daß die Insulaner bei ihrer Entdeckung noch Fetischanbeter und Menschenfresser waren. Dazumal hatten wir Deutsche schon längst Reformatoren wie Luther gehabt, wir hatten Dichter und Denker wie Kant und Fichte, Lessing, Herder, Göthe und Schiller, wir hatten längst das Pulver erfunden und die Buchdruckerkunst dazu; wir waren in den Lehren der Humanität wie in den Gesetzen der Logik Autorität. Von allen dem wußten die „Wilden" im großen Ocean nichts. Sie konnten weder lesen noch schreiben. Und nun? Deutschland hat eine stolze Volkserhebung gehabt, es hat seiner Volks- und Menschenrechte sich würdig gezeigt, es hat auch Schritt vor Schritt gehen und nur erst den Rechts» staat angebahnt wissen wollen. Doch was ist geschehen? Wir schreiben Anno 51 und in Dresden wird den deutschen Völkern zu, verstehen gegeben, sie seien nur erst zum Polizeistaate reif, nur einer Centralpolizei bedürften sie und was darüber sei vom Nebel.
Auf Howaii, der Hauptinsel des Sandwkchs- Archipels, stehen die Dinge anders. Dort erscheinen Zeitungen und man kennt keine Beschränkung der Preßfreiheit, weil das Recht der Gedankenäußerung dort für ein unverbrüchtiches Naturrecht gilt.
Aus den neuesten Nummern des „Polynesian" und der „Honnlulu-Times" erhalten wir folgendes Bild von den Staats- und Geschäftsverhältnissen auf Howaii: „Handel und Ackerbau nehmen mit jedem Tage zu, und die fremden Ansiedler, Engländer, Franzosen und Deutsche, erfreuen sich unter dem eingebornen, streng constitutionellen Könige, Kamehameha III., der von Nordamerika, Großbritannien und Frankreich anerkannt ist, jeglichen Schutzes. Am 6. Vept. wurde Hr. Judd, der als außerordentlicher Gesandtre Sr. bowaii'schen Majestät mit zwei königlichen Prinzen Nordamerika, Großbritanien und Frankreich besucht hatte, um Handels-Verbindungen mit diesen Staaten zu schließen, bei seiner Rückkehr von dem Könige und der Königin in Honolutu feierlichst empfangen. Der Schiffs-Verkehr in den beiden Haupthâfen der Insel Honolulu und Lahaina ist im verflossenen Jahre sehr lebhaft gewesen. In den letzten beiden Monaten haben in beiden Häfen einige sechszig Wallfisch-Jäger beigelegt, meist Amerikaner, deren Bente seit langen Jahren nicht so groß gewesen ist. Man berechnete den Inhalt der in Lahaina gelandeten Schiffe auf wenig
stens 111,000 Tonnen Walisisch-Thran und 11000 Tonnen Wallrath. Außerordentlich groß soll die Fischbein -Aernte gewesen sein. Die Zeit der Jagd dauerte 5 bis 11 Monate, und einzelne Schiffe machten über 3000 Tonnen Thran. — Auf den Inseln gedeihen vorzüglich Zucker Plantagen; meist von christlichen Arbeitern bestellt, werfen sie jetzt schon reine 50 Procent ab. Der König hat den meisten eingebornen Familien von seinen Domänen Ländereien geschenkt, deren Ertrag in den letzten Jahren nach Cali- fornien abgesetzt wurde. Die Stadt Honolulu hat Schiffswerfte, Waarenhänser, Marktplätze, Schulen, Gasthäuser und ein Theater erhalten, wo jede Woche ein paarmal vor einem zahlreichen Auditorium gespielt wird und jetzt das bekannte französische Drama „Don Cäsar de Bazan" Furore macht. In diesem Monat hat auch eine von San Franzisko kommende Kunst- reiter-Gesellschaft ihre Vorstellungen begonnen. Einzelne Plantagen sind in der letzten Zeit bis zu 30,000 Dollars bezahlt worden, uud noch urbar zu machendes Land mit 3 und 12 Dollars der Acker, welches letztere meist in Loosen von 50 Acker von Eingebornen gekauft wurde. Mit der Beendigung der Regenzeit wird eine direkte Dampfschifffahrt zwischen San Franzisko und Honolulu ins Leben treten. Es ist schon ein Dampfer zu diesem Zwecke bestimmt, dem gewiß bald mehrere folgen werden; denn gerade in einer möglichst raschen Verbindung mit Californien ist das fernere Gedeihen der Sandwich-Inseln bedingt."
So haben sich Kannibalen unter dem Schutze vernünftiger Gesetze in 70 Jahren entwickelt; so respek- tiren Wilde die Grundrechte eines nach Gesittung strebenden Volkes; — so antwortet der ? Zeitgeist auf die Sophismen deutscher Diplomaten. Alle Kultur, alle Civilisation ist Barbarei, so lange der Mensch das entbehrt, was ihn zum Menschen macht. Die Wilden, die Kannibalen des 19. Jahrhunderts, wo sind sie zu finden? Die Antwort überlassen wir Jedem, der seiner fünf Sinne mächtig ist!
Preußens Unterwerfung.
X Preußens Unterwerfung unter Oesterreich — ein Ausdruck, gegen den sich jüngst noch die offiziellen und ministeriellen preußischen Blätter mit Hand und Mund zur Wehre setzten — ist nicht nur ein fait accompli, sondern auch bereits ein offenes Geheimniß, das zu verbreiten die von Schwarzenberg inspirirten Blätter sich alle Mühe geben. Der Sieg der österreichischen Diplomatie, jubelt der „Lloyd", werde von noch weit bedeutungsschwereren Folgen sein, als die auf Italiens und Ungarns Schlachtfelder erkämpften. Die Großmacht Oesterreich werde an R h e i n und Weser wie an der Donau den Herrscherstab führen! Ist das deutlich? Der Dualismus war eine preußische Illusion, wie vie Union, das lag auf der
Hand; doch daß die Entwicklung diesmal so rasch erfolgt, könnte den überraschen, der die Gesetze des Verfalls nicht kennt, die sich in der Politik, wie in der äußern Natur geltend machen. — Aus einer Wiener Quelle, „welche verbietet, auch nur den leisesten Zweifel an der Echtheit und Verbürgtheit dieser Nachricht zu hegen," also wohl aus der Wiener Staatskanzlei selbst, meldet der „Schw. Merkur" ganz im Einklänge mit sonstigen Berichten, „daß Preußen, trotz seiner Bestrebungen, mit Oesterreich gleichgestellt zu werden, nur den zweiten Platz in Deutschland wird einnehmen können." Als Beweis hiefür beruft sich der Berichterstatter auf eine Vereinigung, die kurz vor der Abreise Schwarzenbergs von Dresden nach Berlin zwischen ihm und Manteuffel abgeschlossen wurde. In dieser Vereinbarung hat Preußen darauf verzichtet, den §. II der Bundesverfassung vom freien Uni- rungsrecht zu seinem Gunsten gedeutet zu sehen, während es auf der andern Seite aber doch zugleich zugegeben hat, daß Oesterreich mit seiner Gesammtlän- dermasse in den Bund tritt. Der „Schw. M." setzt hinzu: „Wenn man sich ins Gedächtniß zurückrufen will, mit welcher Entschiedenheit Preußen anfänglich bei seinem Anträge beharrte, nur dann seine Zustimmung zudem Eintritte Gesammt-Oesterreichs in den Bund geben zu wollen, wenn dieses dagegen wieder gestatten würde, daß der §.11 der Verfassung jene Ausdehnung zu erhalten habe, welche von Preußen beantragt worden ist, so muß man wohl unsere Behauptungen als gerechtfertigt anerkennen. Wie fest der Glaube Preußens an die Zustimmung Oesterreichs war, beweist der Umstand, daß dem Fürstenkollegium in einer der letzten Sitzungen noch versprochen wurde, in jedem Falle und unter allen Umständen Hd,i e se n Punkt ins Reine zu bringen."
WaS würde Manteuffel antworten, wenn er in den Kammern darüber zur Rede gestellt werden sollte? Wer diesen L>tand der Dinge kennt, wird es begreiflich finden, weshalb die Organe beider Kabinette eine so einschüchternde Sprache gegen die preußischen Kammern nnd den Konstitutionalismus führen: Schwar,en- berg kann unmöglich zugeben, daß Manteuffel in seiner Konzessionen durch „spitze Reden" irre gemacht wird. Erst wenn alle schönen Sachen, die jetzt im Gange, vollbrachte Thatsachen sind, wird Manteuffel nach seiner Weise erklären, daß es so sei, überzeugt, daß eS wohl etwas Lärm giebt, doch daß die Herren sich zuletzt dennoch fügen. Die Tagesordnung der zweite:« Kammer hat bereits bewiesen, daß er seine Leute kennt.
Deutschland.
* Wiesbaden, 9, Jan Der ministeriellen „Deutschen Ref." zufolge wird die Z o I l v e r e«ns k o n f e i e n; nach Beendigung der in Kassel erfolgten Vertagung hier in Wiesbadcu fortgesetzt werden. Die in der „Elberf. Ztg." gegebene Nachricht, daß Preußen der
Des Republikaners Schwertfahrt.
Kartons von Ernst Haug, General der römischen Republik.
(Fortsetzung.)
„Der unheilvolle Zwist zwischen Kaiser und Papst, der lächerliche Kampf um die Weltherrschaft in partibus, der endliche Sieg des theokratischen Monarchen von Rom haben die freie Entwickelung unserer Völker gehemmt. Italien producirte während der Frage, ob der römische Kaiser oder der römische Papst Herr des Landes sein soll, unabhängige Republiken, Deutschland unabhängige Monarchien, beide in Duodezausgaben. Es gab eine Zeit, in welcher Deutschland von mehr als tausend souveränen Fürsten mit väterlicher Regierung beglückt war. Aus jenen Tagen der Vielrepublik und der Vielmonarchie ist Euch San Marino — uns eine neunundzwanzigköpfige Hydra als Abhub verblieben.
„Der Herkules „Volk" hat sich sein Schwert an den Thronen gewetzt und schürt den Brand für den Rest, womit das Emporschicßen neuer Köpfe auö den einmal abgehauenen versengt werden soll. Das Tagewerk der Carbonari ist also noch nicht jzu Ende. Aus jenen Tagen sind unsern Völker«« aber auch die vielen Städte geblieben und diese haben seit 1848 her bewiesen, daß das Werk deutschen und italienischen Volksbewußtseins nicht ganz vertrocknet ist.
„Wenn wir die Karte von Europa vor Augen haben, finden wir einen spanischen, französischen, englischen, skandinavischen, slavischen, türkischen und griechischen Staat, doch vergebens suchen unsere verlangenden Blicke einen deutschen und italienischen Staat. Es ist nicht schwer die Ursache dafür zu finden. Zwischen dem Westen und dem Osten liegt die Landgruppe Deutschland-Italien als Mittelland. Ihm gehören die größten Binnenmeere von Europa, sie sind berufen diese im Nord und Süd zu beherrschen und doch werden jene bis zur Stunde von andern Nationei« dominirt, weil unsere vereinte Länderpruppe keine oceanische Lage hat, und ihre Binnenmacht durch Zerstücklung gebrochen ist.
„Kein Continent kann ein ebenbürtigeres Bruder- paar aufweisen als Italien-Deutschland. Italien wächst aus dein tropischen Süden hoch auf und trägt auf dein grün besprengten Stengel der Apenninen eine Blumenkrone, deren Blätter Alpen, deren Thautropfen glitzernde Gletscher sind. Deutschland baut über dies Wunderwerk der Natur den Münster seiner gotischen Ahnväter. Seine Barden singen von der duftigen Blume des Südens und vor« der Tapferkeit der eigenen Mannen in den Aue«« der Donau, des Rheins und am grünbe- stadeten germanischen Meere. Seine Denker verklären die mystische Weltivee und seine besten Söhne hole«« sich । aus Deinem Vaterlande das Deinantfeuer, welches in j ihren Augen blitzt, wenn sie malend die Wunder -
Venedigs, der ewigen Roma oder der hohen Schönheit des Weibes aus dem albanischen Gebirge ihrer Hei- inath erzählen. Die Sendlinge der Menschheit — den Dichter, Weltweisen nnd Künstler schickt Deutschland als Friedensboten dein Vaterlande der Dante, Gallilei und Buonarotti. Unsere Gesandte heißen Goethe, Humbold und Heinrich Arler *). Beim Thor! ein ebenbürtig Triumvirat, wie kein anderes Volk eS aufweist. Lehre Deinen« Volke die Deutschen kennen, dann wird jener pöbelhafte Ruf verstummen, welchen rasende Demagogen, die gewöhnlich tapfer, wenn sie weit vom Feind find, in Kaffeehäusern, statt am Schlacht- selbe, zum Kriegsgeschrei machten. Ich meine das bekannte: Morte ai tedeschi. Denn diese tedeschi beim Licht besehen, sind eigentlich lombardisch-venetia- nisch, kroatisch, gallizisch, czechisch, ruthenisch und ähnlich konskribirte österreichische Regimenter oder zusammen geklaubte romano-germano-magyaro-slavo-austromanischc Büreaukraten.— Tod den Vorurtheilen, sei«inser Kampfruf! Diesen laß uns den Handschuh hinwerfen im» sie bis auf den letzten Mann bekämpfen! —
„Verschmähe nicht die kleine Gabe, welche ich in die Urne der Erinnerung an Rom und seinen größten Triumvir niederlege. Dein treuherziger Ernst Haug. Am Sabandscha>See in Kleinasien, im März 1850."
•) Heinrich Arler von Gemünd war der Architekt des Domes von Mailand.
(Fortsetzung folgt.)