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Freiheit und Necht!"

7. Wiesbaden. Donnerstag, 9. Januar 1831.

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Das Gleichgewicht im Staate und die neue Maschine aus der Brühl'schen Fabrik in Dresden.

Die Kunst zu regieren ist leicht zu fassen, Der Druck erhält im Gleichgewicht die Welt; Drum drückt man drauf, um Ailes geh'» zu lassen, Sv, wie's dem Czar und Gott gefällt.

V Vom Thron und vom Katheder, wie aus wissen- schaftlichen Systemen ist klar und deutlich zu verneh. men, daß das Regieren eine große Last, welche gut­müthige, höher begabte Menschen nur darum auf die Schultern nehmen, damit schwächere Geschöpfe nicht von derselben erdrückt werden. Man denke sich nur die Tausende widerstrebender Bedürfnisse, welche alle befriedigt, das Meer von Kräften, welche alle in Thä­tigkeit und doch auch in ihren Bahnen erhalten wer­den müssen, damit sie sich nicht gegenseitig zerstören. Drum erfordere es eine starke Hand, welche die Zügel der Regierung zu halten vermag.

Indessen wurde von ungläubigen Geistern stets an obiger Wahrheit gezweifelt, ja es wurde sogar bezwei­felt, daß es überhaupt Regierungszügel gebe, sondern vlos Bajonette und Kanonen, Mittel zum Zerstören, keine zum Lenken unh Erhalten, keine zum Ernähren.

Triuinphirend über die Ungläubigen aber rufen jetzt die rechtgläubigen Blätter der gewaltigen Offen­barung:Jetzt haben wir's erfahren, welche Wohlthat eine absolute Regierungsweisheit ist!" Wie gräßlich es ohne solche Regierungsweisheit geht dociren alle Gutgesinnten" haben wir anno 48 gesehen, wo selbst die Filzhüte aus ihrer schönen Form wichen, vom Schmerz erweichten und voller Pestbeulen wurden.

Was haben die Sympathetiker von Gotha mit all ihrem Streichen und Blasen zu Stande gebracht? Nichts! Es fehlte an der Weisheit. Glaubte man nicht durch den Machtspruch der Sympathie die Fürstenmacht be­zaubert, bis diese, der Possen müde, sich erhob und die Zauberer entliefen? Drum bleibt das alte Sprüchwort wahr:Der Schuster bleibe bei seinem Leisten."

Wohl haben bisjetzt die Organe der Regenten auch noch nichts zu -Stande gebracht; aber das rührt blos daher, weil die Regierungsmaschiene zerstört, die Welt aus dem Gleichgewicht gerissen war. Doch jetzt wird in Dresden das Gleichgewicht wieder abgewogen, dann kostet es nur einen Ruck, und Alles ist im alten Gange.

Die Sympathieverständigeii hatten zwar nichts ver­dorben ; aber ihr Lärm hatte die unteren Schichten in Bewegung gesetzt, die bösen Geister geweckt, Und diese hatten das Gleichgewicht zerstört!!

Die Demokraten hatten fast die Heczen so weich, wie ihre Filzhüten gemacht; die Wühler hatten Alles gelockert, inan war daran, aus dem Zepter Turner­stöcke zu schnitzen, man wollte den Staat alles Sta­tes berauben und in eine Turnjacke oder in einen Bauernkittel denselben hüllen. Wahrhaft gräßliche so­ciale Verbesserungen wurden berathen!!

Ja, diese rothe Rotte hätte Ernst damit gemacht, denn das Heidenvolk glaubt weder von den sympathe­tischen Zauberbann von Gotha, noch an das göttliche Recht der Fürsten.

Da aber kam die Regierungsweisheit mit ihren Radikalmitteln, mit Standrecht, Pulver, Blei und Galgen und besänftigte den Sturm. Die Gesellschaft war gerettet!

Aber die Gefahr neuer Stürme ist noch nicht be­seitigt, weil das Gleichgewicht noch nicht völlig herge­stellt ist. Das Gleichgewicht ist die Allmacht und die Vorsehung in der Welt und im Staate.

Welche entsetzliche Last endloser Luftsäulen drückt von allen Seiten auf den Menschen! Welches Ge­wicht von Wasserwogen drückt von allen Seiten auf Fisch in Fluß und See!

Doch fühlen beide den Druck nicht. Das gütige Gleich­gewicht nimmt die Last ab, hält Luftsäule gegen Luft­säule, Wasserwoge gegen Wafferwoge, damit sie sich gegenseitig tragen und ihre Schwere aufheben!

So muß auch im Staate das Gleichgewicht wieder hergestellt werden, damit auch hier alle Last verschwin­det. Was stört bas Gleichgewicht der Luft, was ruft die Stürme hervor?

Die Ausdünstung, das Licht, die Wärme und die Ausdehnung, die Bewegung.

So gibt es auch Ausdünstungen im Staate, Aus­dünstungen unruhiger Geister, welche Ideen heißen, und welche sich zwischen die Volksschichten drängen, besonders die unteren Schichten erhellen und erwärmen, wodurch diese sich auszudehnen streben. Das Ausdehnen beunruhigt die oberen Schichten, jagt sie durcheinander und erzeugt den Sturm. Also muß die Ausdünstung und die Ausdehnung, ist zu sagen: die Presse nnd das Volksrecht zerstört werden, dann stellt sich das Gleich­gewicht wieder her, die Schichten bleiben in ihren Sphären, die oberen drücken auf ihre Unterlage, diese pflanzt den Druck auf ihre Unterlage verstärkt fort, diese auf die folgende, und so fort bis zur untersten Schichte. Natürlich wird der Druck nach unten im­mer größer, dadurch werden die unteren Schichten aber auch immer dichter, und dadurch im Stande, die oberen zu tragen!

Deßhalb haben sich die ächten Windmüller und Luftpresser versammelt, den Wind nach Oben zu pumpen, die Schichten neu zu lagern, und eine kräftige Druck­maschine oben aufzusetzen; dann wird der Wind das Pendel der Regierungsweisheit ins alte Ticktak bringen und unten wirb Ruhe herrschen.

Wer könnte ohne Gebiß das stolze Roß, wer ohne Ring in der Nase den wilden Stier oder den zottigen Bär regieren? Aber Gebiß im Maul und Ning in der Nase, kann man die Leitung einem Knaben ver­trauen.

Kommt noch ein geschickter Operateur durch Kastri- rung zu Hülfe, dann geht's umho besser. So ist es auch im Staate. Wollte man dem Volke die natürliche

Kraft und die Freiheit lassen, so würde ein Herkules kaum im Stande sein, die Regierung zu führen, das Kunstgebild, die Krone würde von der Last jedenfalls zerdrückt. Aber Gebiß und Ring angelegt, und Stränge von Gebiß zu Gebiß, von Ring zu Ring geknüpft, so zerrt sich von selbst die Masse ins Gleichgewicht und die ganze Negierungslast besteht in der Lust, dem Zerren zuzuschauen und zu achten, baß wever Strang, noch Ning oder Gebiß zerbricht. Kommt nun gar ein himm­lischer Operateur und verstümmelt nach alleinselig­machender Methode die Geister, so wird die Reibuna schwächer und alle Gefahr, daß eine Fessel breche, ist verschwunden, in der besten Ordnung geht die Schiebung ihren Gang, das Leichte schiebt sich zu oberst, das Schwere bleibt unten Alles, wie's die Ordnung und das göttliche Recht verlangen.

Statt unter der Regierungslast erdrückt zu werden, setzt man sich oben auf und achtet blos darauf, daß sich die Schichten so viel bewegen, um Wohlgerüche, Metallglanz und Metallklang nach Oben durchziehen zu lassen.

Von Dresden wird dieses neue Heil, über Deutsch­land kommen. Der Brühl'sche Pallast ist ein Denk­mal der Weisheit früherer Zeiten, Brühl regierte Sachsen und Polen auf eine Methode, die nicht weit hinter unserer Zeit zurücksteht, er übte Standrecht, ohne es zu erklären und lachte der dummen Verwünschungen des unwissenden Volkes, das nicht weiß, was ihm zum Heile gereicht.

Der Geist Brühls ist gewiß unsichtbar und viel­leicht auch sichtbar in der jetzigen Versammlung, weiht sie ein, wie ein solcher Geist weihet.

Die politische Frage der Zeit wird also gewiß so gelöst werden, wie es dem obersten Stellvertreter Got­tes auf Erden, dem Czar, und wie es dem zweiten, dem Papste, wie es Allen von Gottes und des Czars Gnade wohlgefällt!

Die sociale Frage aber bedarf keiner eigenen Lö­sung, sie löst sich von selbst, sobald die Ordnung her­gestellt ist. Dieses zu zeigen, bedürfen wir keiner Ver­gleichung, keines Bildes. Wie sich die soziale Frage von jeher gelöst, so wird sie sich auch künftig lösen. Jeder hintergeht den Anderen, der Klügste hintergeht Alle, und die dumme Ehrlichkeit, die das Hintergehen nicht versteht ist der Esel der Gesellschaft, der Disteln frißt, hungert, Säcke trägt und Prügel bekommt.

Drum ist Alles gethan, sobald die alte Ordnung hergestellt, der Staat ins Gleichgewicht gebracht ist:

Denn einzig nur d»S Gleichgewicht

Verhindert, daß der Van nicht bricht.

Der Staat nicht aus den Fugen weicht,

Macht das Regieren süß und leicht,

Macht, daß die scheinbar qrvße gut Just für den Alierfchwächfien paßt!

Indessen hat man Erempel, daß selbst der Druck des Gleichgewichts die unteren Schichten erhitzte, daß

Ein Neujahrslied.

* Die Volkspoesie regt sich wieder überall; das Volk lebt noch. Ein Lied, als wenn's zur Blüthezeit der Volkslieder entstanden wäre, so schlicht, naiv und herzhaft, hat der Schuhmacher Adam Brunner in Michelstadt gesungen und imLucifer" dem Volke mit­getheilt. Es steht manchem gepriesenen in desKnaben Wunderhorn" kaum nach. Der Hans Sachs von Michelstadt singt:

Wir schreiben ein und fünfzig nun,

Und find noch gar nicht frei.

Sv viel find gestorben, haben gekämpft,

Und man hat Alles niedergedämpft O, wie sie so sanft ruh'n.

Sie kämpften für das Vaterland

Mit ihrem eignen Blut.

Man hat fie gefangen, eingesperrt.

Erschossen und die Gräber verheert, Geziert von der Jungfrau',, Hand.

Doch kommt einst der entscheidend' Tag,

Wo bricht das Eis entzwei ,

Ja, da wird die Erde krachen

Und fie werden alle erwachen

Auf einen einzigen Schlag."

Des Republikaners Schwertfahrt.

Kartons von Ernst Haug, General der römischen

Republik.

* Unsere Zeit ist ärmer an neuen Büchern, als es die papiernen Jahre der Vergangenheit waren; aber sie ist desto reicher an guten Büchern, an Schriften, die Saft und Leben sind. Unter diese heilige Schaar gehört das unter obigem Titel in Bremen bei Schlodt- mann erschienene. Nur Kartons, keine sorglich aus­geführten Gemälde enthält es; aber in welcher Frische, mit welchem Feuer sind sie entworfen! Meisterstücke sind es zum Theil und vollkommen des hohen Gegen­standes würdig. Dieser Stoss heißt: Italien, und voran Italiens großer Tribun Mazzini. Ihm ist das Buch gewidmet. Freilich wird manchen Ordnungs­ritter und Pompier der Contrerevolution ein Grausen ob der vielen Ketzereien überfallen, die es enthält; doch vielleicht auch nicht einmal: sind wir doch Alle, gleich­viel welcher Partei, an starke, zermalmende Thaten ge­wöhnt, warum nicht auch an starke Worte? Wer sich fürchtet, der lege das Buch bei Seite; doch wer Ita­lien und die Italiener, ihre Patrioten und Tyrannen, ihre Engel und Teufel kennen und wer vor Allem lernen will, wie wahr Schillers Spruch sei:Ein Mann ist viel werth in solcher Zeit", der lese dies Buch. Wir wollen die Widmung, eine Stelle über eie }

Bandieras und Mazzinis berühmte Rede über diese Märtyrer mittheilen.

Haug schreibt an Guiseppe Mazzini:

Tri um vir! Du weißt es, wie ich jenes schöne Land im Süden liebe, unter dessen blauem golddurch­wirkten Baldachin Deine Kindheit ahnungsvolle Träume wiegte. Du weißt, wie brüderlich ich Deinen Schmerz mit leide um die unglückliche cui feo la sorte dote funesta di belln. Du weißt wie tief und innig ich der Brüder Trauer um ihre gemordete Mutter erfasse, und wer ist der freche Bube, der über die Thrä­nen des Sohnes am Grabe der Mutter lächeln könnte? Dir ist es nicht vergönnt auf ihrem Grabhügel zu knieen und auf so geweihter Erde Segnungen für die kindlich Fortlebenden zu beten. Das Eril hat deine Haare gebleicht und zwanzig Jahre Verbannung haben tiefe Furchen in Dein Herz gegraben. Doch männ­lich trägst Du die nicht verdiente Unbill einer unge- rechten Zeit und menschlich gibst Dn Deinen Zeit­genossen statt schwächlicher Klage Glaube, Hoff­nung , Liebe!

Die gemeine Gegenwart nennt Dich den gefärlich- sten Verschwörer, Dein eigen Land preist Dich den großen Agitator und nur Wenige wissen wer Du bist. Die künftigen Generationen aber werden, mich wieder­holend, von Dir sagen: Der Triumvir von Rom war der Edelmensch des 19. Jahrhunderts!

Verzeihe! ich sollte nicht Dich, sondern Jene errö-