„Freiheit und Recht!"
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Wiesbaden. Mittwoch, 8. Januar
1831
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J’avlseral.
X Frankreich bietet in diesem Augenblicke ein so klägliches Schauspiel politischer Schwäche, daß dieses ewige Drehen im Kreise, dieses Wälzen im Sumpfe der Gemeinheiten, dieses Großthun mit Kleinigkeiten, wohl geeignet ist, uns anzuekeln. Aber wäre es auch nur um der Hoffnungen, welche die Feinde der Volksfreiheit aus diese Zigeunerwirthschaft setzen, wir hätten schon Grund genug, unsere Aufmerksamkeit nicht abstumpfen zu lassen. Aber es sind noch ganz andere Interessen, die uns bewegen, den deutschen Politikern zuzurufen, daß sie nicht müde werden sollen, nach Frankreich hinüber zu blicken, um wahrzunehmen und zu lernen.
Wir sind nicht von denen, die alles Heil von Paris erwarten; im Gegentheil , wie die Welt jetzt steht, kann uns von den Frnnzosen schwerlich, wohl aber leichtlich jenen von uns geholfen werden, wenn der Zeiger der Geschichte eine neue Schöpfungsstunde bezeichnet.
„Tiefer als Deutschland kann kein Volk sinken und es sollte Frankreich erlösen? höre ich entgegnen. Deutschland ist zerrissen, Frankreich centralisirt und wir haben kein Paris!" Nein, dem Himmel sei Dank, denn wir haben mehr als das: wir gehen mit Riesenschritten einer Volksdurchbildung entgegen, welche die Vorzüge, die sich dem Menschen in solchen Brennpunkten erge- i>kn, nicht schmälert durch die davon unzertrennlichen Nachtheile.
Die Völkerfreiheit wird nickt mehr allein auf Barrikaden errungen. Der gewaltige Kampf, den Cävaignac ausfocht zum Vortheil der Ordnungspartei, ist der letzte dieser Art: die jetzige Generation bedarf der alten Taktik nicht mehr. Die reine Demokratieist eine Einseitigkeit, wie das Autokratenthum: beide sind streitbar, beide haben miteinander gestritten, bis der Sozialismus hinzutrat, der die Demokratie von ihrer Einseitigkeit erlöste und sie zunächst unterliegen ließ, um ihr eine Auferstehung zu bereiten, welche eine Verklärung ist und mit der die neue Aera der Welt beginnt.
Frankreich hat seit dem Tage, wo Cavaignac die Demokratie niederschlug, Rüsttag gehalten. Es galt, die alte Ordnung der Dinge, nachdem sie geistig gerichtet war, ruhig vermodern zu lassen, es galt, die alte Ordnung durch das jämmerliche und freche Treiben der Ordnungspartei selbst in ihrem wahren Charakter sich entfalten zu sehen: als das Gegentheil einer gesunden Organisation, als Desorganisation und Ohn- macht, als die Anarchie. Ist dieser Fäulungszustand erfolgt? Wir meinen ja! Ganz Europa hat Kopfweh von den Miasmen, die diesem Verwesungsprozeß entsteigen. So mußte es kommen: die vorsündfluthlichen Interessen und Stände mußten sich selbst auflösen, das Retz des Materialismus, in das die Nation eingespon
nen war, mußte verrotten, damit die Fluren für die Saaten der neuen Weltordnung gedüngt würden.
Die Feinde der Freiheit wähnen, ganz Frankreich sei Leiche, die Thoren, welche nicht erkennen, daß das französische Volk wunderbar im Genesungsprozesse begriffen ist! Als die Februarrevolution die Welt überraschte, lagen zwei Wege vor der Nation: entweder den Knoten der alten Gesellschaft zu zerhauen nach der Weise der ersten französischtn Revolution, die eine demokratische war, oder ihn langsam zu lösen auf sozialem Wege. Jene erste Methode, die allopatische, hätte zur Forderung von Millionen Köpfen â la Ro- bespierere, zu einem Propagandekriege und zu einer muhamedanischen Verbreitung der Republik durch Feuer und Schwert geführt. Diese Methode hatte ihre Zeit gehabt; sie hatte in der ersten Revolution zum Militärdespotismus geführt, so daß die Weltsich gezwungen sah, von vorn wieder anzufangen. Die demokraschen Elemente wollten diesen Weg wieder ein- schlagen, doch der Weltgeist sprach das souveräne Wort: „J’aviserai!“ (Ich will sehen!) Und ein neues Element ward mächtig zum Durchbruch befördert: der Socialismus erhob sich, um der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit 'die Völkersolidarität hinzuzufügen, doch nicht die Solidarität als Propagandakrieg, als Territorialeroberung, als Terrorismus, sondern als Evangelium der Herzenserhebung, der Geisteseroberung und des Zwanges durch die Regeln der gesunden Vernunft.
Es steht jetzt fest, daß die Oligarchie, denn das ist Frankreichs jetzige Negierungsform, nichts als ein schamloser Kommunismus der Privllegirten ist; es steht jetzt fest, daß dieses Ertrem zum Entgegengesetzten, zum Kommunismus des Lumpenproletariats führt; es steht daher gleichfalls fest, daß die ungeheure Mehrzahl der Besitzenden, der Aufgeklärten und Rechtlichen weder jenes noch dieses zum Staats- und Gesellschaftsruin führende Ertrem wollen kaun, noch um seine rma- teriellen und intellektuellen Interessen willen dulden darf; es steht also fest, daß der soziale Staat allein retten kann und daß folglich zu ihm allein die Nation greifen wird und muß, sobald eine Krisis erfolgt.
Diese Entscheidung zu vermeiden, fühlt die Ord- nungspartei sich nicht mehr stark genug. Sie möglichst weit hinauszuschieben, ist Alles, was sie noch erstrebt. Wie gemacht zu einem solchen Jnterimsmanne war Lonis Bonaparte. Ein Stück Sozialist, ein Stück Demokrat, ein Stück Bourgeois und ein Stück Lumpenproletarier, ein Stück Weiser und ein Stück Narr, kurz ein Konglomerat von allen in Frankreich gâhren- den Elementen, vereinigte er in seiner Wahl dieser aller Stimmen. Und treu seinem Charakter, der ganz der des Zeitpunktes ist, hat er bisher regiert und wird er weiter regieren bis der Zwischenakt vorüber ist und auf der Bühne der moderne Staat in seiner Reinheit und Majestät erscheint. Dahin Frankreichs Nation zu bringen, kann Deutschland sehr viel bei
tragen, und trägt es bei. Mit richtigem Instinkt blicken die Franzosen wie nie zuvor zu uns herüber: sie studiren uns, weil sie in uns sich besser erkennen.
Von diesseit des Rheines komint ihnen die Erlösung: blutig, wenn die Contrerevolution zum Kaiserschnitte zwingt; unblutig, doch allgewaltig, wenn ihnen Zeit gelassen wird, den Entwicklungsprozeß Schritt vor Schritt durchzumachen mit uns und allen Völkern, die eine Zukunft haben. Louis Bonaparte lallte am Sylvesterabend von der neuen Aera: sollte sie wirklich schon so nahe sein? Frankreich ist das Land der unvorhergesehen Ereignisse! Die Kabinetskrisis, in der jetzt Frankreich steht, bedeutet indeß nur, daß die Weltuhr um eine Viertelstunde weitergerückt ist; sie bedeutet jedoch keinen Systemwechsel. Die Nation ist gegen die Personen, die jetzt jene Politik führen, die nicht die des Volkes ist, höchst gleichgültig; das Land ist still, doch Frankreich ist nicht todt, es schläft nicht, es ruht auch nicht: es arbeitete an seiner Freiheit nie energischer als jetzt, wo es still und in sich gekehrt den Offenbarungen seines Genius lauscht.
Die Dresdener Konferenzen.
* Das „Dresdener Journal" hat die Ehre gehabt, die. Rede des Fürsten Schwarzenberg bringen zu dürfen, die dieser bei der Gratulationscour am Neujahrstage im Dresdener Schlosse hielt, wie auch des Sachsenkönigs Antwort. Beide Reden sind ohne alle politische Bedeutung. Bemerkenswerth dagegen ist die Sache selbst; denn ist sie wiederum eine Demonstration Oesterreichs als Hegemoniestaates. Die „Nat.-Ztg." bringt in Folgendem eine vollkommene Bestätigung unserer gestrigen Andeutungen über den Stand der Dinge:
„Dresden, 2. Januar. Oesterreich präsibirt den Konferenzen thatsächlich. Wenn man auch für den Vorsitz in den einzelnen Sitzungen durch die Bestimmung, daß die Kommissionsprâsidenten bei Verhandlung der in ihrem Reisort einschlagenden Angelegenheiten jedesmal das Präsidium der Konferenz übernehmen sollen, der Entscheidung über diese Frage auS dem Wege gegangen ist, so findet Oesterreich doch oft genug Gelegenheit, seine Stellung als oberstes Glied und Vorstand des deutschen Bundes geltend zu machen. — Fürst Schwarzenberg bestimmte bis jetzt jedesmal die Sitzungen und richtete die Einladungen an die Bevollmächtigten. Gestern, am Neujahrstage, erfolgte eine Demonstration, welche noch eklatanter zeigt, daß Oesterreich unangefochten an der Spitze der Ministerial- Konferenz stehe.
„Fürst Schwarzenberg erschien, begleitet von sämmtlichen hier anwesenden Konferenzbevollmächttgten , bei der gestrigen Gratulationscour, um dem Könige im Namen der hohen verbündeten Regierungen, wie im eigenen Namen Glückwünsche auSznsprechen. Der KS-
Herr von der Pfordten.
(Fortsetzung,)
„Gesetzliche Ordnung der kirchlichen Verhältnisse im Geiste der Duldung und Parität. Antrag auf Revision des Vereinszolltarifes. Kräftige Mitwirkung zu zeitgemäßer Gestaltung des deutschen Bunde mit Vertretung des Volkes bei demselben. Se. Königliche Majestät haben diesen Maßregeln und Grundsätzen Ihre Zustimmung zu ertheilen geruht. Gemäß ihnen wird das Erforderliche eingeleitet werden. Das Sächsische Volk wird die hohe Bedeutung dieser Königlichen Entschließung würdigen und dies durch Erhaltung der Ruhe und Ordnung im Lande bethätigen." Am 7/ ^uni 1849 hielt Hr. v. d. Pfordten bei der Berathung in der ersten sächsischen Kammer wegen Verstärkung und erweiterter Bestimmung der Kommunal- garde folgende Rede: „Ich glaube, man wird dem Widerwillen, wenn er in manchen Gegenden vorhanden sein sollte, außer durch feste Handhabung der Gesetze auch durch moralische Mittel entgegenwirken können und müssen. Es wird nothwendig werden, daß die Obrigkeiten, die gebildeten Einwohner jedes Dorfes, die großen Gutsbesitzer in demselben darauf hinweisen, daß es eine nothwendige Folge der größern Freiheit im Staatsleben ist, daß an jeden Einzelnen größere Anforderungen gemacht werden. Man kann die Sorge
für das öffentliche Wohl der Regierung und den Be- : amten ausschließlich in die Hand legen. Dann wird ; man sich aber gefallen lassen müssen, daß sie Alles - von oben herunter einrichten, befehlen, regieren. Ein ! solches System will man in der jetzigen Zeit nicht, und verlangt einen größern Spielraum, eine freiere selbstthätige Mitwirkung der Gemeinden und Einzelnen an den inneren und öffentlichen Angelegenheiten. Daraus folgt, daß auch jedem Einzelnen die Pflicht auf. erlegt ist, sich zu betheiligen. Es ist nicht nur eine Pflicht, Kommunalgardist zu sein, es ist ein großes Recht. Es ist ein Recht der Freiheit, wovon ein Stück in die Hand der Staatsangehörigen gelegt ist. DK Kommunalgarde ist nicht nur berufen, gegen innere und äußere Feiiwe zu kämpfen und Ordnung und Frieden in diesem Sinne zu erhalten, sondern sie ist auch berufen zur Wächterin der politischen Freiheit, der wir Alle mit freudigem Erwarten entgegensehen." Ob Herr von der Pfordten auch wohl heute noch der politischen Freiheit mit freudigem Erwarten entgegensieht?! — In der Beantwortung einer Anfrage in der zweiten sächsischen Kammer am 10. August 1848, die Entsendung eines Trup- penkorps nach Schleswig-Holstein betreffend, spricht sich Herr v. d. Pfordten dahin aus, daß seine Regierung stets bereit ist, die Centralgewalt gegen jeden ' Feind der Ehre und Rechte des deutschen Volkes zu
unterstützen. Es haben sich unterdessen die Feinde der Ehre und Rechte des deutschen Volkes wie Sand am Meere vermehrt. — Herr v. d. Pfordten aber geht mit Hassenpflug und dem Bundestag.
In einer andern Beantwortung seiner Interpellation des Abgeorbiieten T sch i r n e r, sagt Herr v. d. Pfordten, daß seine Regierung bei jeder Wendung, die etwa die Ausbildung der deutschen Verfassung nehmen wird, die nothwendige Einigung des deutschen Volkes voranstellen wird. — In folgendem Passus, der der Erklärung PfordtenS in Bezug auf ein Vertrauensvotum an die Staacsregierung in der zweiten sächsischen Kammer, am l 2 Sept. 1848 entnommen, glaubt man wirklich den Präsidenten eines demokratischen Vereins sprechen zu hören: „Es kann in der jetzigen Zeit kein Ministerium bestehen, dem das Vertrauen desVol- kesfehlt. Als die Organe, welche über dieses Vertrauen oder sein Gegentheil sich aussprechen, hat jedes Ministerium zwar nicht ausschließlich, aber zunächst die gesetzlichen Vertreter des Landes zu betrachten. Nicht ausschließ- sich, denn hinter ihnen steht die öffentliche Meinung des Volkes selbst, die sich kundgibt in der Presse, hi den Vereinen und Versammlungen, welche der jetzige Rechtszustand freigegeben hat, damit die Regierung in jedem Augenblick erkennen möge, auf welchem Boden sie steht, oder ob der Boden unter ihren Füßen wankt oder gewichen ist." Herr v. d. Pfordten scheint mit vieler öffentlichen Meinung deS Volkes längst gebrochen